US-Luftverteidigungssystem Patriot: Die Schweiz soll sieben Jahre länger warten und mehr bezahlen
Es ist nur ein Mosaiksteinchen im immer deutlicher sichtbaren Trend, dass die USA ihre Verbündeten mit der Lieferung bestellter Waffensysteme hinhalten: Die Schweiz soll auf die bestellten Luftverteidigungssysteme des Typs Patriot aus den USA sieben Jahre länger warten als bisher geplant – und dafür aber voraussichtlich mehr bezahlen.
Die recht nüchtern gehaltene Mitteilung des Schweizer Verteidigungsministeriums vom (heutigen) Mittwoch lässt ahnen, welche Gefühle die jüngsten Mitteilungen aus den USA in Bern ausgelöst haben dürften:
Aufgrund der im Juli 2025 von der US-Regierung kommunizierten Repriorisierung der Patriot-Systeme zugunsten der Ukraine wird die Schweiz ihre Systeme mit Verspätung erhalten. Im Februar 2025 haben die USA diese Verzögerung auf vier bis fünf Jahre geschätzt; inzwischen wurde der Schweiz mitgeteilt, dass aufgrund des Kriegs im Nahen und Mittleren Osten mit fünf bis sieben Jahre zu rechnen ist. Damit einhergehend sind auch höhere Kosten.
Allerdings, das kommt noch oben drauf, sind die USA offensichtlich nicht einmal bereit, bei ihren Angaben konkret zu werden. So seien verschiedene Optionen eröffnet worden – aber: Alle Varianten führen nach heutigem Kenntnisstand zu Lieferverzögerungen sowie zu erheblichen Mehrkosten. Verbindliche Informationen seitens USA dazu liegen allerdings nicht vor.
Da erstaunt es nicht, dass sich die Schweizer nach Alternativen umsehen. Derzeit würden Angebote von fünf Anbietern eines Systems zur bodengestützten Luftverteidigung grösserer Reichweite erwartet, die bis Ende des Monats eingehen sollen. Dabei handele es sich um Unternehmen aus Deutschland, Frankreich, Israel und Südkorea – als Produktionsort werde aber Europa bevorzugt.
(Archivbild November 2024: A delegation from the Swiss Armed Forces visits the 5th Battalion, 7th Air Defense Artillery Regiment’s Patriot battery Nov. 7 in Baumholder, Germany – U.S. Army photo by Sgt. Yesenia Cadavid).
Die Bundeswehr betreibt mit Patriot das gleiche System, das die Schweiz in den nächsten Jahren auch einführen wollte. Von der Teilnahme an ESSI (European Sky Shield Initiative) erhoffte man sich Vorteile für eine effiziente Bewirtschaftung von Patriot, insbesondere für die laufende Erneuerung. Es schien auch sinnvoll, mit den Nachbarn in diesem Bereich interoperabel zu sein (Ausbildung, Übungen). Jetzt wird das schwieriger.
„Alle Varianten führen nach heutigem Kenntnisstand zu Lieferverzögerungen sowie zu erheblichen Mehrkosten. Verbindliche Informationen seitens USA dazu liegen allerdings nicht vor.“
Auf so einen Vertrag kann man gut und gerne verzichten. Wenn man schon nicht liefern kann, weil andere Interessen vorrangig beliefert werden, dann muss man wenigstens preisstabil bleiben. Das wäre das Minimum.
Aber das passt gut in das aktuelle Bild, das die USA nach außen hin abgeben.
Ja – so verprellt man zahlungskräftige Kunden. Auf das Angebot aus Deutschland für „bodengestützte Luftverteidigung grösserer Reichweite“ darf man gespannt sein. Wenn unter „grösserer Reichweite“ mindestens IRIS-T SLX gemeint ist, müsste sich Diehl auf einen entsprechenden Liefertermin einlassen.
Sollte eine möglichst sichere und kurzfristige Lieferung entscheidend sein, wird wohl an SAMP/T NG kein Weg vorbei führen. Wenn die Schweiz eher ESSI-strategisch denkt (da ist sie ja Mitglied) wird sie sich an der in Deutschland verwendeten Technologie orientieren. Da wäre dann ja sogar ein Arrow3 oder Arrow4 Beitrag ebenfalls denkbar. Die Schweiz könnte somit Vorreiter für das europäische System für den Reichweiten-Bereich zwischen IRIS-T SLM und Arrow 3 werden. Das wäre doch sogar ein Offset-Geschäft wert.
Wie auch immer – die USA tuen ihr Bestes um die europäische Produktion von Militärgütern zu fördern.
