Aufbau der afghanischen Streitkräfte: Was so schief lief (und läuft)

Vor einigen Tagen haben die afghanischen Streitkräfte ihre ersten US-Hubschrauber vom Typ Blackhawk erhalten. Fast 160 dieser Helikopter soll die Afghan Air Force in den kommenden Jahren bekommen – damit die Streitkräfte des Landes am Hindukusch langfristig selber in die Lage versetzt werden können, gegen Aufständische vorzugehen. Die gebrauchten, aber runderneuerten US-Hubschrauber sollen die Mi-17 aus russischer Produktion ersetzen, die nicht mehr ausreichend gewartet werden können – oder sollen?

Denn der Wechsel von robuster russischer zu amerikanischer Technik ist auch dem Willen des Geldgebers, nämlich des US-Kongresses geschuldet. Und da liegt eines der Probleme, die beim seit Jahren laufenden Aufbau afghanischer Streitkräfte durch die USA und die anderen westlichen Nationen in der NATO-geführten Resolute Support Mission liegen: Hochentwickelte westliche Waffen- und Computersysteme, dazu teilweise auch ohne eine ausreichende Ausbildung dafür, machen Afghanistan nicht nur dauerhaft abhängig, sondern kosten die Geberländer auch mehr als nötig.

Das ist eines der Ergebnisse, zu denen der Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR), eine Art Rechnungshof für das US-Engagement in Afghanistan unter der Leitung von John F. Sopko, in seinem am (heutigen) Donnerstag vorgestellten Bericht über den Aufbau der afghanischen Streitkräfte kommt. Und man muss wohl sagen: seinem ziemlich desilluisionierenden , wenn nicht vernichtenden Bericht. weiterlesen

Mehr als 100 Tote bei Angriff auf afghanische Militärbasis in Nordafghanistan (neue Zahlen, Nachträge)

Bei einem Taliban-Angriff auf die Militärbasis Camp Shaheen bei Masar-i-Scharif in Nordafghanistan sind am (gestrigen) Freitag vermutlich mehr als 140 Soldaten der Afghanischen Nationalarmee (ANA) ums Leben gekommen. Eine Gruppe von Aufständischen drang nach den bisherigen Berichten in das Camp ein, das unter anderem das Hauptquartier des 209. ANA-Korps beherbergt. Soldaten der internationalen Resolute Support Mission, darunter auch Deutsche, die die afghanische Armee beraten, waren von dem Angriff nicht betroffen.

Die jüngsten Zahlen meldet Reuters:

As many 140 Afghan soldiers were killed on Friday by Taliban attackers apparently disguised in military uniforms in what would be the deadliest attack ever on an Afghan military base, officials said.
One official in the northern city of Mazar-i-Sharif, where the attack occurred, said on Saturday at least 140 soldiers were killed and many others wounded. Other officials said the toll was likely to be even higher. weiterlesen

Keine Uniform mehr für die Taliban

Ich bin schwer beeindruckt. Nachdem seit Monaten Attentäter in afghanischer Militär- oder Polizeiuniform die echten Polizisten und Soldaten, die ISAF und auch das afghanische Verteidigungsministerium angreifen (was auch die Bundeswehr schmerzlich erfahren musste), wird jetzt den Aufständischen der Uniform-Nachschub abgeschnitten. ANSF Uniforms, Equipment Confiscated; No Longer Legal to Sell at Bazaars (Uniformen und Ausrüstung afghanischer Sicherheitskräfte beschlagnahmt; Verkauf nicht mehr zulässig) betitelt ISAF die Angaben ihres Sprechers Josef Blotz zu einer Aktion der Afghanen: Mehr als 10.000 (!) Uniformen und Ausrüstungsgegenstände wurden bei einer Operation des afghanischen Innenministeriums beschlagnahmt.

Hm. Wäre ja schon vor einiger Zeit eine Idee gewesen. Aber der Verkauf war – so verstehe ich diese Meldung – bisher legal? Da könnten ja die neu ausgebildeten afghanischen Kommunikationsfachleute mal für Verständnis für die neue Maßnahme werben.

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Archivbild: ein afghanischer Soldat vor der afghanischen Flagge (U.S. Army photo by Spc. Daniel P. Shook via flickr unter CC-Lizenz)

Partnering ohne Alternative?

