RC N Watch: Bundeswehr verletzt zivilen Trucker in Baghlan

Bei Pol-e-Khumri in der nordafghanischen Provinz Baghlan ist heute ein ziviler Lastwagenfahrer von Bundeswehrsoldaten verletzt worden. Nach Angaben des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr hatte der Sicherungssoldat im letzten Fahrzeug eines Konvois auf den Lastwagen einen Warnschuss abgegeben, weil der Fahrer zu dicht auffuhr und auch auf Lichtsignale den Sicherheitsabstand nicht eingehalten habe. Dabei sei der Zivilist am Bein verletzt worden. Inzwischen werde er im deutschen Einsatzlazarett in Masar-i-Scharif behandelt.

Bei der afghanischen Nachrichtenagentur Pajhwok ist allerdings zu lesen, die afghanische Polizei habe den Verletzten mit seiner Schusswunde gefunden, während die Deutschen schon weitergefahren seien. Die Einzelheiten bleiben noch unklar; es scheint aber festzustehen, dass der Mann zunächst zur Behandlung in ein ziviles Krankenhaus gebracht wurde, ehe er in das deutsche Feldhospital kam.

Pajhwok hat auch noch eine andere Meldung aus dem RC North (leider nur für Abonnenten lesbar): Bei einer gemeinsamen Operation von afghanischer Polizei und deutschen Spezialkräften, also Task Force 47 bzw. KSK, im Dorf Khalazai im Distrikt Char Darrah bei Kundus seien sechs Aufständische festgenommen worden. Nach Angaben des Polizeichefs von Kundus sei unter ihnen ein Pakistani mit dem Namen Hayatollah, der als Experte für Sprengfallen gelte. Die Festgenommenen seien anschließend Journalisten vorgeführt worden.

19 Kommentare zu „RC N Watch: Bundeswehr verletzt zivilen Trucker in Baghlan“

  • J.R.   |   22. Dezember 2010 - 23:18

    Wow, dass die Bundeswehr tatsächlich noch Fahrzeugschützen auf VBIEDs ansetzt ist in der Tat abenteuerlich. Da ist’s dann auch keine Überraschung, dass sowas bei rauskommt; zum Glück ist nicht mehr passiert. (Nebenbei: Warnschuss ins Führerhaus?)

    Warum diese Herangehensweise nicht funktioniert wird ja auf etwa auf Free Range International fast gebetmühlenartig angeführt, etwa in Tactics, Technics and Procedures oder Collateral Damage.
    Nebenbei, wie es sich anfühlt von so einer Fahrzeugwaffe ins Visier genommen zu werden kann man in diesem Washington Post-Artikel nachlesen. Darüber, von einer beschossen zu werden, hat’s von Tim Lynch einen kurzen Abschnitt.

  • StFwdR   |   23. Dezember 2010 - 8:46

    Also die einfachen Spielregeln der Veranstaltung sollten nach so langer Zeit eigentlich allen Beteiligten klar sein, insbesonders Truckern die tagtäglich in solche Situationen kommen.

    In einem anderen Forum las ich hierzu : „Lernen durch Schmerzen“

    Ist zynisch aber wahr.

    Und das es nicht witzig ist ins Visier genommen zu werden oder gar beschossen zu werden ist klar, jedoch durch eigenes Verhalten begründet.

    Und wie sollte ein Konvoi am Ende denn sonst geschützt werden?

  • mietsch   |   23. Dezember 2010 - 9:12

    „Wow, dass die Bundeswehr tatsächlich noch Fahrzeugschützen auf VBIEDs ansetzt ist in der Tat abenteuerlich.“

    Vom Hügel hoch, da kotzt der Rabe…
    Die angesprochenen Beiträge stammen von 2008 und 2009. Auch nicht gerade aktuell, wenn sich TTPs alle paar Monate ändern.

    „Da ist’s dann auch keine Überraschung, dass sowas bei rauskommt; zum Glück ist nicht mehr passiert. (Nebenbei: Warnschuss ins Führerhaus?)“

    Schon mal von einem sich bewegenden Fahrzeug auf ein sich bewegendes Ziel geschossen?