Hallo zusammen,
Eigentlich zeigt diese Nachricht, dass man im Ernstfall auf die US-Regierung zählen kann. Wenn Deutschland in einem Krieg wäre und auf US-Waffen angewiesen wäre, würden wir uns ebenfalls freuen, wenn unsere Verbündeten uns auf die Prioritätenliste setzen und nicht beteiligte Länder etwas länger warten müssen. Dieses Verhalten sehe ich daher nicht als problematisch – ganz im Gegenteil.
Allerdings halte ich die US-Waffenindustrie für wenig vertrauenswürdig. Dies ist ein weiteres Beispiel dafür – wie etwa beim F-35 oder bei den U-Booten der Virginia-Klasse (um nur zwei prominente Beispiele zu nennen) –, dass die US-Rüstungsunternehmen ihre Logistikketten und industriellen Prozesse offenbar nicht im Griff haben. Steigende Rohstoffpreise hin oder her: Das ist keine ausreichende Rechtfertigung für Preiserhöhungen, zumal sich solche Risiken an den Finanzmärkten absichern lassen.
Das die Schweiz darüber nicht erfreut ist, verstehe ich.
Hier sollte man aber weniger die US-Regierung kritisieren als vielmehr die US-Waffenindustrie.
Die Schweiz bestellte in den USA fünf Patriot-Systeme samt Munition und Ausrüstung, für 2,4 Milliarden Franken, weil die Armee seit dem Jahr 2000 nicht mehr über ein Langstrecken-Abwehrsystem verfügt. Diese sollen nun 4,6 Milliarden Franken kosten.
Zwischen der Schweiz und den USA gibt es auch kräftigen Streit um die Lieferung/Finanzierung von F-35. Für beide Projekte gibt es einen gemeinsamen Rüstungsfond. Die USA bedienen sich regelwidrig aus diesem Fond: https://www.armyrecognition.com/news/army-news/2026/switzerland-considers-cancelling-2-1-billion-patriot-deal-with-the-u-s-as-delays-push-delivery-to-2034
Wie auch immer – die USA lassen nichts unversucht, um Vertrauen und Verlässlichkeit auf Dauer zu zerstören.
PATRIOT sollen ja auch in Deutschland gebaut werden, sicher für den Eigenbedarf oder haben da die USA auch die Hand drauf ?
https://www.mbda-deutschland.de/pressemitteilung/bodengebundene-luftverteidigung-auf-der-ila-2024-patriot-fertigung-in-deutschland/
Zwar aus 2024 aber neue Artikel hierzu finden sich in der Presse. Interessanterweise werden PATRIOT bereits in Deutschland gewartet.
Na ja, Geschäfte mit Regierungen zu machen bei denen der erste Mann im Staat ein verurteilter Straftäter ist und x Dinge in den Sand gesetzt hat, sich aber durchaus mit einem Heiligen auf einer Stufe sieht ist schon fragwürdig. Seine Entourage hat schon was besonderes. Ein Showman als Trubbelshooter oder wie sich selbst bezeichnet „Kriegsminister“, nichts als ein Talk“master“. Einfach lassen, nicht hinfahren, nix kaufen, europäisch den Markt stärken.
„Im Februar 2025 haben die USA diese Verzögerung auf vier bis fünf Jahre geschätzt; inzwischen wurde der Schweiz mitgeteilt, dass aufgrund des Kriegs im Nahen und Mittleren Osten mit fünf bis sieben Jahre zu rechnen ist.“
Man könnte daraus auch die Information ziehen das sich pro neuem Krieg der USA die Lieferzeit um ein bis zwei Jahre verlängert.
Und die Trumpadministration ist noch eine ganze Weile am Ruder…
Das ist der sprichwörtliche Schuss vor den Bug, und man kann nur hoffen, dass er in der Marine und BMVg gehört wird, die Optionen sorgfältig bedacht und die finale Entscheidung unter Betrachtung von Worst-Case Szenarien getroffen wird, angesichts der strategischen Bedeutung der geplanten Luftverteidigungs-Schiffsklasse F127. Mit mindestens drei, ggf. sieben vorgesehenen Lenkflugkörpern rein US-amerikanischen Ursprungs (ESSM, SM-3, SM-6 + ev. SM-3, navalisierte Patriot, Tomahawk, LRAM-ASROC) nach bisherigen Berichten, ist das ein absolutes Hochrisiko-Projekt, das die nationale Sicherheit bei einem Scheitern in Frage stellt. Wenn in einem Bad-Case Szenario ein weiterer US-iniitierter Krieg zu Lieferverzögerungen von mehreren Jahren führen kann, bedeutete ein der USA aufgezwungener Krieg, sagen wir im Indo-Pazifik, dass Deutschland sechs bis acht Sternenzerstörer zum Anschaffungspreis von 3 Mrd. pro Einheit weitgehend waffenfrei in Wilhelmshaven liegen hat. Da hilft dann auch kein Obi-Wan Kenobi mehr …
Die europäischen Patriot Nutzer sollten jetzt ganz Schnell über einen Exit nachdenken. Mit IRIS-T steht ein System ähnlicher Reichweite in den Startlöchern. SAMP/T NG ist auch in der gleichen Leistungsliga und das Israelische Barak System hat in Israel schon Patriot abgelöst. Da gibt es mit Finnland auch schon einen NATO Nutzer, zumal die Israelis immer offen sind für Industrie Partnerschaft siehe Thropy und Spike. Das sexy an IRIS-T ist ja die gleiche Systemarchitektur für alle Anfangschichten und eine rein europäische Produktion, da lassen sich auch leicht neue Radare integrieren und eine Anti Hyperschall Anfangrakete ist in Entwicklung.
