US-Truppen bleiben länger in Afghanistan, neue Infos zum Hospital-Angriff

Kunduz, northern Afghanistan, December 2011

Zu Afghanistan gibt es am (heutigen) Donnerstag zwei Meldungen, die völlig unterschiedlich sind, aber beide weit reichende Auswirkungen haben dürften. Zum einen kündigte US-Präsident Barack Obama, wie am Morgen schon erwartet, ein längeres Bleiben der US-Truppen am Hindukusch an. Zum anderen meldet die Nachrichtenagentur Associated Press, der tödliche Luftangriff auf das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen (Médecins sans Frontiéres, MSF) in Kundus am 3. Oktober habe einen pakistanischen Geheimdienstler treffen sollen, der nach US-Erkenntnissen die Angriffe der Taliban dirigierte.

Aus der AP-Meldung:

US analysts knew Afghan site was hospital
American special operations analysts were gathering intelligence on an Afghan hospital days before it was destroyed by a U.S. military attack because they believed it was being used by a Pakistani operative to coordinate Taliban activity, The Associated Press has learned.

(…)
The special operations analysts had assembled a dossier that included maps with the hospital circled, along with indications that intelligence agencies were tracking the location of the Pakistani operative and activity reports based on overhead surveillance, according to a former intelligence official who is familiar with some of the documents describing the site. The intelligence suggested the hospital was being used as a Taliban command and control center and may have housed heavy weapons.
After the attack — which came amidst a battle to retake the northern Afghan city of Kunduz from the Taliban — some U.S. analysts assessed that the strike had been justified, the former officer says.

Die neuen, bislang nicht bestätigten Informationen machen die Umstände des Angriffs, bei dem 22 Menschen starben, noch undurchsichtiger. Die USA hatten ihre Angaben zu dem Beschuss durch ein AC-130-Flugzeug mehrfach korrigiert. Der US-Kommandeur in Afghanistan, General John Campbell, bezeichnete ihn aber als Fehler. Der US-Präsident hatte sich dafür auch bei der Organisation entschuldigt, die ungeachtet dessen eine internationale Untersuchung verlangt.

Am Mittwochnachmittag hatte Obama in einer Rede den weiteren Kurs der USA in Afghanistan skizziert. Kernpunkt: Es werden mehr US-Truppen länger bleiben als bislang geplant. Aus der Rede:

Following consultations with my entire national security team, as well as our international partners and members of Congress, President Ghani and Chief Executive Abdullah, I’m therefore announcing the following steps, which I am convinced offer the best possibility for lasting progress in Afghanistan.
First, I’ve decided to maintain our current posture of 9,800 troops in Afghanistan through most of next year, 2016.  Their mission will not change.  Our troops will continue to pursue those two narrow tasks that I outlined earlier — training Afghan forces and going after al Qaeda.  But maintaining our current posture through most of next year, rather than a more rapid drawdown, will allow us to sustain our efforts to train and assist Afghan forces as they grow stronger — not only during this fighting season, but into the next one.
Second, I have decided that instead of going down to a normal embassy presence in Kabul by the end of 2016, we will maintain 5,500 troops at a small number of bases, including at Bagram, Jalalabad in the east, and Kandahar in the south.
Again, the mission will not change.  Our troops will focus on training Afghans and counterterrorism operations.  But these bases will give us the presence and the reach our forces require to achieve their mission.  In this sense, Afghanistan is a key piece of the network of counterterrorism partnerships that we need, from South Asia to Africa, to deal more broadly with terrorist threats quickly and prevent attacks against our homeland.
Third, we will work with allies and partners to align the steps I am announcing today with their own presence in Afghanistan after 2016.  In Afghanistan, we are part of a 42-nation coalition, and our NATO allies and partners can continue to play an indispensable role in helping Afghanistan strengthen its security forces, including respect for human rights.

Damit rückt der US-Präsident nicht nur von seinem Ziel ab, den Krieg am Hindukusch für sein Land noch in seiner Amtszeit zu beenden. Er setzt auch die Maßstäbe, an denen sich die anderen in Afghanistan engagierten westlichen Nationen orientieren. Deutschland hatte schon vor Obamas Ankündigung deutlich gemacht, dass eine Verlängerung der Mission Resolute Support erwogen werden sollte – und der Abzug aus den Landesteilen in die Hauptstadt Kabul später kommen müsse als geplant. Folgerichtig begrüßte auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier diesen Schritt:

Ich begrüße diese Entscheidung von Präsident Obama. Sie ist vor allem ein wichtiges politisches Signal an die afghanische Bevölkerung: Die internationale Gemeinschaft lässt Afghanistan nicht im Stich und steht weiter an der Seite des Landes im Kampf gegen die Taliban.
Auch Deutschland wird sich weiter engagieren. Wir haben in den letzten Wochen bereits dafür geworben, unser Engagement bei Ausbildung und beruflicher Bildung in Afghanistan nicht an feste Zeitlinien zu binden, sondern wichtige Entscheidungen von den Entwicklungen vor Ort abhängig zu machen. Dafür bildet die Entscheidung der USA eine gute Grundlage.
Für die Wiederherstellung von Stabilität und Entwicklung im Land sind aber auch größere Anstrengungen der afghanischen Regierung erforderlich. Sie trägt die Verantwortung dafür, den Menschen eine politische und wirtschaftliche Perspektive im eigenen Land zu bieten. Dafür war Kundus ein Weckruf: Die erforderlichen politischen und wirtschaftlichen Reformen müssen noch energischer vorangetrieben und die Korruption nachhaltig bekämpft werden.

