Erste Bundeswehr-Brigade soll ab Anfang 2027 digital funken, ‚Mischbetrieb‘ mit Handfunkgeräten
Die Ausstattung der Landstreitkräfte der Bundeswehr mit digitalem Funk soll nun rapide vorankommen. Zu Beginn des kommenden Jahres soll eine der NATO zugesagte schnell einsetzbare Brigade vollständig digital ausgerüstet sein. Um auch ältere Fahrzeuge einzubinden, ist ein so genannter Mischbetrieb mit der vorläufigen Einrüstung von Handfunkgeräten geplant.
Einen Sachstandsbericht zum Rüstungsprojekt Digitalisierung Landbasierte Operationen (D-LBO) veröffentlichte das Verteidigungsministerium am (gestrigen) Mittwochabend. Das Programm mit einem Gesamtvolumen von 11,5 Milliarden Euro wird von der Truppe, neben dem Heer auch die Logistik und die Sanität, seit Jahren dringend erwartet: Noch immer nutzen zu viele Einheiten für die Sprach- und teilweise auch Datenkommunikation Jahrzehnte alte analoge Technik, die von einem Gegner vergleichsweise einfach aufgeklärt und abgehört werden kann – und inzwischen weit hinter der Kommunikation der NATO-Partner zurückbleibt.
Das Hauptproblem bei der Umstellung der Landstreitkräfte auf die zeitgemäße Technik sind weniger die einzelnen Bestandteile als vielmehr deren Integration. Schon der Einbau der gelieferten Funkgeräte wurde zum Problem, unter anderem, weil der Fahrzeugpark der Bundeswehr eine für alle passende Einbau-Lösung nicht zuließ – und offensichtlich auch die Industrie da ein wenig hinterher hinkte. Hinzu kamen Probleme, die Funkgeräte mit der Software eines taktischen Rechners (Tactical Core) und dem eingesetzten Battle Management System zu kombinieren und zu einem reibungslosen Funkbetrieb für Sprache und Daten auch mit vielen Nutzern gleichzeitig zu bringen.
Die wesentlichen Probleme, versicherte das Ministerium in seiner Mitteilung, seien jedoch inzwischen behoben: Die letzten Testreihen in Munster zeigen zufriedenstellende Entwicklungen von D-LBO Basic zu einem funktionsfähigen Gesamtsystem aus Führungsfunkgerät, Tactical Core und Battle Management System. Auch seien die Kriterien des Heeres als größtem Nutzer in den Tests größtenteils erfüllt worden.
Allerdings: Mit größtenteils erfüllt dürfte sich Heeresinspekteur Christian Freuding nicht zufrieden geben. Denn für ihn und seine Teilstreitkraft gilt ab Anfang 2027 der scharfe Betrieb: Dann soll laut Ministerium die Panzergrenadierbrigade 37 der NATO als Forward Land Force Brigade vollständig digitalisiert einsatzbereit gemeldet werden. Unsere Soldatinnen und Soldaten müssen hierfür unter Einsatzbedingungen sicher fahren, funken und schießen können, heißt es in der Mitteilung des Wehrressorts.
Als ein Schritt dahin gilt der Mischbetrieb, der in der Vergangenheit oft als kombinierte Nutzung neuer digitaler Funkgeräte mit alten analogen Systemen missverstanden wurde. Eine solche Lösung wäre technisch auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner kaum besser als die bisherige analoge Lösung. Andererseits scheitert eine sofortige Umrüstung aller genutzten Fahrzeuge auf fest eingebaute Digitalfunkgeräte sowohl an der Menge der Systeme, die eingerüstet werden müssten, als auch an den technischen Voraussetzungen gerade bei älteren Fahrzeugen.
Nach dem Verständnis der Bundeswehr bezeichnet nun Mischbetrieb die durchgängige Nutzung digitaler Systeme. Allerdings werden dafür wo bereits möglich leistungsfähige Fahrzeugfunkgeräte eingebaut. Ältere Fahrzeuge ohne diese Möglichkeit erhalten digitale Handfunkgeräte, die mit einem Adapter an die Elektronik des Fahrzeuges für Stromversorgung und externe Antenne ausgerüstet werden (s. Foto oben).
Damit soll nach Angaben des Ministeriums sichergestellt werden, dass auch während der laufenden Umrüstung auf die digitalen Systeme die Großverbände einsatzbereit bleiben könnten. Langfristig sei der Aufwand dafür auch vertretbar, weil die Handfunkgeräte nach Umrüstung von Fahrzeugen auf die fest eingebauten Geräte eben als digitale Handfunkgeräte von der Truppe genutzt werden könnten.