    Ich sage nur „Innendienstgeneral“…

  • J.R.   |   23. Dezember 2010 - 10:49

    Punkt 1: Und wie viele Tote braucht es, bis das Land irgendwann gelernt hat, wie es den ISAF-Truppen zu gefallen hat? Mit Verlaub, das ist die Denkweise einer Besatzungsmacht.

    Punkt 2: Wie soll ein Soldat ein ziviles Fahrzeug von einem Selbstmordattentäter unterscheiden? Das kann er doch gar nicht. Nach allem was man hört ist der Fahrstil der meisten Afghanen aus westlicher Perspektive selbstmörderisch. Dazu dann noch die eingeschränkte Wahrnehmung eines Fahrzeugschützen. Und selbst wenn genug Zeit gewesen wäre (was ja bei einer Annäherung von hinten statt „schlauerweise“ von vorne oder der Seite ja noch denkbar gewesen wäre): Der Soldat dürfte noch keine zwei Monate in Afghanistan sein, und der soll im afghanischen Verkehr Muster erkennen?

    Punkt 3: Zumindest die alte Lafette des Dingo war für sowas denkbar ungeeignet, mit Handkurbel und einer Einbauweise, bei der man beim Rückwärtsschiessen nicht im Sitz sitzen bleiben konnte. Und ob es etwa bei einem Fuchs Sinn macht, einen Fahrzeugschützen VBIEDs auszusetzen, die er im Inneren des Fahrzeugs wohl deutlich wahrscheinlicher überstehen würde…

    Das sind alles gute Gründe, nicht zur Eigensicherung des Konvoys gegen VBIEDs auf Afghanen zu feuern. Dass auch Warnschüsse gefährlich werden können (und nicht nur durch Treffer, sondern auch durch Unfälle bei überstürzten Ausweichmanövern) unterstreicht die Widersinnigkeit nur.

    Nach der Statistik fragt man da ja lieber nicht:
    Wieviele VBIED-Angriffe auf Konvoys gab es in Nordafghanistan denn? Wieviele mit schwerfälligen Lastwagen, von hinten? Und wieviele VBIED-Angriffe auf Konvoys in ganz Afghanistan wurden von Fahrzeugschützen verhindert?
    Mein Stand ist jeweils Null, aber vielleicht weiss das ja jemand besser.

    Warum man trotzdem an der Praxis festhält? Ich weiss es nicht. Kann mir ja mal wer erklären, was die bringen soll. Ein Selbstmordbomber mit Hirn wird einfach warten, bis er auf Höhe des Konvoys ist , und sich dann in die Luft jagen. Da seh ich schlicht nichts, was die ISAF-Soldaten dagegen tun könnten.

    Außer auf unauffällige Fahrzeuge umsteigen. Oder mit afghanischen Fahrzeugen im Konvoy unterwegs sein, und hoffen dass das den Bomber abschreckt.

    Nur weil es außer Panzerung oder Unauffälligkeit keinen Schutz gegen VBIEDs gibt aus blindem Aktionismus auf Afghanen zu schiessen? Kann’s wohl nicht sein. Noch ärgerlicher: Ausbaden darf das dann der Schütze, der nichts anderes getan hat sich an ein fehlerhaftes Regelwerk zu halten, an dem die Behörden-Armee wohl auch weiterhin festhalten werden wird. (Und da wundert sich dann einer, wenn für die Soldaten vor allem Mitleid empfunden wird…)

    Nebenbei: In der New York Times hat’s einen Artikel von Mai 2010, der sich mit den zivilien Toten und Verletzten durch Feuer an ISAF-Straßensperren und -Konvoys befasst: Shootings of Afghans on Rise at Checkpoints. Auszüge:

    „Bei Konvoy- und Straßensperren-Schießereien wurden dieses Jahr mindestens 28 Afghanen getötet und 43 verwundet – 42 Prozent der zivilien Toten und Verwundeten insgesamt, und der größte Posten an Verlusten durch die amerikanischen und NATO-Truppen, laut vom Militär geführten Statistiken.“ (dieses Jahr = die ersten vier Monate)

