Fürs Archiv: Russland reagiert scharf auf US-Mittelstreckenraketen in Norwegen
Nachdem die US-Streitkräfte für eine Übung vorübergehend Startgeräte unter anderem für Tomahawk-Marschflugkörper in Norwegen stationiert haben, hat Russland mit scharfen Worten reagiert. Die Abschussbasen und Kontrollzentren seien damit Ziel möglicher russischer Angriffe, erklärte das Außenministerium in Moskau.
Die USA hatten die Launcher für die Übung Atlantic City 2026 Ende August nach Norwegen verlegt:
On August 27, 2026, the U.S. Navy deployed a four-cell Containerized Launching System to Trondheim, Norway, aboard a U.S. Air Force C-17A Globemaster III as part of Operation Atlantic City 26. The deployment serves to validate strategic inter-theater air mobility, expeditionary advanced base operations, and distributed strike integration in the High North alongside British and Norwegian forces. This exercise tests the command-and-control networks required to coordinate geographically separated long-range missile launchers, such as those capable of firing SM-6 and Tomahawk missiles, within a unified joint kill web.
Am (heutigen) Montag folgte darauf die Reaktion aus Moskau:
Antwort der offiziellen Sprecherin des russischen Außenministeriums, Marija Sacharowa, auf eine Medienanfrage zur Stationierung einer US-Raketenabschussrampe für Mittel- und Kurzstreckenraketen in Norwegen
Frage: Wie bewertet man in Moskau die von den USA vorgenommene Stationierung einer Abschussanlage für Mittel- und Kurzstreckenraketen in Norwegen, auch vor dem Hintergrund des ins Stocken geratenen Dialogs über strategische Stabilität? Ist eine Reaktion darauf geplant? Wenn ja, welche?
Antwort: Das Auftauchen amerikanischer Systeme in Europa, die zum Abschuss von Mittel- und Kurzstreckenraketen (MK-Raketen) fähig sind, werten wir als einen weiteren Schritt in der endlosen Reihe stark destabilisierender Maßnahmen der NATO-Staaten. Dabei wird bei der Umsetzung der Pläne und konkreten praktischen Maßnahmen zur Stationierung westlicher bodengestützter Mittelstreckenraketen in der Region die Absicht des Nordatlantikbündnisses, sich ein umfangreiches Potenzial für Raketenangriffe tief in das Territorium unseres Landes zu verschaffen, nicht nur nicht verheimlicht, sondern sogar demonstrativ hervorgehoben. Gleichzeitig wird versucht, die ausgedehnten Gewässer der Region „ins Visier“ zu nehmen und sich so die beherrschende Kontrolle über die Seewege zu sichern, die aus militärischer sowie aus Handels- und Transportperspektive von entscheidender Bedeutung sind.
In diesem Zusammenhang weisen wir darauf hin, dass die auf der Basis von Mk-41-Abschusszellen gebauten amerikanischen Raketensysteme, die nach Europa geliefert und diesmal in Norwegen stationiert werden, für den Abschuss von Mehrzweckraketen vorgesehen sind, die sowohl Ziele an Land als auch auf See treffen können. Wir berücksichtigen zudem, dass diese Systeme zum Abschuss von Langstrecken-Marschflugkörpern vom Typ „Tomahawk“ eingesetzt werden können und dass ihre Stationierung in dem genannten nordeuropäischen Land es ermöglicht, einen beträchtlichen Teil des europäischen Teils des russischen Staatsgebiets, einschließlich Moskau, zu „abdecken“.
Somit können diese Raketenwaffen bei aggressiven Aktionen der NATO-Staaten gegen unser Land zur Lösung strategischer Aufgaben eingesetzt werden. In diesem Zusammenhang dürfte es für diejenigen, die in Washington und Oslo die Entscheidung über die Stationierung der genannten Systeme in Norwegen getroffen haben, keine Überraschung sein, dass im Rahmen der russischen Gegenmaßnahmen die Standorte der amerikanischen Komplexe und deren Kommandozentralen sowie die dazugehörige Infrastruktur Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit seitens der strategischen Abschreckungskräfte der Russischen Föderation werden, was die Planung des Kampfeinsatzes entsprechender Angriffswaffen im Falle eines bewaffneten Konflikts einschließt.
Was den in der Frage erwähnten Dialog mit den USA über strategische Stabilität betrifft, möchten wir daran erinnern, dass dieser nicht „ins Stocken geraten“ ist, sondern seinerzeit bereits von der Regierung unter Joe Biden einseitig unterbrochen wurde. Die derzeitige US-Regierung vertritt hingegen die unrealistische Auffassung, dass sogenannte „multilaterale“ Verhandlungen unter obligatorischer Beteiligung Chinas aufgenommen werden sollten, obwohl China wiederholt und ganz klar erklärt hat, dass es gewichtige Gründe hat, sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht an solchen Bemühungen zu beteiligen.
