RC N Watch: Rückschlag für die Pakistan-Route

Die USA haben heute bekannt gegeben, dass sie ihr Unterhändler-Team für die US- und ISAF-Nachschubrouten aus Pakistan abgezogen haben. Auch wenn der Pentagon-Sprecher betonte, auf Arbeitsebene gingen die Gespräche weiter: für eine Wieder-Eröffnung der Verbindungen zwischen Afghanistan und den Häfen Pakistans scheint es derzeit nicht allzu gut auszusehen. Selbst wenn es tatsächlich ein Agreement in concept, eine Grundsatzvereinbarung, geben sollte …

Das erhöht den – zumindest gefühlten – Druck auf die Alternative, die Routen von und nach Afghanistan über das Northern Distribution Network, den Norden Afghanistans und die zentralasiatischen Republiken. Und das macht den Knotenpunkt des Nordens, das Camp Marmal bei Masar-i-Scharif, um so bedeutender. Vor allem aber, aus deutscher Sicht: Es dürfte sich auch auf Überlegungen auswirken, wie angesichts der Bedeutung des mit zahlreichen deutschen Soldaten besetzten Umschlagspunktes Camp Marmal eine deutliche Reduzierung der Bundeswehr möglich wird, wenn für den Abzug, pardon, die Rückverlegung überwiegend über den Norden gerade dieses Camp wichtiger wird.

(Nebenbei noch ein deutsches Problem: Die Verhandlungen für Transporte über Usbekistan dürften damit nicht einfacher werden. Und bereits jetzt hat dieses Land einige Transporte an seiner Landgrenze zu Afghanistan gestoppt.)

 

10 Gedanken zu „RC N Watch: Rückschlag für die Pakistan-Route

  1. Mazar wird sicherlich für den Abzug notwendig sein aber es müssen ja nicht deutsche Soldaten sein die die Rückzugswege dort sichern.

    Problematischer sind andere Aspekte:
    – Die USA spielen jetzt anscheinend „Hardball“ mit den Pakistanis. Der U.S. Verteidigungsminister Panetta hat den Pakistanis schon fast offen mit Krieg gedroht. Das kann durchaus noch eskalieren.
    – Das Nadelöhr des Abzuges ist der Salang Tunnel:

    So a tunnel built to handle 1,000 vehicles a day, and until the Pakistani boycott against NATO in November was handling 2,000, now tries — and often fails — to let 10,000 vehicles through, alternating northbound and southbound truck traffic every other day.

    “It’s only a matter of time until there’s a catastrophe,” said Lt. Gen. Mohammad Rajab, the head of maintenance for the Salang Pass. “One hundred percent certain, there will be a disaster, and when there is, it’s not a disaster for Afghanistan alone, but for the whole international community that uses this road.”

    With the increased traffic and the deterioration of the roads it has caused, a journey that used to take a day, from Kabul to Hairatan, a fuel and freight depot town on the northern border with Uzbekistan, now requires eight to 10 days for trucks, according to interviews with many drivers. For cars it takes two days.

    – Der alternativlose Abzug über den Norden gibt den Ländern dort beliebige Erpressungsmöglichkeiten. Bei den Kleineren kann man das Problem mit Geld (mehr Geld, noch mehr Geld) bewältigen. Die Russen können und werden das aber natürlich auch nutzen um globalpolitische Dinge in ihrem Sinne zu bewältigen.

  2. Wie meinte ein Cartoon in der WP neulich:

    Sollten die Iraner die Atomkrise weiter eskalieren lassen kommen sie als Abzugsroute auch ins Gespräch.

  3. Umso teurer der Heimransport wird, umso mehr wird in Afghanistan gelassen.

    Bis Ende Sommer, wenn die USA mehr als 20.000 Soldaten abziehen wollen, muss eine leistungsfähige Abzugsroute funktionieren.

  4. @b:
    Nach Sichtweise der Bundeswehr sollen die jeweiligen Staaten ihre Konvois durch RC-N selbst sichern. Ob das durchzuhalten ist bleibt abzuwarten.
    Heißt zudem im Umkehrschluss: Wir müssen das mit unseren Konvois auch tun.
    Nur mit welchen Kräften? Die Kampftruppe wird in den nächsten Wochen nochmals reduziert (ASB zu PATF, siehe auch „aktuell“ von dieser Woche).
    Nun ist ja auch TdM für ein Abzugsmandat – inkl. Schutzkomponente.
    Aber was heißt das praktisch???
    Zudem werden wir zumindest Reserven für die „Reisenden“ vorhalten müssen (der alte Grundsatz `alle Ebenen bilden Reserven` ist ja auch nicht mehr überall präsent…).

