Petraeus-Affäre erreicht die NATO

ISAF-Kommandeur John R. Allen (rechts) bei einem Besuch im ISAF-REgionalkommando Ost im September (U.S. Air Force photo/Master Sgt. Michael O’Connor)

Und wenn man denkt, die Geschichte um den Ex-CIA-Direktor und Ex-ISAF-Kommandeur David Petraeus und seine außereheliche Affäre könne nicht abstruser werden…. kommt noch was Neues dazu. Jetzt scheint die etwas merkwürdige Geschichte um Generale und Frauen auf seinen Nachfolger als ISAF-Kommandeur, US-General John R. Allen, überzugreifen – und der ist als künftiger NATO-Oberbefehlshaber vorgesehen. Bislang.

Aus der Washington Post:

The FBI probe into the sex scandal that led to the resignation of CIA director David Petraeus has expanded to ensnare Gen. John R. Allen, the commander of U.S. and NATO troops in Afghanistan, the Pentagon announced early Tuesday.
According to a senior U.S. defense official, the FBI has uncovered between 20,000 and 30,000 pages of “potentially inappropriate” e-mails between Allen and Jill Kelley, a 37-year-old Tampa woman whose close friendship with Petraeus ultimately led to his downfall. Allen, a Marine, succeeded Petraeus as the top allied commander in Afghanistan in July 2011.

Ich dachte ja im ersten Moment, ich wäre auf der Satireseite The Onion gelandet…

Petraeus will die „Enabler“ behalten – auch im Norden?

Zur Lage in Afghanistan und zu den Aussichten am Hindukusch für die nächsten Jahre hat der bisherige Kommandeur der ISAF-Truppen, der scheidende US-General David Petraeus, in den vergangenen Tagen an vielen Stellen etwas gesagt. Deshalb habe ihn ich heute morgen gezielt gefragt, welche Wichtigkeit der Norden Afghanistans aus Gesamt-ISAF-Perspektive – und nicht nur aus deutscher Truppenstellersicht – hat.

Denn der Norden hat für die internationalen Truppen am Hindukusch eine ganz handfeste logistische Bedeutung: Gut 40 Prozent des Nachschubs organisiert ISAF inzwischen über verschiedene zentralasiatische Republiken, über das so genannte Northern Distribution Network – weil die Route über Pakistan immer wieder Ziel von Angriffen war. Bei einzelnenen Mengenverbrauchsgütern, sagt Petraeus, liege der Anteil des Nachschubs über den Norden sogar deutlich höher: 50 bis 60 Prozent des Treibstoffs für ISAF werden über diese Route ins Land geschafft.

Inzwischen ein Sammlerstück: Die „Commander’s Coin“ von David Petraeus. „You already can find them on ebay“, sagt der General selbstironisch.

Was das für die Struktur des beginnenden Abzugs der amerikanischen Truppen aus Afghanistan bedeutet? Nun sagte der General zwar nicht, dass die USA den Norden vom Abzug ausnehmen würden. Aber seine Richtlinie als noch aktiver Kommandeur sei gewesen, generell so viele wie möglich von den Enablers zu behalten, Truppen, die die Arbeit erst möglich machen: Vor allem Hubschrauber, aber auch Special Operations Forces und zum Teil Einheiten, die afghanische Soldaten und Polizisten ausbilden.

Gerade im Norden seien ja die US-Helikopter wichtig für alle beteiligten Nationen, betonte Petraeus. In der Tat: Ohne die Combat Aviation Brigade der Amerikaner, die Transport von Soldaten, vor allem aber die medizinische Rettungskette (MedEvac) sicherstellen, wären alle anderen in der Region deutlich in ihrer Arbeit behindert. Insbesondere die Deutschen, die als Lead Nation die Führungsverantwortung im Regionalkommando Nord innehaben.

Also: zwar keine direkte Zusage, dass diese wichtigen, wie es im NATO-Slang heißt, assets auch länger im Norden stationiert bleiben– aber schon das Signal, dass Sorgen der Verbündeten angekommen sind. Sicherlich nicht zuletzt wegen des Nachschubs für die eigenen Truppen.

