„Theorie des Sieges“ für die NATO: Den Angreifer stoppen, nicht bezwingen

Im Falle eines Angriffs auf NATO-Gebiet will die Allianz einen Gegner stoppen – aber ihm nicht zwingend eine strategische Niederlage beibringen. Das ist der Kern der Theorie des Sieges, die der militärische Oberbefehlshaber des Bündnisses, US-General Alexus G. Grynkewich, bei einer Rede in Warschau erläuterte: Es ist einfach. Wir werden den Beginn des Angriffs stoppen.

Die Absicht Grynkewichs war in den vergangenen Tagen bei einigen Medien schon angedeutet worden. Die Rede des SACEUR, des Supreme Allied Commander Europe, am (heutigen) Montag beim Warsaw Security Forum steht hier komplett zum Nachlesen. Die Kernaussage:

As such, my Theory of Victory is simple. We will block the initial attack. If the attack persists, we will blunt it and prevent enemy advance. And if required, we will break the enemy’s forces and the operational warfighting system that is arrayed against us.
To block, our land forces will move to and dominate any enemy assault at the point of contact. Through manoeuvre, we will fix the enemy formations and deny the seizure of Alliance territory. Land-based forces will attack the enemy and destroy his advancing forces, but they won’t be doing this alone.
Our air forces and navies, working in concert with our space and cyber forces, will rapidly gain freedom of manoeuvre. With air and maritime superiority rapidly secured in and over the battlespace, these forces will bring mass and precision to bear, denying the enemy the ability to hold their ground.
Following this initial block, we will blunt any ongoing or follow-on offensive actions against us. Using advanced sensors, autonomous systems, and multi-domain forces, we will deny the attacker the ability to generate momentum or gain the initiative. Synchronised employment of multi-domain effects down to the tactical level will overwhelm enemy formations in contact, and their advance, if it’s continuing at all at this point, will falter further.
Should the adversary choose to press the attack or commit his reserves, we will break the warfighting system engaged against us. This includes not just the attacking force itself, but anything and everything that supports, sustains, or controls that force.
To do this, we will layer high-end and highly effective precision munitions with an overpowering mass of affordable and scalable systems. We will apply constant and unyielding pressure, both kinetic and non-kinetic, we will do this across and through domains – land, air, sea, space and cyber space. Doing this will break the enemy system and defeat it in detail. Enemy formations will be starved of replenishment. Any enemy commanders will be unable to control their forces. And enemy forces and support capabilities will be reduced and destroyed.
In executing what I’ve outlined above, we are not seeking to impose a strategic defeat on our adversary, nor do we need to do so. Rather, we are only seeking to stop any attack in its tracks, to deny the ability to seize and hold our territory. Achieving this requires the tactical and operational defeat of the forces being employed against us, but no more.
We break the warfighting system attacking us in order to render it unable to continue that attack. Or, as Clausewitz would put it, we force it to culminate, meaning we degrade it to the point where it is no longer able to perform its warfighting functions.

… und diesmal, der einfacheren Lesbarkeit halber, auch in deutscher Übersetzung (mit Unterstützung von deepl.com):

Daher ist meine „Theorie des Sieges“ einfach. Wir werden den ersten Angriff abwehren. Sollte der Angriff anhalten, werden wir ihn abschwächen und den Vormarsch des Feindes verhindern. Und falls erforderlich, werden wir die feindlichen Streitkräfte und das gegen uns aufgestellte operative Kriegsführungssystem zerschlagen.
Um den Angriff abzuwehren, werden unsere Landstreitkräfte jeden feindlichen Angriff am Kontaktpunkt abfangen und dominieren. Durch Manöver werden wir die feindlichen Formationen festnageln und die Eroberung von Bündnisgebiet verhindern. Landstreitkräfte werden den Feind angreifen und seine vorrückenden Truppen vernichten, doch sie werden dies nicht allein tun.
Unsere Luft- und Seestreitkräfte werden in Abstimmung mit unseren Weltraum- und Cyberkräften rasch Manövrierfreiheit erlangen. Nachdem die Luft- und Seeüberlegenheit im und über dem Gefechtsraum rasch gesichert ist, werden diese Streitkräfte ihre Masse und Präzision zum Einsatz bringen und dem Feind die Möglichkeit nehmen, seine Positionen zu halten.
Im Anschluss an diese erste Abwehr werden wir alle laufenden oder nachfolgenden Offensivaktionen gegen uns abwehren. Mithilfe fortschrittlicher Sensoren, autonomer Systeme und multidomänenübergreifender Streitkräfte werden wir dem Angreifer die Möglichkeit nehmen, Schwung zu entwickeln oder die Initiative zu ergreifen. Der synchronisierte Einsatz multidomänenübergreifender Wirkmittel bis hinunter auf die taktische Ebene wird die feindlichen Formationen im Kontakt überwältigen, und ihr Vormarsch – sofern er zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch andauert – wird weiter ins Stocken geraten.
Sollte der Gegner beschließen, den Angriff fortzusetzen oder seine Reserven einzusetzen, werden wir das gegen uns eingesetzte Kriegsführungssystem zerschlagen. Dies umfasst nicht nur die angreifende Streitmacht selbst, sondern alles, was diese Streitmacht unterstützt, versorgt oder steuert.
Um dies zu erreichen, werden wir hochmoderne und äußerst wirksame Präzisionsmunition mit einer überwältigenden Masse kostengünstiger und skalierbarer Systeme kombinieren. Wir werden konstanten und unnachgiebigen Druck ausüben, sowohl kinetischer als auch nicht-kinetischer Art, und zwar domänenübergreifend – zu Lande, in der Luft, auf See, im Weltraum und im Cyberspace. Dadurch werden wir das feindliche System zerschlagen und es im Detail besiegen. Feindliche Formationen werden von Nachschub abgeschnitten. Feindliche Befehlshaber werden nicht in der Lage sein, ihre Streitkräfte zu kontrollieren. Und feindliche Streitkräfte sowie Unterstützungskapazitäten werden geschwächt und vernichtet.
Bei der Umsetzung dessen, was ich oben dargelegt habe, streben wir keine strategische Niederlage unseres Gegners an, noch müssen wir dies tun. Vielmehr geht es uns lediglich darum, jeden Angriff im Keim zu ersticken und die Fähigkeit zu verwehren, unser Territorium zu erobern und zu halten. Um dies zu erreichen, ist die taktische und operative Niederlage der gegen uns eingesetzten Streitkräfte erforderlich, aber nicht mehr.
Wir zerschlagen das uns angreifende Kriegssystem, um es unfähig zu machen, diesen Angriff fortzusetzen. Oder, wie Clausewitz es ausdrücken würde: Wir zwingen es zum Höhepunkt, das heißt, wir schwächen es so weit, dass es nicht mehr in der Lage ist, seine kriegerischen Funktionen zu erfüllen.

Interessant ist dabei, aus praktischer Sicht, die Aussage: Um den Angriff abzuwehren, werden unsere Landstreitkräfte jeden feindlichen Angriff am Kontaktpunkt abfangen und dominieren. Das bedeutet nicht anderes als das unmittelbare Reagieren der NATO-Truppen – und wenn man sich die mögliche Kontaktzone Baltikum vorstellt, dann auch unter deutscher Beteiligung. Über die Details müsste man mal reden; das wird sicherlich in Folge dieser Rede auch noch passieren.