„Theorie des Sieges“ für die NATO: Den Angreifer stoppen, nicht bezwingen
Im Falle eines Angriffs auf NATO-Gebiet will die Allianz einen Gegner stoppen – aber ihm nicht zwingend eine strategische Niederlage beibringen. Das ist der Kern der Theorie des Sieges, die der militärische Oberbefehlshaber des Bündnisses, US-General Alexus G. Grynkewich, bei einer Rede in Warschau erläuterte: Es ist einfach. Wir werden den Beginn des Angriffs stoppen.
Die Absicht Grynkewichs war in den vergangenen Tagen bei einigen Medien schon angedeutet worden. Die Rede des SACEUR, des Supreme Allied Commander Europe, am (heutigen) Montag beim Warsaw Security Forum steht hier komplett zum Nachlesen. Die Kernaussage:
As such, my Theory of Victory is simple. We will block the initial attack. If the attack persists, we will blunt it and prevent enemy advance. And if required, we will break the enemy’s forces and the operational warfighting system that is arrayed against us.
To block, our land forces will move to and dominate any enemy assault at the point of contact. Through manoeuvre, we will fix the enemy formations and deny the seizure of Alliance territory. Land-based forces will attack the enemy and destroy his advancing forces, but they won’t be doing this alone.
Our air forces and navies, working in concert with our space and cyber forces, will rapidly gain freedom of manoeuvre. With air and maritime superiority rapidly secured in and over the battlespace, these forces will bring mass and precision to bear, denying the enemy the ability to hold their ground.
Following this initial block, we will blunt any ongoing or follow-on offensive actions against us. Using advanced sensors, autonomous systems, and multi-domain forces, we will deny the attacker the ability to generate momentum or gain the initiative. Synchronised employment of multi-domain effects down to the tactical level will overwhelm enemy formations in contact, and their advance, if it’s continuing at all at this point, will falter further.
Should the adversary choose to press the attack or commit his reserves, we will break the warfighting system engaged against us. This includes not just the attacking force itself, but anything and everything that supports, sustains, or controls that force.
To do this, we will layer high-end and highly effective precision munitions with an overpowering mass of affordable and scalable systems. We will apply constant and unyielding pressure, both kinetic and non-kinetic, we will do this across and through domains – land, air, sea, space and cyber space. Doing this will break the enemy system and defeat it in detail. Enemy formations will be starved of replenishment. Any enemy commanders will be unable to control their forces. And enemy forces and support capabilities will be reduced and destroyed.
In executing what I’ve outlined above, we are not seeking to impose a strategic defeat on our adversary, nor do we need to do so. Rather, we are only seeking to stop any attack in its tracks, to deny the ability to seize and hold our territory. Achieving this requires the tactical and operational defeat of the forces being employed against us, but no more.
We break the warfighting system attacking us in order to render it unable to continue that attack. Or, as Clausewitz would put it, we force it to culminate, meaning we degrade it to the point where it is no longer able to perform its warfighting functions.
… und diesmal, der einfacheren Lesbarkeit halber, auch in deutscher Übersetzung (mit Unterstützung von deepl.com):
Daher ist meine „Theorie des Sieges“ einfach. Wir werden den ersten Angriff abwehren. Sollte der Angriff anhalten, werden wir ihn abschwächen und den Vormarsch des Feindes verhindern. Und falls erforderlich, werden wir die feindlichen Streitkräfte und das gegen uns aufgestellte operative Kriegsführungssystem zerschlagen.
Um den Angriff abzuwehren, werden unsere Landstreitkräfte jeden feindlichen Angriff am Kontaktpunkt abfangen und dominieren. Durch Manöver werden wir die feindlichen Formationen festnageln und die Eroberung von Bündnisgebiet verhindern. Landstreitkräfte werden den Feind angreifen und seine vorrückenden Truppen vernichten, doch sie werden dies nicht allein tun.
Unsere Luft- und Seestreitkräfte werden in Abstimmung mit unseren Weltraum- und Cyberkräften rasch Manövrierfreiheit erlangen. Nachdem die Luft- und Seeüberlegenheit im und über dem Gefechtsraum rasch gesichert ist, werden diese Streitkräfte ihre Masse und Präzision zum Einsatz bringen und dem Feind die Möglichkeit nehmen, seine Positionen zu halten.
Im Anschluss an diese erste Abwehr werden wir alle laufenden oder nachfolgenden Offensivaktionen gegen uns abwehren. Mithilfe fortschrittlicher Sensoren, autonomer Systeme und multidomänenübergreifender Streitkräfte werden wir dem Angreifer die Möglichkeit nehmen, Schwung zu entwickeln oder die Initiative zu ergreifen. Der synchronisierte Einsatz multidomänenübergreifender Wirkmittel bis hinunter auf die taktische Ebene wird die feindlichen Formationen im Kontakt überwältigen, und ihr Vormarsch – sofern er zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch andauert – wird weiter ins Stocken geraten.
Sollte der Gegner beschließen, den Angriff fortzusetzen oder seine Reserven einzusetzen, werden wir das gegen uns eingesetzte Kriegsführungssystem zerschlagen. Dies umfasst nicht nur die angreifende Streitmacht selbst, sondern alles, was diese Streitmacht unterstützt, versorgt oder steuert.
Um dies zu erreichen, werden wir hochmoderne und äußerst wirksame Präzisionsmunition mit einer überwältigenden Masse kostengünstiger und skalierbarer Systeme kombinieren. Wir werden konstanten und unnachgiebigen Druck ausüben, sowohl kinetischer als auch nicht-kinetischer Art, und zwar domänenübergreifend – zu Lande, in der Luft, auf See, im Weltraum und im Cyberspace. Dadurch werden wir das feindliche System zerschlagen und es im Detail besiegen. Feindliche Formationen werden von Nachschub abgeschnitten. Feindliche Befehlshaber werden nicht in der Lage sein, ihre Streitkräfte zu kontrollieren. Und feindliche Streitkräfte sowie Unterstützungskapazitäten werden geschwächt und vernichtet.
Bei der Umsetzung dessen, was ich oben dargelegt habe, streben wir keine strategische Niederlage unseres Gegners an, noch müssen wir dies tun. Vielmehr geht es uns lediglich darum, jeden Angriff im Keim zu ersticken und die Fähigkeit zu verwehren, unser Territorium zu erobern und zu halten. Um dies zu erreichen, ist die taktische und operative Niederlage der gegen uns eingesetzten Streitkräfte erforderlich, aber nicht mehr.
