Materiallage der Bundeswehr: Scheint sich nicht gebessert zu haben

Die regelmäßigen Berichte zur Einsatzbereitschaft der Hauptwaffensysteme der Bundeswehr sind zwar inzwischen Geheimsache, klar scheint aber: so richtig gebessert hat sich nichts. Die jetzt bekannt gewordenen Zahlen für den nächsten Bericht zum Jahresende deuten erneut auf einen Mängelbericht hin, und weiterhin sind fliegende Systeme, da vor allem die Hubschrauber, das Hauptproblem der Truppe.

Den letzten Bericht zur Materiallage der großen Waffensysteme hatte das Verteidigungsministerium im März dieses Jahres vorgelegt – und die damalige Ministerin Ursula von der Leyen hatte etwas überraschend und im Gegensatz zu den Berichten der Vorjahre entschieden, dass alle konkreten Zahlen als geheim eingestuft wurden. Damit waren die Klarstände nicht nur der öffentlichen Kenntnis, sondern vor allem auch der öffentlichen Debatte entzogen.

Für den neuen Bericht zeichnet sich unter der neuen Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer ein ähnliches Vorgehen ab. Die konkreten Zahlen zu Klarständen der einzelnen Systeme sollen wohl auch weiterhin geheim bleiben. Bevor allerdings der Bericht mit dieser Einstufung vom Ministerium an das Parlament gegeben werden konnte, hat der Kollege Mathias Gebauer vom Spiegel schon mal einen Blick ins Zahlenwerk werfen können: Ausfälle bei Hubschraubern, Kampfjets und Panzern – Sanierungsfall Bundeswehr

Interessanterweise tauchen in dem Spiegel-Bericht vom (heutigen) Montag nur Systeme von Heer und Luftwaffe auf – warum auch immer, vielleicht fehlte die Zulieferung zum Beispiel der Marine ja noch. Aber schon die genannten Systeme haben es in sich – insbesondere, wenn man die vor einiger Zeit eingeführte Differenzierung nach Buch- und Verfügungsbestand mal dazu nimmt:

• Transporthubschrauber NH90: 75 Maschinen im Buchbestand, Verfügungsbestand 44, einsatzbereit neun

• Kampfhubschrauber Tiger: 53 Buchbestand, 36 Verfügungsbestand, Klarstand zwölf

• Transporthubschrauber CH53: Buchbestand 71, Verfügungsbestand 48, Klarstand 18

• Tornado-Kampfjets: Buchbestand 93, Verfügungsbestand 57, einsatzbereit 20

• Transportflugzeug A440M: Buchbestand 31, Verfügungsbestand 19, einsatzbereit acht

• Schützenpanzer Puma: Buchbestand 284,  Verfügungsbestand 191, einsatzklar 67

• Kampfpanzer Leopard: Buchbestand 245, Verfügungsbestand 183, einsatzbereit 101

zitiert der Spiegel aus dem ihm vorliegenden Berichtsteilen.

Wer gerne vergleichen möchte: Der Bericht vom Frühjahr 2019 ist geheim, aber schon der Vergleich mit den Berichten vom September 2014, Dezember 2015, November 2016 und Februar 2018 ist hinreichend aufschlussreich.

(Archivbild Februar 2018: Ein Transporthubschrauber CH-53GS bei der Übung Heli Dust 2018 auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz – Johannes Heyn/Bundeswehr)

58 Gedanken zu „Materiallage der Bundeswehr: Scheint sich nicht gebessert zu haben

  1. @Muck:
    Eine Druckerei druckt Ihnen kein einzelnes Buch, ein Textilhersteller näht Ihnen kein einzelnes Shirt, und Airbus liefert Ihnen kein einzelnes Ersatzteil.
    bezüglich der ersten beiden Beispiele sollten sie mal die aktuelle Technologien kennen, dann fällt Ihnen auf dass diese für Ihre Argumentation kontaproduktiv sind. Selbst Kfz werden heutzutage schon in Kleinstserien gefertigt: 10 EU-Golf 2,5 l Diesel Luxus (3 silbermetallic, 2 schwarz, 2 weiss, 1 grün, 1 blau, 1 rot), , 10 Golf 1,8 l Benziner Standart (4 silbermetallic….), 10 Japan Benzin-Golf…. usw. usf.
    Moderne Arbeitsorganisation erfordert nicht mehr das zuwarten, dass 100 Autos einer Konfiguration zusammen kommen.