Als wichtigsten Partner für den Nachschub über den Norden bezeichnete Petraeus übrigens Usbekistan, mit dessen Präsident er schon vor längerer Zeit in einem Gespräch Probleme zwischen den USA und dessen Land ausgeräumt habe. 80 Prozent der Lieferungen über die Nordroute durchqueren dieses Land und machen den Grenzübergang Hairatan und die Eisenbahnlinie nach Masar-i-Scharif zu einem der wichtigsten Knotenpunkte. Auch die Deutschen sehen ja mit ihrem Luftumschlagpunkt in Termez Usbekistan als sehr wichtigen Partner – wenn auch bisweilen mit Problemen.

An die Deutschen hatte der bisherige ISAF-Kommandeur für den Norden Afghanistans auch eine nicht-militärische Aufforderung: Die wirtschaftlichen Chancen dieser wichtigen Transitregion seien gewaltig  – vom Handel und Verkehr bis zu den Bodenschätzen. Da sollten sich doch adventure venture capitalists gerade aus Deutschland finden. In manch anderen schwierigen Regionen dieser Welt seien sie doch auch aktiv.

Nachtrag: Es wird ja interessant zu beobachten, wie Petraeus in seiner nächsten Verwendung als CIA-Chef damit umgeht: CIA trains covert units of Afghans to continue the fight against Taliban

Abschied von Petraeus

In der kommenden Woche beendet der ISAF-Kommandeur und amerikanische Vier-Sterne-General David Petraeus seine Arbeit in Afghanistan.(Auf seiner Rückreise in die USA wird er übrigens auch in Berlin Station machen.)

Zum Abschied hat ihm ISAF schon mal ein Farewell-Video gewidmet:

Eine Mahnung vom ComISAF

Offen wird es so vermutlich keiner sagen – aber es scheint mir nicht unwahrscheinlich, dass die heutige Erinnerung von ISAF-Kommandeur David Petraeus, beim Einsatz in Afghanistan um jeden Preis zivile Opfer zu vermeiden, auch mit den jüngsten Ereignissen in Taloqan zusammenhängt. Die allerdings ein trauriger End(?)punkt in einer Reihe von zivilen Opfern durch ISAF-Einsätze, darunter auch Kinder, in den vergangenen Tagen waren.

Indeed, every loss of innocent civilian life is a tragedy for the family involved and diminishes our cause, schreibt Petraeus in der heute veröffentlichten COMISAF’s Guidance Concerning Civilian Casualties (CIVCAS). Mit anderen Worten: ist kontraproduktiv.

Zum Geschehen in Taloqan am Mittwoch hat die Bundeswehr am Freitag etwas klarere Erkenntnisse veröffentlicht. Und ehe die Diskussion losgeht, jeder Soldat im Einsatz habe den Staatsanwalt im Nacken: Ich entnehme der Mitteilung (und hatte keine wirkliche Möglichkeit, das nachzuprüfen), dass zunächst mal die Bundesanwaltschaft informiert wurde; von Ermittlungen ist bislang nicht die Rede. Grundsätzlich halte ich es aber für zwingend, dass auf irgendeiner Ebene Untersuchungen beginnen, wenn  es mögliche zivile Opfer durch Schüsse deutscher Soldaten gibt. Eine Untersuchung ist keine Anklage (und ja, ich weiß um die Probleme, die damit verbunden sind).

(Ansonsten: weiterhin low ops, weiterhin Bitte um Verständnis.)

Nachtrag: Hm. Die Überschrift irritiert mich: Bundeswehr fühlt sich „zur Wahrheit verpflichtet“

Petraeus sieht Wendepunkt für Afghanistan

Der ISAF-Kommandeur David Petraeus berichtet heute vor dem Armed Services Committee des US-Senats über die Lage in Afghanistan. Die Kollegen vom AfPakChannel haben schon seinen vorbereiteten Bericht in die Hand bekommen, die Kernaussage gleich zu Beginn:

As a bottom line up front, it is ISAF’s assessment that the momentum achieved by theTaliban in Afghanistan since 2005 has been arrested in much of the country and reversed in a number of important areas.  However, while the security progress achieved over the past year is significant, it is also fragile and reversible.  Moreover, it is clear that much difficult work lies ahead with our Afghan partners to solidify and expand our gains in the face of the expected Taliban spring offensive.

Das ganze Statement haben sie auch netterweise hier zum Herunterladen bereitgestellt.

weiter »