Wir zerschlagen das uns angreifende Kriegssystem, um es unfähig zu machen, diesen Angriff fortzusetzen. Oder, wie Clausewitz es ausdrücken würde: Wir zwingen es zum Höhepunkt, das heißt, wir schwächen es so weit, dass es nicht mehr in der Lage ist, seine kriegerischen Funktionen zu erfüllen.
Interessant ist dabei, aus praktischer Sicht, die Aussage: Um den Angriff abzuwehren, werden unsere Landstreitkräfte jeden feindlichen Angriff am Kontaktpunkt abfangen und dominieren. Das bedeutet nicht anderes als das unmittelbare Reagieren der NATO-Truppen – und wenn man sich die mögliche Kontaktzone Baltikum vorstellt, dann auch unter deutscher Beteiligung. Über die Details müsste man mal reden; das wird sicherlich in Folge dieser Rede auch noch passieren.
„Wir werden den Begriff des Angriffs stoppen.“
Gemeint ist wohl: den Beginn des Angriffs stoppen („initial attack“). Davon ab: it das Credo nicht, daß wir gewinnen können müssen und wollen ?
[Ja natürlich – pardon für den Schreibfehler, ist korrigiert. T.W.]
diese Strategie des Saceur überzeugt mich überhaupt nicht. Die paar Brigaden im Baltikum werden einen massiven russischen Angriff nicht aufhalten können. Im Übrigen klingt die Strategie nach verlustreichem Stellungskrieg, wo Balten, deutsche, kanadische usw. Truppen verbluten würden, aber keine US Truppen, weil diese weiter hinten stehen. Die Nato muss einen Bewegungskrieg führen, den kann Russland nicht mehr, wie in Ukraine zu sehen, und den russischen Nachschub stoppen. Im Stellungskrieg haben die Russen jetzt jahrelange Erfahrung, wir nicht. Wer eine solche Strategie fahren will, der sollte mehr US Truppen für Europa fordern und dem Abzug von Kampftruppen widersprochen, den das Pentagon plant!
@Wiegold: Gibt es eine frühere NATO Strategie zur Verteidigung, vielleicht von einem früheren Saceur zum Vergleich?
„Das bedeutet nicht anderes als das unmittelbare Reagieren der NATO-Truppen“
Wäre es nicht erfolgversprechender direkt in die gegnerische Angriffsaufstellung zu wirken und zwar unmittelbar bevor sich der Angriff entfaltet oder im Anrollen ist (quasi: semi-präventiv) ? Übrigens ist nicht gesagt wie der Feind aus mglw. erobertem Gebiet wieder herausgedrängt oder hinausgeworfen wird.
Zudem denke ich, daß der Gegner „aus der Bewegung heraus“ (vorgeschaltetes Manovör) seine Luftsturmtruppen einsetzen und somit die Vorwarnzeit sehr kurz sein wird.
Ansonsten lesen sich die Ausführungen wie ein Schlachtplan für World of Warcraft 😎 Und wie wir wissen überlebt kein Plan den ersten Schuß.
Das „Stoppen, nicht bezwingen“ wird überaus deutlich in der Aussage „Und falls erforderlich, werden wir die feindlichen Streitkräfte und das gegen uns aufgestellte operative Kriegsführungssystem zerschlagen“.
Daraus folgt, keine strategische Tiefe bei der Operationsführung gegen eine Aggression?
1. Wir werden die feindlichen Streitkräfte „am Kontaktpunkt abfangen und dominieren“ (ich erweitere dies mal auf den ‚Kontaktraum‘, erkennbar ab der Führunsglinie der FLOT).
Erforderlich dazu ist die Verfügbarkeit gestaffelt aufgestellter Großverbände in operativer Tiefe über grundsätzlich die gesamte Breite der Ostflanke. Da das mangels verfügbarer Kräfte nicht realisierbar sein kann, gilt es mögliche Schwerpunkte gegnerischer Kräftegruppierungen zu identifizieren. Gefordert werden dazu in erster Linie Truppen der Bündnisstaaten unmittelbar an der Ostflanke. Sofort folgend sind dann, eine zweite Staffel bildend, Großverbände aus Mitteleuropa in der Frage der Dislozierung gefragt: Kräfte – Raum – Zeit. Der Begriff „Vorneverteidigung“ aus GdP-Zeiten ist noch bekannt?
2. „Das gegen uns aufgestellte operative Kriegsführungssystem zerschlagen“.
Das Kriegsführungssystem dokumentiert sich nicht in der Kampfzone direkten Feuers, in dem Flachfeuer und Steilfeuer in bekannten Reichweiten wirken.
Dargestellt taktisch/operativ wirksam wird es über Waffenwirkung in die Tiefe des Raumes, gegen Kommunikationsnetze, Hauptquartiere der strategischen Führung die operative Planung veranlassen und koordinieren, sowie zivile/militärische logistische Führungszentren und Umschlagspunkte.
Dass eine NATO Operation dies Gegnervermögen lediglich „stoppen, nicht bezwingen“ will, bedarf der Erläuterung.
Die Aussage „Vielmehr geht es uns lediglich darum, jeden Angriff im Keim zu ersticken und die Fähigkeit zu verwehren, unser Territorium zu erobern und zu halten“ könnte aus einem militärstrategischen Papier der 1980er Jahre stammen.
„Um den Angriff abzuwehren, werden unsere Landstreitkräfte jeden feindlichen Angriff am Kontaktpunkt abfangen und domininieren“
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Na ja, das wollen im Grunde alle Verteidiger, überall auf der Welt.
Hierzu folgendes Problem:
Beim unfreundlichen Grenzübertritt der Russen in die Ukraine 2022 gab es im Vorfeld massive, im Grenzhinterland befindliche Truppenansammlungen im Rahmen eines „Manövers“.
Truppenstärke wenn ich mich recht erinnere 150.000 +
Da wird aber eine NATO-Reaktion echt schwierig wenn man „am Kontaktpunkt abfangen und dominieren“ will…
Russland leistet sich ( wie 2021/2022 ja zu sehen war ) zahlenmässige Riesenmanöver über Monate (!).
Selbst im kalten Krieg waren bei dem grössten NATO-REFORGER-Manöver ( Certain Challenge 1988 ) weniger Soldaten dabei, so um die 120.000 für 11 Tage.
Wie darf man sich denn da ein “ Abfangen am Kontaktpunkt “ vorstellen wenn Russland wieder ein grosses „Manöver“ abhält ?
In der operativen Umsetzung bedeutet das doch den schnellen Gegenangriff auf Korpsebene (!) tief nach Belarus, oder?
Also wenn das Baktikum konventionell angegriffen werden würde.
@Thomas Melber:
„Davon ab: it das Credo nicht, daß wir gewinnen können müssen und wollen ?“ genau darum geht es. Die Frage, die gestellt und in Teilen beantwortet wird, das bedeutet „Gewinnen“?