    „Seit letzten Sommer hatte keiner der Afghanen, die bei Konvoy- oder Strßensperren-Schießereien getötet oder verwundet wurden, eine Waffe dabei, die für die ihn tötenden Truppen eine Gefahr dargestellt hätte, sagten Kommandeure.“

    „Eine vor kurzem im Auftrag des Militärs durchgeführte Stude von fast 2000 Einwohnern Kandahars ergab, dass amerikanische und NATO-Konvoys als genauso gefährlich wie Straßenbomben und gefährlicher als Taliban-Straßensperren wahrgenommen wurden.“

  • StFwdR   |   23. Dezember 2010 - 11:13

    Und wieder stellt sich mir die Frage : Was wollen Sie ?

    Unter Punkt 1 monieren Sie das Verhalten als Besatzungsmacht, unter Punkt 2 gehen Sie auf die Schwierigkeiten der Erkennung ein, unter Punkt 3 auf die mangelhafte Ausrüstung und betonen den Eigenschutz und die Gefährdung den VBIED möglicherweise durch den Schuß auszulösen um dann aus Ihrer Sicht aufzuzeigen das es eigentlich gar nicht geht und mit Informationen der NYT den dadurch angerichteten Kollateralschaden zu belegen.

    Na gut.

    Was ist denn Ihre „Leitungslösung“ ?

    Transporte / Konvoi`s etc. müssen sein, also was sollten die Soldaten Ihrer Meinung nach tun ?

    Was ist falsch an der Regel das Konvoi`s ausgewichen wird, und diese nicht überholt werden dürfen ?

    Btw., ist in Deutschland zwar nur noch sehr selten, aber wie verhalten Sie sich hinter einer Panzerkolonne auf einer Bundesstrasse ?

    Dort unten ist ein Konflikgebiet in dem mehr oder weniger intensive Gefechtshandlungen stattfinden, im Gegensatz zu unserem freidlichen Deutschland.

  • J.R.   |   23. Dezember 2010 - 11:46

    Ich will, das eine nutzlose aber schadende Praktik beendet wird.

    Welche – meinem Kenntnisstand nach – auch nur bei den ausländischen Militärs verbreitet ist. Meinem Kenntnisstand nach kommen sowohl die afghanischen Sicherheitskräfte, als auch die von Sicherheitsdiensten begleiteten Ausländer, als auch die ISAF-Zulieferer ohne in den Verkehr feuernde Fahrzeugschützen aus.

    Machen die alle was falsch? Ist deren Leben weniger wert?

    (Und nebenbei: Was wäre hier wohl los, wenn ein US-Konvoy einen Drängler auf der Autobahn einfach von der Straße schießen würde? Aber holla…)

  • StFwdR   |   23. Dezember 2010 - 12:00

    Das sind aber schlechte Beispiele.

    Die afghanischen Sicherheitskräfte haben dafür auch relativ herbe Verluste.

    Sicherheitsdienste die Ausländer begleiten achten in der Regal darauf in unauffälligen, neutralen Wagen durch die Gegend zu fahren.

    Und wie es ausgehen kann wenn ISAF-Zulieferer ohne Sicherung durch die Gegend fahren haben wir bei Kunduz gesehen. Im übrigen haben zumindest die Tankwagenfahrer sich für die IED-anbringenden Motoradfahrer eine Lösung einfallen lassen. Hier wird dann noch mit Schwert gekämpft.

    Also, wenn ich Sie richtig verstehe, dann wollen Sie auf die Sicherungskomponente verzichten und sich sozusagen in den rollenden Verkehr integrieren?
    Am besten dadurch das sie Soldaten es wie die Sicherheitsdienste machen und neutrale unauffällige Fahrzeuge benutzen.

    Ist das Ihre Lösung ?

    Ich sprach nicht von Autobahn, sondern von Bundesstrasse oder Landstrasse, da werden Sie schön respektvoll Abstand halten :-)

  • J.R.   |   23. Dezember 2010 - 13:17

    Die afghanischen Sicherheitskräfte haben dafür auch relativ herbe Verluste.

    Durch VBIEDs auf Konvoys?

