Fürs Archiv: Litauen ruft nach Ballon-Flut aus Belarus Notstand aus
Die litauische Regierung hat angesichts des anhaltenden Zustroms von Ballonen aus dem benachbarten Belarus den Notstand ausgerufen. Die Wetterballone dienen vor allem dem Schmuggel von unverzollten Zigaretten, werden aber offensichtlich zunehmend auch zur Spionage gegen das NATO-Mitgliedsland eingesetzt. Mit dem Notstand bekommen Polizei und Streitkräfte zusätzliche Befugnisse.
Bereits im Oktober hatte die Regierung in Vilnius die Grenze zu Belarus geschlossen, nachdem aufgrund zahlreicher Ballone im litauischen Luftraum Flughäfen mehrfach geschlossen werden mussten. Der am (heutigen) Dienstag ausgerufene Notstand wird aber ausdrücklich nicht nur mit der Gefahr für den Luftverkehr, sondern ebenso mit einer anhaltenden Bedrohung der nationalen Sicherheit begründet.
Die Mitteilung des litauischen Kabinetts:
Angesichts der anhaltenden Bedrohung der nationalen Sicherheitsinteressen des Staates und der Gefahr für Leben, Gesundheit, Eigentum und/oder Umwelt durch aus Belarus nach Litauen eingeführte und geschmuggelte Ballons wird durch einen Beschluss der Regierung ab heute im gesamten Staatsgebiet der nationale Notstand ausgerufen. Zum Leiter der Notfallmaßnahmen wurde der Innenminister Vladislavas Kondratovičius ernannt.
„Im Kampf gegen den hybriden Angriff aus Belarus müssen wir strengste Maßnahmen ergreifen und die am stärksten betroffenen Gebiete schützen. Alle zuständigen Behörden bündeln ihre Kräfte, um die Gefahr durch geschmuggelte Ballons abzuwenden. Die Bevölkerung wird durch die Ausrufung des Notstands keine Unannehmlichkeiten erfahren“, sagt Ministerpräsidentin Inga Ruginienė.
Mit der Ausrufung des Notstands soll nicht nur die Gefahr für die Zivilluftfahrt eingedämmt werden, sondern auch die nationalen Sicherheitsinteressen Litauens gewahrt und die Maßnahmen der Behörden besser koordiniert werden.
„Nach der Ausrufung des Ausnahmezustands können wir enger zusammenarbeiten, da die Soldaten bestimmte Sonderrechte erhalten, die es ihnen ermöglichen, sowohl gemeinsam mit den Beamten des Innenministeriums als auch einzeln effektiver zu handeln“, betont Minister V. Kondratovičius.
Wir erinnern daran, dass der Flughafen Vilnius aufgrund der Gefahr, die von geschmuggelten Gasflaschen für die Zivilluftfahrt ausgeht, seit Oktober für mehr als 60 Stunden geschlossen war, wodurch über 350 Flüge und etwa 51 000 Passagiere betroffen waren.
Gemäß dem Gesetz über Krisenmanagement und Zivilschutz ruft die Regierung einen nationalen Notstand für das gesamte Staatsgebiet oder einen Teil davon aus, wenn die Folgen eines Notfalls in zwei oder mehr Gemeinden die von der Regierung festgelegten Kriterien erfüllen. In diesem Fall wurde eine solche Situation ausgerufen, da eines der Kriterien mehrfach erfüllt war – der zivile Luftverkehr war mehrmals länger als 6 Stunden gestört.
Der Notstand wird nicht nur für einen Teil des Staatsgebiets, sondern für ganz Litauen ausgerufen, da die Schmuggelballons je nach Windrichtung in mehreren Gemeinden des Landes unterwegs sein können: Aufgrund der aufgezeichneten Navigationsmarkierungen, die für Schmuggelballons charakteristisch sind, war nicht nur der Betrieb des Flughafens Vilnius, sondern auch der Flughafen Kaunas betroffen, und solche Markierungen wurden auch im Landesinneren (in der Umgebung von Šiauliai und Kėdainiai) festgestellt.