Aus Industriekreisen hieß es, bereits dieser Mischbetrieb ermögliche es, Sprache und Daten parallel und weitgehend geschützt vor Störungen zu übertragen. Die Verbindungen seien zudem immer verschlüsselt und gemäß Zertifizierung des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik für Kommunikation bis zur Sicherheitsstufe VS-NfD (Nur für den Dienstgebrauch) zugelassen.
Allerdings, auch das wurde aus Industriekreisen eingeräumt, erfülle der bisher erreichte Stand des Systems die Erwartungen der Truppe noch nicht vollständig. Jetzt gehe es darum, die Software der Geräte und die Konfiguration der verschiedenen Komponenten anzupassen.
Während die Tests bei der Truppe vor allem auf dem Übungsplatz Munster weiter laufen, plant das Ministerium die Bestellung weiterer Handfunkgeräte, die von der deutschen Firma Rohde&Schwarz geliefert werden. Dafür soll dem Haushaltsausschuss des Bundestages voraussichtlich im Juni ein Änderungsvertrag zum bisherigen Rahmenvertrag für die Beschaffung vorgelegt werden, der unter anderem auch auf eine wachsende Bundeswehr ausgelegt werde. Das geplante Finanzvolumen von 2,4 Milliarden Euro bedeute ausdrücklich keine Mehrkosten für das Rüstungsprogramm D-LBO, da es Teil des bereits geplanten Gesamtvolumens ist.
Fürs Archiv hier noch mal die Mitteilung als Sicherungskopie:
20260513_BMVg_PM21 – Sachstand und Fortschritte D-LBO
(Foto: Digitales Handfunkgerät von Rohde&Schwarz mit Adapter für den so genannten Mischbetrieb; gesehen auf der Fachausstellung AFCEA in Bonn)
Immerhin…
Man darf sich allerdings schon fragen wie das denn die anderen NATO-Partner mit ihren „Atfahrzeugen“ hinbekommen haben. Da hört man nichts von grossen Problemen…
Und noch eine Anmerkung zur Verschlüsselungsstärke ( ein Maß hierfür dürfte die zugelassene Geheimhaltungsstufe sein):
„Die Verbindungen seien zudem immer verschlüsselt und gemäß Zertifizierung des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik für Kommunikation bis zur Sicherheitsstufe VS-NfD (Nur für den Dienstgebrauch) zugelassen.“
Das ist die niedrigste Stufe. Jeder der mal bei der BW war kennt simple Formblätter mit VS-NfD Stempel…
Ich würde mal vermuten für wichtige Befehle bereits ab Kompanie-Ebene nicht geeignet.
Kommentar hierzu:
Mmmpf…
Dann wollen wir hoffen, dass es bis dahin zu keiner Eskalation kommt. Den Mischbetrieb kann ich mit für einen Gefechtsverband in der Verteidigung / Verzögerung nicht wirklich als „kriegstauglich“ vorstellen. Nebenbei, ich hoffe, dass das BMVg nicht von einer reinrassigen Heeresbrigade, sondern von einer Kampftruppenbrigade in entsprechender Truppeneinteilung mit den Teilen aus dem Unterstützungsbereich, CIR etc. ausgeht. Nebenbei, jetzt zeigt sich entgegen der Kommunikationslinie des BMVg aus 2025, dass man doch knackig hinter dem Zeitplan liegt. Wie sich das auf die der NATO angezeigten und eigentlich einsatzbereiten Divisionen auswirkt, ist dann eine andere Frage. Wenn der aktuelle Stand jedenfalls „die Erwartungen der Truppe noch nicht vollständig erfüllt“, können wir uns vorstellen, was das bedeutet. Bleiben wir zuversichtlich.
@Apollo 11
Jedenfalls kann man mit VS-NfD wohl das FüWES ADLER der Artillerie und das FüInfoSysH (ugs. FISH; jetzt ggf. auch SitaWare (HQ- ?) ) ROT nicht mit einbinden.
@all
Leute, mal ernsthaft. Wer fordert hier rote Netze bis zum Schützentrupp? Merkt ihr selbst, oder?
Wirkt sich hier BG Eggert als Troubleshooter DLBO aus?