    Und wie oft wurde denn die Bundeswehr in Nordafghanistan durch fahrende Fahrzeuge angesprengt? (Ja, das Bus-Attentat in Kabul ist bekannt; dass Konvoy-Schützen eine Lösung gewesen wären, wäre mir neu…)

    Und wie es ausgehen kann wenn ISAF-Zulieferer ohne Sicherung durch die Gegend fahren haben wir bei Kunduz gesehen.

    Wurden die von Selbstmordattentätern in Fahrzeugen angesprengt?

    Also, wenn ich Sie richtig verstehe, dann wollen Sie auf die Sicherungskomponente verzichten und sich sozusagen in den rollenden Verkehr integrieren?

    Was die Sicherung gegen VBIEDs angeht, was spricht dagegen?

    Neu wäre das auch nicht – auf Youtube finden sie bis 2008 Filme von Bundeswehr-Konvoys ohne Fahrzeugschützen (etwa hier). Mittlerweile sind die Bundeswehr-Konvoys halt auch zu einem schwerfälligen Verkehrshindernis geworden, siehe etwa den Arte-Beitrag hier. Wer will kann sich ja mal in die Situation eines Fahrzeugbombers versetzen, und sich fragen, ob ihn die Maßnahmen von einem Attentat abhalten könnten…

    Umgekehrt kann man sich mal den afghanischen Verkehr anschauen. Aus Andkhoi (anegblich recht sicher, an der turkmenischen Grenze) gibt es da zwei aktuelle Videos: innerstädtisch, außerhalb. Ein VBIED wäre da praktisch nicht auszumachen, verdächtige Fahrweisen hingegen hat es da massig.

  • StFwdR   |   23. Dezember 2010 - 16:01

    Ich habe langsam den Verdacht wir reden aneinander vorbei. Sie haben, so scheint es mir schlicht eine falsche Vorstellung von den Aufgaben der Sicherung.

    Die Sicherung soll nicht „verdächtige Fahrweisen“ erkennen, sondern schlicht und einfach den restlichen Verkehr auf Abstand halten.

    Zum einen um den Zusammenhalt der Kolone zu gewährleisten und zum andern um zu verhindern das sich ein Sprengstoffanschlag innerhalb des Konvois ereignet.

    Daher werden folgende Fahrzeuge aufgefordert Abstand zu halten, dies sowohl durch Schilder als auch dur Zeichen. Reagiert der Fahrer nicht, gibt es eine Reaktion und dann : shit happens.
    Entgegenkommende Fahrzeuge werden zum Ausweichen an den Strassenrand veranlasst.
    Ein Verfahren das lange genug im Einsatzland bekannt ist.

    Und ja, dies ist auch eine Erkenntnis des Anschlags auf den Bus
    Und ja, Tankwagen werden zunehmend auch angesprengt, dies teilweise von Motorrädern aus die Magnetladungen anbringen.

    „Was die Sicherung gegen VBIEDs angeht, was spricht dagegen?“

    Erklären Sie das mal den Soldaten .

    Nochmal VBIED sind eine der möglichen Bedrohungen, RPG / AK47 sind weitere.
    Fahrzeuge eine Möglichkeit, aber auch ein Fußgänger kann Sehnsucht nach den Jungfrauen haben.
    Und wenn, was sie ja auch betonen, Selbstschutz eine Rolle spielt, dann stellt nun mal das Militär die Regel auf.

  • Voodoo   |   23. Dezember 2010 - 17:39

    @ J.R.
    Dürfte ich bitte erfahren, wie oft sie schon in Nordafghanistan aus unseren Feldlagern oder denen befreundeter Nationen gerollt sind, um sich so ein umfassendes Urteil erlauben zu dürfen, wie oben gepostet? Mein Verdacht geht in die Richtung, dass das über das sie jetzt gerade schreiben ihnen aus persönlicher Erfahrung gänzlich unbekannt ist – das wäre dann so, als ob Blinde über Farbe schreiben würden, mit Verlaub.

    Wenn sie mal sehen würden, wie ANA Konvois verlegen, dann müssten sie das Wort „Rücksichtslos“ in ihrem Universum neu einordnen. Und nebenbei erwähnt kann man ein VBIED anhand verschiedener Charakteristika sehr wohl erkennen (wobei die Fahrweise eher weniger ausschlaggebend ist).

