Reden wir über den Tod

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Immer wieder kommt die Kritik (auch von mir), dass die Bundeswehr in ihren eigenen Publikationen und Medien das Thema Tod und Verwundung ausspart – und dass es vor allem in der Nachwuchswerbung zu wenig eine Rolle spielt, dass Soldaten eben nicht nur bewaffnete Mechatroniker sind, sondern sich darauf einlassen (müssen), zu töten und getötet zu werden.

Deshalb finde ich es nicht nur bemerkens-, sondern auch höchst lobenswert, dass das Bundeswehr-Monatsmagazin Y seine November-Ausgabe genau diesem Thema widmet: Tod und Verwundung. Nicht in heroisierender Form, sondern sehr nüchtern. Einschließlich der Frage, welche Rolle dieses Thema in der Ausbildung spielt. Und ergänzt mit sehr eindrücklichen Bildern der Fotografin Anja Niedringhaus von verwundeten Soldaten.

Dringender Lesetipp. Und danke an die Y-Redaktion für dieses Heft.

Nachtrag: Da es etliche Nachfragen gibt, wie man an das Heft kommt – im freien Handel ist es ja nicht: Zum einen ist es in Teilen online zu finden (und es sollen noch mehr Geschichten aus diesem Heft online gestellt werden). Zum anderen können von der Druckversion einzelne Exemplare angefordert werden bei der Redaktion der Bundeswehr über die E-Mail-Adresse

redaktionbwy-magazin@bundeswehr.org

Nachtrag 2, fast ein Jahr danach: Das Heft gibt es auch online:

https://bc-v2.pressmatrix.com/de/profiles/d503d8132bf0/editions/a8c6227cf7d3aa744dec/pages

77 Gedanken zu „Reden wir über den Tod

  1. Der Trick ist, keine Kriege führen!

    Die Bw ist eben keine Polizei außerhalb der BRD sondern eine Verteidigungsstreitkraft.
    Wenn DEU/EU angegriffen wird, geht es ums Überleben, nicht um das Sterben, obwohl die Wahrscheinlichkeit im Gefecht zu fallen hoch ist.
    Bei all den Einsätzen der Neuzeit, ging es selten bis nie um das Überleben (auch der Bürger), die Wahrscheinlichkeit zu fallen war und ist gering.

    Das Ziel des Normalbürgers in Uniform ist nicht der Krieg, außer in der Apokalypse.

  2. @Memoria

    „Grossman points out that there are great psychological costs that weigh heavily on the combat soldier or police officer who kills if they are not mentally prepared for what may happen; if their actions (killing) are not supported by their commanders and/or peers; and if they are unable to justify their actions (or if no one else justifies the actions for them).“
    Vermutlich kennen Sie dieses Zitat ?
    Die psychologischen Folgen für den einzelnen Soldaten sind umso höher je weniger er sich seiner Bedeutung als Mitglied einer kleinen oder großen Kampfgemeinschaft bewußt ist. Und deshalb gehört das Thema „Töten“ als Unterthema von „Kämpfen“ imho natürlich einerseits in die Führerausbildung und andereseits in die „Systemausbildung“ und die weiterführende Einsatzausbildung in den Verbänden.
    Und auch das Thema „remote targeted killing“ ist nur semantisch „neu“, denn schon Ende der 70er verfügte die Marine über durch Datenlink vernetzte Flügkörpersysteme mit denen man (technisch implementierbar) vom Bunker im Flottenkommando einen Flugkörper von einem Schnellboot ohne „Zutun“ der Besatzung gezielt abfeuern konnte. Nun, diese „Schaltung“ hat die Marine nie implementiert – aber es wurde sehr ernsthaft darüber diskutiert. Fernerhin kennen Sie ja bestimmt das Phänomen des „Strategic Master Sergeant“, der durch seine subtaktische Entscheidung das Feuer auf einen vermeintlichen Gegner zu eröffnen einen strategischen Effekt auslöst, der zentrale Intentionen der höheren Führung konterkariert. McCrystal hatte dazu sehr viel zu sagen.
    Und um auf das o.a. Zitat zurück zu kommen: „Töten“ oder der berühmte „Erste Schuß“ ist imho ein Thema für Menschenführung im Gefecht, von mir aus auch „Innere Führung im Gefecht“ und das gehört eben in die Verbände und die Systemausbildung.
    Die Grundlagen dazu werden natürlich an den Laufbahnschulen gelegt im Rahmen der Führerausbildung. Man sollte Soldaten niemals den Eindruck vermitteln, dass sie „im Prinzip“ Einzelkämpfer sind, das kann ziemlich fatale Folgen haben.