[Für die, die ihn nicht kennen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Marco_Eggert
Allerdings wurden etliche Entscheidungen wie z.B. der Mischbetrieb vor seinem Amtsantritt im Sonderstab getroffen, wenn ich mich nicht täusche. T.W.]
@TW
Das System soll ja deutlich mehr können als nur Sprache übertragen. Und natürlich kann auch der Trupp Informationen bekommen, die zwar nicht ROT i.e.S. aber dennoch geheim zu halten sind bzw. der Gegner nicht erfahren darf (Essential Elements of Friendly Information, EEFI), z.B. beim blue force tracking.
[Wir können jetzt lange drüber reden, ob höher als VS-NfD auf allen Ebenen nötig ist. Unser beider Meinung ist da allerdings nicht maßgeblich, und rumspekulieren, wie Blue Force Tracking eingestuft werden muss, lassen wir jetzt auch. T.W.]
Abschliessend:
„Dann soll laut Ministerium die Panzergrenadierbrigade 37 der NATO als Forward Land Force Brigade vollständig digitalisiert einsatzbereit gemeldet werden.“
Mit Verschlüsselungsfreigabe von mindestens „GEHEIM“ denke ich mal.
Das ist dann ein grosser Fortschritt.
Der „Mischbetrieb“ in der Breite dann immerhin auch digital verschlüsselt.
Das lass ich erst mal gelten :-)
Ich bezweifel, dass die Handfunkgeräte dann auch über die Bordsprechanlage (BV) nutz- und hörbar sind. Damit gab es bei der Einrüstung in alte Autos massive Probleme. Ich habe jahrelang von einem TPZ Fü Fuchs geführt. Wenn die Geräte nur einfach im Fahrzeug mitgeführt werden ohne BV Anschluss versteht man während der Fahrt nichts vom Funk und muss sich dann wohl entscheiden ob man seinen Panzer führen will oder halbwegs was vom Funk mitbekommen will. Insgesamt sehr unbefriedigende Lösung. Hier haben Beschaffung und Industrie massiv versagt, das sollte intern durchaus mal aufgearbeitet werden und zu personellen Konsequenzen führen. Ich hoffe, dass man jetzt noch die Kurve kriegt und wir nicht mit einem ungeeigneten Funksystem auf Dauer leben müssen. Dass man in einem System das sonst zwanghaft versucht alles grün zu melden offen zugibt, dass noch nicht alle Ansprüche erfüllt sind spricht Bände.
[Reden Sie von Ihren früheren Erfahrungen oder ist das eine aktuelle Information? Wäre nett, wenn solche Aussagen auch konkret zugeordnet würden und nicht „in meinem Panzer vor 15 Jahren…“ zum Maßstab würde. T.W.]
@ DD,
schauen Sie sich das Bild oben im Artikel an, genau das ist die Konfiguration.
Ein Handfunkgerät in einem Einbausatz und Einbindung in den Bordkreis.
@T. Wiegold;, 14.05. 19:19h:
Ich denke hier haben alle Recht: Ich brauche kein „Cosmic Top Secret“ bis in den Schützentrupp, aber „Geheim“ wäre schon schön.
Die aktuellen Durchlaufzeiten sind auch nicht sooo doll, als dass man sagen könnte: „Bis ROT entschlüsselt hat, was wo einschlägt, ist es schon eingeschlagen.“
Und um mal wieder das Totschlagargument aus der Scublade zu holen: Sogar der Küchenplan ist „VS-NfD“; hier von einer „Verschlüsselung“ zu reden ist, eingedenk der „Haltbarkeit“ der Verschlüsselung,…… interessant.
Es gibt halt immer wieder ein eher bizarres Beispiel für vieles ab. Und auch dieser „Mischbetriebsadapter“……gaaanz großes Tennis! ;-)
Ja, es ist nicht alles schlecht, aber das Meiste halt nicht einmal ganz okay…..
Die VS-NFD Freigabe ist für das Gesamtsystem nicht „nur“ die Verschlüsselung. Da die Geräte ja gerade nicht Air-Gapped sind und relativ frei zugänglich sind geht da gar nicht mehr.
Z.B. ist auch PubKey-Verschlüsselung Egal ob RSA/EC bei Installation der/als SW auf einem PC auch nur VS-NFD die gleiche Verschlüsselung in einer Blackbox die dann z.B. ISDN verschlüsselt aber Geheim.
