Fürs Protokoll: Balten warnen von russischen „Provokationen“, Moskau sieht „Panikmache“
Damit es hierzulande nicht untergeht: in den vergangenen Wochen gab es mehrfach Berichte, dass russische hybride Angriffe und/oder Provokationen gegen die baltischen Staaten und Polen drohten. Die Gefahr bestehe auch und gerade unabhängig vom Fortgang des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Quellen waren immer ungenannte Geheimdienstmitarbeiter, aus den osteuropäischen Staaten, aber auch den USA. Nunmehr haben die Präsidenten von Lettland und Litauen ihre entsprechenden Befürchtungen auch öffentlich gemacht.
Am (heutigen) Mittwoch war es der lettische Präsident Edgars Rinkēvičs bei einem Besuch in der litauischen Hauptstadt Vilnius:
Latvian President Edgars Rinkēvičs warned Wednesday that Russia could increase provocations against the Baltic region as its military struggles to make gains in Ukraine, saying Moscow may seek to test NATO’s resolve through sabotage and hybrid attacks. (…)
“We must be extremely prepared for the stage of the war in Ukraine where Russia no longer achieves victories and is unable to advance on the battlefield,” Rinkēvičs said. “Even without a complete Ukrainian victory, Russia may indirectly test Article 5 and response mechanisms at the NATO and European Union levels.”
berichtet der litauische Sender LRT mit Material der Agentur Baltic News Service.
Ähnlich äußerte sich dem Bericht zufolge der litauische Präsident Gitanas Nausėda – der seine Landsleute warnte, nicht in einen sorglosen Sommer zu gehen und zu glauben, der Krieg Russlands sei eine Angelegenheit weit entfernt.
Vorhersehbar stießen die Aussagen auf scharfe Kritik in Moskau. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sprach laut russischer Agentur TASS von Panikmache:
„This is another wave of fearmongering aimed at continuing to brainwash people and prepare the population for further militarization.“
Werden langsam imo recht viele Newsitems über das Thema. Hmhh. Insb.. der WSJ Artikel, dass CN nach anderen „Centers of Influence“ in RU sucht, ist …. ein Puzzlestück? Wo Rauch ist, ist Feuer?
Das ist nichts neues, es wird nur wesentlich offener kommuniziert. Und die diplomatische Rücksichtnahme auf Beziehungen zu Russland ist entfallen.
Die Situation ist ähnlich wie vor der Annektierung der Krim, es fehlen nur noch die grünen Männchen.
@CurtisLM
„We must be extremely prepared for the stage of the war in Ukraine where Russia no longer achieves victories and is unable to advance on the battlefield,”
Aluhut auf: Hatte UvdL einen Feuerlöscher im Gepäck, oder geschah die Entlassung von VM Fedorov direkt nach ihrem Besuch bei Zelensky ohne Zusammenhang?
Damit rücken das I. DEU/NLD Korps (1GNC) sowie auch das Multinationale Korps Nordost (MNCNE) in den operativen Fokus.
Spannend dazu eine neue DEU – FRA Heeresvereinbarung zum Auftrag der D/F Brigade.
– Unterstellung „zeitweise“ der 🇩🇪 – 🇫🇷 Brigade unter das Multinationale Korps Nordost mit dem französischen Partner.
– „Als multi-role Rear Area Task Force wird sie im rückwärtigen Raum des Multinationalen Korps Nordost eingesetzt.“ (@Björn Müller / Loyal von heute)
Viele Fragen!
Welche Aufträge bestehen grundsätzlich, aber auch speziell für eine InfBrig als „Multi-role Rear Area Task Force“?
Als Schnellschuss:
– Sicherung in „Rückwärtiger Raum“ des Korps.
Dazu wäre interessant, anstehende Erkundungsauftrage zu begleiten.
Und, was heißt „zeitweise“: Einmalig, wiederholend im Wechsel mit …?
– Ein Korps, also auch MNCNE, braucht immer Sicherung in der Corps Rear Area: Hier im Raum Pommern, Nordpolen.
– Welche operative Grenze zum 1GNC, vorwärts der Stettiner verwendet, nämlich in Estland und Lettland? (Siehe Faden „Mehr deutsches … Engagement Ostflanke)
– Eine Korps-AO (Area of Operations) beträgt oft ca. 100 km Breite × 200 km Tiefe (plus Deep Area weiter vorn).
Der rückwärtige Raum nimmt davon einen erheblichen Teil ein, je nach Vorstoß der Divisionen. Für eine InfBrig eine nicht lösbare Aufgabe.