Wir unsererseits haben wiederholt und ausführlich dargelegt, dass die günstigen Voraussetzungen für einen sachlichen und fruchtbaren strategischen Dialog mit den USA nicht gegeben sind. Und Maßnahmen wie die Stationierung amerikanischer bodengestützter INF-Raketen in Europa, die eine Bedrohung für die Russische Föderation darstellen, machen – gelinde gesagt – die Voraussetzungen für einen konstruktiven Dialog mit den USA in strategischen Fragen zunichte.
(übersetzt mit deepl.com)
(wird ggf. ergänzt)
Man muss nicht über jedes Stöckchen hüpfen.
Grundsätzlich ist die Reaktion der Russen ( unabhängig von dem ernsten Hintergrund ) eigentlich echter Kindergeburtstag.
Was hat man in der Vergangenheit für Schindluder mit seinen „Kurzstrecken“-Raketen vom Typ Iskander getrieben:
Das ursprüngliche Design war mit bis zu 800 kg Sprengstoffgewicht berechnet. Das waren dann 500 km gemeldete Reichweite. Konform zu der internationalen Grenze für Kurzstreckenraketen.
Aber was kam dann ?
– Umrüstungsvariante auf Atomsprengköpfe, in jedem Fall unter 200 kg. Damit steigt die nach der Raketengleichung gut berechenbare Reichweite auf 1000 km+
– Stationierung in Kaliningrad. Damit liegt im Grunde ganz Deutschland innerhalb der Reichweite
– Das war spätestens 2018. Reaktionen damals sehr moderat. Die Russen würden es natürlich „unfassbare Eskalation“ nennen, wäre es umgekehrt gewesen.
Nun wird ein mobiles Abschuss-System temporär ( für eine Übung ) nach Norwegen verlegt. Nicht nuklear. Wütende Reaktion aus dem Kreml.
Könnte man unter, naja die posaunen halt ins Leere, verbuchen.
Wie auch an den Ergebnisden der Landtagswahl Sachen-Anhalt abzulesen würde ich da aber schon einen Einfluss auf bestimmte russlandfreundliche Wählergruppen konstatieren…
Gut so. *Bitte-Starship-Troopers-Meme-‚Its-afraid‘-sich-hier-vorstellen*
Die strategische Dummheit der NATO war gewesen, auf die Iskander Raketen nicht sofort mit eigenem Atomraketen zu antworten. Jetzt kann Russland Mal wieder das arme Opfer spielen, weil die vielen russischen Iskander Atomraketen in Kaliningrad der dt. Bevölkerung unbekannt sind! Wahrscheinlich hätten weniger Bürger die faschistische AfD in Sachsen Anhalt gewählt, wenn der dt. Bevölkerung diese Raketenbedrohung bewusst wäre.
Die Frage, lieber Thomas Wiegold ist doch, wofür ihr „Archiv“ diese russische Propaganda braucht?
Brauchen Ihre Leser auch noch die Wertung „Russland reagiert scharf“, um diesen Bullshit einzuordnen?
Ich finde diesen Wikipedia-Artikel indes weit informativer:
https://de.wikipedia.org/wiki/Marija_Wladimirowna_Sacharowa
Und überhaupt, wenn diese Rätsche ertönt, dann hat die NATO ganz sicher wieder etwas richtig gemacht.
Es ist durchaus legitim, die US Systeme als symmetrische Reaktion auf die RUS Systeme in Kaliningrad zu betrachten.
Interessant dabei: Angesichts dieser starken RUS Reaktion gegen die temporär (!) nach NOR verlegten US-Systeme wiegt der Verzicht auf die bereits beschlossene dauerhafte Stationierung in DEU noch schwerer – hier hat Trump dem Autokraten im Kreml einen großen Gefallen getan, ohne dass wir die Gegenleistung kennen.
Wenn man selbst alle bedrohen will, sieht man alles andere auch als Bedrohung.
Der Kreml ist gefangen in seiner eigenen irren Logik.
Die Russen würden auch lamentieren,wenn man nur eine Kiste Bier mitbringen würde. Fakt ist,dass kein Nachbar sowas wie in der Ukraine erleben will.