(Archivbild: The front gate at the MSF trauma hospital in Kunduz, northern Afghanistan, is seen November 29, 2011. The MSF hospital opened in August, 2011 – MSF/Michael Goldfarb)

15 Gedanken zu „US-Truppen bleiben länger in Afghanistan, neue Infos zum Hospital-Angriff

  1. „Dafür war Kundus ein Weckruf: Die erforderlichen politischen und wirtschaftlichen Reformen müssen noch energischer vorangetrieben und die Korruption nachhaltig bekämpft werden.“

    äh ja. war das nicht programm seit 2001? jetzt auf die schnelle funktioniert es plötzlich.

    ist die afghanische variante einer verwaltungsverfahrensgesetznovelle wirklich der richtige weg um eine offensive auf urbanen raum in bataillonsstärke abzuwehren?

    fragen über fragen………….

  2. Es gab noch eine weiter Meldung zu dem MSF Hospital

    MSF: US tank forced its way into bombed Afghan hospital

    KABUL, Afghanistan (AP) — A medical charity whose hospital in northern Afghanistan was bombed by the U.S. military said on Thursday that a U.S. tank forced its way through the closed gates of the compound, contravening an agreement that they would be informed.

    Doctors Without Borders, also known as MSF, said they were informed after the „intrusion“ that it was by a delegation from a joint U.S.-NATO-Afghan team investigating the Oct. 3 bombing of the hospital.

    The incident violated an agreement with investigators that MSF „would be given notice before each step of the procedure involving the organization’s personnel and assets.“

    Die Täter brechen mal so einfach in den abgesperrten Tatort ein um den Massenmord zu untersuchen …
    Die Forderung der MSF nach einer unabhängigen internationalen Untersuchung kann man da nur unterstützen. Zumal es von den USA keine einzige Begründung gibt warum man diese vermeidet.

    Dafür hat Kerry mal wieder einen Bock geschossen:

    John Hudson @John_Hudson
    Kerry defends U.S. presence in Afghanistan, noting an „extraordinary growth in the delivery of healthcare,” days after US bombing of @MSF

    Vieleicht meinte Kerry ja „need“ statt „delivery“ …

  3. @wacaffe Steinmeier „die Korruption nachhaltig bekämpft werden.“ …

    Und wieviel zahlt das AA dem Kriegsverbrecher Dostum pro Monat? Immer noch die €100,000 die der Spiegel mal berichtete?

  4. Gelassen bleiben. Das klärt sich ganz sicher alles auf. Man muss eben ein wenig Geduld haben und den Leuten, die mit der Aufklärung befasst sind bzw. damit befsst wurden, die notwendige Zeit geben. Da kann man relativ optimistisch sein – und einfach auch mal stillhalten, wenn wirklich null Faktenwissen da ist.

  5. @b

    Ich respektiere Ihre Meinung, auch wenn ich sie nicht teile – aber ich hab‘ Sie neulich schon mal drauf hingewiesen, dass Ihre ganze Lügenpresse-Intonation hier nicht so gut kommt. Vielleicht könnten Sie einfach zu einem sachlichen Tonfall zurückkehren, das wäre auch für das Diskussionsklima hier besser.

  6. @Hans Schommer

    Hm, die Bitte um sachliche Kommentierung gilt rundum. Angesichts der Faktenlage ist gelassen bleiben ein Appell, der die Stimmung wieder anheizt.

  7. Wenn „Tank“ nach landläufiger Auffassung ein KPz ist bleibt festzustellen, die gibt es dort nicht.
    Für Uninformierte, Tatsachenverdreher und USA-Hasser ist alles ein „Tank“ was als Kettenfahrzeug zu klassifizierten wäre. Gleiches trifft für Radfahrzeuge auf „Dickblechbasis“ zu, Stryker etc.
    Muss lediglich noch erklärt werden, wie denn ein „Tank“ aus dem U.S.-AOR im Süden nach Kundus kommt.
    Was dort an „Tanks“ unterwegs sein könnte, sind KPz der T-Reihe, 54/55/62 der afghanischen SK, oder Taliban die erbeutet wurden.
    Westliche „Tanks“ gab es sehr erfolgreich bei Dänen und Canadiern mit den deutschen Typen Leo 1A5 bis 2006 durch CAN, später Leo 2A5 (DEN) und Leo 2A6M (CDN). Vielen kanadischen Soldaten haben sie das Leben gerettet, bei IED.
    Aus 2010: http://www.welt.de/politik/deutschland/article7214428/Im-Leopard-bombensicher-durch-Afghanistan.html
    Zu Kundus, es gibt keine westlichen „Tanks“ bei RSM. Die Darstellung ist also gelogen.