– Das „eingesetzt“ irritiert mich.
Als was eingesetzt?
Schutz ist klar. Aber in der Sicherung, in der Überwachung, gar im Objektschutz – z.B. an Brücken von Oder, der Weichsel, in Stettin/Hafen?
Der Auftrag bedingt den erforderlichen Kräfteansatz.
[Die Originalmeldung des Heeres dazu:
https://www.presseportal.de/pm/127975/6316140
T.W.]
Laut Moskau waren ja auch jegliche Warnungen vor einem russischen Einmarsch in die Ukraine „Panikmache“.
Wir wissen, wie das sich dann entwickelt hat..
Resilienz beginnt mit Sprache: die Ausweitung der NATO-Plane nach Osten war ein pull- nicht ein push-Prozess.
Der Begriff „Osterweiterung“ suggeriert dagegen einen Soll-Ist push von einem Istzustand zu einem Sollzustand.
So war es aber nicht. Vielmehr haben die frei gewordenen Ex/SU-Satelliten lange an der NATO-Plane gezupft, um sie sich über die Köpfe zu ziehen.
Gegen das Festhalten der Plane vonseiten der westl. alten NATO-Garde, welches über die Jahre nachließ.
Zugleich gab es westl. Bestrebungen, die NATO-Plane in eine nach-geschichtliche Hängematte zu verwandeln;
In etwa seit Glasnost-Gorbi, dem – in westlichem Augen – gesichert guten Magier des Kremls.
@Thomas Holm, 17.07.2026, 13:24 Uhr:
„…die Ausweitung der NATO-Plane nach Osten war ein pull- nicht ein push-Prozess….“
Grundsätzlich nicht verkehrt, aber zur Wahrheit gehört auch, dass sowohl die NATO, als auch die EU richtigerweise an der Verhinderung eines „Machtvakuums“ in den frei gewordenen Ex-SU-Staaten interessiert waren.
Das Ziel waren demokratische Staaten mit entsprechender Werteordnung. Der Beitritt zu den Bündnissen war da ein sehr gern angenommenes Zugmittel.
Aber selbstverständlich ging der Antrag von den entsprechenden Staaten aus.
Und natürlich hatten und haben die „alten“ NATO-Mitglieder mit starker Rüstungsindustrie ein großes Interesse daran die neuen NATO-Mitglieder mit Rüstungsgütern auszustatten.
@ORR:
Die aufgezählten Aspekte (Machtvakuum verhindern, eigene Werteordnung verbreiten, Absatzmärkte für Rüstungsgüter) sind sicher alle gerne mitgenommen worden, aber wir sind – und das unterstelle ich auch allen damaligen Regierungen in Westeuropa – ja wohl alle der Meinung, dass jedes Land selbst wählen können sollte, und diese Wahlfreiheit an sich ist ja schon essentieller Teil besagter Werteordnung, und diese kam den Menschen in den osteuropäischen Ländern zu Gute. Ich will sagen: niemand hat irgendwen unter Druck gesetzt der NATO beizutreten (haben Sie auch nicht behauptet), und dieser Beitritt war nie zum Schaden oder gegen die Interessen der Beitretenden, nur weil die älteren NATO-Partner auch Vorteile davon hatten.
Viele Grüße.
@ORR @FeBo
Vielen Dank für das sachliche Eingehen auf meine Überlegungen zu diesem sonst auch schon mal turbulenter diskutierten Komplex.
Lieber eine Demokratische Ordnung festigen, als ein dubioses Machtvakuum bestaunen, das ist so logisch wie: Lieber jung, gesund und reich – statt alt, krank und arm (ist nicht von mir, sondern von Dan Schueftan/Uni Haifa).
Die Frage zwischen DoD und DoS war: Halten Warschau und Budapest – falls es um Vilnius, Minsk, Kyjv einmal kriseln sollte, sich genauso tapfer zurück, wie Bonn gegenüber Pankow 1953, Budapest 1956 und Prag 1968 ?
In der 3. NATO-Disziplin: „Keeping the Germans down“ hatte Bonn im Kalten Krieg dreimal souverän überzeugt und somit die betreffende „Stand back, dear ally!“ Messlatte für das junge Team MOE verdammt hoch angelegt.