Ab wann hat man einen Krieg „gewonnen“? Ist erstaunlich philosophisch.
Was hier im Grunde gesagt wird ist „wir haben den Krieg gewonnen, wenn unser Territorium nicht besetzt wird“. Wenn jemand unser Territorium besetzt oder besetzen will, werden wir alles unternehmen um dieses zurück zu holen und dafür zu sorgen, dass der Gegner nicht mehr in der Lage ist unser Territorium zu besetzten. Das bedeutet im Zweifelsfall, dass es nicht unser Ziel ist mit Truppen die Hauptstadt des Feindes zu besetzen, sondern seine Versorgungslinien und industrielle Basis so lange in Schutt und Asche zu legen, bis er keine Möglichkeiten oder keine Lust mehr hat unser Territorium anzugreifen. Das kann man so verstehen, dass wir uns darauf einstellen und vorbereiten, im Zweifel in einen dauerhaften Verteidigungs-/Kriegszustand überzugehen und einen Abnutzungskrieg zu führen.
Das ist dann wohl die Zusage an Russland, niemalsnienimmernicht russisches Territorium einzunehmen, auch wenn aus der Gegenwehr heraus offensives Momentum entstünde.
Vielleicht ist diese Aussage langfristig hilfreicher, als es im ersten Moment erscheint.
Schöne Theorie, aber ich bin mir nicht sicher, ob ein Angreifer zwischen „Streitkräfte besiegt – Angriff gestoppt“ und „Gegner besiegt – strategische Niederlage“ wirklich differenziert. Und ob das eine ohne das andere erreichbar ist. Hinzu kommt: Dass die NATO keine Absicht hat andere Länder z.B. zu erobern, sollte jedem klar sein, der realistisch auf die Welt blickt, selbst Putin, was auch immer er nach außen sagt. Aber spätestens nach einem Angriff auf die NATO, bei dem die Amerikaner betroffen sind, weiß sowieso keiner, wie zum Beispiel der POTUS über solche Themen denken würde. Mir scheint die Rede etwas weltfremd.
@Thomas Melber
„Davon ab: it das Credo nicht, daß wir gewinnen können müssen und wollen ?“
Nun, wir haben ja den Verteidigungskrieg gewonnen, wenn die angreifenden Truppen zerschlagen sind und sich zurückziehen. Kein Grund Moskau einzunehmen. (Das machen dann vlt die unzufriedenen russischen Truppen)
Was die KI holprig übersetzt als „Höhepunkt“ bezeichnet, ist bei Clausewitz der „Kulminationspunkt“, an dem der Verteidiger eigentlich zur Offensive übergehen müsste, um eine Entscheidung herbeizuführen. Und wenn General Grynkewich schon Clausewitz zitiert, sollte er zumindest erklären können, welche logischen Schritte zwischen der erwarteten erfolgreichen Abwehr des russischen Angriffs auf operativer Ebene und dem von ihm in Aussicht gestellten Sieg erfolgen müssten, bzw. was denn konkret der politische Endzustand ist, der dem Feind aufgezwungen werden soll, und wie man dies leisten will. Ein operativ erschöpfter Feind, dessen strategische Fähigkeiten weiterhin intakt sind und dessen politischer Wille zur Fortsetzung des Krieges ungebrochen ist, wäre an dem von Grynkewich beschriebenen Punkt noch nicht am Ende. Es gibt ggf. gute Gründe für die Zurückhaltung Grynkewichs, aber das Ergebnis dessen was er beschreibt, wäre kein Sieg, sondern bestenfalls ein stabiler Waffenstillstand.
Zudem fehlt ein den Darstellungen Grynkewichs ein entscheidender Punkt, nämlich das Verhalten der NATO im Fall des Scheiterns der konventionellen Abwehr eines russischen Angriffs, zumal viele der von ihm beschriebenen Fähigkeiten aktuell nur in rudimentärem Umfang existieren. Diese Auslassung ist potenziell gefährlich, denn sie könnte von der anderen Seite als ein Signal dafür interpretiert werden, dass innerhalb der NATO diesbezüglich keine hinreichende Einigkeit besteht und ein überraschender oder von erfolgreicher Lähmung der konventionellen Fähigkeiten der NATO begleiteter Angriff potenziell Aussicht auf Erfolg hätte.
@Orontes
Genau das ist ja der Punkt.
Ein „Sieg“ der NATO würde in jedem Fall von russischer Seite als Bedrohung der eigenen Existenz verstanden werden und dann greift deren Nuklear-Doktrin, die hier ja schon in der Vergangenheit ausführlich zitiert wurde.
Gleiche Argumentationskette verbietet auch Präventiv oder Semi-Präventivschläge, oder tiefe, raumgreifende Operationen.
Wenn Grynkevich von der Kontaktlinie spricht und der dort zu schlagenden Schlacht, dann meint er genau dies.
Preis und Siegerehrung: Wir wollen keinen Raum preisgeben um NATO-Territorium zu schützen, dürfen nicht nach vorne (die Border Crossing Authority wird definitiv im NAC entschieden) und damit kleben wir an der Grenze….was wir mit viel Blut bezahlen müssten, um noch mehr Blut (aka takt. Atomwaffen) zu verhindern.
Angreifer und Verteidiger werden sich gegenseitig ausbluten.
Scheint so, als ob Grynkevich mehr mit Falkenhayn gemein hat, als ein Y im Namen.
In diesem Zusammenhang mal eine Anregung für Frank Sauer, aka Dr. Doom, für den nächsten Sicherheitshalberpodcast.
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Immer öfter, auch hier, wird ja über den möglichen Einsatz von takt. Atomwaffen gesprochen. Vor allen wenn-alles-nichts-mehr-hilft…
Die vorherrschende ( auch Lehr-Meinung ) geht ja in die Richung „China wird das nicht gut finden“, „da sind die Hemmschwellen extrem hoch“ oder „das Einsatzland würde international geächtet“. Deshalb Wahrscheinlichkeit extrem gering.
Der Meinung bin ich grundsätzlich auch, aber:
– Im kalten Krieg war im Grunde Konsens: Geht irgendwo eine Atomwaffe ausserhalb von Tests hoch ist Weltkrieg III ausgebrochen.
– Das ist heute nicht mehr so klar. Gerade Russland kokettiert regelmässig mit einzelnen Atomschlägen.
Hierzu mal ein paar Fakten aus der Einsatzhistorie über bewohntem Gebiet, sprich Hiroshima & Nagasaki.
Frage: Warum wurden die beiden Städte nicht auf lange, lange Zeit verseucht ?
