Die Deutsche Marine: jetzt robuster gegen Piraten

Die Deutsche Marine hat und bekommt im Kampf gegen die Piraterie am Horn von Afrika neue Möglichkeiten: sie kann künftig robuster gegen Seeräuber vorgehen, ob sie nun ein Schiff gekapert haben oder sich an der Küste Somalias auf Kaperfahrten vorbereiten. Von den neuen Möglichkeiten berichtete Konteradmiral Andreas Krause, Leiter des Einsatzführungsstabes im Verteidigungsministerium, am Dienstagabend bei einer Podiumsdiskussion der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin.

Eine der interessantesten Aussagen Krauses: Auf der Fregatte Niedersachsen, unter Kommando der EU-Antipiraterie-Mission Atalanta am Horn von Afrika unterwegs, seien seit einigen Wochen Fähigkeiten im Einsatz, die die Wiederinbesitznahme von Schiffen erlaubten – wie im Fall des deutschen Frachters Taipan, der im April vergangenen Jahres von niederländischen Soldaten nach einer Kaperung befreit worden war (die Piraten stehen derzeit in Hamburg vor Gericht).

Befreiung der Taipan: Wie diese niederländischen Soldaten sollen – und dürfen – künftig auch ihre deutschen Kameraden agieren

Auf der Küstenklatschwelle war schon seit ein paar Wochen bekannt, dass Kampfschwimmer aus Eckernförde an Bord der Niedersachsen sind – bei Nachfragen hatte die Marine das allerdings immer als eine Art Urlaubsvertretung dargestellt: die personell knappen Boarding-Teams der Spezialisierten Einsatzkräfte Marine (SEK-M) sollten entlastet werden, außerdem sollten die Eckernförder auch mit dieser Ecke der Welt vertraut gemacht werden.

Mit Krauses Aussage bekommt das eine neue Qualität. Denn die Niederländer haben bei der Befreiung der Taipan etwas gemacht, was die Deutschen bislang nicht tun: ein Schiff trotz möglicher bewaffneter Gegenwehr gestürmt, auch wenn der Kapitän der niederländischen Fregatte Tromp zuvor die Lage sehr genau untersucht hatte (auch mit Hilfe eines deutschen Seefernaufklärers) und die bewaffnete Gegenwehr nicht wahrscheinlich schien; zudem hatte sich die Mannschaft im Schutzraum verschanzt. Von der bisherigen Beschränkung auf das compliant boarding, also dem Betreten des Schiffes mit Zustimmung der Besatzung, geht die Deutsche Marine damit zum non-compliant boarding über. Auch wenn, um in der Fachsprache zu bleiben, das opposed boarding – also das Stürmen gegen Waffengewalt – vorerst ausgeschlossen bleibt.

Und noch in einem weiteren Punkt werden die EU-Marineeinheiten, und damit auch die Deutschen, nach Krauses Worten künftig robuster gegen die Piraterie vorgehen können: Der Operationsplan für Atalanta werde derzeit überarbeitet, sagte der Admiral. Mit dem Ergebnis, dass man in Kürze die Grundlagen für das Handeln von NATO und EU viel besser vergleichen kann.

Was das konkret heißt? Das hat die NATO im April gezeigt: gezielte Angriffe auf Piratenschiffe direkt an der somalischen Küste, Überwachung der Ankerplätze und der Strände – und der Versuch, mit Waffengewalt den Piraten den Weg auf See hinaus zu verwehren. It was seen as crucial for counter-piracy forces to strike to help prevent pirates getting out to sea to prey on merchant shipping transiting the area.

Demnächst also vielleicht die Niedersachsen mit dieser Aufgabe. Dabei muss bei solchen Missionen ja noch nicht mal unbedingt ein Schuss fallen, wie aus der heutigen Mitteilung der NATO zu sehen ist:

Last week, a fully equipped pirate action group heading from the Somali coast into the Indian Ocean was intercepted and disabled by the American warship USS BAINBRIDGE, part of NATO’s task force supporting Operation Ocean Shield, NATOs counter piracy mission. When hailed to stop by the USS BAINBRIDGE the pirates surrendered to the NATO warship without any shots being fired. Subsequently the crew of the dhow comprising 15 hostages were released. Tasked with a surface search mission along the Somali coast to suppress pirate action groups and prevent them from putting to sea, the crew of USS BAINBRIDGE observed a suspicious dhow as she headed out to sea under the cover of darkness. Maintaining a strategic distance so as not to alert the suspected pirates to her presence the USS BAINBRIDGE followed the dhow until it was well off the coast of Somalia. At first light with the ship’s Seahawk helicopter providing air cover a boarding team from the US warship approached the dhow.

