Waffen am Sonntag: Atombomben, U-Boote, Fregatten

US Navy 040621-N-5539C-001 Chilean Submarine CS Simpson (SS-21) prepares to render honors to the USS Arizona Memorial as the submarine pulls into port in Pearl Harbor, Hawaii

An diesem Sonntag gibt’s gleich drei Meldungen zu Waffensystemen, die Bedeutung für die deutsche Politik haben: Die Modernisierung von US-Atomwaffen – auch in Deutschland; ein möglicher Export von U-Booten nach Saudi-Arabien und (weiterer) Detail-Ärger mit der Fregatte 125.

• Atomwaffen: Durch einen Spiegel-Bericht kommt nun auch hier zu Lande in die Diskussion, was in den USA schon seit einiger Zeit debattiert wurde und zuletzt in der vergangenen Woche in einem Unterausschuss des US-Kongresses zur Sprache kam: Die geplante Modernisierung amerikanischer Atombomben kann offensichtlich dazu führen, dass damit neue Fähigkeitsprofile geschaffen werden – auch für die in Deutschland stationierten Waffen, für die im Rahmen der so genannten nuklearen Teilhabe der Transport mit Tornado-Kampfbombern der Bundeswehr vorgesehen ist.

Etwas genauer erklärt hat das der US-Wissenschaftlerverband Federation of American Scientists hier – unter anderem mit der Schlussfolgerung:

Yet the addition of a guided tail kit will increase the accuracy of the B61-12 compared with the other weapons and provide new warfighting capabilities. The tail kit is necessary, officials say, for the 50-kilotons B61-12 (with a reused B61-4 warhead) to be able to hold at risk the same targets as the 360-kilotons B61-7 warhead. But in Europe, where the B61-7 has never been deployed, the guided tail kit will be a significant boost of the military capabilities – an improvement that doesn’t fit the promise of reducing the role of nuclear weapons.

• U-Boote: Nach einem Bericht der Bild-Zeitung (Link aus bekannten Gründen nicht) will Saudi-Arabien fünf deutsche U-Boote der Klasse 209 (Foto oben) für rund 2,45 Milliarden Euro kaufen – langfristig sogar möglicherweise 25 Boote. Die – alte – Bundesregierung habe dem Königreich im Sommer eine wohlwollende Prüfung dieses Geschäfts zugesagt, sobald die neue Regierung nach der Bundestagswahl feststehe. Thyssen Krupp als Mutterkonzern der Werften, die diese U-Boote herstellen, dementierte laut Bild zwar, dass es ein entsprechendes Projekt gebe, habe sich aber zu Vorgesprächen darüber nicht äußern wollen.

Das kommt natürlich genau passend zu den Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD, in denen die Sozialdemokraten ja mit dem Anspruch angetreten sind, Rüstungsexporte einzuschränken. Über dieses Thema hatte sich die Arbeitsgruppe Außen, Verteidigung, Entwicklung bei ihrer ersten Sitzung noch nicht verständigt. (Da könnte man ja fast den Eindruck haben, die Information über das U-Boot-Geschäft wurde zielgerichtet geleakt…)

• Fregatte 125: Nach einer Vorabmeldung des Spiegels gibt es neuen Ärger mit den im Bau befindlichen neuen Kriegsschiffen – diesmal offensichtlich nicht wegen der Fregatten selbst (die haben ja auch ein paar Probleme, da war doch was mit der Lackierung innenbords…), sondern wegen der geplanten Beiboote, die vor allem für Boarding Teams von Bedeutung sind. Die vorgesehenen RHIBs (Rigid Hull Inflatable Boats, Starrrumpf-Schlauchboote) seien technisch nicht für die vorgesehenen Einsätze ausgelegt.

Die Kritik soll, nachvollziehbar, von den Spezialisierten Einsatzkräften der Marine gekommen sein (die übrigens, das am Rande, nicht identisch sind mit den Spezialkräften). Allerdings ist mir nicht ganz klar, warum die wegen der RHIB-Probleme einen Baustopp für die Fregatten selbst gefordert haben sollen. Vielleicht hat einer der Leser dazu detailliertere Erkenntnisse?