Antwort: Das war jeweils ein „Airburst“, sprich eine Explosion in der Luft bei der der Feuerball ( und damit die Spaltprodukte ) nicht den Boden berührten. Durch den initialen Strahlungsblitz wurde der Boden zwar radioaktiv ( Vor allem das Natrium und Mangan ), aber mit extrem geringen Halbwertszeiten.
Militärisch wieder nutzbar ( mieser Ausdruck in diesem Zusammenhang ) ist das Gelände schon am zweiten Tag. Nach einer Woche ist die Radioaktivität so stark abgeklungen das eine dauerhafte Truppenstationierung kein Problem mehr ist. Rein zivil geht man von 2 bis 4 Wochen Wartezeit aus.
Militärisch-Unbrauchbar ist das jetzt nicht wirklich. Was vielen nicht klar sein dürfte…
Noch ein übler Nachtrag: Es gibt eine Steigerung. Die Neutronenbombe. Noch mehr Strahlung bei reduzierter Explosionswirkung. Viele hatten daran geforscht, etliche Länder hatten die gebaut, getestet und auch temporär in Dienst gestellt.
Übrig bei noch im Dienst befindlichen Neutronenbomben ( d.h. A-Bomben mit erhöhtem Strahlungsanteil ) ist einzig Russland:
https://de.wikipedia.org/wiki/53T6
Die sind zwar primär zur Luftverteidigung gedacht. Aber dennoch, einsatzbereit sind die Dinger…
…den Angriff abwehren, sollte der Angriff anhalten, den Feind abnutzen und den Vormarsch verhindern. Und wenn nötig die feindlichen Streitkräfte und das gegen die NATO aufgestellte operative Kriegsführungssystem zerschlagen. Die Kriterien für „wenn nötig“ wüßte ich gerne.
Frei nach Goethe: Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.
Oben bereits erwähnt; das klingt nach Stellungskrieg, wie im I. WK an der Westfront.
Und das ist der Plan des mächtigsten Militärbündnisses der Welt?
Interessanter Punkt: Die Formulierung „den Angriff stoppen, nicht bezwingen“ verschiebt den Fokus von der Niederlage des Gegners auf die Begrenzung des Angriffs. Gerade im Baltikum stellt sich dann die Frage, wie schnell Kräfte am Kontaktpunkt verfügbar sind. Wie bewerten Sie das Verhältnis zwischen Präzisionsmunition und Masse an günstigen Systemen? — di IISTT
Aus meiner Sicht wurde hier kein detaillierter Operationsplan erstellt, sondern strategisch kommuniziert.
Die NATO möchte klar demonstrieren, dass eben KEIN noch so kleiner Angriff (Woher auch immer) ausreicht, dass die NATO Russland angreift –> Das immer wiederholte strategische Narrativ Russlands.
Sondern, dass es das Ziel der NATO ist, Angriffe gegen das NATO Gebiet zu unterbinden.
Und sind wir ehrlich. Für den Fall eines russischen Angriffs, wenn z.B. auch US Soldaten sterben sollten, dann stellt sich die Frage, wie emotional die Politik reagiert und Vergeltung fordern wird. Ich kann mir den einen oder anderen impulsgesteuerten Politiker da schon vorstellen, der massive Rache fordern wird, egal was der SACCEUR sagt.
Daraus folgt für mich: Wir sehen eine Renaissance der NATO-Herbst und -Frühlingsmanöver. Wenn Russland „traditionell“ solche Manöver abhält, werden im Westen analog Manöver im deutlich verstärkten Umfang wie es zur Zeit der Fall ist, an der östlichen NATO-Flanke abgehalten.
Reforger-Übungen und das europäische Äquivalent hierzu, wenn die Mitteleuropäer ihre Streitkräfte ebenfalls verlegen.
Wir wollen keinen Krieg in Europa. Dafür brauchen wir eine maximale Abschreckung. Diese Abschreckung fehlt in der US Strategie völlig, wenn hier ein Stellungskrieg geplant wird. Es erweckt den Eindruck, die USA wollten den Ukraine Krieg kopieren, nur ergänzt um US Luft Überlegenheit und mehr kleineren, mobilen Angriffen. Nur wie wissen seit Kursk, wenn die Russen sich eingraben, dann hinter gewaltigen Mengen von Minen, die viele Angriffe stoppen können. Wir haben viel weniger Pioniere als im Kalten Krieg. Wenn wir abschrecken wollen, dann geht es nicht um Kontaktlinien, sondern das Risiko eines Krieges für Putin zu erhöhen. Zuletzt war vom Gegenangriff der NATO auf Kaliningrad die Rede. Sowas müssen wir zur Abschreckung ausbauen. St. Petersburg liegt in Artilleriereichweite. Sinnvoll wäre also die Stationierung von Raketenartillerie/weitreichenden Angriffs Drohnen in Estland, mit der Erklärung an Putin, dass wir St. Petersburg angreifen, wenn Russland uns angreift. Um den Diktator in Minsk abzuschrecken, würde ich öffentlich einen Gegenangriff auf Minsk planen. Und warum als NATO Strategie keinen Gegenangriff von Rumänien aus gegen die Krim öffentlich planen?
@Thomas Melber: „Und wie wir wissen überlebt kein Plan den ersten Schuß.“
….heißt aber doch nicht, das einen Plan zu haben sinnlos ist.
Ich denke, dass diese „Theorie des Sieges“ eher ein politisches Schriftstück ist, denn militärisch relevant ist.
Neben der üblichen amerikanisch-martialischen Ausdrucksweise, stellt diese Einlassung des SACCEUR wohl eher darauf ab, dass die Ausrichtung der NATO weiter defensiv ist.
Das ist uns klar, kann so aber russicher Propaganda formal entgegenwirken.
Kernaussage ist ja im Prinzip nur:
Bei Angriffen auf das NATO-Territorium wollen wir nur, dass die angegriffenen Territorien schnell und mit maximaler Härte zurückgeschlagen werden (können).
Eine Gewinnung von Territorien des putativen Angreifers oder die Vernichtung des Gegners sind keine (Kriegs)Ziele der NATO.
Inwieweit die NATO allein zu der logistischen Versorgung eines rund 1600km langen und durchauss zerklüfteten Grenz-/Front-Streifens mit Russland und Belarus in der Lage ist, bleibt abzuwarten.
Schon bei der „Schichttorte“ der „Vorne Verteidigung“ in Zeiten des Kalten Krieges benötigte man 10 (?) Korps an der DDR-Grenze, die immerhin rund 1400km lang war, aber dafür sehr kompakt. !0 Korps waren rund 500.000 Soldaten (jedweden Geschlechts oder auch nicht).