    Wie schon geschrieben wurde – vom Hügel hoch, da kotzt der Rabe…

  • J.R.   |   23. Dezember 2010 - 19:35

    @ Voodoo
    Da sie wohl nicht behaupten wollen, dass das Vorgehen der Bundeswehr nur für Soldaten der Bundeswehr nachvollziehbar ist, könnten sie auch einfach die Kritik widerlegen.

    Dass es nicht beliebt macht, wenn man als Nicht-Militär ohne Afghanistan-Aufenthalt die Bundwehr kritisiert habe ich mittlerweile mitbekommen, danke. Dass „Besserwisser ohne Erfahrung“ nicht gut ankommen ist in gewissen Maßen ja auch nachvollziehbar. Da die Wirkung des deutschen Engagements und des Bundeswehr-Einsatzes nicht gerade Anlass zum Jubeln gibt werde ich aber wohl weiterhin kritisch bleiben. Und obige Kritik wurde halt nicht nur in einem warmen deutschen Wohnzimmer ersponnen, sondern auch von Leuten mit militärischem Hintergrund und mehr Afghanistan-Erfahrung als der durchschnittliche Bundeswehrsoldat geäußert, und von entsprechenden Statistiken zumindest gestützt.

    @ StFwdR
    Worum sie aber drumherumreden: Wer sich eben nicht an die Zeichen/Gesten hält wird als mögliche Gefahrenquelle verdächtigt, letztlich deswegen beschossen. Und Gefahrenquelle bedeutet da letztlich VBIED, oder seit wann wird die ISAF aus dem fahrenden Verkehr mit RPG / AK47 angegriffen?

    Es geht hier nicht darum, dass die Bundeswehr unbewaffnet oder unaufmerksam sein soll. Und dass es ein beschissenes Gefühl ist, einer Bedrohung ausgesetzt zu sein, gegen die man nichts tun kann, braucht man glaub auch nicht zu diskutieren.
    Aber es ist schlicht kein Grund, zu einem Mittel zu greifen, die eigentlich immer nur Zivilisten verletzt und tötet.

  • StFwdR   |   23. Dezember 2010 - 21:00

    Also ich fasse mal zusammen :

    Sie sind keine „Militär“ haben aber schon mal mit jemanden gesprochen der auch Afgahanistanerfahrung besitzt und zwar mehr als der durchschnittliche Biundeswehrsoldat hat. Dieser und entsprechendes Statistiken stützen Ihr Urteil.

    Ich rede nicht drum herum, sondern habe sie gefragt.

    Und ja, wer sich in einem derartigen Umfeld nicht an bestimmte Spielregeln hält ist verdächtig. Er provoziert damit eine Reaktion, die für ihn unter Umständen das finale Ende des Arbeitstages bedeuten könnte.

    „Eigentlich“ ist ein schönes Wort sugerriert es doch Bestimmtheit aber auch Beliebigkeit.

    Noch einmal in aller Deutlichkeit :

    Bestimmte Spielregeln sind einzuhalten, in einem Krisengebiet sind auf Zeichen von Waffenträgern zu achten und diese zu befolgen, ansonsten trägt derjenige der die Zeichen nicht befolgt für sein Handeln selbst die Verantwortung.

    Btw : Worauf bezieht sich die Afghanistanerfahrung ihres Gesprächspartners Lummerland oder Indianerland ?

  • T.Wiegold   |   23. Dezember 2010 - 21:05

    Meine Herren, schaue hier gerade mal vorbei und wäre dankbar, wenn Sie die Schärfe bisschen rausnehmen könnten…

  • StFwdR   |   25. Dezember 2010 - 8:57

    Bei einem Anschlag im Norden Afghanistans wird unterdessen ein deutscher Entwicklungshelfer getötet. Wie das Bundesentwicklungsministerium mitteilte, geriet sein mit insgesamt vier Personen besetzes Auto in Khaschkargan unter Beschuss. Dabei sei der Mitarbeiter der KfW Entwicklungsbank tödlich verletzt worden. Ein afghanischer Mitarbeiter wurde demnach leicht verletzt. Die Betroffenen koordinierten nach Angaben des Ministeriums den Bau einer Straße. Entwicklungsminister Dirk Niebel sprach in einer Mitteilung von einem „feigen Anschlag“, der sich gegen die Interessen der Bevölkerung richte. Die Tat zeige die Gefahren des Wiederaufbaus in Afghanistan.