    Zeit für Entscheidungen in Berlin und Potsdam, denn zum neuen Mandat (Januar 2013) sollten die Vorbereitungen bereits laufen.

    Den von Ihnen zitieren Bericht zum Salang-Tunnel hatte ich auch mit Interesse gelesen.
    Wenn man sich anschaut wie umkämpft der Tunnel während des letzten Krieges war, wundert man sich noch mehr warum der Salang-Tunnel in den letzten 10 Jahren nicht einmal rudimentär instandgesetzt wurde.
    Eins scheint klar: Der von der Bw angedachte Rückzug aus der Fläche gilt vielleicht für PRTs, aber nicht für die (Kampf-)Truppe (insbesondere „Berater und Unterstützer“ und VerbElem/LNO).

    Es bleibt spannend, aber nicht alle sollten warten bis es zu spät ist.
    Auch wenn ich davon ausgehe, dass PAK seine Grenze am Ende doch öffnet.

  5. Gleichzeitig ist auch in den ANSF die Ansicht verbreitet, dass die ausländischen Truppen 2014 komplett (!) abziehen: http://www.dailyherald.com/article/20120611/news/706119968/

    Im Jahr 2013 werden die INS den Druck auf die ANSF aufrechterhalten und – wo möglich – verstärken, um der Bevölkerung zu zeigen wer stärker ist. Gleichzeitig wird ISAF dann Selbstbeschäftigung auf noch höherem Niveau betreiben (Container zählen, statt draussen sein).

    Die auch von der Bw vertretene Ansicht der Gegner sei geschlagen, weil er nicht mehr in offener „Feldschlacht“ gegen ISAF antritt, ist eine womöglich verheerende Fehleinschätzung.

  6. In diesem Zusammenhang ist die Annäherung zwischen Russland und Pakistan eine bedenkenswerte Entwicklung.

    Falls die sich zusammentun und den Nachschub aus irgendwelchen Gründen blockieren bleibt nur noch der Weg über Chabahar. Zum Glück haben die Inder den Hafen ja renoviert und ein Teil des Nachschubs scheint ja auch schon darüber zu kommen.

    Geopolitisch wäre das eine interessante Variante.

    Die WSJ hat heute eine kleine Geschichte über SHER KHAN BANDAR das ja im Zuständigkeitsbereich der Bundeswehr liegt.

  7. kurz zum Salang – der wird jedes Jahr instand gesetzt, aber im Winter (einfach aufgrund der Klimaverhaeltnisse in der Hoehe) und durch den enormen Verkehr zerlegt sich die Strasse dann wieder. Das ist aber nur ein Teil des Problems (und es stimmt nicht, dass man von Kabul mit dem Auto zwei Tage nach Hairatan braucht. Wenn man morgens frueh ueber den Salang faehrt und ein bisschen Glueck hat ist man Mittags in PEK und von da braucht man nochmal drei bis Hairatan). Der enorme Problem ist das andere – afghanische LKWs werden ja gefahren solange sie sich noch bewegen, das bedeutet man hat alles von altersschwachen Murmeln in Schrittgeschwindigkeit bis hin zu modernen Benz-Brummis aus Deutschland. Und die ueberholen sich, verkeilen sich ineinander, haben Pannen (die natuerlich gemuetlich an Ort und Stelle behoben werden, soweit moeglich, ansonsten wartet man – aber der Laster bleibt solange stehen) oder kippen mal um, weil der Fahrer eine Boeschung hinabgerauscht ist.

    Die Verbindung aus stellenweise nicht mehr LKW-tauglichem Strassenbelag und dem Verkehrandrang bewirkt dann den totalen Infarkt. An manchen Stellen koennen LKWs nur noch immer nur in eine Richtung durchfahren, weil der Strassenbelag auf der anderen Seite soweit abgefahren ist, dass die Stahlstangen wie Spiesse daraus hervorragen (und das in den Pfuetzen im staubigen Dunkel der Tunnel…).

    Als Konsequenz sperrt die Pass-Polizei die einzelnen Tunnel immer mal wieder fuer ein paar Stunden fuer die eine Richtung und laesst nur die Gegenrichtung durch.