(Foto: Das chilenische U-Boot Simpson, ein Boot der deutschen Klasse 209, bei der Einfahrt in den Hafen von Pearl Harbor, Hawaii im Juni 2004 – U.S. Navy photo by Journalist 3rd Class Corwin Colbert via Wikimedia Commons)

 

125 Gedanken zu „Waffen am Sonntag: Atombomben, U-Boote, Fregatten

  1. @wacafee:
    In diesem Blog – und außerhalb -wird sehe gerne vergessen, dass Rüstung kein Thema BAAINBw/ Industrie ist, sondern der Bedarfsträger erheblichen Anteil hat.
    Beispiel IdZ-2: Der elektronische Rücken ist Ergebnis militärischer Forderungen.

    Der Bedarfsträger weiß jedoch allzu oft nicht was er will.
    Dazu kommen sicher weitere Probleme, aber so zu tun als wären die Soldaten unbeteiligt an den Problemen ist unzutreffend.

    Ist aber eine „urban legend“ der Bundeswehr.

  2. Lustig – wollte gerade schreiben, dass dieser Mangel eigentlich den integrierten Projektteams hätte auffallen müssen.

  3. Jetzt frage ich mich als Landratte, ob das Problem mit der Strahlenbelastung überhaupt zu lösen ist (selbst bei einem CB 90)?

    CB90 besitzt ein Radar auf dem Führerhaus. Besatzung sitzt unter dem Radar und ist zumindest geschirmt durch ein paar Alubleche (kommt es dadurch überhaupt zu einer nennenswerten Reduzierung der Strahlenbelastung?)

    Doch sofern es zum borden geht, müsste die Besatzung aus dem unteren Raum auf das Deck – wo sie direkt in der Strahlachse steht.

    Hier ein Bild von den schwer bewaffneten (und gepanzerten!) CB90 der US Navy: http://www.militaryphotos.net/forums/attachment.php?attachmentid=161649&d=1312659829

    Ist das runde Ding nun ein Radar oder ist es nur noch der Sockel und man hat das Radar wegen der Gefährdung der Besatzung abgebaut?

  4. @NMWC: Sorry, Ihren letzten Beitrag verstehe ich nicht ganz, (Zitat) „Es war auf den ersten Blick “billiger” zwei der Einsatzboote zu Rettungsmitteln zu machen. Anstatt vier plus zwei 8,5m, die als SOLAS (und wirklich nur dafür) ganz leicht im Detaildesign im Hangardeck-Bereich und hinteren Antennenmast zu integrieren gewesen wären“(Zitatende).

    Wenn man z.B. „vier plus zwei [also sechs] 8,5 „SOLAS-Rettungsboote“ nehmen würde und man geht im Idealfall bzw. von einer hecknahen Unterbringung in die Freefall-Lifeboat-Klasse „GFF 8,1M-FFB 8,1M-40 Persons“ aus, komme ich auf eine Gesamtkapazität von 240 Mann und das sind in der Tat für eine F125 und für jeden „im Amt sitzenden Griffelspitzer“ etwas zuviel. Jetzt ist man aber bei vier BUSTER zu knapp 2,5 Mio € angekommen und das reicht für maximal 60 Mann. Oder sind da noch weitere Rettungsmittel auf den F 125 und wenn ja welche?

    @Memoria: „Schuld sind also nur der unfähige Bedarfsträger und die pöse Industrie? Gähn.“
    Könnte es sein, daß Sie den Bedarfdecker BMVg-BAINBw bzw. BMVg-AIN vergessen haben?

  5. @NMWC. Nachtrag: Haben nun die 16 BUSTER von Fassmer die längst einem derzeitigen Stand der Technik entsprechenden Collars mit Hybrid-Schaum-Luft-Technologie oder nicht? Oder weiß die Truppe (der Bedarfsträger) nur nicht, was man längst bei den bisherige RHIBs unter den Fingern hat? Dann können es BAAINBw und AIN natürlich auch nicht wissen.

  6. @Bang50
    Doch das ist das Radar. Müsste aus dieser Baureihe sein:
    http://www.raymarine.de/view/?id=309
    Oder auch von Furuno. Das reicht vollkommen aus als Navigationsradar. Mehr brauche ich nicht. Leistung 4kW. Die Abstrahlwinkel sind auch im Link erwähnt.
    Der HF-Antennenanteil ist beim „Buster“ der große Strahler.