Denke die Schweiz ist gut beraten den Vertag zu lösen und auch nochmal über ihre F-35 Beschaffung nachzudenken.
Es sollen doch Patriot in Deutschland gefertigt werden.
https://www.bmvg.de/de/aktuelles/spatenstich-fuer-erstes-werk-zur-produktion-von-patriot-lenkflugkoerpern-in-europa-5860774
Wird im Gegenzug die Schweiz die Bestellung der F-35 stornieren ? Um den Flieger gab es dort ja recht große Irritationen bzgl. des Kaufpreises bzw. des Leistungsumfanges.
https://militaeraktuell.at/schweiz-f-35-fixpreis-geplatzt-stueckzahl-30/
Es gibt sogar eine Art Bürgerinitiative gg. die Beschaffung:
https://stop-f-35.ch/
Welche Version von Patriot hat die Schweiz überhaupt bestellt?
Wir Deutschland die alte mit dem 90 Grad Radar?
Oder die aktuelle mit dem 360 Grad LTAMDS und dem neuen Integrated Battle Command System (IBCS) von Northrop Grumman? Beim neuen System ließen sich dann auch andere (preiswertere) Lenkflugkörper integrieren, als nur PAC 2 und PAC 3. Dann kann man ähnlich wie Israel in mehreren Schichten und mit unterschiedlich teuren Lenkflugkörpern arbeiten. Etwa Stunner oder RIM-166 gegen Drohnen.
Bei SAMP/T scheint es ja Gründe zu geben, warum das System bei jeder Auswahl verloren hat. Verfügbar ist es und anscheinend sind die Aster Lenkflugkörper auch günstiger.. Es scheint schlichtweg keine gute Alternative zu sein.
google:.Seit vielen Jahren höre ich von den katastrophalen Folgen für die ganze Welt im Allgemeinen und für die USA, Israel und Europa im Besonderen, falls die Schweiz die abgeschlossenen Rüstungslieferverträge ablehnen würde (Sarkasmus).
@Thomas Melber @Schneider
Eine Patriot-Lenkflugkörper-Produktion in Deutschland/Europa ändert aber nichts daran, dass die wichtigsten Systemkomponenten (Hard- wie auch Software) in den USA gefertigt werden und vor der Auslieferung eine Genehmigung der US-Regierung benötigen. Wenn diese Regierung den Unternehmen den Export (temporär) untersagt, um danach die eigenen Bestände aufzufüllen, guckt Europa in die Röhre bzw. bei Patriot in den Kanister.
@Küstengang01:
Grundsätzlich volle Zustimmung.
Was Aber PATRIOT über SAMP/T NG unterscheidet, sind die technischen Informationen aus tatsächlichen Kampfhandlungen.
Hier sind die Saten von PATRIOT nicht zu schlagen; DIEHL wird mit IRIS-T* näher dran sein, aber hat bei Weitem nicht so viele Daten.
Inwieweit Frankreich hier überhaupt lieferfähiger wäre als DIEHL oder Raytheon/L&M?
@Bow Nach allem was ich zu den SAMP/T in Ukraine gelesen habe scheint der Nachschub nicht mit dem Bedarf schritthalten zu können. Hörte sich an als wäre es noch knapper als der Nachschub an Patriot. Und es sind ja überhaupt nur 1-2 SAMPT/T Systeme im Einsatz.
Ergo dürfte die Produktionsrate ein Witz sein. Geld sollte mit den ganzen EU-Hilfen ausreichend bereitstehen für nennenswerte Nachbestellungen. Fragt sich also warum die keinen Produktionsrampup hinbekommen? Zum Vergleich: Diehl hat die Produktion von Iris-T inzwischen verzehnfacht.