@ Closius Sie sind da sowas von auf dem falschen Dampfer. Als jemand, der nicht die AfD gewählt hat, aber aus einem Landkreis kommt, in dem ca. 55 Prozent blau gewählt haben, kann ich Ihnen aus eigener Anschauung nur sagen, dass es eine Menge Leute gibt, die keinen noch so guten Argumenten noch zugänglich sind. Und das sind nicht Arbeitlose, Bürgergeldempfänger oder Geringverdiener. Man hört von Leuten, denen es gut geht Sätze wie „Putin wird uns retten!“ oder „Der Adolf hat vieles richtig gemacht!“. Iskanderraketen interessieren da keinen, das sind doch gute Raketen. Oder wie Herr Chrupalla gesagt hat „Der Putin hat mir doch nichts getan!“. Aber warten wir mal die nächsten Wahlen und die Regierungsbildung hier ab. Ich habe von aktiven Soldaten gehört, dass es nicht wenige Soldaten gibt, die das Ergebnis klasse finden und sich mehr davon wünschen. Und das war nicht im Osten. Das sollte uns Sorgen machen.
[Mir ist klar, dass das Thema in vielen Facetten viele bewegt – dennoch die Bitte, hier nicht in eine Debatte zu rutschen, die den Rahmen dieses Blogs bei weitem sprengt. Was dezidiert mit Sicherheitspolitik und Streitkräften zu tun hat ja, aber eine gesamtgesellschaftliche Debatte hier bitte nicht. T.W.]
Typische russische Argumentation:
1. Ich kann Euch nicht mehr ohne Gefahr eines Echos auf die Nase hauen.
2. Das ist total unfair!
3. Deshalb rede ich jetzt nicht mehr mit Euch!
4. Ihr habt also die Chance für einen Dialog kaputtgemacht.
Die Russen wollen also im Endeffekt, wenn sie von einem Gespräch „auf Augenhöhe“ reden, dass sie selbst eine Position der Stärke einnehmen können und die anderen sich zu fügen haben. Wenn man sich Möglichkeiten verschafft, seine eigenen Interessen auch gegen russische Präferenzen abzusichern, werten sie das als „Provokation“.
In meinen Augen primitive Schulhofschlägermentalität, die ihren Ursprung in der Angst vor der eigenen Unzulänglichkeit hat.
@Repaircafe
Ich teile ihren „scharfen Kommentar“ ;) vollinhaltlich.
@TW
Russische Propaganda und kognitive Kriegsführung braucht nicht auch noch einen Übersetzungs- und Verbreitungsdienst. Verbreitungsdienst deshalb, weil das „Archiv“ ja nicht auf der privaten Festplatte schlummert, sondern publiziert wird. Faktisch ist es ein Blogbeitrag wie jeder andere, nur eben getitelt „Fürs Archiv“. Nun kann man lange darüber debattieren, ob solche „Archivbeiträge“ für wen und wozu nützlich sind, und wie freier Journalismus russische Propaganda thematisieren soll: Ist das Propaganda, soll man es Propaganda nennen, wer über Propaganda spricht, verbreitet sie auch, etc., und welchen Anschein hat es, wenn lediglich „zitiert“ wird.
Ich möchte konstruktiv mit diesem Vorschlag schließen: Archivieren Sie doch auch die Beiträge des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags, so weit diese sicherheitspolitisch relevant sind. Gerade aktuell gäbe es z.B.
Schattenflotte und Fahren unter falscher Schiffsflagge, EU 6-30000-0007-0012; WD 7-30000-0001-0002
https://www.bundestag.de/resource/blob/1209412/EU-6-0007-0012-WD-7-0001-0002_schattenflotte.pdf
Verteidigungsrelevante Verkehrsinfrastruktur. Verfassungsrechtliche Rahmenbedingungen, WD 4 – 30000-0003-0007
https://www.bundestag.de/resource/blob/1210696/WD-4-0003-0007_verkehrsinfrastruktur.pdf
Zur Suche: https://www.bundestag.de/dokumente/analysen
[Na dann jetzt mal ehrlich: Was wollen Sie mir mit der Aussage
und welchen Anschein hat es, wenn lediglich „zitiert“ wird.
unterstellen? T.W.]
Mich beschäftigt vor allem die Formulierung von der „besonderen Aufmerksamkeit“ für Abschussbasen und Kommandozentralen.
Das ist diplomatische Sprache in ihrer schönsten Form: Man droht mit möglichen Angriffen und klingt dabei beinahe so, als wolle man eine Akte mit rotem Filzstift markieren.
Vielleicht ist das überhaupt die wichtigste Funktion solcher Formulierungen:
Die Eskalation bleibt dieselbe.
Nur die Wortwahl trägt Krawatte. 🦌