    @Vtg-Amtmann
    Es war zunächst der Versuch einer humorvollen Antwort auf KeLaBe.
    Aber ausgehend von dem Auftrag den eine F125 mit diesen Booten erfüllen könnte. Daher mein Einwand das es doch dann bitte 4Einsatzboote sein sollten. Und die dürfen dann nichts mit SOLAS zu tun haben. Daher die zwei zusätzlichen 8,5m SOLAS RHIB an anderer Stelle untergebracht, da die Marine nunmal meint dies erfüllen zu wollen. Und mit Rampe meinte ich Systeme die nicht die von Ihnen angesprochenen Fallboote als primäres Rettungssystem. Sondern ich meinte Heckrampen wie bei OPV’s die unterhalb des HeloDeck liegen. Wenn bspw das Hangardeck oben eine Unterbringung nicht erlaubt hätte. Im Heck wäre Platz gewesen, da kein Towed Array Sonar geplant war.
    Jetzt etwas klarer wo ich hin wollte?

    Nachtrag: natürlich gibt es noch Rettungsinseln als Rettungsmittel für die gesamte Besatzung.

  7. @NMwWC: Danke, mit der von Ihnen dargelegten Heckanordnung unter dem Bordhubschrauberdeck wird Vieles klarer und spart auch bei den Rettungsbooten viel Geld. Wieso müssen erst Sie das in AUGEN GERADEAUS propagieren und beim Bedarfsdecker träumt man stattdessen weiter vor sich hin?

  8. @Bang50
    Danke für das Video – gute Musik ;)
    Fire Superiority – ist das eigentlich nie ein Thema bei unseren Booten/Schiffen ?

  9. @Vtg-Amtmann:
    So wa es gemeint.
    Streiche Bedarfsträger, setze Bedarfsdecker.

    Bei all den Diskussion wird fortlaufend vergessen, dass am Anfang eine Forderung steht. Schon rund um den Vertragsschluss hörte man, dass die RHIBS der F125 nicht das sind was Eck-Town braucht – aber offenbar gab es schon innerhalb der Marine keine klare Linie was man will und was hierfür notwendig ist.

    In der Presse wird laufend der Eindruck befördert Soldaten hätten gar keinen Einfluss auf die Auslegung von Rüstungsgütern.

    @mwk:
    Auch hier: Wenn der Bedarfsträger in solchen Kategorien denken würde, dann kann man sowas auch rüsten. Aber wenn dort schon in den höheren Ebenen die Denkblockaden beginnen (zu aggressiv, politisch nicht gewollt) , dann wird es ganz sicher nichts. Siehe auch die Diskussion beim Aufsatz von Prof. Masala (Thread: Lesestoff …).
    Der Bedarfsträger sollte in erster Linie der Gewaltexperte sein.
    In der Realität sitzt jedoch zumeist ein dritter Rüstungsingenieur am Tisch (neben BAAINBw und Industrie).

  10. @Memoria
    Wobei Sie in dieser Überspitzung auch eine Dolchstoßlegende aufbauen. Bedarfsträger, Bedarfsdecker, Industrie und Politik sind vier Seiten dieses Rüstungsvierecks und jeder zieht mit Eigeninteressen an einer Seite dieses Tischtuches. Wenn es dann reißt, ist die Fragestellung wer es zerrissen hat eine eher theoretische Fingerübung…
    Wenn es aber verlangt ist kann die Bedarfsträgerseite zukünftig ihre Nachweisführung problemlos erfüllen (Stichwort FFF – Funktionale Fähigkeitsforderung).
    Bin mal gespannt, wie dann die Schuld der Bedarfsträgerseite zugewiesen wird. Ach ja: Goldrandlösung, unmögliche Förderung – gibt es ja heute schon. Komisch das solche Industrieanmerkungen nie beim Angebots- sondern immer nur beim Liefertermin kommen. Und eines muss sich die DEU Industrie klar sein: Preislich sind die Marktalternativen i.d.R. günstiger. Vielleicht sollte der ein oder andere Industrievertreter weniger Fehler bei der Bundeswehr suchen, sondern sich mehr darauf konzentrieren, das „Made in Germany“ auch einen Mehrwert darstellt…

  11. @Stefan H.
    Das Thema Mehrwert dürfen sich im Gegenzug aber die von Ihnen richtigerweise aufgezählten anderen Teilhabenden des „Rüstungsvierecks“ auf die Fahnen schreiben.

