Härter als #Landesverrat: Journalisten als ‚illegale Kämpfer‘?

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Mit einem Leitartikel in der New York Times (immerhin vom Editorial Board und nicht von einem einzelnen Kommentator) ist am (heutigen) Montag in der US-Medienlandschaft ein Thema hochgekommen, das seit Juni bekannt war, bislang nur ein paar Fachleute interessierte, aber in den nächsten Tagen vermutlich auch in Ihrer Tageszeitung steht: Mit der Veröffentlichung seines neuen Law of War Manual (Handbuch zum Kriegsvölkerrecht ist die hoffentlich korrekte Übersetzung) hat das US-Verteidigungsministerium für den Umgang mit Medien eine neue, wenig erfreuliche Perspektive eingebracht: Journalisten, heißt es dort, könnten auch als unprivilegierte Kriegsteilnehmer (unprivileged belligerents) angesehen werden – ein Begriff, der die bisherigen unlawful combatants (illegale Kämpfer) ablöst und bislang Teilnehmer an Auseinandersetzungen bezeichnete, die nicht regulären Streitkräften angehören, wie zum Beispiel die Aufständischen in Afghanistan. Und Ihnen deutlich weniger Rechte einräumt.

Was nun einen Journalisten zum illegalen Kämpfer macht, ist nicht so recht definiert. Und das trägt zur Besorgnis der Redaktionsführung der New York Times bei:

The Defense Department earlier this summer released a comprehensive manual outlining its interpretation of the law of war. The 1,176-page document, the first of its kind, includes guidelines on the treatment of journalists covering armed conflicts that would make their work more dangerous, cumbersome and subject to censorship. Those should be repealed immediately. weiterlesen

Geschichten aus Afghanistan

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Die Zahl deutscher Journalistinnen und Journalisten, die ständig in Afghanistan leben und von dort berichten, ist, nun, extrem überschaubar (insbesondere verglichen mit der Zahl der Reporter aus den USA und Großbritannien). Deshalb ist es um so bedauerlicher, dass Ronja von Wurmb-Seibel, eine frühere Zeit-Redakteurin, in diesem Blatt zwar bis vor kurzem schrieb – aber: Meine Kolumne aus Kabul erschien sechs Monate lang wöchentlich in der ZEIT. Nach dem Tod von drei Journalisten in Afghanistan wurde sie eingestellt, teilt die Autorin lapidar auf ihrer Webseite mit.

Das hindert Wurmb-Seibel aber nicht daran, ihre Geschichten mit dem scharfen Blick auf den afghanischen Alltag weiter zu erzählen. Auf eigene Rechnung, auf ihrer eigenen Plattform. Und mit dem Wunsch, dass den Lesern diese Geschichten auch etwas Wert sind – denn einen zahlenden Kunden für ihre regelmäßige Kolumne hat sie nicht mehr:

Ich lebe in Kabul und möchte die Geschichten weiterhin schreiben. Ab jetzt finden Sie hier jede Woche, freitags, eine neue Ausgabe meiner Kolumne – für je einen Euro. weiterlesen

Kriegsbilder: Geprägt von Vietnam

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Aus heutigen Kriegen und Konflikten sind Bilder allgegenwärtig – vor allem, weil neben die Fotos professioneller Berichterstatter die Aufnahmen treten, die inzwischen fast jeder – dank Kamera-Handy – machen und – dank Internet – sofort verbreiten kann. Das Lens Blog der New York Times weist auf ein Buch der Kollegen von Associated Press hin, das an eine Zeit erinnert, in der  eine neue Art von (professionellen) Konfliktphotos aufkam: Der Vietnam-Krieg, aus dem die Öffentlichkeit  erstmals in großer Zahl Bilder von Journalisten zu sehen bekam, die nicht von den kriegsführenden Parteien erstellt oder auch nur zensiert waren. (Dass die Fotografen geprägt waren von ihrem kulturellen Hintergrund und auch nur mit den Truppen der USA und Südvietnams unterwegs waren, ist eine etwas andere Frage, die daran aber wenig ändert.)

Die Fotos aus den 1960-er Jahren haben zumindest die Wahrnehmung meiner Generation geprägt – und einige, die im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben sind, gibt es hier zu sehen:

Vietnam War Photos That Made a Difference

(Interessant übrigens, aus heutiger Sicht, dass der damalige AP-Fotochef in Vietnam, Horst Faas, bei seinen schreibenden Kollegen durchsetzte, dass auch sie immer eine Kamera dabei hatten – um auf jeden Moment vorbereitet zu sein.) weiterlesen

Reden wir mal über Journalismus im Internet

Ein bisschen OT, hat aber viel mit meiner Arbeit zu tun: Jonathan Schnitt, der TV-Reporter, der auch mit Foxtrott 4 in Afghanistan unterwegs war, hat ein paar Journalisten interviewt, die vor allem in diesem Internet aktiv sind. Tilo Jung kennen die meisten hier von den Jung&Naiv-Folgen, außerdem kamen neben Tilo und mir Carolin Neumann, Martin Giesler und Daniel Bröckerhoff zu Wort.

Fünf Journalisten/innen über ihre Arbeit im Internet from Jonathan Schnitt on Vimeo.

Veröffentlichung von VS-NfD-Papieren: Verteidigungsministerium klagt wegen Urheberrecht

Im April hatte es sich schon abgezeichnet: Nachdem die Recherche-Redaktion der WAZ einen ganzen Schwung von Unterrichtungen des Parlaments zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr veröffentlicht hatte, geht das Verteidigungsministerium juristisch dagegen vor. Diese Unterlagen sind ja auch als Verschlusssache – Nur für den Dienstgebrauch eingestuft. Aber deswegen klagt das Ministerium gar nicht, zumindest nicht offiziell. Sondern, da muss man erst mal drauf kommen: Wegen Verletzung des Urheberrechts.

Inzwischen liegt die Klage wohl vor, wie die Kollegen heute berichten:

Das Bundesverteidigungsministerium klagt gegen die Funke-Mediengruppe wegen der Veröffentlichung der Afghanistan-Papiere vor dem Landgericht Köln. Die Klage wurde am 4. Juli im Auftrag von Verteidigungsminister Thomas de Maizière eingereicht. Wir haben die entsprechenden Schriftstücke in der vergangenen Woche vom Gericht zugestellt bekommen. Nach Prüfung der Klage haben wir uns entschlossen, uns weiter zu wehren.(…)
Mit Bezug auf das Urheberrecht will das Ministerium nun die Unterlagen, die ihre Märchen entlarven, aus dem Internet löschen lassen. Wir werden dem nicht nachkommen und setzen uns gegen den juristischen Angriff des Verteidigungsministeriums zur Wehr.

Da bin ich gespannt. Vor allem wegen der kreativen Rechtsnutzung der Ministerialbeamten. Und wenn das Gericht, wie manchmal bei Prozessen ums Urheberrecht, einen Vergleich vorschlägt? Dass nämlich der als Urheberrechtsverletzer beklagte Schadenersatz zahlt, ans Verteidigungsministerium? Ist der Fall dann damit erledigt? Ist ja ein reines Zivilverfahren, so ein Urheberrechtsstreit.

(Grafik: Screenshot des Headers der WAZ-Webseite ‚Die Afghanistan-Papiere‘ unter Verwendung eines Fotos von Timo Vogt/randbild)

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