Nach dem Scheitern von FCAS: Deutsche Industrie will Kampfjet der 6. Generation selbst entwickeln
Nach dem offenkundigen Scheitern wichtiger Teile des deutsch-französisch-spanischen Luftkampfsystems FCAS (Future Combat Air System) wollen deutsche Luftfahrt- und Rüstungsunternehmen eigenständig einen neuen Kampfjet entwickeln. Als „Team Gen 6“ stehen wir bereit, um die Fähigkeiten, Überzeugungen und Interessen der nationalen Unternehmen und Kompetenzträger bei der Entwicklung eines Kampfflugzeuges der 6. Generation gemeinsam einzubringen, heißt es in einem Schreiben von acht Unternehmen, das Augen geradeaus! vorliegt.
Über das Schreiben vom (gestrigen) Montag an Verteidigungsminiter Boris Pistorius und Rüstungs-Staatssekretär Jens Plötner hatte zuerst die Financial Times berichtet. Darin werben die Luftfahrt-, Waffensystem- und Elektronikspezialisten Airbus Defence&Space, Autoflug, Diehl Defence, Hensoldt, Liebherr Aerospace Lindenberg, MBDA Deutschland, MTU Aero Engines sowe Rohde&Schwarz für eine möglichst schnelle Beauftragung und Finanzierungsplanung für ein solches, dann nationales, Projekt.
Am Montag war bekannt geworden, das das trinationale FCAS-Projekt im zentralen Teil als multionationales Vorhaben praktisch gescheitert ist. Das Next Generation Weapons Systems (NGWS), also der neue Kampfjet, soll nicht mehr gemeinsam gebaut werden. Unter Berufung auf deutsche Regierungskreise hatten mehrere Nachrichtenagenturen über eine entsprechende Entscheidung berichtet, unter anderem Reuters:
The leaders of Germany and France have agreed to scrap a landmark project to develop and build a new-generation fighter jet, officials said on Monday, bowing to industrial rivalries over Europe’s most ambitious defence programme. (…)
Merz has therefore advised Macron not to pursue the construction of a joint fighter aircraft any further, they said.
Grund dafür dürfte vor allem der Anspruch der französischen Firma Dassault sein, im Wesentlichen die Regie bei NGWS zu führen. Zudem unterscheiden sich die Anforderungen Frankreichs und Deutschlands an ein Kampffugzeug der nächsten Generation in wichtigen Punkten wie der Fähigkeit, auf Flugzeugträgern eingesetzt zu werden, oder bei der Reichweite.
Eine offzielle Aussage zum Scheitern von FCAS gab es allerdings bis zum (heutigen) Dienstagmittag weder von deutscher noch von französischer Seite. Möglicherweise ist das für die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin vorgesehen, die am (morgigen) Mittwoch beginnt.
Die acht Unternehmen erläuterten in ihrem Schreiben, ein neuer Kampfjet sei angesichts der weltpolitischen Lage dringend nötig und müsse, um keine Zeit zu verlieren, von deutschen Unternehmen möglichst schnell entwickelt werden:
Für die Beherrschung der Domäne Luft zur Gewährleistung der Luftüberlegenheit ist ein Waffensystem der 6. Generation erforderlich. Über eine Combat Cloud ist dieses neue bemannte bzw. optional unbemannte Kampfflugzeug als Comand-Fighter interoperabel und führt eine vernetzte Missionsführung via Integration von bemannten und unbemannten Luftfahrzeugen (´System of Systems‘-Ansatz).
Als deutsche Industrie haben wir in den vergangenen Jahren im engen Austausch mit der hiesigen Amtsseite und möglichen Kooperationspartnern entscheidende Technologieentwicklungen
vorangetrieben. Insbesondere die Fähigkeiten zu Stealth/Low Observability und zur resilienten Echtzeitvernetzung, inklusive „Edge-Compute“, also KI- und Datenfähigkeit verteilt im Netz, aber auch
auf den Plattformen, sind dabei im wahrsten Sinne des Wortes kriegsentscheidend. Mit einem Kampfflugzeug der 6. Generation und den zugehörigen Systemen in der Domäne Luft erhalten unsere Streitkräfte die notwendigen Werkzeuge an die Hand, um einen Konflikt im Sinne der Abschreckung zu vermeiden und im schlimmsten Fall zu gewinnen. Die so entstehenden Technologien werden auch zivil nutzbar sein, damit Abstrahlwirkung in Form von Innovationssprüngen auf den kommerziellen Sektor haben und daher volkswirtschaftlich in mehrerlei Hinsicht relevant sind.
(…)
Das Team Gen 6 steht bereit, um die Fähigkeiten, Überzeugungen und Interessen der nationalen Unternehmen und Kompetenzträger bei der Entwicklung eines Kampfflugzeuges der 6. Generation gemeinsam einzubringen und für eine Beauftragung der nächsten Entwicklungsphase eines solchen Fighters zu werben.
Ein entsprechendes Positionspapier wollen die beteiligten Unternehmen auf der ILA unterzeichnen. Dabei seien sie auch für die Beteiligung anderer Länder offen, im Sinne multinationaler Kooperation und europäischer Souveränität.
Entscheidend sei allerdings, heißt es abschließend in dem Brief, dass noch in diesem Jahr entsprechende Beauftragungen eingeleitet werden, um vertragliche und rechtliche Stabilität in der weiteren Umsetzung zu gewährleisten sowie das aufgebaute Know-How und die industriellen Ressourcen zu erhalten.
(wird ggf. ergänzt)
Natürlich sind alle bereit … Geld zu verdienen. Doch war doch FCAS mehr, als reine Technologiepartnerschaft. Es solche schließlich auch die vielbemühte deutsch-französische Freundschaft und die europäische Sicherheitspolitik als ganzes handfest hinterlegen. Was könnte ein „Trostpreis“ für diesen Umstand sein? Wie geht’s denn MGCS („FCAS als Panzer“) eigentlich gerade so …?
Ist die Beteiligung an „Team Gen 6“ lediglich offen für Käufer oder sind darunter auch industrielle Beiträge zu verstehen?
Sind jetzt x-Jahre der FCAS-Entwicklung für die Tonne? Erhöht sich die Abhängigkeit u.a. von den F-35 dadurch?