Um einen hybriden Angriff zu verhindern, arbeiten die Dienste derzeit nach angepassten Kooperationsalgorithmen, wobei die Entscheidungsfindung verkürzt wurde: Der Flughafen Vilnius funktioniert, sobald es die Sicherheitslage zulässt, wie gewohnt. Darüber hinaus finden jede Nacht Razzien der Polizei, des Staatlichen Grenzschutzdienstes, des Zollkriminalamtes und der Militärpolizei an der Grenze statt: Tausende von Fahrzeugen und Personen werden kontrolliert, Gasflaschen beschlagnahmt und Schmuggelware sichergestellt. Die Grenzbeamten werden direkt von der Armee unterstützt, die mögliche Mittel zur Neutralisierung von Zielen testet und zur Überwachung des Luftraums beiträgt.
(übersetzt mit deepl.com)
Das erinnert an tiefste kalte Krieg-Zeiten.
Damals gab es ja noch den „Todesstreifen“ zur DDR. Der wurde vom BRD-Grenzschutz in Permanenz patroulliert.
Zu einem guten Teil wollte man auch „Zwischenfälle“ verhindern. Insbesondere das Werfen von Gegenständen von BRD-Seite aus ( die evtl. Selbstschussanlagen oder Minen ausgelöst hätten ) und auch Schüsse mit „richtigen“ oder auch Luftgewehren. Bis in die 1970er konnte man ja noch Jagd- und Schrotgewehre, Pistolen und Munition im Neckermankatalog bestellen ( heute kaum zu glauben ). Bis die Gesetze geändert wurden…
Die Bundeswehr hatte damals auch eigene Einheiten mit Ballons, meist mit Flugbättern.
In allen abgeschotteten Ländern war und ist die Möglichkeit der Wahl dann die Ballonoption beim richtigen Wind. Mit welcher Nutzlast auch immer…
Man erinnert sich an chinesische Höhenballons.
Und Nordkorea/Südkorea noch heute.
Von Belarus aus geht das nur bei Ostwind. Zum Fluhafen Vilnius sind es unter 30 km.
Und die Grenze ist lang. Es mögen ja Schmuggelballons sein mit Zigaretten und GPS-Trackern. Aber die gerade so fliegen zu lassen das der größte Flughafen in Litauen Vilnius ( VNO ) massiv gestört wird, das ist fürs Schmuggel-Geschäft einfach kontraproduktiv.
Da liegen andere Absichten deutlich näher.
Zumal sich im Land ja auch die „Störbrigade 45“ befindet. Das muss ja irgendwie abgestraft werden…
Jenseits von Selbstschutz der NATO Truppenteile, kann die litauische Maßnahme Auswirkung auf die Auftragslage der NATO MN BG Lituania und der PzBrig 45 haben?
Sicher werden damit Zigaretten geschmuggelt… Mal ganz ehrlich, von welchen Leuten kommt denn so ein Schwachsinn? Diese Ballons werden doch mehr als offensichtlich gezielt zur Spionage eingesetzt, und dabei darauf gehofft das sie als nicht verdächtig eingestuft werden. Vollkommen richtig wie Litauen handelt, hier muss sofort und konsequent dagegen vorgegangen werden.
Marcus sagt:
09.12.2025 um 20:41 Uhr
„Sicher werden damit Zigaretten geschmuggelt… Mal ganz ehrlich, von welchen Leuten kommt denn so ein Schwachsinn? Diese Ballons werden doch mehr als offensichtlich gezielt zur Spionage eingesetzt, und dabei darauf gehofft das sie als nicht verdächtig eingestuft werden. […]“
Ab wie vielen Ballons kann man denn so von gezielter Spionage sprechen? :-D und meinen Sie nicht dass entsprechende staatliche Akteure da im Fall der Fälle ausgeklügeltere Möglichkeiten hätten? (Drohnen unterschiedlicher Typen, …) Was ja nicht heißen soll dass nicht im Einzelfall auch Ballons eingesetzt werden können, aber die Vielzahl spricht m.E. eher dagegen.
Ich denke die Absichten sind hier subtiler. Gustav Gressel von der österreichischen Landesverteidigungsakademie weist seit geraumer Zeit darauf hin dass der russische FSB als nicht nur Inlandsgeheimdienst sondern auch Grenzpolizei stark in die Kontrolle des internationalen Drogenhandels involviert ist. Nicht zuletzt zieht man sich durch Unterstützung solcher kriminellen Aktivitäten und Elemente willfährige Agenten heran, die a) vermutlich allgemein wenig Skrupel haben und b) sich später schlecht entziehen können da man ja etwas gegen sie in der Hand hat, schließlich ist Schmuggel offiziell auch in Russland verboten. So kann man sie zu gegebener Zeit für andere Aktivitäten (ob nun mit oder ohne Ballons) heranziehen. Aufgrund der engen Verbindungen von Russland und Belarus ist davon auszugehen dass der FSB oder ein entsprechend kontrolliertes belarussisches Pendant hier seine Finger im Spiel hat.