Analog käme man heute m.E. mit 15 Korps nur knapp hin, da die zu verteidigende Fläche nicht kohärent ist und im Baltikum z.B. keine nennenswerte Tiefe aufweist, in der man verzögern könnte.
Woher sollen diese 750.000 Soldaten kommen, besonders, wenn der amerikanische (!) SACCEUR vollmundig von „dominieren“ spricht, hier aber munter US-Truppen abgezogen werden?
Es bleibt daher ein rein politisches Schriftstück.
Viel Säbelrasseln in Richtung Putin, aber inhaltlich als militärische Warnung nicht zu gebrauchen.
Wie verhalten wir uns ggü. BLR wenn von dort aus keine feindlichen Handlungen ggü. der NATO durchgeführt werden ? Würden wir deren Luftraum oder auch den Raum für Bodenoperationen nutzen ?
Widerspricht das nicht grundlegend den Ansichten und Planungen des Inspekteur des Heeres?
Ich denke, dass für das Baltikum der dort laufende Aufbau eines Verteidigungswalls in der Diskussion berücksichtigt werden sollte. Wenn man schon so was baut, dann sollte man ihn auch verteidigen. Rudnikai liegt so dicht an der Grenze, dass die dortigen deutschen Einheiten diesen Aspekt mit Sicherheit in die Verteidigungsplanung einbeziehen.
Sind damit Schläge ins tiefe Hinterland ausgeschlossen?
– als Gedankenstütze: Flughäfen, U-Boot-Stützpunkte, Nordmeerhäfen, Raffinerien, Rechenzentren, Weissmeerkanal…
falls ja, dann bindet man sich einen Arm auf den Rücken fest und trägt am zweiten Arm noch eine 20 kg Hantel.
@Nachhaltig
„Um den Angriff abzuwehren, werden unsere Landstreitkräfte jeden feindlichen Angriff am Kontaktpunkt abfangen und dominieren“.
Selbstverständlich (!) unter Einbeziehung der POL/BAL Sperranlagen.
„Sperren sind zu verteidigen“, Grundsatz der Kampftruppen-Taktik. Anderes findet nicht statt.
Und, um es nochmals zu betonen: Der Begriff „Kontaktpunkt“ führt zu falschen Vorstellungen (ich erweitere dies mal auf den ‚Kontaktraum‘, erkennbar ab der Führunsglinie der FLOT).
Der „Contact Point“/NATO – Begriff, definiert den Anschlusspunkt zur Verbindungsaufnahme, bzw den Meldepunkt. „Engagement Zone“ käme dem Raum des ersten Aufeinandertreffens der Truppen am nächsten.
Siehe meinen Eintrag vom 12.10.26 18:51.
Bislang ist jeder Krieg nicht vorhersehbar gewesen und das wird auch so bleiben. Entscheidend ist die strategische Handlungsfähigkeit – und diese kann ich zumindest vorbereiten. Aktuelle Kriege ersetzen bestehende Abhandlungen der Kriegsführung nicht, sondern diese werden überlagert. Der SACEUR will am >Kontaktpunkt jeglichen Angriff stoppen<; für mich heißt das: Die militärischen Fähigkeiten im Einsatz folgen den politischen Zielen und ihrer jeweiligen Eskalationslogik, nicht mehr und nicht weniger.
@bow
„Woher sollen diese 750.000 Soldaten kommen, besonders, wenn der amerikanische (!) SACCEUR vollmundig von „dominieren“ spricht, hier aber munter US-Truppen abgezogen werden?
Es bleibt daher ein rein politisches Schriftstück.
Viel Säbelrasseln in Richtung Putin, aber inhaltlich als militärische Warnung nicht zu gebrauchen.“
„To do this, we will layer high-end and highly effective precision munitions with an overpowering mass of affordable and scalable systems. “
Drohnen als Massenware ersetzen Soldaten im Schützengraben. Ansonsten Zustimmung zu ihrem Beitrag.
Das hat so ein bisschen Schlieffenplan-Vibes, auch wenn die große Einkesselung fehlt. Grynkewich sagt selbst, dass er keine strategische Niederlage des Gegners anstrebt, sondern nur dessen taktische und operative Niederlage. Ich würde das Dokument daher eher als politische Kommunikation in Richtung Kreml verstehen, als Abschreckungssignal und nicht als Theorie des Sieges im eigentlichen Sinne.
Ich hoffe nur, dass die heutigen Offiziere The Allure of Battle: A History of How Wars Have Been Won and Lost von Cathal J. Nolan gelesen und verinnerlicht haben.
Mein subjektiver Eindruck als Außenstehender: Es wird weiter mit operativen Fantasien gearbeitet, die vor allem der gewohnten Kultur, dem eigenen Ego und einer institutionell bequemen Beurteilung von Offizieren dienen. Ein Konzept des Sieges auf strategischer Ebene fehlt mir hier völlig.
Denn was nützt es, wenn der Angriff operativ gestoppt wird und mobile Gegenangriffe den Gegner zurückwerfen, der Krieg aber trotzdem nicht endet? Genau darauf hat sich Russland inzwischen eingestellt, und es ist genau die Art von Krieg, die der NATO nicht in die Karten spielt: wenige, sehr gut ausgebildete und ausgerüstete Truppen, kaum Reserven und kaum Mobilisierungspotenzial. Operative Erfolge allein ändern daran wenig, und die Geschichte zeigt immer wieder, dass sie im Gesamtkontext weit weniger zählen, als sich die Akteure eingestehen wollen. Gewonnen oder verloren werden Kriege ausschließlich auf strategischer Ebene.
Themenverwandt bei Umsetzung der Absicht des SACEUR sind Teile der Inhalte des InspH bei
„Parlamentarischen Abend des Förderkreises Heer“ am 07.10.26
https://www.pivotarea.eu/freudings-aussicht-auf-lenkwaffen-ruestungsprobleme-und-anderes/#more-22873
– Das Heer will einen Komplex für strategische Lenkwaffen aufbauen, die deutsche MDTF.
– Die rudimentären Fähigkeiten beim EK, in der TSK Cyber/InfoR konzentriert werden – bescheiden beginnend – gestärkt werden.
– Zum Wiederaufbau der Heeresflugabwehr gab der Inspekteur folgenden Ausblick: Anfang Dezember soll „das korallrote Fahnenband der Heeresflugabwehrtruppe wieder ausgerollt werden“. Ob das die Aufstellung eines ersten Flugabwehrbataillons in Lüneburg bedeutet?
Anfangsausstattung des ersten neue FlgAbwBtl mit Ozelot der Flugabwehrraketengruppe 61.
Die Div bekommen FlgAbwRgt bei den Divisionstruppen.