  2. Wollen wir hoffen, dass sich AKK all den Problemen der materiellen Einsatzbereitschaft annimmt. Morgen ist der Parteitag vorbei, dann sollte endlich die Gelegenheit vorhanden sein, den Dingen auf den Grund zu gehen. Bisher war das zeitlich schwer, aber jetzt kann sie durchstarten.

  3. aussenstehender 22.11.2019 um 11:18 Uhr
    „Moderne Arbeitsorganisation erfordert nicht mehr das zuwarten, dass 100 Autos einer Konfiguration zusammen kommen.“

    Ja richtig, aus vorhandenen Teilen werden verschiedene Konfigurationen zusammengebaut. Aber die Teile werden nicht einzeln gefertigt sondern in Massen.
    Trotzdem fertigt keiner einzelne ET. Und wenn doch dann zu enem Preis, den keiner zahlen wil.

  4. @Escrimador

    Doch, doch. Diese einzelnen Ersatzteile werden zu horrenden Preisen für die Restauration von Oldtimern gefertigt. Womit sich der Kreis schließt. Um im Bilde zu bleiben, die CH 53 wurde 1975 in die Truppe eingeführt. Ironie und Sarkasmus aus;-)

  5. @ Arno Kohlert

    Vermutlich weil auch der „Puma“ eingeführt wurde, ohne die Versorgungsreife herzustellen.

    Dazu gehört, dass ein Materialerhaltungskonzept für die 1. Logistische Ebene (Truppeninstandsetzung) und der 2. Logistischen Ebene (Industrie) aufgestellt wird, Ersatzteile katalogisiert werden (also mit Versorgungsnummern versehen werden), Austauschteile als Ersatzteilerstvorrat auf Vorschlag der Industrie bestellt und eingelagert werden, Technische Dienstvorschriften für beide logistische Ebenen hergestellt werden, Spezialwerkzeuge beschafft werden, die Org-Grundlagen in Form von Pers-STAN und Mat-STAN für Inst-Einheiten aufgestellt und mit Personal und Materal befüllt werden und die Infrastruktur für die Inst-Einheit geplant und gebaut wird. Das Personal als Lehr- und Spitzenpersonal bei der Industrie ausgebildet wird und anschließend das Lehrpersonal an truppeneigenen Schulen die technisch, logistische Ausbildung für das Personal der Inst-Einheiten aufbaut und durchführt.

    Sie sehen, es hängt viel an der Herstellung der Einsatz- oder Versorgungsreife und es kostet, Zeit, Geld, extra Personal und den Willen dies alles aufzubringen. Das ist wesentlich mehr als ein paar Pumas von der Industrie zu übernehmen und das Bedienpersonal daran auszubilden.

  6. @ SvD

    Danke für den Link. Ich hatte die Doku zwar schon mal gesehen, aber mir die Details nicht gemerkt.

    Also neben dem Neuentwurf, der natürlich immer Risiken beinhaltet, sind es aber die klassischen Probleme wie bei jeder Einführung eines neuen Waffensystems.

    Stichpunktartig aufgezählt:
    – Die Truppenerprobung ist zu kurz, die Ergebnisse fließen nicht in die kommende Serie ein, sondern erst in das 1. Upgrade (kostenpflichtig)
    – Ersatzteile wurden nicht bzw. zu spät bestellt
    – die Dokumentation (hier IETD) wurde zu spät bestellt und ist bei der Einführung noch nicht vorhanden
    – in der Volage BMVg, Risiko 19 „Serienproduktion / Qualität“ als gelb gemarkert, sollte hellhörig machen, wenn der Hersteller die Qualität in der Serie nicht halten kann
    – unvollständige Bestellung des Waffensystems (ohne Sichtmittel; Kameras, ohne geeignete Funkausrüstung, ohne Ausbildungssimulatoren AGDUS)

    Neu ist, dass jetzt an fabrikneuen Waffensystemen kanibalisiert wird. Neu ist auch, dass man für diesen Vorgang einen neuen Namen gefunden hat : „Qualifizierte Baugruppengewinnung“.

    Neu ist auch dass das Antriebssystem einen Totalabsturz ähnlich eines „Blue-Screen“ beim PC haben kann, wo man dann die Sicherung entfernen muss um das System stromlos zu machen, warten und neu booten muss. Das zeigt ganz klar eine schlampige Programmierung, denn mit einem hierarchisch sauber strukturierten Betriebssystem hat ein Anwendungsprogramm nicht mehr die Zugriffsrechte um das Betriebssystem zum Absturz bringen zu können.
    So etwas hätte bei einer soliden Truppenerprobung auffallen müssen und noch in der laufenden Serienproduktion abgestellt werden müssen.

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