D.h. der abgesetzte/abgehörte Funkspruch hingegen ist genau so sicher wie von einem höher freigegebene Gerät wenn gleich große Schlüssel verwendet werden.
Das RS Funkgerät XT 622 P1 ist vom BSI übrigens selber für GEHEIM zugelassen.
Ich würde vermuten, dass hier nur für VS-NfD zertifiziert werden kann, weil die Vorschriften für VS- Vertraulich oder höher kaum mit der Realität „vorne“ in Einklang zu bringen sind (man bedenke nur Dokumentation und Zutrittssicherheit). Es sollte aber auch reichen, da für diese Ebene per Definition ausgeschlossen sein sollte, dass die Kenntnisnahme taktischer Informationen durch Unbefugte für die Interessen der Bundesrepublik Deutschland oder eines ihrer Länder mehr als nachteilig sein kann. Die Verschlüsselung selbst wird etablierten Verfahren folgen, nicht viel anders als WhatsApp und Co., schwierig ist wohl eher das „drumherum“. Der Panzer ist ja gewissermaßen nur ein mobiles Hotelzimmer :-)
@TW das ist Stand letztes Jahr. Zu sehr will ich da öffentlich nicht ins Detail gehen, aber die DLBO Erprobung auf dem Fuchs war derart katastrophal, dass es mich stark wundert, dass man das mit einem digitalen Handfunkgerät jetzt angeblich so einfach funktionierend gelöst bekommt.
Hier zum Vergleich die Darstellung beider Seiten:
– Verteidigumgsministerium ( der Link vom Augen-geradeaus-Artikel oben ):
https://www.bmvg.de/de/presse/digitalisierung-landstreitkraefte-schreitet-voran-6100394
– Artikel diverser Presseseiten die sich zumeist auf die Recherche der „Welt“ beziehen ( incl. Kritik von Frau Strack-Zimmermann):
https://www.golem.de/news/digitalfunk-debakel-bundeswehr-zahlt-zwei-milliarden-fuer-untaugliche-technik-2604-207266.html
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Die gefundene Übergangslösung ist in der Masse nunmehr verschlüsselter Digitalfunk teils mit Handfunkgeräten.
Und mit Hilfe der neuen untenstehenden Ausrüstung soll die Einheit mit den brisanntesten Einsatz-Ansprüchen ( die Litauen-Brigade ) ab Anfang 2027 dann bis zur Stufe GEHEIM funken können:
https://esut.de/2020/05/meldungen/20470/militaerische-kommunikation-bis-geheim/
„Nun ist SOVERON D zudem das erste militärische SDR, das vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie bis GEHEIM zugelassen wurde.“
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Wenn dies eingehalten wird wäre das ein echter Fortschritt.
Mit der Bitte um weitere Beobachtung….
Mal schauen, wie lange die Bw mit dieser Übergangslösung leben muss. Bald gibt es in der Truppe mehr Übergangs- oder Brückenlösungen, als einsatzfertige Systeme..
WIR.WERDEN. EINSATZKLAR.
„Loyal“ befasst sich kritisch mit digitaler Befähigung nicht nur der Streitkräfte, sondern staatlicher Verwaltung insgesamt: Deutschland und Bundeswehr auf Kurssuche.
„Deutschland liegt nicht nur in digitaler Resilienz zurück. Auch das Defizit an digitaler Souveränität ist eklatant, übrigens wie in ganz Europa“.
Bemängelt wird, der Ansatz ist zwar Staatsmodernisierung, nicht aber Souveränität, was ein ehrgeizigerer Anspruch wäre. Hinzukommt, Bundeswehr und PolizeiEN, fahren ihren föderalistischen Eigenkurs? Darf nicht wahr sein!
https://www.reservistenverband.de/magazin-loyal/auf-kurssuche/
Für die Bearbeitung und Erörterung von VS ab VS-Vertraulich sind noch ganz andere Kriterien maßgeblich, als nur die Verschlüsselung der übertragenen Informationen. Technisch sind z.B. Maßnahmen zur Abstrahlsicherheit, Lauschabwehr, usw. erforderlich. Personell muss man sicherstellen, dass nur ermächtigtes Personal mit Need-to-Know Zugriff auf diese Informationen erhält. Sowas setzt man da um, wo man es benötigt, aber man rollt solche Maßnahmen nicht nach dem Gießkannenprinzip über die komplette Fahrzeugflotte aus. Hier bitte die Erdfühlung behalten und nicht mit den Forderungen abheben!