War den jungen MOE-Demokratien eine solche stoisch-stramme Haltung, wie Bonn sie an den Tag gelegt hatte, aber auch dann zuzumuten, wenn im post-imperialen Raum Habsburg-Ost/Zarenreich-West: aka (von Nord nach Süd) den verlorenen Polnischen Ostgebiete-Woiwodschaften: Wilna, Nowogródek, Polesien, Wolhynien, Lwów, Tarnopol, Stanisławów: brachiale Balten, betrunkene Bolschewisten, bitterböse Belorussen, sowie anti-polnisch vorbelastete WolhynierInnen sich zu illiberalen Pogromen gegenüber Gruppen-bezogen fatal falsch gefühlten PrivatisierungsgewinnlerInnen hinreißen lassen würden?
Die Synthese-Antwort aus DoD-These und DoS-Antithese war: Ja kann man, indem man sie einwickelt, in die NATO-Plane, die sie sich ja unbedingt überziehen mussten, d.h. Containment, wie ggü. Bonn im Kalten Krieg.
Über das geistig-moralische Vorfeld gegenüber möglichen politischen Unanständigkeiten sollte übrigens die Springer-Presse wachen, was ihr auch gelang – wie man lobend anerkennen muss – zumindest bis ein gewisser Donald I. Rumsfeld einem „Neuen Europa“ (links-vernommen: sogar „Jungeuropa“) in MOE eine gefühlte Carte blanche erteilte. Und damit eine kurzlebige rechte Visegrád-Euphorie auslöste, die bis in den Rechten Sektor der Ukraine hinein reichte, obwohl es dieser mit Polen ja gerade gar nicht so gut hat, wie wir gerade auch noch lernen dürfen. Kurzlebig, bis pro-russische Standpauken in Sachen Geopolitik jede rechte Międzymorze (poln. Zwischenmeer, aka Intermarium) Laune, die eh mit OHL/Ober-Ost Vibes recht unpassend gewürzt war, wieder zunichte machten.
Ich habe das vor 40 Jahren – frisch nach W-15 – studiert und lag mit mit diesem Orchideenfach wohl goldrichtig.
Putin steht massiv unter Druck. Die zehntausende Mann Verluste, die fehlenden Fortschritte an der Front: geschenkt. Kriegt man alles mit Propaganda in einer Diktatur geregelt.
Das aber der Sprit knapp wird, die leidende Logistik die Wirtschaft weiter belastet und die Krim möglicherweise vor einer Hingersnot steht, dass kriegt man mit Propaganda nicht mehr gelöst.
Und das erste Mal gehen Putin die Optionen aus. Beim Charakter dieser Person, für die Kompromisse ein Zeichen der Schwäche darstellen -Schwäche wird in mafiaähnlichen Organisationen als Anfang vom Ende angesehen – bleibt als Option dann nur der Angriff, die nächste Eskalation, um ein Zeichen zu setzen.
Ich befürchte, dass wir kurz davor stehen. Hoffentlich ist die NATO darauf ausreichend vorbereitet.
Wenn ich mir als Putin Stärken und Schwächen der NATO-Staaten ansehen, dann ist die Wehrlosigkeit gegenüber Drohnen offensichtlich.
Hoffen wir, dass es friedlich bleibt.
@StMarc, 18.07.2026, 22:09 Uhr:
„…bleibt als Option dann nur der Angriff, …
Ich befürchte, dass wir kurz davor stehen….“
Das von Ihnen gezeichnete Szenario ist nicht ausgeschlossen, aber ich denke, dass der „große Bruder“ China dem russ. Präsidenten schon vor geraumer Zeit die Grenzen erklärt hat.
Es kann schon allein aus wirtschaftlichen Gründen nicht im Sinne Chinas sein, einen heißen Krieg Russlands mit der NATO zuzulassen.
@ORR: Zudem hat Putin ja von allem zuwenig. Zuwenig einsatzfähige Soldaten, zuwenig Ausrüstung für die Soldaten, die er noch hat, zuwenige Drohnen um entlang der gesamten NATO-Grenze flächendeckend alles kaputtzuschmeißen, zuwenig Fliegerabwehr, um seine Anlagen und Truppen wirksam zu schützen, zuwenig elektronische Bauteile um neue Drohnen in benötigter Zahl zu bauen und zu guter Letzt auch zuwenig Kraftstoffreserven um seine Logistik aufrecht zu halten und größere Verbände vernünftig operieren zu lassen.
Die Soldaten hat er in der Ukraine durch den Fleischwolf gedreht, es kommt allenfalls noch die Generalmobilmachung in Betracht, um hier signifikante Zahlen zu generieren, aber wenn man weiß, wie die armen Teufel ausgerüstet wurden, die mit Verträgen quasi „shanghait“ wurden, bevor man sie nach kürzestmöglicher Ausbildung in die Ukraine verschickte, ahnt, dass sich das im Rahmen einer Generalmobilmachung in ähnlicher Weise fortsetzen dürfte.