On sighting the naval forces approaching their dhow the pirates quickly surrendered and USS BAINBRIDGE was able to establish communications with the master of the vessel. The Pakistani master claimed to have been pirated over six-months ago and his vessel used as a mother ship to attack merchant ships.

During a search of the dhow to ensure that all pirates were accounted for the boarding team found fifteen Pakistani crewmembers and seven Somali pirates on board as well as seven fully loaded AK47 assault rifles, two Rocket Propelled Grenade launchers, seven grenades, and several ammunition canisters as well as ladders and grappling hooks used to climb aboard ships that are to be attacked. The pirates confirmed that they had replenished the day before with ten barrels of fuel. This tied in with earlier observations by the NATO warship which had seen several dhows at the pirate camp exchanging fuel barrels with small skiffs.

5 Kommentare zu „Die Deutsche Marine: jetzt robuster gegen Piraten“

  • Tongue   |   11. Mai 2011 - 19:26

    Wenn ich richtig informiert bin, wird die jetzt offensichtlich erworbene Fähigkeit als „opposed boarding““bezeichnet, also Boarding auch bei zu erwartendem Widerstand. Diese Fähigkeit war von Anfang an für die Kampfschwimmer vorgesehen, nicht für die Boardingkompanie.

  • Roman   |   11. Mai 2011 - 21:19

    Und wie sollte das in der Realität funktionieren? Sollten die Kampfschwimmer dann erst eingeflogen werden, wenn irgendjemand Bedarf angemeldet und genehmigt bekommen hätte?

    Und wieviele einsatzbereite Kampfschwimmer mag es wohl tatsächlich geben?

  • Seestratege   |   11. Mai 2011 - 21:49

    @Roman:
    Spezialkräfte müsen nicht unbedingt immer an Bord sein, auch wenn dies bei genauem Lesen der Aussagen von Admiral Krause in diesem Fall Nahe liegt.

    Der Fachmann schweigt natürlich über Details der Prozedere und Stärke, da dies den Kameraden der Spezialkräfte keinen guten Dienst erweist. Aber die „Insertion“ über weite Entfernung – so kann man der einschlägigen Literatur bspw. über die US-NAVY-Seals entnehmen – ist gerade eine Stärke dieser Truppe.

    Und ja, „opposed boarding“ macht nach meinem letzten Stand der Informationen keine Boardingkompanie (oder Seebtl, wie es künftig wieder heissen soll). Was nicht heisst, das in einem solchen Falle keine sinnvollen Aufgaben für diese Jungs vorhanden wären (sichern des Umfeldes etc.).

  • Tongue   |   12. Mai 2011 - 15:20

    Zitat Roman: „Und wieviele einsatzbereite Kampfschwimmer mag es wohl tatsächlich geben?“

    Das weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass diese Truppe keine Personalsorgen hat.

  • Zivi a.D.   |   13. Mai 2011 - 9:18

    Kleine Ergänzung: Die Betreiber an der Front scheinen jetzt tatsächlich konsequent auf armed guards auf ihren Schiffen zu setzen. Zumindest haben sich gestern (12.5.) Sprecher von Ahrenkiel (Kpt. Christian Suhr) und Interorient Navigation (Kpt. Carsten Gierga) sich auf dem Podium einer Tagung zum Komplex Schiffsmanagement / Schiffsfonds ziemlich deutlich geäußert, vor allem Suhr, der folgende Punkte machte:
    – Die Reederei hat zunächst mit den betroffenen Besatzungen und Schiffsführungen gesprochen, dabei soll sich eine ganz klare Präferenz für die armed guards ergeben haben.
    – Der Einsatz der Sicherheitsleute sei dann mit dem Flaggenstaat Liberia verhandelt worden und eine entsprechende Vereinbarung über den Einsatz der guards getroffen worden.
    – Schlussendlich habe auch der Versicherer zugestimmt.
    Derzeit sucht Ahrenkiel offenbar nach der richtigen Security-Firma, die die Standards erfüllt, die sich aus den Vereinbarungen und Absprachen ergeben.
    Alles in allem klang das sehr konkret.