    Vor allem gemessen an dem Sachverhalt der vier Seiten (extrem vereinfachte Sichtweise) :
    Bedarfsträger: Ich brauche eine Fähigkeit für…
    BAAIN BW: Ich beschaffe eine Fähigkeit für…
    Politik: Ich gebe die Beschaffung einer Fähigkeit im Haushalt frei.
    Industrie: Ich baue eine Fähigkeit für…

  12. @all: Zufällig drauf gestoßen: http://www.buster.fi/en/aht#.UntTHCcixwx & http://www.buster.fi/en/aht#.UntS0ycixww. „Buster“ ist die eingetragene und geschützte Hersteller- und Handelsmarke des größten europäischen Herstellers von Aluminiumbooten. Damit erscheint es doch ziemlich unrecherchiert vom BAAINBw bzw. vom BMVg-AIN die Special Operations Boats SFB 10.1 der Fassmer-Werft „Buster“ zu benennen bzw. diese derart in der Öffentlichkeit zu propagieren?!

  13. @Stefan H.:
    Zustimmung, jeder sollte seinen Hof kehren, aber ein Hof ist eben der Hof des BT – das wird eben oftmals vergessen.
    Das war mein Punkt. Ob das im IPP besser wird, wird man wohl ab 2014 sehen.

    Und in Sachen Industrie: im Gegensatz zu Sytemhäusern sind Komponentenhersteller sehr international unterwegs und nur so über lebensfähig.

  14. Nur mal zum Verständnis:

    Die Rettungsboote sollen in ihrer Funktion doch eher MOB-Boote darstellen und kein Evakuierungsmittel fuer die Besatzung?

  15. Es geht um die Verwendung der Buster als FRB = Fast Response Boat (dt.: Schnelles Bereitschaftsboot), also z.B. beim Bergen bei Mann-über-Bord. Ein Rettungsboot hingegen (Rescue Boat) müßte geschlossen sein und würde der Evakuierung dienen, kann aber oft auch als Response Boat doppeln.

    Ein Boot auf jeder Seite ist wichtig, da bei starker Krängung (z.B. durch Wassereinbruch oder Auflaufen) ein Aussetzen nur noch auf einer Seite möglich wird. Im Mann-über-Bord Fall dauert ein Wenden und Zurückkehren einer Fregatte zu lange, wenn bei schlechtem Wetter ein Aussetzen des (F)RB nur auf der windabgewandten Seite (Lee) möglich ist. Je nach Wassertemperatur ist ein Verunglückter ohne Kälteschutz nach 15-25 Minuten bewußtlos, schon alleine deshalb zählt jede Minute.

    An geschlossenen Rettungsmitteln wird die F125 nur die Rettungsinseln aufweisen. Seit 1960 sind geschlossene Rettungsboote Pflicht, da offene Boote nur bei gutem Wetter sicher ausgesetzt werden können ohne umzuschlagen, und die Schiffbrüchigen zudem erheblich höhere Überlebenschancen in einem geschlossenen Raum haben (siehe Untergang der Pamir).

  16. @Ottone: Also in http://de.scribd.com/doc/164944006/Buster-1 kann ich nichts von „FRB = Fast Response Boat (dt.: Schnelles Bereitschaftsboot)“ finden, sondern nur von „Fast Rescue Boat (FRB), selbst wenn Ihre Interpretationen durchaus plausibel sind. Ebenso wenig finde ich den von Ihnen genutzten militärischen Begriff „Fast Response Boat (FRB = combines the agility of a response boat with benefits of a larger patrol ship“ im SOLAS-Sylabus (http://www.mar.ist.utl.pt/mventura/Projecto-Navios-I/EN/SD-1.2.4-SOLAS-III-Lifesaving.pdf).

    Ergo bleiben wir beim „Fast Rescue Boat (FRB).