  3. @Zimdarsen | 05. November 2016 – 20:46
    „Der Trick ist, keine Kriege führen!“

    Das ist kein „Trick“, sondern für Gläubige rund um den Erdball ein Anzeichen für das Himmelreich Gottes auf Erden.

    Bis dahin ist es Utopie. Solange Menschen Menschen sind, wird Krieg leider dazu gehören.

    „Die Bw ist eben keine Polizei außerhalb der BRD sondern eine Verteidigungsstreitkraft.“

    Die Bw war traditionell eine Verteidigungsstreitkraft und hat seit gut 20 Jahren die zusätzliche Aufgabe einer Interventionsstreitkraft hinzu gewonnen. Natürlich gibt es (noch) einige Einschränkungen, aber diese fallen ja nach und nach.

    Man muss das nicht mögen, aber es ist die Realität. Und unsere Soldaten auch außerhalb der Kampftruppen auf diese Realität nicht adäquat vorzubereiten ist sträflich :(

  4. @klabautermann | 06. November 2016 – 10:58:
    Da sind wir uns einig. Nur habe ich immer wieder Zweifel, dass diese zentralen Gedanken für Streitkräfte konsequent genug in der Ausbildung vermittelt werden.

  5. @Koffer

    „Das ist kein „Trick“, sondern für Gläubige rund um den Erdball ein Anzeichen für das Himmelreich Gottes auf Erden.“

    Man kann es sich einfach machen. Natürlich gibt es Kriege und es wird sie auch in der Zukunft geben. Die Frage ist, ob man sich beteiligt und wenn ja unter welchen Umständen.
    GG87a ist entstanden durch die Erfahrungen des WK I+II. Ich sehe die Bw nicht als reines Werkzeug der Außenpolitik und deshalb habe ich keine Lust für den Import von Billigprodukte oder Öl meine Kinder zu opfern. Wenn die USA das tun ist das deren Problem.

    „Die Bw war traditionell eine Verteidigungsstreitkraft und hat seit gut 20 Jahren die zusätzliche Aufgabe einer Interventionsstreitkraft hinzu gewonnen. Natürlich gibt es (noch) einige Einschränkungen, aber diese fallen ja nach und nach.“

    Das sehe ich anders auch die Erfahrungen der letzten 20Jahre zeigen, dass Militär keine Lösungen schafft. Das Gegenteil ist der Fall, man hat nach dem Krieg keinen Frieden durch Waffen geschaffen.
    Ich gebe mein Leben um mein Land vor einem Angriff zu schützen, aber nicht für Interessen von wem auch immer.

  6. @Zimdarsen | 06. November 2016 – 23:32
    „Ich gebe mein Leben um mein Land vor einem Angriff zu schützen, aber nicht für Interessen von wem auch immer.“

    Eine nachvollziehbare, prinzipienfeste Position (keine Ironie!).

    Aber nicht mit der Verfassungswirklichkeit gem. aktueller Auslegung von BReg, BT und BVerfG in Übereinstimmung zu bringen.

  7. Frage in die Runde: der Bahnhofsbuchhandel (sowohl in DD als auch in B und F) sagt er kann das Heft nicht beziehen. Die Bundeswehr hüllt sich auf Anfrage nach Bezugsmöglichkeit in Schweigen. Weiß jemand wo man das Heft bestellen kann?

  8. Siehe Nachtrag oben; einzelne Exemplare können direkt bei der Redaktion der Bundeswehr angefordert werden.

  9. @Koffer

    Sehe ich so nicht, denn auch die Beschlüsse der Gerichte haben als Grundlage das Grundgesetz und dieser Gesetzesrahmen unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von denen der Streitkräfte der USA und RUS.

    Einsätze im Rahmen der Flüchtlingshilfe, UNO oder Ausbildung sehe ich da eher unproblematisch. Da ist töten oder getötet werden eher Lebensrisiko als bewußtes Opfer des eigenen Lebens oder der Anvertrauten.

  10. War das Y-Magazin nicht mal eine frei käufliche Zeitschrift? Wann und warum hat man das geändert?
    Danke für die Bezugsinformationen!

  11. @Zimdarsen 14:10

    Sie wollen jetzt hier aber nicht ernsthaft zum wiederholten Male eine Diskussion zur Rechtmaessigkeit von Einsaetzen der Bundeswehr im Rahmen von Buendnissen, Allianzen kollektiver Sicherheit oder nach Mandaten der Vereinten Nationen ausbuddeln? Deren Konformitaet nach Grundgesetz und hoechster Rechtsprechung wurde in der Vergangenheit nun lang und breit zu den verschiedensten Gelegenheiten hier ausgewaelzt.