– Die Pilotverbände für unbemannte Systeme im deutschen Heer werden jeweils eine Kompanie des Jägerbataillons 91, des Panzerbataillons 414 und des Aufklärungsbataillons 7 sein.
Welche Vorteile für die strategische Absicht des SACEUR: MDTF, Flugabwehr auf Divisionsebene.
Also ich bin da inhaltlich ganz bei FNU SNU
Das ist kein Kommunikation für die NATO sondern von der NATO. Tenor – wir verteidigen uns nur und haben keinerlei Offensivabsichten – egal wie oft der Russe was anderes behauptet.
Das Ganze ist ja aus eine(r) Rede beim Warschauer Sicherheitsforum und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Baltischen Länder da ein bisschen Schnappatmung bekommen haben – schließlich sagt der SACEUR ja indirekt, dass man den Kampf primär auf baltischem Boden austragen möchte (Ja da steht block und nicht delay, aber das kann man 150.000 Russen dann ja nochmal im Detail erklären wenn sie da sind) und nicht einem Einmarsch zuvorkommen will.
@T.W. waren sie da oder haben mit jemandem gesprochen der da war und die Reaktionen auf die Rede beobachten konnte?
Klaus-Peter Kaikowsky (KPK) sagt: am 13.10.2026 um 14:28 Uhr:
,,, „„Sperren sind zu verteidigen“, Grundsatz der Kampftruppen-Taktik. Anderes findet nicht statt. …“
Ich will ja nicht „klugscheißern“, aber ich meine, der Grundsatz heißt “ Sperren sind zu überwachen“.
Das macht im Zusammenhang mit den hier diskutierten Thesen auch schon einen Unterschied.
Ceterum censeo Civitatibus Foederatis Americae non fidendum esse!
Was für eine Wortakrobatik. Das Geschwurbel ergibt nur Sinn, wenn man sich damit erhofft unter der russischen Nuklearschwelle zu bleiben. Damit hat der Gegner bereits erfolgreich die Spielregeln festgelegt (so viel zum Thema „Initiative“).
Die weiteren Phantasien zum Verlauf seien jetzt einmal dahin gestellt. Ist das was die USA zuletzt an westlicher Militär-Performance gezeigt haben allein durch mutmaßlich fehlende (NATO-)Partner erklärbar oder ist man vielleicht technisch etc nicht mehr auf dem Stand, wie man es noch „in den guten alten Zeiten“ wahr …?
Unsere Wirtschaftsministerin konnte sich ja zuletzt bei den Saudis aus erster Hand überzeugen, was da abgeht.
Würde mich interessieren, wie das Publikum vor Ort diese Worte goutiert hat.
In der NZZ erfährt man ein paar Details, das liest sich schon besser (Zahlschranke ?):
https://www.nzz.ch/international/nato-sendet-mit-neuer-siegestheorie-eine-warnung-an-moskau-ld.10031779
@lukan:
Dass der SACCEUR viel mit Drohnen und Raketen kämpfen will – die es entweder noch nicht oder nicht mehr in ausreichender Menge gibt – ist mir klar.
Aber Drohnen können Gebiete nur freikämpfen, aber zum halten der Räume braucht es nach wie vor Menschen.
Aber wie gesagt: Die Einlassung soll nach außen wirken. Daher viel WAS will ich machen und wenig WIE will ich’s WOMIT machen.
@Hans Schommer
Ja. Sonst bin ich ja hier als Klugscheißer apostrophiert.
Aber stimmt, überwachen lautet der Terminus.
Und natürlich muss ich nachlegen.
Als überwachen, sichern, schützen stellt sich die Steigerung beim Kampf „mit“ Sperren dar.
Schutz in letzter Konsequenz bedeutet verteidigen. Ansonsten wird ihre Wirksamkeit auch marginalisiert.
Also für mich klingen die Aussagen des Generals zur „Theorie des Sieges“ stark nach der Nato AirLand Battle Doktrin, die 1982 im Kalten Krieg eingeführt wurde. Viele Elemente dieser Doktrin werden angesprochen, von sofortigen Gegenangriffen in allen Domänen zur Rückgewinnung der Initiative, Abriegelung der Front, und Zerschlagung der Folgestaffeln im Aufmarschgebiet / Hinterland des Gegners , Wiederherstellung der Integrität des Nato- Gebiets etc.
Die Nato will / wollte nie „auf Moskau marschieren“, und dem Angreifer eine „strategische Niederlage“ beibringen.
Ein Krieg, den die Nato führt, hat keine Ähnlichkeit mit dem Krieg, den die Ukraine gegen Russland führt (ohne Luftwaffe, mit extrem begrenzten Ressourcen, keine Abstandswaffen mit hoher Reichweite etc.).
Es hilft nichts, die Nato und besonders der europäische Teil davon, sollte die Aufrüstung weiterführen um die Mittel für diese konventionelle Doktrin tatsächlich vorzuhalten und jeden Gegner abzuschrecken.
Ohne dass ich jetzt alle Kommentare aufmerksam gelesen habe – und gleiches gilt für den Vortrag des SACEUR, an dem mich die ersten Zeilen schon irritiert haben, möchte ich folgendes anmerken: Die Strategie der Flexible Response (MC 14/3) und die dazu angelegten Planungen (SACEURs General Defense Plan etc. pp.) waren nicht darauf angelegt, in einem Krieg gegen den Warschauer Pakt mit „kühnem Schwung“, wenn es möglich gewesen wäre, einen Gegner weit nach Osten zu treiben. Es ging immer nur um die territoriale Integrität des NATO-Gebietes, mehr nicht. M.E. scheint sich aber der Fokus heute ändern zu müssen: Wenn Russland einen Krieg gegen NATO-Staaten führt, geht es sicher in erster Linie um die Herstellung eines „status quo ante“. (Wenn die NATO das überhaupt hin bekommt!) Um aber dauerhaft Frieden haben zu können, muss Russland dann in seinen Fähigkeiten reduziert werden – und dazu muss man auch über die eigenen Grenzen hinausgehen. Und den Despoten in Belorus … gleich mit.
Wenn es nach Ansicht des SACEUR weiter darum gehen muss, das „das gegen uns eingesetzte Kriegsführungssystem [zu] zerschlagen“, sind damit nicht nur Troops on the road, sondern auch Kaliningrad und Ziele im Deep Strike-Bereich gemeint, oder verstehe ich ihn falsch? Es muss darum gehen, die Kriegsmaschine Moskaus zu zerschlagen, und nicht nur an der Grenze oder in den Baltischen Staaten hinzuhalten etc. Die einzig denkbare Alternative wäre, wenn Putin mal aus einem Fenster schaut …
Ich hoffe sehr, dass die Ausführung des SACEUR nur politische Worthülsen ohne praktische/konkrete Umsetzung in den NATO Plänen sind.