Die Ukraine schmeißt ihm derzeit eine Raffinerie nach der anderen kaputt, ebenso wie Treibstofflager oder Binnenschiffe, die die Versorgung und den Güterverkehr gewährleisten sollen. Russlands Börsen-Leitindex fiel am vergangenen Donnerstag dann auch auf den tiefsten Stand seit 2022. Die größten Verlierer waren Sowkomflot und Surgutneftegaz mit 5,6% und 5,3% Kursrückgang (Quelle: B.Z., Link aus Gründen nicht).
Die Krim kann faktisch als wirksam belagert betrachtet werden, weil die Ukraine nahezu alle Lieferungen kriegswichtiger Güter dorthin unterbinden kann.
Und das Volk murrt inzwischen lautstark, ob der nunmehr direkt spürbaren Auswirkungen des Krieges an der Zapfsäule und in den Märkten.
Die ständige Drohung mit Atomwaffen verliert mit zunehmender Dauer an Wirkung, zumal ich nicht für gesetzt halte, dass die Nukleartruppen von der grassierenden Korruption gefeit sind, die beim Rest der Armee schon 2022 nach dem Angriff auf die Ukraine zutage trat. Wie viele von den angeblich vorhandenen Sprengköpfen und Systeme tatsächlich wie erforderlich gewartet worden und somit einsatzfähig sind, kann man wohl mit einem großen Fragezeichen versehen. Freilich reicht ein einziger Sprengkopf theoretisch aus, aber Xi hat ja Putin eindringlich vor einem Einsatz von Nuklearwaffen gewarnt, und ich sehe derzeit nicht, dass Putin auf die Unterstützung aus Peking in irgendeiner Art und Weise verzichten könnte.
Es sieht also gar nicht so gut aus für Gospodin Präsident. Die Frage ist wie immer, wer anschließend das Machtvakuum füllt, wenn Putin stolpern und von einem Kremlbalkon fallen sollte. Da sich Putin aber angeblich inzwischen wochenlang nur noch in Bunkern aufhalten und eine TU-214PU angeblich nach Teheran verlegt haben soll, scheint es mir unwahrscheinlich, dass Russland irgendwen angreift.
Vermutlich wird eher irgendwann ein Zwischenfall provoziert, den Russland dann als „militärischen Angriff der NATO“ vor sich herträgt, und dann als Rechtfertigung für Gegenschläge nutzen will. Inwiefern dies angesichts der bekannt desolaten Lage des Landes irgendwen weltweit ansatzweise überzeugt, kann ich mal dahingestellt lassen.
@Thomas Holm:
„In etwa seit Glasnost-Gorbi, dem – in westlichem Augen – gesichert guten Magier des Kremls.“
Ach ja, unsere „Gorbi-Liebe“. Eine weitere unserer zahlreichen Lebenslügen Russland betreffend. Er wollte die Sowjetunion erhalten. Als die Litauer ihre Unabhängigkeit haben wollten, hat er Truppen geschickt: Viele litauische Demonstranten für die Freiheit und litauische Grenzsoldaten haben Gorbatschows Entscheidung leider mit ihrem Leben bezahlt, und über 1.000 Litauer wurden verletzt.
@Metallkopf
Quod erat…
Sie machen etwas Brandgefährliches: Sie – wie viele andere auch – unterschätzen die Russen und überschätzen die eigenen Fähigkeiten. Historisch belegt! Das wird uns auf die Füße fallen!
@ FreeEurope 14 tote Litauer und ein toter Sowjetsoldat sind 15 Tote zuviel, aber nicht „viele“. Wenn in Saudi-Arabien an einem Tag 81 Menschen hingerichtet werden (das sind viele), unter ihnen nicht wenige Oppositionelle, ist das bei uns eine Randnotitz in der Zeitung. Stirbt bei einer Demo in Kuba ein Demonstrant, dann reißen die Amis den Rachen auf. Es kommt immer darauf an, wen man als Verbündeten, Freund und Geschäftspartner hat. Oder gibt es gegen die Siedler im Westjordanland, die in schöner Regelmäßigkeit Palästinenser ermorden, massive, wirksame Sanktionen?
[Es ist schon absehbar, welche Reaktionen vor allem der letzte Satz provizieren wird (und auch soll?) – bitte diese Art der Auseinandersetzung hier nicht. T.W.]