    Quelle : http://www.n-tv.de/politik/Ueber-40-Tote-bei-Anschlaegen-article2228966.html

    Es geht auch ohne VBIED, und bei zivilen Organisationen. Ohne Schutz, Sicherheit und Ordnung kommt so etwas dabei raus.

    Den Angehörigen mein Beileid.

    Keine schönen Weihnachten wenn solche Nachrichten zur Kentniss genommen werden müssen.

  • Orontes   |   25. Dezember 2010 - 18:45

    @Orontes
    Die KfW hätte besser bei Frau Käßmann oder bei VENRO um Rat nachgefragt, denn die wissen ganz genau, wie man Frieden ohne Waffen schaffen kann.

  • rado   |   26. Dezember 2010 - 10:32

    Vielleicht wäre Tränengas und Nebel für solche Fälle nützlich.

  • J.R.   |   26. Dezember 2010 - 14:05

    @ StFwdR
    Nach einer Feiertags-Pause mit ein paar mal drüber schlafen dann doch noch ’ne Antwort:

    Nein, ich habe nicht mit jemandem gesprochen, ich habe nur ein paar Leuten die aus Afghanistan berichten zugehört. Einer davon wäre wie oben angeführt halt Tim Lynch, dessen Blog sie vermutlich auch kennen (neben Konvoi-Zwischenfällen dokumentiert er zum Beispiel auch Haftminen-Anschläge auf Tanklaster ;) ). Sie finden aber ähnliche Beiträge auch aus der Coindinista-Ecke, nicht zuletzt dem Stab von McChrystal, und dem ehemaligen ISAF-Oberkommandierenden selbst:
    “In escalation of force incidents, we have never killed an insurgent or a suicide bomber” (Command Sgt. Maj. Darrin Bohn, the senior enlisted adviser at ISAF Joint Command)
    “We have shot an amazing number of people, but to my knowledge, none has ever proven to be a threat”(Gen. Stanley McChrystal)

    Mit Verlaub, die Faktenlage, die derartige reaktive Selbstschutzmaßnahmen (ist das die deutsche Übersetzung von „Escalation of Force“?) rechtfertigen würde ist sehr sehr dürftig.
    Das Ansicht, die Konvoi-Ordnung gegenüber Zivilisten mit Waffengewalt durchsetzen zu müssen, erscheint mir weder ethisch noch militärisch gerechtfertigt.

    Gerade die Argumentation, die Bundeswehr-Soldaten seien halt jene mit den Waffen, und auf die muss man halt hören, greift halt zu kurz.
    Die plumpen Versuche, die Afghanen mit der Waffe auf der Brust zu irgendwas zu zwingen ist doch genau das, was immer wieder nicht funktioniert hat. Und es ist ja nicht so, als ob die Amerikaner in den ersten Jahren des Afghanistan-Engagements das nicht ausgiebig versucht hätten.

    Dazu kommt, dass die Bundeswehr für dieses Aufspielen als „Starker Mann“ (oder auch „Strongest Tribe“) in meinen Augen viel zu schwach aufgestellt ist. Das scheint man bei der Bundeswehr schon 2006/2007, als sie mit rund 3000 Soldaten ihre Kernaufgabe „lediglich“ darin sah, die örtlichen Powerbroker von Kämpfen untereinander abzuschrecken und sie in den politischen Prozess zu drängen, ähnlich gesehen zu haben. Mit gerade mal der Hälfte an Soldaten mehr, dafür aber noch zusätzlich mit diversen Aufständischengruppen als neuem Feind, und alten Kriegsherren die wieder eifrig ihre Milizen aufrüsten, soll das jetzt anders sein?

    Ohne die Unterstützung der Afghanen kann die Bundeswehr nichts erreichen.

