Kampf im U-Bahn-Tunnel statt Staatsgast-Empfang: Das Wachbataillon übt den Krieg

Das Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung kennt jeder Fernsehzuschauer – von seinen Auftritten für die militärischen Ehren eines jeden Staatsgastes in Berlin. Im Kriegs- und Krisenfall soll das größte Bataillon der Bundeswehr die Einrichtungen der Bundesregierung schützen. Und inzwischen wird das auch geübt. Mitten in Berlin.

Mit seiner Übung Bollwerk Bärlin III hat das Bataillon offenkundig einen Nerv getroffen. Bereits zuvor war das Interesse – aber auch die Kritik – an einer Übung der Bundeswehr mitten in der Hauptstadt nicht zu übersehen. Das mag damit zusammenhängen, dass die Vorläuferübungen Bollwerk Bärlin I und II vor den Toren der Großstadt und damit weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfanden. Vor allem aber: Bewaffnete Soldaten agierten nicht in dicht bewohnten Stadtteilen Berlins.

In dieser Woche aber war die Truppe nicht zu übersehen. Unter den realistischen Bedingungen der Großstadt, so erklärte die Bundeswehr in einem eigens gedruckten Flyer, würden Soldaten und Soldatinnen bewusst im öffentlichen Raum üben. Die ausdrücklichen Hinweise auf Scharfschützen am Berliner U-Bahnhof Jungfernheide hatten natürlich auch damit zu tun, dass die Streitkräfte um jeden Preis ein erneutes Desaster wie vor wenigen Wochen im bayerischen Erding vermeiden wollten. Anwohner sollten nicht im Glauben, es seien schwer bewaffnete Banden unterwegs, die Polizei rufen.

Von den Übungen bekamen die Anwohner vor allem die äußere Absicherung durch die erwähnten Scharfschützen und Absperrungen der Feldjäger mit, von den eigentlichen Abläufen allerdings vergleichsweise wenig. Denn außer im – ohnehin abgesperrten – Übungs-Stadtteil der Berliner Polizei in Ruhleben und einem ehemaligen Chemiewerk in Rüdersdorf außerhalb der Stadt fand ein wesentlicher Teil unter Tage statt: Im Übungstunnel der Berliner Verkehrsbetriebe, die am U-Bahnhof Jungfernheide einen stillgelegten Tunnel zur Übungsanlage ausgebaut hatten – vor allem für die Feuerwehr, die dort Brandbekämpfung unter den erschwerten Bedingungen einer unterirdischen Anlage  trainieren kann.

Diesen Übungstunnel gibt es seit 2003 – und dass die Bundeswehr ihn in dieser Woche erstmals dafür benutzte, den Kampf in einem U-Bahn-Schacht zu trainieren, spricht für sich: Der Kampf in der Hauptstadt, die Bedingungen eines Krieges in Berlin zu üben, das war bis vor nicht langer Zeit offiziell kein Thema. Und vorsorglich umreißt das Wachbataillon für Bollwerk Berlin auch den rechtlichen Rahmen: Die Übung findet unter der Prämisse statt, dass der Bundestag den Spannungs- oder den Verteidigungsfall erklärt hat. Die Debatte über einen Bundeswehreinsatz im Inneren in Friedenszeiten, soll das heißen, hat mit diesem Training nichts zu tun.

Auch ohne Einschränkungen für die Truppe ist das Szenario für die Soldaten und Soldatinnen der 2. und 3. Kompanie des Wachbataillons fordernd genug: Ein U-Bahn-Zug mit zahlreichen Soldaten an Bord wurde vor einem U-Bahnhof mit Gewalt gestoppt. Die Täter, nach Bundeswehr-Einschätzung Irreguläre Kräfte, halten sich noch im Tunnel auf. Truppweise dringen die Soldaten in den Tunnel ein, finden Verwundete im Zug vor – und müssen sich eines gegnerischen Angriffs erwehren.

Die Herausforderung dabei, sagt Oberstleutnant Maik Teichgräber, der Bataillonskommandeur, sei eben die Infrastruktur als Kampfgebiet. Genau darauf müsse sich das Wachbataillon aber einstellen, denn unser Einsatzraum ist Berlin. Allerdings, auch das fügt der Kommandeur hinzu: Der Auftrag des Verbandes sei keineswegs, Berlin zu schützen – sondern die Bundesregierung.

Die Aussagen von (und Fragen an) Teichgräber zum Nachhören:

20251119 WachBtl Teichgraeber edit     

 

Nachtrag: Eine Fotogalerie hier:
https://flic.kr/s/aHBqjCBxw2

(Fotos aus dem U-Bahnhof Jungfernheide in Berlin mit dem Übungstunnel der BVG vom 19. November 2025)