  12. Der Frankfurter Societätsverlag (also die FAZ) bietet einen Abobezug des Y-Magazins unter folgendem Link an:
    https://www.fs-medien.de/y_punkt_abo.php

    Auf der Bundeswehrwebseite gibt es auch eine Abomöglichkeit. Da der Aufruf des Linkverkürzers mir zur Zeit nicht möglich ist verzichte ich auf den Link.

    Anmerkung: die Listung beim Frankfurter Societätsverlag legt nahe, dass nicht mehr die Medienagentur Kircher-Burkhardt das Magazin betreut.

  13. @ Fux:

    Wie kommen Sie darauf, dass Zimdarsen die Legalität von Auslandseinsätzen bestreitet? Er bestreitet ihre Sinnhaftigkeit. Das ist sein gutes Recht und in meinen Augen liegt er damit völlig richtig. Mal ganz von der Tatsache abgesehen, dass man in den letzten gut 15 Jahren „Pflicht“ und „Kür“ der Bundeswehr strukturell und ausrüstungsmäßig komplett verdreht hat.
    Das hat übrigens auch direkte Auswirkung auf diesen „Faden“ hier, da man offenkundig der Versuchung erlegen ist, den Streitkräften nach dem Ende des Kalten Krieges dadurch vermeintlich verlorengegangene Legitimität wiederzugeben, indem man sie Polizeiaufgaben im Rahmen von Auslandseinsätzen übernehmen lässt. Polizeirecht unterscheidet sich jedoch grundsätzlich vom Humanitären Völkerrecht, insbesondere, was Töten und Getötet-Werden anbetrifft.

  14. @Hans Dampf | 07. November 2016 – 15:17
    „Wie kommen Sie darauf, dass Zimdarsen die Legalität von Auslandseinsätzen bestreitet?“

    Weil er mit seiner Aussage „Ich gebe mein Leben um mein Land vor einem Angriff zu schützen, aber nicht für Interessen von wem auch immer.“ sich außerhalb des derzeitigen verfassungsrechtlichen Rahmens begibt.

    Unabhängig davon ob es einem gefällt oder nicht haben BReg, BT und BVerfG in den letzten 20 Jahren das Grundgesetzt so „fortentwickelt“, dass die Verteidigung/Durchsetzung deutscher Interessen im Ausland auch dort eine soldatische Pflicht darstellt, wo sie nicht mit der Landesverteidigung in Verbindung gebracht werden kann.

    Nochmals: man kan das mögen oder nicht. Aber es ist rechtlich und politisch „the law of the land“ und daran müssen sich Soldaten nun einmal halten.

    Wer das nicht möchte, kann als BS jederzeit seinen Abschied nehmen…

  15. @Koffer

    Wo hat das BVerfG in den letzten 20 Jahren das Grundgesetzt so „fortentwickelt“, dass die Verteidigung/Durchsetzung deutscher Interessen im Ausland auch dort eine soldatische Pflicht darstellt, wo sie nicht mit der Landesverteidigung in Verbindung gebracht werden kann?

    Und ich meine Landesverteidigung auch als Bündnisverteidigung im Rahmen kollektiver Sicherheit. Auch habe ich klar gestellt, dass ich Einsätze im Rahmen der Flüchtlingshilfe, UNO oder Ausbildung eher unproblematisch sehe.

    Nochmal es ging nicht um den Einsatz als solcher, sondern um Kampfeinsätze mit hoher Wahrscheinlichkeit Opfer öde Täter zu werden. Es geht mir letztlich nicht um Gesetze oder Beschlüsse, sondern um MEIN Gewissen. Wir Bundeswehrsoldaten sind eben nicht für beliebige Interessen einsetzbar. Bis jetzt achtet der BT ganz gut drauf und rückblickend hätte auch der BT einiges anders entschieden.

    Ich bin kein Söldner und kein US Marine.

  16. @Zimdarsen | 07. November 2016 – 22:17
    „Und ich meine Landesverteidigung auch als Bündnisverteidigung im Rahmen kollektiver Sicherheit. Auch habe ich klar gestellt, dass ich Einsätze im Rahmen der Flüchtlingshilfe, UNO oder Ausbildung eher unproblematisch sehe.“

    Es geht nicht darum was SIE für unproblematisch sehen oder nicht.