Zu der Datenmenge: Iris-T SLM dürfte in der UKraine inzwischen mehr Abschüsse auf dem Konto haben als Patriot. Patriot-Daten aus älteren Konflikten wie Sadams Scud-Raketen dürften in dem Konflikt weitgehend wertlos sein.
Ich denke nach Hören dieser Folge, das wirklich problematische bei Szenarien einer kleinen Inkursion russischer Militärkräfte z. B. im Baltikum ist ein Setting, bei dem nicht mit Soldaten Gelände durch RUS eingenommen wird, denn die haben die gleichen Verwundbarkeiten gegenüber Drohnen, wenn sie versuchen Gelände zu halten. Sondern wenn dauernde, einzelne Drohnenangriffe über die Grenze kommen, ohne dass der Versuch einer tatsächlichen Besitznahme erfolgt, und die Wahl dann ist, entweder selber in russisches Territorium hinein wirken zu müssen (wie tief? wie intensiv?) oder zu ertragen, dass ein vielleicht vereinbarter Frieden durch „Soldaten im Urlaub“ oder „Einzeltäter“ immer wieder durch einzelne Angriffe mit Kleindrohnen gebrochen wird. Dann werden ganz viele außerhalb des angegriffenen Gebiets bei größeren Militäraktionen der Europäer ganz schnell schreien, ob unsere Reaktion verhältnismäßig ist. Und die Frage nach der Verhältnismäßigkeit z. B. einer Art „Kill Zone“ wie in der Ukraine, um solche Angriffe zu verhindern, stellt sich ja wirklich.
Mist, Falscher Thread eben, sorry. Sollte unter die Sicherheitshalber-Folge.
[Dann bitte dort noch mal posten, verschieben geht leider nicht. T.W.]
Was ist das Bedrohungsmodell der Schweiz für die kommenden 3 Jahrzehnte?
– Ist das Szenario einer zerbrechenden EU für sie realistisch, würden sie dann Waffen aus Frankreich oder Deutschland kaufen?
– Geht es um abstrakten Schutz der Gebäude der Verfassungsorgane und internationaler Organisationen (UN), dann ist es wohl egal.
– Geht es um den Air Policing bzgl. von Luftraumverletzungen durch Flugzeuge der NATO/EU, ist dann ein System aus eben einem NATO/EU-Land eine gute Idee (siehe Türkei mit S-400)?
– Geht es darum, Drohnen abzuwehren, ist vermutlich keines der Systeme allein zweckmäßig.
– Geht es um die Abwehr fehlgeleiteter Raketen und Marschflugkörper, ist dann IRIS T SLX dafür (insbesondere gegen (semi-)ballistische Raketen) geeignet?
[Schon lustig, wie sie eine große Bedrohungslage für (West)Europa völlig ausblenden und für die Schweiz für irrelevant halten. T.W.]
@TW
Die Schweiz ist weiträumig (!) von Freunden umgeben. Bis eine Rakete / ein Marschflugkörper im Bundeshaus in Bern einschlägt sollte sie/ er schon mindestens zweimal abgeschossen sein sonst haben wir ganz andere Probleme als die Schweiz.
Hier die Überlegungen des Eidgenössischen Verteidigungsdepartements zur Verteidigung der Schweiz:
https://www.vtg.admin.ch/de/zielbild-und-strategie-fur-die-armee-der-zukunft
und hier eine kritische Würdigung desselben:
https://www.srf.ch/news/schweiz/zielbild-2030-eine-neue-armeedoktrin-im-politisch-luftleeren-raum
Hinterher ist man immer schlauer, aber es zeigt sich, dass es ein großer Fehler war, bei ESSI nicht auch SAMP/T ins Boot zu holen und stattdessen auf Patriot zu setzen.
@Thomas Melber
Danke für die Links!
@T.W.
Russland stellt sicherlich eine starke Bedrohung hinsichtlich Desinformation, Militarisierung des Weltraums und im Cyberbereich dar. Sich gegen hybride Bedrohungen zu wappnen, sollte deshalb doch die Priorität der Schweiz sein! Wenn Russland als kinetische Bedrohung wahrgenommen wird, sollten sie ja mit der Priorisierung von Patriots für die Ukraine und NATO kein Problem haben.
Spätestens bei Spanien hört das Gefühl von Russland als Top-Bedrohung in Westeuropa auf. Die Nordafrikanische Sicherheitslage ( Terrorismus, allgemeine Instabilität in der Region und der Konflikt zwischen Marokko und Algerien in direkter Nachbarschaft) dominiert die Sicherheitsinteressen.