    Zumindest einer Interpretation der Afghanistan-Umfrage nach scheint sich in der Bevölkerung der Eindruck breitzumachen, dass die Bundeswehr nur eine weitere Kriegspartei ist, die in Afghanistan „ihren“ Krieg führt, und der das Wohl der Bevölkerung dabei nachrangig ist.

    Gerade von „Schutz, Sicherheit und Ordnung“ scheint bei der Bevölkerung derzeit seitens der Bundeswehr sehr wenig anzukommen. Da hat man lange Zeit im Lager verkrochen, und was jetzt seitens der Bundeswehr unternommen wird (Marder, Haubitze, Höhe 431 und 432) scheint erstmal der Bewegungsfähigkeit der ISAF-Kräfte geschuldet, und erst nachrangig dem Schutz der Bevölkerung. Vielleicht kommt das ja noch. (Anzeichen dafür gibt es ja vereinzelt.)
    Aber derzeit sieht es da noch mau aus, angesichts des bisherigen Bundeswehr-Vorgehens und der Abzugsdebatte darf man da skeptisch sein. An als Bedrohung wahrgenommenen Praktiken ohne Nutzen festzuhalten scheint da symptomatisch.

    Wie sagte ein ISAF-Oberkommandierender: „Zivile Verluste sind wie wir diesen Krieg strategisch verlieren.“ Aber der fand ja auch das Tanklasterbombaredement von Kundus schlecht, der kann ja keine Ahnung haben…

  • StFwdR   |   26. Dezember 2010 - 17:01

    Werter J.R,

    Sie machen es sich ein bischen zu einfach.

    Es bleibt die Frage : Cui bono ?

    Die Strategie der ISAF hat sich beginnend unter McChrystal gewandelt, er verlangte von seinen Soldaten nix anderes als mehr Kontakt zur Bevölkerungund überlegten Waffeneinsatz. Damit wollte er „Kollateralschäden“ verhindern respektive minimieren.

    Hierzu erließ er seine Befehle und Direktiven.

    Was wollte der alte Haudegen damit bezwecken ? Lesen Sie mal seine Vita, dann kommen Sie vielleicht darauf. Oben buckeln und unten treten, seine SOF führten in der Zeit zahlreiche Operationen durch und waren bei der Wahl der Mittel nicht unbedingt zimpertlich.

    Dann kollidierte das ganze mit der deutschen Auftragstaktik.
    Da hat sich doch tatsächlich ein KDR eines PRT erdreistet in einer Lage zu handeln.
    Rein rechtlich und auch faktisch innerhalb der NATO-Befehlsstruktur konnte McChrystal da nichts machen, hat sich doch der deutsche Oberst korrekt verhalten.

    Lediglich einen „Fehler“ hat er begangen, mangels verfügbarer Kräfte hat er das BDA unterlassen. Gem. Befehlslage hätte das innerhalb von zwei Stunden nach dem Luftschlag erfolgen müssen.

    Als McChrystal diese Nachricht erfuhr, noch dazu in einem für deutsche Verhältnisse normalen, militärisch knappen vierzeiler, ist ihm schlicht der Kragen geplatzt.
    Er hat sofort erkannt, das durch den fehlenden BDA ein PR-Gau für ISAF entstehen könnte und hat dann in der Folge aus reinem Selbstschutz den verantwortlichen Offizier den Hyänen zum Fraß vorgeworfen. Begleitet von einem Reporter der WP damit das ganze auch „öffentlich“ stattfindet hat er sich selbst zum Ort des Geschehens begeben.
    Der Rest ist ja bekannt.
    Und?
    Stimmen aus der Region sagen etwas anders als die offiziellne Verlautbarungen vermuten lassen. Es wird wohl nie genau geklärt werden wie viele Menschen dabei tatsächlich zu Tode gekommen sind, aber die Einheimischen, die wenn so viele Kollateralschäden tatsächlich angerichtet worden wäre doch mehr als erzürnt gewesen sein müßten, zollten der BW ja Beifall, längere Zeit war relative Ruhe im Bereich Kunduz.