Würde das vom SACEUR Erklärte (minus der bombastische Worte wie „dominate“ etc.) zur Doktrin, hätten die Europäischen NATO Partner künftig immer einen Arm auf den Rücken gebunden bekommen.
-> Verteidigung nur vor Ort in einem lokal begrenzten WW I „endlos“ Abnutzungs-Szenario und per Erlass der USA unter allen Umständen darauf begrenzt. (Und ohne US Truppen am Boden…)
(Kaliningrad neutralisieren, U-Boot Basis in Murmansk ausschalten bevor die Boote alle im Atlantik gesucht werden müssen, Vorstöße in Rus/Belarus, Gebiet zur Umfassung des angreifenden Gegners, Blockade aller Seewege für Russland, Bombardierung kriegswichtiger Ziele im gesamten russischen Staatsgebiet….?! Entlastungsangriff in anderen Bereichen entlang des NATO Gebietes?) -> Alles fraglich und unter US Vorbehalt.
Die NATO würde zum passiven Verteidiger, der nirgends die Initiative hätte. Hauptsache es wird nicht nuklear und die USA sind fein raus.
Es fühlt sich sehr danach an, als ob hie die Trump Doktrin umgesetzt wird, nachdem man Verbündete dann auch entspannt vor den Bus werfen kann. Notfalls erklärt der SACEUR dann, dass Energieinfrakstruktur in RUS nicht angegriffen wird und Aufklärungsdaten werden nicht mehr mit den Partnern geteilt und Waffenlieferungen an Verbündete werden gestopt. (Bei der Ukraine machen sie es gerade vor.)
In so einem Szenario (NATO Partner in der Rolle der heutigen Ukraine, bei unwilliger/unzuverlässiger USA) ist es dann sehr problematisch, dass die USA alle relevanten Führungspositionen in der NATO besetzt.
Noch problematischer ist natürlich auch die vollständige Abhängigkeit von US Waffensystemen. (Patriot, fast alle Flugkörper der Marine, künftig Aegis, Tomahawk etc.)
PS
Und weil es oben etrwähnt wurde: Der neue Deutsche Stützpunkt in Littauen ist so nah an der Grenze, dass Null (0) Vorwarnzeit bleibt, bevor Suwalki zu ist und Rudninkai in Schutt und Asche liegt. Und kostengünstige Flugabwehr zum Objektschutz (Bofors Triton oder Oerlikon 35 mm auf LKW/ Absettzpalette o.ä) gibts nur in Powerpoint, Willkommen im Drohnenhagel.
Ich sehe es so wie die meisten Kommentatoren: Es läuft auf die Aussage raus: „Wir lassen uns den Abnutzungskrieg Ukraine-Style aufzuzwingen, den wir dann verlustreich auf europäischem Boden führen, immer defensiv, immer mit extrem begrenzter Zielauswahl, mit europäischen Soldaten vorne und US-Luftunterstützung, die kommt oder nicht. Nur, dass wir eben besser abnutzen als der Gegner.“
Aber einen Punkt sehe ich anders. Viele sagen „Es ist NUR ein politisches Dokument“. Aber als solches ist es noch viel schlimmer. Es enthält überhaupt keine Abschreckung auf geopolitischer Ebene. Alles, was den Russen in diesem Szenario passieren kann, passiert ihnen in der Ukraine schon. Die explizite Botschaft an Putin ist, dass seine Herrschaft nicht gefährdet wird, selbst im Fall eines Angriffs auf die Nato. Die Angst vor nuklearer Eskalation, die hier durchscheint, verkennt völlig die Realität. Erstens könnte die Nato selbst nuklear eskalieren. Bei glaubwürdiger Posture würde das die russischen Möglichkeiten einschränken. Und zweitens hat Putin in Kursk ja gezeigt, dass ein Eindringen in russisches Territorium doch nicht so schlimm ist. De facto will er zwar dauernd expandieren, aber in der Gegenrichtung sind die Grenzen auch fluide. Er sieht sich ja ohnehin im Dauerkrieg. Auch setzt das westliche Denken immer noch Land und Regime gleich, aber das ist ja nun reichlich widerlegt. Das Land ist Putin erstmal egal, die Macht ist wichtig.
Ein echtes Abschreckungssignal an Putin wäre: „Wir halten uns genausowenig an deine Regeln wie du an unsere. Wenn du an Ort 1 angreifst, passieren umgehend hässliche Dinge an Ort 2, 3 und 4. Grüne Männchen können wir auch. Wenn du uns angreifst, entfernen wir die Grundlagen deiner Macht.“ Die zitierten Stellen aus diesem Dokument sagen Punkt für Punkt das Gegenteil davon. Es ist ein Plan für eine strategische Niederlage – der Nato.
@Thomas Melber: Die NZZ ist augenscheinlich überrascht davon, dass „auch Schläge auf gegnerisches Territorium“ vorgesehen sind. Ich denke, das sagt einiges.
[Das klingt schon ein bisschen wie das, was man aus der Gegenrichtung hört: „De facto will er zwar dauernd expandieren, aber in der Gegenrichtung sind die Grenzen auch fluide.“ – ich denke, die Propaganda für einen angeblich geplanten NATO-Angriff auf Russland reicht aus der einen Richtung und muss hier nicht vertreten werden. T.W.]
Das ist, wie schon viele kommentiert haben, ein politisches, vielleicht propagandistisches Schriftstück/Rede/Statement: Sinnvoll zu veröffentlichen, ja. Inhaltlich eine (neue) NATO Doktrin, nein.
Sollte das Baltikum (oder jeder andere Randbereich) auf der Speisekarte des russischen Bären auftauchen, so wird es dort ablaufen wie jüngst im westlichen Donetzbecken: Man will die Bedrohung zu spät wahr haben, schafft es irgendwie die Offensive zu stoppen, und gibt mangels Mitteln und/oder politischem Willen den Angreifern Zeit, sich einzugraben. Und schon ist die Lage verfahren.
Noch eine Anmerkung zu den Massenkriegern hier: Die Diskussion, wie viele Korps man im Kalten Krieg hatte, gebraucht hätte, oder deshalb heute haben sollte, ist Nonsens. Die Russen haben sich mit der kleinen, aber für sie überraschend widerstandsfähigen Ukraine schon schwer getan. Und das lag sicher nicht daran, dass Putin nicht alles (Konventionelle) eingesetzt hätte, was er strategisch locker machen konnte. Die NATO würde es ihm nicht leichter machen. Da wir den Bären aber nicht an der Grenze werden stoppen können, müssen wir ihm die Giftigkeit der wenigen Bienen, die den Honig verteidigen, gut vor Augen führen.