Momentan sind die operativen Absichten vermutlich eher:
– Ressourcen und Aufmerksamkeit binden
– Kosten in die Höhe treiben
– Verwundbarkeit demonstrieren/Unsicherheitsgefühl verstärken/Schutzversprechen des Staates delegitimieren
– Und eben Agenten heranziehen
Wir hatten ja auch bereits die Operation mit den Migranten vor einiger Zeit.
Wenn der Hausherr gestattet, hier ein sehr sehenswerter aktueller 40-minütiger Vortrag von Herrn Gressel zu russischen hybriden Aktivitäten:
https://youtube.com/watch?v=aLEGSouz4cY
J.D 22:09
Es mag sein das es speziellere Möglichkeiten für entsprechend instruierte Akteure gibt, aber gerade die einfachen Dinge sind es welche nicht gleich auffallen, wenig Aufmerksamkeit erfahren und deshalb besonders effektiv sind. Gerade vor dem Hintergrund der starken Zunahme hybrider Angriffe muss ein solches Vorgehen (Ballons) als Spionageversuch gewertet werden.
@J.D.
Staatliche Akteure betreiben Spionage aber mit vielen verschiedenen low-effort und high-effort-Varianten, in der Hoffnung dass so viel wie möglich funktioniert. Es gibt eben nicht nur James Bond, sondern auch Ballons die bei richtigem Wind Grenzen überfliegen.
@Marcus
„Gerade vor dem Hintergrund der starken Zunahme hybrider Angriffe muss ein solches Vorgehen (Ballons) als Spionageversuch gewertet werden.“
Wenn ein Ballon eine Kamera dabei hat, dann vielleicht ja. Aber wenn er tatsächlich nur Zigaretten und GPS tracker hat, dann erscheint mir das klassifizieren als Spionageaktivität eher absurd.
„Tausende von Fahrzeugen und Personen werden kontrolliert, Gasflaschen beschlagnahmt und Schmuggelware sichergestellt. “
Und den Part verstehe ich auch nicht ganz, warum sind Gasflaschen auf der Litauischen Seite verdächtig? Weil die Betreffenden den Ballon in Russland steigen lassen, die Gasflaschen im Auto lassen und dann damit auf die Litauische Seite fahren, um die Schmuggelware einzusammeln? Das würde auf eher semi professionelles Verhalten hindeuten, das Equipment während des Grenzübertritts dabei zu haben und ich würde meinen, der Grenzübertritt wäre der geeignete Zeitpunkt zu kontrollieren und ggbf beschlagnahmen.
@lukan
Sogenannte „propane bombs“ sind believe IEDs, darum werden die vermutlich beschlagnahmt.
Mir scheint, die Mitteilung des litauischen Kabinetts wurde nicht von allen sorgfältig gelesen. Die Rede ist ja von nach Litauen eingeführten oder geschmuggelten Ballons, nicht von Ballons, die in Belorus gestartet wurden und dann nach Litauen geflogen sind. Es könnte auch sein, daß belorussische Schmuggler sowieso Lachgas auf EU Gebiet bringen und von Geheimdiensten angestiftet wurden, dabei noch etwas Unfug zu treiben. Razzien, Hinterlandkontrollen etc. sind dagegen sicher ein gutes Mittel. Aber sind die Litauer mit der Ausrufung des Notstands nicht auch über das Stöckchen gesprungen, das ihnen hingehalten wurde? Jenseits der Grenze wird man sich eins in Fäustchen lachen.
Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Litauen könnte in Deutschland anfragen, ob nicht NH 90 (mit MG oder M3M) oder Tiger diese Ballons abschießen könnten. Großartig wehren werden sich die Ballons wohl kaum. Lohnende Ziele. Wenn erst mal einige abgeschossene Ballons untersucht wurden, dann weiß man sehr genau, was drin war.