    Hätte McChrystal auch nur im entferntesten geahnt, wie seine „öffentliche“ Reaktion auf den „fucking german Colonel“ Kreise zieht, hätte er sich vermurtlich zurückgehalten.

    Unsere Presse hat natürlich auch Ihr Scherflein beigetragen, alleine die Vorstellung das McChrystal den G. Ramms angeherrscht haben soll, verursachte bei Insidern Lachkrämpfe.
    Aber dem deutschen Michel hat man es gut verkauft.

    Und da wären wir wieder beim Cui bono.

    Die Politik hat den Auftrag zu diesem Einsatz gegeben. Gleichzeitig fürchtet sie die Reaktion der deutsche Öffentlichkeit.
    Vieles im Bereich der deutschen ( nicht nur da, aber das ist unser Bier ) ist falsch gelaufen, zunächst als Strassen- Brunnen- Mädchenschulenbauer im ehemals ruhigen Norden gestartet, wurde sie beginnend 2007 in die Realität eines bewaffneten Konfliktes gebeamt.
    Daraufhin wurden als Reaktion die Selbstschutzmaßnahmen massiv verstärkt.
    In der Folge ging dadurch der Kontakt nur Bevölkerung verloren, die „Antennen“ im Volk waren weg.

    Hinzu kam, das durch die Kämpfe im Süden die INS in den Norden ausgewichen sind und damit zum Problem für die Bundeswehr wurden.
    Politisch war es so gewollt ( und ich vermute auch angeordnet ) das sich die Bundeswehr so verhalten hat wie es nun mal geschehen ist.

    Das rein defensive Auftreten hat aber dazu geführt, das die ganze Region Kunduz abzurutschen drohte. Andererseits hätte der andere Weg, den INS gegenzuhalten und den eigentlichen Auftrag zu erfüllen zu dem geführt was die Politik unbedingt verhindern wollte, mehr Verletzten und Gefallenen auf beiden Seiten.

    Und was wir heute haben ist das logische Ergebnis dieser Strategie.

    Die USA haben nun das getan was notwendig war um die Region wieder halbwegs zu stabilisieren und entsprechende Kräfte dorthin verlegt. Das die Deutschen das RC behalten können ist mehr oder weniger politisch begründet.

    Andererseits zeigen die Vorfälle des Wochenendes das in der Region „nix gut is“ um bei Frau Käßmann zu bleiben, in einem als ruhig geltenden Bereich wurde ein KfW-Mitarbeiter von INS angegriffen und ist seinen Verletzungen erlegen. Dabei hat er doch alles richtig gemacht, zumindest wenn ich Ihre bisherige Argumentation betrachte.

    Kontakt zur Bevölkerung und Selbstschutzmaßnahmen sind in meinen Augen das Mittel der Wahl, je besser der Kontakt zur Bevölkerung desto weniger Vorfälle wird es geben.

  • Orontes   |   27. Dezember 2010 - 1:15

    @J.R.
    „Das Ansicht, die Konvoi-Ordnung gegenüber Zivilisten mit Waffengewalt durchsetzen zu müssen, erscheint mir weder ethisch noch militärisch gerechtfertigt.“

    Der Schütze handelte offenbar nicht zur Durchsetzung der „Konvoi-Ordnung gegenüber Zivilisten“, sondern zur Abwehr eines vermuteten SVBIEDs. Es wurden bereits mehrfach SVBIEDs vernichtet, die versuchten, sich in Konvois zu drängen, so dass entsprechende Annahmen nicht grundsätzlih abwegig sind (und schon gar nicht ethnisch fragwürdig), wenn ein Fahrzeug entsprechend auffälliges Verhalten zeigt. Die Angaben, dass bei „Escalation of Force“-Vorfällen bislang keine Bedrohungen vernichtet worden seien, bezog sich möglicherweise auf Checkpoints, ist aber für Konvois definitiv unzutreffend.

    Ungekehrt stimmt es aber auch, dass vielen Afghanen offenbar die nötigen kognitiven Fähigkeiten fehlen, um Warnsignale zu verstehen, weshalb diese sich im Straßenverkehr häufig in gefährliche Situationen bringen. Gefährliches Verhalten ist daher kein ausreichender Indikator für einen Attentäter.