    Es geht darum, was die hierfür zuständigen Verfassungsorgane (BReg, BT und BVerfG) für umproblematisch halten.

    Wenn Sie damit nicht zufrieden sind, stehet es Ihnen als BS jederzeit frei Ihren Abschied einzureichen. Ansonsten empfehle ich Ihnen Ihre Pflicht zu tun.

    Für mich ist diese Diskussion damit erledigt.

  17. Das Y-Magazin ist schon seit 2009 nicht mehr am Kiosk erhältlich. Wohl aber, wie hier richtig datgestellt wurde, nach wie vor für jedermann im Abo.

    Betreut wird die Publikation von der Berliner Agentur C3 Creative Code and Content (ehem. KircherBurkhardt).

  18. @Koffer

    Um was es ihnen geht ist mir relativ egal, denn für gewöhnlich entscheidet hier jeder selbst über seinen Beitrag zur Diskussion und das Thema war „Reden wir über den Tod“ (nicht über BT und Gerichte).

    Bis jetzt habe ich meine Entscheidungen bzgl meiner Person selbst getroffen und Dank deutschem Gesetz ist dies mir auch weiterhin möglich, bis zur Entscheidung für wen oder was ICH bereit bin zu sterben. Ich habe mit meinem Auftrag und unserem Gesetz kein Problem.

    Ich prüfe für auch weiterhin die Verbindlichkeit von Befehlen und mein Gewissen ;-)

  19. @ Koffer

    Ich stimme Ihnen normalerweise weitestgehend zu, in diesem Falle jedoch nicht.
    a) Art. 87a = Pflicht; Artikel 24: = Kür. Wenn uns auf dem SOL erzählt wurde, dass nicht der verfassungsmäßige Auftrag struktur- und ausrüstungsbestimmend sei, sondern die „wahrscheinlichen“ Einsätze, so habe ich dazu eine Meinung, die weit über das Attribut „merkwürdig“ hinausgeht.
    b) Für mich ganz persönlich gilt: ich werde mich nicht mehr freiwillig für einen Einsatz melden. Ich habe dies bereits getan und kann nur das bestätigen, was ich schon zuvor als „Außenstehender“ zu glauben dachte: Das ganze bringt 0,0. Es ist eine Verschwendung von Personal, Zeit und Geld.
    c) in Verbindung mit b): Wenn es dienstlich notwendig ist, tue ich, was getan werden muss. Mich aber zum glühenden Verfechter von (sinnlosen) Auslandseinsätzen zu machen, dazu kann mich niemand verpflichten.
    d) Wie oft habe ich schon gehört, dass es die oberste Maxime sei, „wieder alle Männer (und Frauen) heil nach Hause zu bringen“? So sehr ich diesen Ansatz auch begrüße und für nachvollziehbar empfinde: Einen Krieg gewinnt man mit dieser Herangehensweise nicht. Insofern sollte man (sinnigerweise) gleich auf solche Abenteuer verzichten, vor allem dann, wenn das eigentliche „Kerngeschäft“ nicht unwesentlich darunter leidet.

  20. @Hans Dampf | 08. November 2016 – 22:38
    „c) in Verbindung mit b): “

    Sie müssen kein „glühender Verfechter“ sein.

    Sie müssen nur Ihre durch BReg und BT festgelegte Pflicht tun und diese Pflicht beschränkt sich nicht (mehr) auf Landes-/Bündnisverteidigung.

    Wie Sie sich dabei „fühlen“ ist ihre persönliche Entscheidung und wie Sie als „Staatsbürger“ politisch damit umgehen ebenfalls.

    d) Natürlich kann die oberste Maxime NICHT sein alle „heil nach Hause zu bringen“. Die oberste Maxime muss für einen Soldaten sein, den Auftrag zu erfüllen.

    Natürlich mit den geringsten Verlusten, aber eben den Auftrag zu erfüllen.

    Ich denke, da sind wir uns einig.

  21. @ Koffer:

    In der Tat, da sind wir uns einig :-)! Ich hoffe nur, dass „die Politik“ gelernt hat, dass man „uns“ nur in Einsätze schicken sollte, bei denen eine realistische Chance besteht, sie auch erfolgreich zu Ende zu führen – und uns die entsprechenden Mittel dafür an die Hand zu geben. In Bezug auf Mali wird sich zeigen, ob diese Hoffung berechtigt ist oder nicht.

  22. @Hans Dampf | 09. November 2016 – 11:08
    Hoffe ich genauso (habe allerdings in der aktuellen Situation wenig Hoffnung…).

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