    Wenn ich mich also im „von der Stange-Bereich“ bei den einschlägigen Werften und im SOLAS-Bereich umsehe, als auch an das Kartell- und Wettberbsrecht sowie an die Vergaberichtlinien denke, gibt es zig marktverfügbare Lösungen, die sehr deutlich unter dem Stückpreis von 812.500 € eines „Buster“ liegen und in den Nutzwerten (ohne Beistellungen wie NAV/COM-Geräte durch die Bw bzw. BAAINBw) zumindest ebenbürtig zu dieser „eierlegenden Wollmilchsau“ sind. Auch verfügen die OTS-Lösungen über effzientere, weil simplere und vor allem ergonomischere Selbstwiederaufrichtungsanlagen (Platzbedarf und Bewegungsfreiheit!) und bereits über eine komplette SOLAS-Zulassung (man denke an die horrenden Entwicklungs- und Prüfdurchlaufkosten beim BUSTER).

    Zunächst hat auch sachlich und vergaberechtlich ein Einsatzboot für Spezialkräfte mit einem SOLAS-FRB „Null“ zu tun und spätestens wenn beide Lösungen zusammen – z.B. acht der längst international und auch in Deutschland bewährten Schwedischen CB90 (Stridsbåt 90. Combat Boat 90) und acht FRB auf den F125 – weniger oder gleiches als die jetzige Lösungen inkl. aller Overheadposten – kosten, sind so schöne Worte wie „organische Boote“, „verringerter Aufwand für Ausbildung und Logistik“, „die Herausforderungen lagen u.a. im Bereich der Erfüllung der SOLAS-Vorgaben“, „im Schulterschluss zwischen Bedarfsträger und Bedarfsdecker wurde 2004 die operativ und systemtechnisch sinnvolle Grundsatzentscheidung getroffen“ sowie „ein Überwasser-Einsatzfahrzeug, das in dieser Konfiguration und Leistungsfähigkeit weltweit einmalig ist“ samt „Authorengruppe BAAINBw Abteilung S, insbesondere das Referat S3.2“ und die Anmerkung „[(1) Davitanlage =] ein aus Holz [?] oder Eisen [?] gefertigter Kran nahe der Bordwand“ ein substanzloses, unfachmännisches und bereits seit 9 Jahren etabliertes „Geschmarri“ (= fränkisch, auf dtsch. „Gelabere“), über das sich der Bundesrechnunghof eher kaputt lacht und die Truppe wohl auf Dauer weint. Eben wieder einmal ein Fall für die „Reißleine“ von TdM und SB!

  17. Nachtrag: wettbewerbs- und vergaberechtliche Fakten:

    Wenn man in http://de.scribd.com/doc/164944006/Buster-1 exakt liest, steht da u.a. „Die Entscheidung der Deutschen Marine zur Beschaffung einer robusten maritimen Plattform für Stabilisierungseinsätze mit bewaffneten, organischen Booten bildete die Grundlage für die als BUSTER 1 – 20 benannten Boote der Fregatten der Klasse F125. Mit Abschluß des Bauvertrages F125 im Juni 2007 begannen die umfangreichen Arbeiten zur Detailspezifikation der organischen Boote.“

    Liest man im Artikel vom 17.02.2010 in der Kreiszeitung Wesermarsch [Wie eigentlich bekannt: im Regelfall keine Links zu deutschen Verlagswebseiten; Link gelöscht. T.W. ] weiter, dort „(…] Die Fassmer-Werft in Berne-Motzen soll die Beiboote für die Fregatten liefern, die bis 2018 in Dienst gestellt werden sollen. _A_u_f_t_r_a_g_g_e_b_e_r_ ist die _A_R_G_E_ _F_1_2_5_ – ein Verbund der Thyssen Krupp Marine Systems und der Lürssen-Werft. _S_i_e_ hat Fassmer beauftragt, für die Ausrüstung der vier Fregatten F 125, die bis 2018 in Dienst gestellt werden sollen, 16 schnelle Schlauchboote (Ridget Inflatable Crafts) zu bauen […]“, dürfte kein originäres Vergabeverfahren gem. CPM zwischen dem BWB (BAAINBw) und der Fassmer-Werft für die 16 BUSTER stattgefunden haben?!