  8. Ach Leute. Vermutlich war’s ein APC, den Rest besorgt dann das ‚lost in translation‘ vom afghanischen Stringer über den Desk in Karachi zur US-Zentrale in New York (alles so schon mal erlebt).

    Es wäre nett, wenn jetzt nicht an diesen Randaspekten die ganze Debatte aufgehängt würde. Zumal es keinen weiter bringt (und bei mir den Eindruck auslöst, es gehe nur darum, MSF einen reinzuwürgen…).

  9. das thema ist doch ohnehin schon tot.

    ich hatte das ja schon prophezeit,

    – die nachrichtenkarawane ist schon drei ecken weiter gezogen.
    – die afghanen wollen ihren patron nicht brüskieren
    – den amerikanern sind , salopp gesagt , ein paar do gooders die weit hinten im orient über die klinge springen mussten relativ egal
    – internationale untersuchungsbehörden sind nicht zuständig, nicht ratifiziert, politisch abhängig usw.

    msf wird noch eine weile rumoren, irgendwann 2016 kommt ein offizieller untersuchunsbericht mit 5000 seiten und wenig erkenntnis heraus und dann wird das ganze zur historischen anekdote. der rest ist fog of war

    rien ne vas plus

  10. @wacaffe
    Dem schließ ich mich gern an. Mich stört nur UNGEMEIN irgendwelche offensichtlich dümmlichen oder bewusst falschen Meldungen in der Aufarbeitung ungeprüft zu verwenden.

  11. Der absichtliche Beschuss (1h, mit mehreren Anflügen der AC-130) eines Krankenhauses ist ein Kriegsverbrechen nach der Genfer Konvention.

    – Die Kommentatoren sind dazu welcher Meinung?

    Ist es tatsächlich wieder so das, da durch USA begangen, das keine Auswirkungen hat und die Täter nicht verfolgt werden?

  12. Trotzdem bleibt nach dieser ober verlinkten Meldung von AP folgendes festzuhalten :

    1. Die Amerikaner wussten, dass an der Position ein Krankenhaus betrieben wurde
    (alle Meldungen wie Koordinaten nicht weitergereicht, Informationsdefizit der AC 130 Besatzung usw. scheiden deshalb aus.)

    2. Die Amerikaner vermuteten dort den Aufenthalt eines pakistanischen Führungsoffiziers der Taliban. Inwieweit dieser Führungsoffizier mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI verbunden war bleibt dahingestellt. Also wiederum ein Anzeichen dafür, dass dort ein Stellvertreterkrieg wütet, wo Pakistan immer noch im Untergrund agiert, wie vor 2001.

    3. „The intelligence suggested the hospital was being used as a Taliban command and control center and may have housed heavy weapons.“

    Die Amerikaner gingen also von einem verdeckten, getarnten Kommandostand der Taliban aus und dass dort schwere Waffen versteckt wurden. Dies eine Bestätigung dafür, dass dieser Angriff kein Versehen war, sondern ein vorsätzlicher, geplanter Angriff auf ein aus ihrer Sicht aufgeklärtes Objekt war.

    Jetzt versuchte man offensichtlich die Beweise zu sichern. ( Ich hoffe mal nicht, dass mit dieser Aktion erst die Beweislage aufgebaut werden sollte).

    Nur, mit den versteckten Waffen als Kriegsgrund haben die Amerikaner es anscheinend schwer. Die biologischen oder chemischen Waffen des Iraks, die als Kriegsgrund herhalten mussten sind auch nicht gefunden worden. Das Einzige was sicher im Irak gefunden wurde war Erdöl – welch eine Erkenntnis !

    Und jetzt warten wir mal die Untersuchung ab und was uns dann als Ergebnis präsentiert wird.

  13. @ T.W.

    Ich hatte nicht ohne Grund den „U.S. tank“ hinterfragt, da ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass nicht wenige U.S. hater jetzt auf den durchaus brisanten Zug aufspringen und Stimmung machen wollen (was heuer prima durch Tweets oder Newsticker funktioniert; hinterher hat man halt im Zweifel etwas Falsches gepostet; so what, nevermind, go on…).

    Es steht außer Frage, dass die US SOF gelinde gesagt Bockmist gebaut haben, der schwerwiegende Folgen hatte und wahrscheinlich auch noch weiter haben wird. Aber bei der von @ b verlinkten Story fehlt mir doch sehr die zweite Seite der Medaille – und ich habe nun einmal ein Problem mit dumpfer Stimmungsmache.

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