@Bow
„Aber wie gesagt: Die Einlassung soll nach außen wirken. Daher viel WAS will ich machen und wenig WIE will ich’s WOMIT machen.“
Das ja.
„Aber Drohnen können Gebiete nur freikämpfen, aber zum halten der Räume braucht es nach wie vor Menschen.“
Aber diese Einschätzung dürfte überholt sein. Wenn unbemannte Kettenfahrzeuge mit Waffen ein Gebiet halten – dann braucht es den Menschen nur noch als Operateur sicher hinter der Front. Ist ja schon paar mal in der Ukraine vorgekommen, dass sich russische Soldaten auch ergeben haben, ohne dass ein ukrainischer Soldat in der nähe war – es reicht ein auf sie gerichtetes Gewehr und ein Lautsprecher.
Und wenn man viele dieser Systeme hat, dann reichen tatsächlich wenige Soldaten um ein großes Gebiet zu kontrollieren. Und die sind vielleicht aktuell noch lange nicht so zahlreich vorhanden wie man gerne hätte – aber wir reden hier immer noch von Russland als Gegner, die in der Ukraine feststeckt.
Der ganze Text ist einerseits kalter Kaffee und gleichzeitig so allgemein gehalten, dass man daraus nur wenig Relevantes erfährt. Klassische NATO-Doktrin. Klare Botschaft ist aber: Es ist nicht das Ziel, Russland strategisch zu besiegen und das zielt m.E. auf den Einsatz russischer taktischer Nuklearwaffen, der für Russland für eben diesen Fall Teil ihrer Doktrin ist. Und bis auf die paar Freifallbomben der USA hat Russland da eine 100 – 1 Überlgenheit.
Selbst, wenn viele militärische Mittel, die Grynkewich erwähnt noch nicht verfügbar sind, sollte eine gemeinsam agierende NATO am Ende in der Lage sein, militärisch eine solche Aggression zu meistern.
Das Risiko für uns liegt ganz massiv nicht in der militärischen, sondern in der politischen Dimension:
– Was macht Trump in dieser Situation? Schließlich waren die Europäer nicht so blöd, sich in seinen idiotischen Iran-Krieg reinziehen zu lassen. Wir werden schon sehen, was wir davon haben!
– Kriegen wir Deutschen es bei den derzeitigen Mehrheiten im Bundestag überhaupt noch hin, den Spannungsfall, geschweige denn den Verteidigungsfall zu beschließen?
– Was passiert, wenn in Frankreich demnächst die extreme Rechte oder Linke an die Macht kommt?
Für Putin kommt bald der zeitliche Höhepunkt seines Windows of Opportunity: Das Ergebnis seiner unfassbar erfolgreichen strategischen Einflussoperation in den USA und Europa: Eine NATO, die bei einem Angriff der Russen reaktionsunfähig ist und daher zerfällt. Strategischer Sieg für Russland!
Die Ukraine hat den Gegner „gestoppt“. Der Preis dafür ist dieser jahrelange Abnutzungskrieg. Wie wäre es ausgegangen hätte die Ukraine von Anfang alle Mitteln zur Verfügung gehabt? Fazit: Wer einen Angreifer nicht sofort massiv mit allen Mitteln bekämpft, der wird den Krieg verlieren. Möglicherweise reicht auch die Entschlossenheit dazu schon,den Gegner von irgendwelchen Abenteuern abzuhalten.
@TW Herr Wiegold, mir fehlt etwas die Fantasie dafür mir vorzustellen, wie Sie darauf kommen, dass ich hier Propaganda über einen angeblichen Nato-Angriff machen will. Herr Putin weiß, dass er der Aggressor ist – er sieht sich historisch dazu verpflichtet, heilige russische Erde wieder in einem Großreich zusammenzuführen. Seine Fans wissen auch, dass er der Aggressor ist. Sie finden das gut, sie halten das für eine Art von Stärke. Wenn Herr Putin Nato-Bündnisgebiet angreift, sind wir in einem Konflikt mit Russland, das kann man dann nicht mehr leugnen. Die Frage ist nur, wie man dann kämpft. Und da möchte ich einfach festhalten: Die Annahme, dass man niemals auf russisches Territorium vorstoßen kann, auch wenn es strategisch geboten wäre, weil sofort die nukleare Apokalypse folgt, ist falsch. Man macht sich hier unnötig zum Opfer von Kreml-Propaganda.
@StMarc
Ein Jäger-Witz als Antwort auf alle Fragen:
Trump trifft Putin. Beide tot.
@ B.
„Das ist dann wohl die Zusage an Russland, niemalsnienimmernicht russisches Territorium einzunehmen, auch wenn aus der Gegenwehr heraus offensives Momentum entstünde.
Vielleicht ist diese Aussage langfristig hilfreicher, als es im ersten Moment erscheint.“
Es ist gut, dass Sie sich überlegen, was auch >nicht< in dem Transkript gesagt wird.
Allerdings:
"Should the adversary choose to press the attack or commit his reserves, we will break the warfighting system engaged against us. This includes not just the attacking force itself, but anything and everything that supports, sustains, or controls that force."
So wie die USA das im Falle Iran versuchen – wobei denen gegenüber ohnehin gedroht wurde, dass sie deren Territorium (Kharg) einnehmen würden. Nein, die russische Seite würde kein Versprechen der USA für voll nehmen, dass sie beispielsweise Kaliningrad nur vorübergehend besetzen und wenn Frieden ist wieder räumen werden. Russland würde dann wahrscheinlich Atomwaffen einsetzen. Viele Russen glauben an die Verschwörung, dass die westliche Allianz ihr Russland in seine Föderationssubjekte zu zerschlagen und unter seine Kontrolle zu bringen versucht.
Meine Einschätzung ist, dass bis auf weiteres alle Signale nach Russland dort unter dem Filter der Paranoia verarbeitet werden. Unsere politische Gesellschaft in Deutschland und viele Menschen persönlich haben leider auch ein großes Angstproblem entwickelt wenn es um Russland geht.
@ madmax
„Ausbluten“
Scheint so, als ob Grynkevich mehr mit Falkenhayn gemein hat, als ein Y im Namen.
Das ist die derzeitige Situation an der Ukraine-Front. Das wollen wir doch nicht wirklich.
@ Felix sagt: 14.10.2026 um 17:56 Uhr
Das sehe ich genau so..
Nicht tatsaechlich eingenommenes gegnerisches Territorium, sondern gezielte Schlaege, auch praeventiv, auf strategische Ziele.
Nicht zu vergessen, die „polnische Karte“ in den USofA. Wird dort meist hoeher gehandelt als die „Chermans“.