    Damit stellt sich m.M.n. nicht nur die Frage nach der BGH-Entscheidung vom 10.6.2008 – X ZR 78/07 („Vergaberecht: Subunternehmer müssen spätestens bis zur Zuschlagserteilung genannt werden“), sondern auch, daß derart faktisch mittels § 4 Nr.8 Absatz1 VOB/B ein ganzer Berufszweig (zumindest europaweit die Hersteller von HRIBs und von FRBs) von der Vergabe der „16 BUSTER“ vom Wettbewerb ausgeschlossen wurde und u.U. damit auch nicht das wirtschaftlichste Angebot zum zuge kommen konnte. Offenbar gehen die 13 Mio € für 16 kompromissbehaftete bzw. bislang wohl untaugliche BUSTER (Stückpreis also 812.500 € in den Gesamtkosten der vier F125 i.H.v. 2,6 Milliarden Euro unter.

    Dem steht jedoch die Rechtsauffassung des EuGH entgegen (vgl. Bartl, NZBau 2005, S. 197 sowie EuGH, Urteil vom 18.12.1997 – Rs. C-5/97; EuGH, Urteil vom 02.12.1999 – Rs. C-176/98; so auch OLG Frankfurt, Beschluss vom 27.06.2003 – 11 Verg 4/03).

  18. Das Problem mit FRB (ja, Fast _Rescue_ Boats, sorry für den Lapsus oben): Bei schwerem Wetter ist ihr Aussetzen sehr gefährlich, das Wiederaufnehmen mitunter noch mehr. Gemäß SOLAS muss diese Schlechtwetterfunktion zudem _nicht_ nachgewiesen werden, wird aus offensichtlichen Gründen auch nicht geübt. Was schon bei gutem Wetter so richtig schief gehen kann sieht man hier: http://www.youtube.com/watch?v=_QEsTnAIYlA

    Daher ist der Verzicht auf ein normales Motorrettungsboot auf der F125 ernsthaft in Frage zu stellen: Selbst wenn ein FRB erfolgreich ausgesetzt werden kann, ist es bei Wind und Wellen durchaus nicht mehr an Bord zu bekommen. Eine Rettung des über Bord gegangenen mit einem Boot, welches bis zur Besserung der Lage (oder dem Eintreffen eines Hubschraubers) auf See verbleiben kann, ist folgerichtig die angemessenere Maßnahme.

    Zur Erinnerung: Beim Unglück der Mecklenburg-Vorpommern 2002 war der Kommandant nicht bereit, zur Rettung des gekenterten Speedboats ein zweites Boot mitsamt Besatzung zu riskieren.

  19. So und nun? Was sagt uns diese Diskussion bzgl. dem Vorhaben, die F125 mit 4 BUSTER auszustatten bzgl. der Eignung als Rettungsmittel und als Einsatzmittel?

    Wagt sich jemand an eine Zusammenfassung?

  20. @Bang50 & @all: Als Hilfe für einen Mutigen des Alles zusammenfasst und auch für eine weitere „Novellierung“ des „CPM 2012 (nov)“:

    (1) Die Marine (Truppe) meldet Bedarf und Fähigkeitslücken bei ihrer Führung an.

    (2) Die Führung der Marine glaubt viel besser zu wissen, was ihre Truppe denn tatsächlich so braucht und auch konkret will.

    (3) Die Ämter und BMVg-AIN glauben dann noch besser zu wissen, was die Marine-Führung samt nachgeordnete Truppe konkret brauchen und wollen muß, weil die Marine (Truppe und deren Führung) ja gar nicht so recht wissen, was sie wisen sollten und tatsächlich wollen.

    (4) Das BMVg-BAAINBw glaubt dann die Ultima-Ratio zu wissen, was die Marine, die Ämter und AIN so wissen wollten bzw. sollten.

    (5) Alle wissen dann von der Musterlösung, nämlich der „eierlegenden Wollmilchsau“ und wissen tatsächlich kaum Etwas oder auch Nichts davon , was sie wissen sollten.

    (6) Das dann geforderte BMVg inkl. PrInfoStab glaubt zu wissen, Alles nochmals besser zu wissen und gleicht derart alle Wissensdefizite mit Unwissen aus.

    (7) Der StS AIN, dessen Stab und der Minister wissen damit Alles und Garnichts, weil diese nur das Wissen des PrInfostabes kennen und mangels nicht links gelochter Vorlage von Garnichts wissen.

    (8) Damit ist „der Sack zu“ und es wird Alles und damit das Projekt entweder für gut geheißen und gekauft, was Alle wissen wollten und nie gewußt haben, oder es wird die „Reißleine“ gezogen, weil man schon seit Jahren wußte, was man nie gewußt hat aber hätte wissen sollen.