Nach dem tödlichen Angriff eines ANA-Soldaten auf deutsche Soldaten im OP North läuft die Diskussion, ob das Partnering mit den afghanischen Sicherheitskräften der richtige Weg sei – und damit natürlich auch über die Frage, ob das Ziel erreicht werden kann, bis 2014 die Sicherheitsverantwortung in Afghanistan an das Land selbst zu übergeben.

Interessante Aussagen dazu vom – scheidenden – ISAF-Regionalkommandeur Nord, dem deutschen Generalmajor Hans-Werner Fritz, heute im Deutschlandfunk:

Für mich ist Partnering ohne Alternative, denn wir müssen uns vorstellen, es geht um die gemeinsame Ausbildung mit den Afghanen. Das betrifft die Ebene vom General bis runter zum Hauptgefreiten. Ein deutscher Soldat, ein Hauptgefreiter, ist mit seinem Verhalten ein gutes Beispiel für die Afghanen. Es geht um die Teilhabe der Afghanen an den Operationen, es geht um das afghanische Gesicht bei den Operationen. Ich halte das Partnering für alternativlos und nach all den Kämpfen, die wir gehabt haben, auch für ein ausgesprochen erfolgreiches Konzept.

Und der Vollständigkeit halber: Ein Video zum Thema, das der NatoChannel bei den Briten in Südafghanistan gedreht hat:

Nachtrag: Dazu ist auch interessant, die Rede zu lesen, die der Chef der NATO Training Mission Afghanistan vor EU-Vertretern gehalten hat.

RC N Watch: Afghane tötet deutschen Soldaten (Update)

Der tödliche Vorfall im OP North in der nordafghanischen Provinz Baghlan lässt sich jetzt nach den Informationen von Bundeswehr und ISAF zusammenfassen:

Ein 30-jähriger deutscher Hauptfeldwebel ist am Freitag im OP North gefallen, als ein Mann in der Uniform der afghanischen Armee (ANA) überraschend das Feuer auf eine Gruppe von Bundeswehrsoldaten eröffnete, die an einem Fahrzeug arbeiteten. Vier deutsche Soldaten wurden schwer, vier weitere leicht verletzt. Der Angreifer wurde anschließend von Soldaten erschossen.

Der Hauptfeldwebel starb kurz nach dem Zwischenfall an seinen Verwundungen.

2. Update: Es gibt unbestätigte Meldungen über insgesamt zwei tote deutsche Soldaten. Mittlerweile ist laut ISAF ein zweiter Soldat an den Verletzungen gestorben. (Für 17 Uhr hat Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg eine Erklärung zu dem Vorfall angekündigt.)

Unklar ist bislang, ob es sich tatsächlich um einen afghanischen Soldaten handelte oder um einen Aufständischen, der sich eine Uniform besorgt hatte – gegen das Letzere sprechen allerdings die Sicherheitsvorkehrungen; nur die Uniform reicht in der Regel nicht, um in ein Camp zu kommen.

Noch ein Nachtrag: ein Foto der Szene ist hier zu sehen – kann es aus rechtlichen Gründen nur verlinken. Anja Niedringhaus von AP war offensichtlich in einem der MedEvac-Helikopter.

Die Bundeswehr erlebt damit zum ersten Mal, was andere ISAF-Nationen schon mehrfach erfahren haben – dass afghanische Soldaten oder Polizisten die Waffe gegen ihre Ausbilder bzw. Kameraden richten. Dabei muss es sich nicht zwingend um Aufständische handeln, die Armee oder Polizei infiltriert haben: es gab auch Fälle, wie im August vergangenen Jahres bei den Spaniern, in denen Afghanen aus Rache für vermeintliche falsche Behandlung und/oder im Drogenrausch das Feuer auf ISAF-Soldaten eröffnet haben.

Dem Außenposten im Norden der Provinz Baghlan hatte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg erst vor zwei Tagen einen Besuch abgestattet und auch dort übernachtet.

(Habe das jetzt noch mal neu zusammengeschrieben, auch wenn es sich dadurch teilweise mit einigen der Kommentare doppelt.)

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