    Wenn man jetzt weiss, dass man 2014 enorm viel Material dortlang bewegen muss, kann man durch Teilrenovierung der Strassen (wie in fast jedem Jahr – aber diesmal moeglichst NACH dem Winterwetter) sowie geschickte Regulierung (etwa absolute Vorfahrt fuer LKWs und Konvois aus dem Sueden, weil die Material transportieren) das ganze noch ein bisschen auffangen.

    Das Chaos am Salang stelle ich mir aber auch als das groessere Problem vor als die – eigentlich vergleichsweise einfach zu bewerkstelligende – Sicherung des weiteren Strassenverlaufs nach Hairatan: Bis zum Rabatak-Pass (an der Grenze von Baghlan zu Samangan) ist es ein bisschen kruesselig, Samangan ist aber fuer die INS schwieriges Gelaende, dort haben sie fast keine Unterstuetzungsinfrastruktur. Kholm (die erste Ortschaft in Balkh) ist eine absolute Jamiat-Hochburg, da haben die INS auch nix zu holen, und dann kommt eigentlich bis Hairatan nur flache Wueste wo die INS wiederum keine Zugaenge zur nahelebenden Bevoelkerung haben. Nur in Hairatan selbst sollte man sich mit der turkmenischen Transport-Mafia gutstellen, aber das macht ISAF ja schon ganz gut…

  8. @ turan saheb | 12. Juni 2012 – 9:27

    Danke. So wirlichkeitsnah hat hier selten Jemand über AFG geschrieben. Obwohl doch hier so viel AFG-Experten berichten …

  9. @turan saheb:
    Einmal mehr vielen Dank für den „Blick ins Gelände“ (einschl. human terrain).
    Eine Nachfrage: Wie bewerten Sie die Lage rundum den „Highway Triangle“ in Baghlan? Auch dort – mit etwas „Ortskenntnis“ – kein Aktionsfeld für INS? Zumindest in den Dörfern östl des Triangle soll es ja eine – vergleichsweise – geordnete INS-Struktur geben.

    Zum Salang-Tunnel: Bei der Instandsetzung dachte ich auch eher an eine Grundüberholung einschl. Beleuchtung und Belüftung.

    Hoffe Sie bereichern die Diskussionen hier wieder öfters!

  10. Aktuelles zur Sicherheitslage nördl. des Salangpass:

    „Am 05.06.12 wurden gegen 23:10 Uhr afghanischer Ortszeit deutsche Kräfte rund 40 Kilometer südlich des ungarisch geführten regionalen Wiederaufbauteams (Provincial Reconstruction Team / PRT) Pul-e Khumri mit Hand- und Panzerabwehrwaffen beschossen. Die Soldaten marschierten in einem Konvoi zusammen mit amerikanischen Kräften vom Salangpass in Richtung der Forward Operating Base (FOB) Khilagay. Das Feuer wurde erwidert. Es gab keine deutschen Verwundeten. Ein deutsches Fahrzeug vom Typ DINGO A1 wurde durch den Beschuss leicht beschädigt. Der Konvoi setzte seinen Marsch fort.“

    Zeitgleich wird die Umgliederung des deutschen Kontingentes fortgesetzt:
    „Deutsche Kräfte haben bereits mit der Umgliederung in die Partnering and Advisor Task Forces (PATF) Struktur im Rahmen des Security Force Assistance-Konzepts begonnen. Der Aufwuchs und Fähigkeitszuwachs der ANSF wirkt sich auch auf den multinationalen Beitrag aus. Die ANSF sind die Träger der Operationen und werden von ISAF-Kräften nur noch begleitet. Deshalb unterstützen die aus den Ausbildungs- und Schutzbataillonen und den Operational Mentoring and Liaison Teams (OMLT) entstehenden deutschen „Partnering und Advisor Task Forces“ (PATF) die afghanischen Brigaden in Kunduz und in Mazar-e Sharif. Dazu verschmelzen die bisherigen OMLT bei den Brigaden mit dem jeweiligen Stab des Ausbildungs- und Schutzbataillons. Die durch den Senior Mentor der Brigade geführten PATF bestehen jeweils aus einer Stabs- und Versorgungskompanie, einer kampfstarken Partnering-Komponente, die zugleich auch als schnelle Eingreiftruppe (Quick Reaction Unit / QRU) verwendet werden sowie den jeweils bedarfsgerecht aufgestellten und mit Schutzkräften verstärkten Advisor Teams.“

    Quelle: UdÖ 24/12

    „Kampfstarke Partnering-Komponente“. Soso.
    Das sind dann wohl die „hochmobilen und kampfstarken Reaktionskräfte“ – a.k.a. PzGenKp??

Kommentare sind geschlossen.