Vormerken für 10. September: Streiche Hindenburg, setze Friederike Krüger
Erstmals in der Geschichte der Bundeswehr (und vermutlich in deutschen Streitkräften überhaupt) wird eine deutsche Kaserne nach einer Soldatin benannt. Am 10. September wird die derzeitige Hindenburg-Kaserne am größten Bundeswehrstandort Munster in Niedersachsen, benannt nach dem ehemaligen Reichspräsidenten, den Namen Unteroffizier-Friederike-Krüger-Kaserne erhalten.
Die geplante Umbenennung teilte die zuständige Panzerlehrbrigade 9 Niedersachsen am (heutigen) Mittwoch mit:
Munsteraner Hindenburg-Kaserne wird am 10. September 2025 in Unteroffizier-Friederike-Krüger-Kaserne umbenannt
Neue Namensgeberin der Kaserne ist die preußische Unteroffizierin Friederike Krüger (1789-1848), ein historisches Vorbild für Mut, Pflichterfüllung und Hingabe im Dienst. Im Rahmen der gelebten Traditionspflege der Bundeswehr führte ein mehrstufiges Verfahren unter Beteiligung der Munsteraner Soldatinnen und Soldaten sowie der Garnison zur Umbenennung der Kaserne.
Die Traditionswürdigkeit des bisherigen Namensgebers Paul von Hindenburg wurde im Rahmen eines regelmäßig angelegten wissenschaftlichen Gutachtens des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr neu bewertet. Ausschlagegebend hierfür waren Hindenburgs demokratiefeindliches Handeln, die bewusste Verbreitung falscher Tatsachen sowie seine zunehmend autoritäre Amtsführung als Reichspräsident und seine führende Rolle bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten.
Mehr zu Friederike Krüger, die als Mann verkleidet in der preußischen Armee an den Befreiungskriegen Anfang des 19. Jahrhunderts teilnahm, findet sich bei Wikipedia. Es ist zwar zwar bereits die dritte Bundeswehrkaserne, die nach einer Frau benannt ist – allerdings waren es bislang keine Frauen mit direktem Bezug zu Streitkräften.
Die Koblenzer Augusta-Kaserne ist benannt nach der Ehefrau von Kaiser
Wilhelm I. – eine Namensgebung, über die der frühere Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium Peter Tauber in der Zeit ätzte, das entspreche einem Fritz Walter seine Frau ihr Stadion-Namen. Die Gräfin-von-Maltzan-Kaserne in Ulmen, Sitz der Schule für Diensthundewesen der Bundeswehr, ehrt mit ihrem Namen eine Tierärztin im Widerstand während des Dritten Reichs, hat aber auch keine direkte Beziehung zu Streitkräften.
Die Benennung der Kaserne in Munster nach Friederike Krüger (die Tauber in seinem Zeit-Gastartikel 2018 schon vorgeschlagen hatte), ist damit zum Teil die Würdigung einer Frau als aktive Soldatin. Mindestens ebenso aber die deutliche Absage an einen Reichspräsidenten, dessen Rolle bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten zunehmend kritischer Gesehen wird.
@Petra (med02)
„Die NVA-Kasernen wurden 1990 „von einem Tag auf den anderen“ umbenannt – konsequent und ohne Diskussion.“
Minister Eppelmann hat am 2. Oktober 1990 auf Geheiß der Bonner Hardthöhe sämtliche 299 Traditionsnamen der NVA getilgt; mit diesem Federstrich wurde auch die Traditionswürdigkeit von Wilhelm Leuschner, Rudolf Breitscheidt und Dr. Georg Groscurth ausgelöscht. Am 29. September 1994, zum 50. Jahrestag der Hinrichtung von Wilhelm Leuschner, prangerte Ernst Breit, der frühere Vorsitzende des DGB, diese Doppelzüngigkeit an: Die Traditionswürdigkeit von Wilhelm Leuschner wurde getilgt, Nazi-Generäle wie Dietl und Kübler sind weiterhin geschichtliche Leitbilder der Bundeswehr: Als Ernst Breit den Widerstandskämpfer Wilhelm Leuschner in einer Rede würdigte, konnte er – dank einer glücklichen Fügung – auch meinen Protest gegen die skandalöse Tilgung von Leuschners Traditionswürde ansprechen. Der entscheidende Satz wurde in der Tagesschau ausgestrahlt! – Es dauerte nicht lange, bis seinerzeit in einem „bewährten Verfahren“ (bottom up-approach) die Liegenschaft in Hennickendorf (Nuthe-Urstromtal) nach Wilhelm Leuschner benannt wurde.
