Ein NATO-Dienstposten, zwei Kandidaten (und einer davon ein Deutscher)

Der Vorgang ist schon ein bisschen ungewöhnlich: Die Spitzenposten der NATO sind, wenn ein Kandidat dafür öffentlich ausgerufen wird, in der Regel vorher intern im Kreis der Verbündeten abgesprochen worden. Doch für das Vorsitzendenamt des NATO-Militärausschusses gibt es nun plötzlich zwei Bewerber: Neben dem deutschen Generalinspekteur Carsten Breuer die kanadische Generalstabschefin Jennie Carignan.

Die Nominierung Breuers hatte Verteidigungsminister Boris Pistorius bereits im Februar öffentlich bekanntgegeben. Und auch wenn formal – im September – die Nachfolge des Amtshinhabers, des italienischen Generals Giuseppe Cavo Dragone, per Wahl entschieden werden soll: Dass die neue Person an der Spitze des höchsten militärischen Gremiums der Allianz da nicht schon vorher bestimmt ist, ist zumindest ungewöhnlich (wenn es überhaupt je vorgekommen ist, ich jedenfalls kann mich nicht erinnern).

Nun aber gibt es seit dem (gestrigen) Mittwoch eine neue Lage. Der kanadische Verteidigungsminister David J. McGuinty gab öffentlich die Nominierung der kanadischen Generalin* bekannt:

May 20, 2026 – Ottawa, Ontario – National Defence / Canadian Armed Forces
Today, the Honourable David J. McGuinty, Minister of National Defence, announced the candidacy of General Jennie Carignan, Chief of the Defence Staff, for the position of Chair of the NATO Military Committee.
The Chair of the NATO Military Committee is the Alliance’s most senior military role and serves as the principal military advisor to the Secretary General and a key facilitator of strategic military collaboration among Allied Chiefs of Defence. The term of the current Chair is expected to conclude in mid-2027, and an election to determine a successor is planned for September 2026 during the Military Committee Conference in Cophenhagen, Denmark.
Canada’s nomination reflects our enduring commitment to NATO and to strengthening collective defence and transatlantic security in an era of increasing global instability and strategic competition.
General Carignan has served as Canada’s Chief of the Defence Staff since 2024 and has held senior leadership appointments across the Canadian Armed Forces, including operational and institutional command roles in Canada and abroad. Throughout her more than 40-year career in uniform, she has played a central role in advancing operational readiness, military modernization, institutional transformation, and multinational cooperation.

Nun kenne ich mich mit den Interna der kanadischen Regierungspolitik zu wenig aus, um beurteilen zu können, ob dieser Vorstoß überraschend kommt. Immerhin war Carignan im März zu Besuch bei Breuer (s. Foto oben), und da schien es um ganz andere Themen gegangen zu sein, zum Beispiel die Kooperation beim Bau von U-Booten. Interessant ist da natürlich, das in der aktuellen kanadischen Mitteilung von einem Gegenkandidaten keine Rede ist.

Carignan wäre die erste Frau an der Spitze des Gremiums – und damit ein Pionier nicht nur von ihrer militärischen Ausbildung her, sondern auch im übertragenen Sinn. Und natürlich ist die interessante Frage, wie sich das große NATO-Mitglied USA, ihr Präsident Donald Trump und Verteidigungsminister Pete Hegseth zu einer Top-Offizierin aus dem Nachbarland verhalten, dass zumindest Trump immer wieder mal mit Annexion bedroht.

*Mir ist bewusst, dass es in der Bundeswehr militärische Dienstgrade in der weiblichen Form formal nicht gibt und deshalb auch keine Generalin. Aber Carignan ist keine deutsche Offizierin, und um der Verständlichkeit willen habe ich an dieser Stelle bewusst die webliche Form gewählt.

(Archivbild: Carignan beim Besuch in Berlin am 16. März 2026 mit Breuer – Neele Janssen/photothek.de)