    (9) Dann meldet sich der Inspekteur der Marine und präsentiert das Wissen von Minister und StS-AIN als das seinige und als seine tiefste Überzeugung und auch aols das Truppe, obwohl er und Alle es anders wissen.

    (10) Den Rest erledigen die Medien und die öffentliche Diskussion sowie evt. auch Untersuchungsausschüsse ziemlich erfolglos.

    (11) Derart ist auch nach ein paar Monaten diese kritische öffentliche und parlamentarische Phase per „3-f“ verflacht und bewältigt („3-f“ = „formlos, fristlos, fruchtlos“) und man beginne bei No. (1) – auch in den Koalitionsverhandlungen – mit dem nächsten Beschaffungsvorhaben für ein paar hundert Mio. € neu

  21. Apropos SOLAS und

    „Zur Erinnerung: Beim Unglück der Mecklenburg-Vorpommern 2002 war der Kommandant nicht bereit, zur Rettung des gekenterten Speedboats ein zweites Boot mitsamt Besatzung zu riskieren.“

    Gibt es mitlerweile, in ausreichender Anzahl, Überlebensanzuge? Die verunglueckten Soldaten damals sind ja, wenn ich mich Recht erinnere ohne Überlebensanzug ueber Bord gegangen. Genauer: gibt es ausreichend Arbeits-Überlebensanzuge, damit jeder der mal in so ein RHIB einsteigt einen bekommen kann, und solche nur fuer Notfaelle falls doch mal eine ganze Fregatte in Seenot geraet.

  22. @sd: Soweit ich weiß ja, die RHIB Besatzungen (nicht unbedingt all Pax, beim Boarding z.B. hat andere persönliche Ausrüstung offensichtlich Vorrang) verfügen über Anzüge wie sie im zivilen Bereich vorgeschrieben sind.

    Nochmal kurz zurück zum Motorrettungsboot: Der wesentliche Unterschied zum Speedboot/Buster ist dessen (fast) _geschlossene_ Bauweise, so daß es z.B. beim Aussetzen eben nicht wie beim oben verlinkten Video sofort Wasser aufnimmt, sollte es denn quer kommen. Und im Falle eines Kenterns (oder Umwerfen durch eine Welle, http://www.youtube.com/watch?v=mkzpoEFReR4) kann es es sich sofort wieder aufrichten. Ein Davit mit zwei Aufhängpunkten mag auch ein etwas helfen, bringt aber andere Probleme mit.

  23. @Vtg-Amtmann:
    Vielen Dank für den Hinweis.
    Eine Fregatte nur seetauglich bei Wellen bis zu 1,5m.
    Großartig.
    Und alle schoben die Verantwortung weiter bis am Ende es, die die nichts ändern konnten, mit dem Leben bezahlt haben.
    Anstatt konsequent die Probleme zu lösen.
    Es muss immer wieder erst etwas passieren, bevor etwas passiert. Auch danach hatte ja keiner die Verantwortung.

    Wie bei den März-Unruhen im Kosovo 2003, bei vielen Ereignissen in AFG, etc.

    Das Sytem dahinter – von organisierter Nicht-Verantwortung hat auch TdM nicht zerschlagen.
    Er redet wenigstens von Freude an der Verantwortung.
    Immerhin. Nur leider zeigte der EuroHawk ja dass es wohl nicht immer so ernst gemeint ist…

    Was hat man spezieller von F123 zu F125 gelernt?
    Offenbar ebenfalls wenig, da man wieder versucht Gegensätzliches zu vereinen.

    Ja und bei MKS will man dies ja nochmal erheblich steigern (Missionsmodule). Leute mit erheblicher Schiffbauerfahrung weisen bereits jetzt nachdrücklich auf die Grenzen und Risiken eines solchen Ansatzes hin.

    Aber warum lernen? Die Quadratur des Kreises wird nun nochmal weitergetrieben, um in knapp 10 Jahren zu merken, dass der Teufel im Detail steckt – und dann führt ein Details wieder zu einer Einschränkung der Gesamtfähigkeit – à la 1,5m Wellenhöhe.

    Da aber nicht sein kann, was nicht sein darf lernt man das wieder mal in der Praxis.

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