Ich wiederhole: Die Kasernennamen – wie auch die Truppenbenennungen – der NVA wurden auf Weisung des damaligen Ministers für Abrüstung und Verteidigung mit Wirkung vom 02.10.1990 abgelegt (Befehl Nr. 48/90 des MfAV über die Aufgaben der Nationalen Volksarmee im Zusammenhang mit der Bildung gesamtdeutscher Streitkräfte vom 21.09.1990). Diesem Tatbestand wurde in einer Weisung des Bundesministers der Verteidigung vom 25.09.1990 Rechnung getragen, indem die Verbindlichkeit des Befehls des MfAV nach Übernahme der Befehls- und Kommandogewalt bestätigt wurde.
@wetzelsgruen
Danke für Ihre Ausführung, ich hatte bis dato anderslautende Informationen zu diesem Vorgang – übrigens von dort tätigem Personal. Nach denen war die treibende Figur eher der damalige Kdr und eben nicht ein „Impuls von unten.“
Wie dem auch sei, es wird bei Umbenennungen immer Unzufriedene geben, da ein solcher Vorgang oft auch eine emotionale Ebene anspricht. Und da finde ich unsere Diskussion noch zivilisiert, vergleicht man sie mit den amerikanischen Debatten rund um die Umbenennung diverser „Forts“….
Es ist mir rätselhaft, weshalb die Benennung von Liegenschaften für so viele ein derart emotionales Thema ist.
Für mich ist im täglichen Dienstbetrieb, außerhalb von Lieferadressen, völlig unerheblich welcher Name vorne auf dem Tor steht. Die Gebäude bleiben die gleichen, meine Aufgaben bleiben die gleichen, der Dienstbetrieb bleibt der gleiche.
So lange man sich über so etwas banales wie den aktuellen Namen der Liegenschaft derart auslassen kann, so lange gibt es offenbar doch keine ernsteren Probleme.
Vielleicht kann man weitere Umbenennungen auf die fernere Zukunft vertagen. Die Bundeswehr braucht mehr Kriegstüchtigkeit und nicht mehr Kulturkampf. Hier wirkt m.E. noch die falsche Prioritätensetzung aus den Jahren vor 2022 nach.
Guten Tag in die Runde! Als bereits ausgeschiedener Oberstleutnant mit Vordienstzeit in der Nationalen Volksarmee, der auf mehrere Einsätze und Verwendungen im In- und Ausland zurückblicken kann, möchte ich meine Haltung zur Umbenennung der NVA-Kasernen und zur Traditionspflege im deutschen Militär besonders unterstreichen.
Meine verschiedenen Stationen – sowohl im Inland an unterschiedlichen Standorten als auch bei internationalen Einsätzen nach der Wende – haben mir sehr eindrücklich gezeigt, wie stark sich Tradition und Erinnerungskultur auf den Alltag der Soldaten auswirken. Insbesondere als Offizier in der Luftlandesanität konnte ich die erheblichen Verwerfungen und inneren Konflikte in der Luftlandetruppe hautnah erleben.
In vielen Einheiten zeigte sich über Jahre hinweg eine auffällige (negative) Traditionspflege, die zu oft ungefiltert Wehrmachtselemente übernahm. Das Aufhängen der „Zehn Gebote der Fallschirmjäger“ oder das Herausstellen von Wehrmachtsoffizieren als Vorbilder war an vielen Standorten eigentlich alltäglich. Diese Praxis führte nicht nur zu heftigen Diskussionen unter Kameraden, sondern auch zu spürbaren Spannungen bis hin zu offenem Unverständnis und Ablehnung meiner konsequenten Kritik. Es war für mich immer wieder schmerzlich zu erleben, wie schwer es war, die klaren Brüche mit der NS-Vergangenheit durchzusetzen, wenn gleichzeitig von einigen Seiten scheinbar eine romantisierte Wehrmachtsromantik weiter gepflegt wurde.
Dieses Spannungsfeld wirkte sich auch auf den Zusammenhalt in der Truppe aus. Immer wieder erlebte ich, wie solche Traditionsbezüge nicht nur historische Fragen aufwarfen, sondern gerade für jüngere Soldaten verwirrend waren und die Identifikation mit modernen demokratischen Werten erschwerten. Meine Forderung, diese Wehrmachtsbezüge strikt zu überwinden und eine kritische sowie demokratisch verantwortete Traditionspflege zu etablieren, stieß daher nicht selten auf Widerstände und wurde manchmal sogar persönlich infrage gestellt.
Ich habe ebenso die Auslöschung von Namen wie Wilhelm Leuschner oder Rudolf Breitscheid als tiefen und schmerzlichen Verlust empfunden, weil diese Persönlichkeiten für mich und viele Kameraden unverzichtbare Symbole des antifaschistischen Widerstands und der moralischen Traditionspflege waren.
Ich habe immer wieder angesprochen, dass wir uns von Nazi- und Wehrmachtsbezügen strikt trennen müssen. Dabei wurde ich leider nicht selten mit sehr schroffen, manchmal sogar verletzenden Reaktionen konfrontiert. Man riet mir, froh zu sein, dass man mich in die Bundeswehr „genommen“ habe, und unterstellte mir mangelndes Verständnis davon, „was Tradition in der Bundeswehr ausmacht“. Selbst meine Kritik an zahlreichen Darstellungen von Wehrmachtsoffizieren, etwa in der Besatzungszeit der Sowjetunion, fand kein Gehör. Stattdessen wurde mir entgegnet, ich könne ja bei mir selbst „Honecker oder Stalin als Bilder an die Wand hängen“. Diese Antworten haben mich persönlich betroffen gemacht und zeigten, wie schwierig und emotional aufgeladen das Thema innerhalb der Truppe ist.
Trotz dieser Erfahrungen möchte ich ausdrücklich betonen, dass ich vielen Vorgesetzten auf meinem Weg begegnet bin, die mit mir fair, respektvoll und offen umgegangen sind. Ihre Haltung hat mir immer wieder Kraft gegeben, meine Kritik sachlich und beharrlich fortzuführen. Diese Fairness im Umgang miteinander ist für mich ein wertvoller Anker gewesen und zeigt, wie wichtig eine offene Gesprächskultur in der Bundeswehr ist.
Die Vielschichtigkeit meiner beruflichen Laufbahn hat meinen Blick für die Bedeutung einer reflektierten und gerechten Traditionspflege geschärft. Gerade aus diesen Erfahrungen heraus bleibt für mich der Gedanke zentral, dass Militärgeschichte und Traditionsbildung offen, kritisch und vor allem auch mit Blick auf die gesamtgesellschaftliche Verantwortung gestaltet werden müssen. Nur so kann Tradition stärken!
@JPeelen: Dann sollte man aber auch den Ehenamen mit verwenden. Also: Sophia-Dorothea-Friederica-Krüger- verheiratete-Köhler-Kaserne, bzw. kurz:
Köhler-Kaserne.
@Klaus Peter M.
Ihr Kommentar unterstreicht m.E. die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn politisch-weltanschauliche Elemente in ein Traditionsverständnis integriert werden sollen, Da es bei diesen Elementen in einer pluralistischen Gesellschaft keinen Konsens geben kann, stärkt ein solches Traditionsverständnis innere Spannungen und polarisiert, anstatt Identität zu stiften.
Eine Lösung wäre es, im Traditionsverständnis auf alle Bezüge aus der deutschen Militärgeschichte zurückzugreifen, die militärische Exzellenz in einem umfassenden Sinne symbolisieren. Dass Streitkräfte in erster Linie nach solcher Exzellenz streben sollten, darf man bei allen weltanschaulichen Differenzen als gemeinsame Grundlage voraussetzen. Zu dieser Exzellenz gehört natürlich auch ein guter Umgang mit besiegten Feinden, Gefangenen und der Zivilbevölkerung, Es wäre dann möglich, Bezüge aus allen deutschen Staaten und Armeen in das Traditionsverständnis der Bundeswehr zu integrieren. Tradition wäre dann wieder etwas, das integriert und Identität stiftet, anstatt zu polarisieren und zu spalten.
Gerlach sagt: 01.08.2025 um 12:10 Uhr
Ach echt? Was ist denn diese sog. Exzellenz und wer definiert das?
Traditionen sollen (gedankliche) Brücken bauen. Von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft.
Ich kann die Ausführungen von @ Klaus Peter M. nur unterstreichen und liefere mal folgende Anekdoten, die zu seinem Thema passt:
Vor einiger Zeit war ich wegen eines ärztlichen Termins im Büro einer Frau Hauptfeldwebel. Sanitätsdienst, aber ausweislich diverser „Erinnerungsstücke“ mit Vorverwendungen bei den Fallschirmjägern (Luftlandesanität).
Eines dieser „Erinnerungsstücke“ war eine bedrucktes Steinfragment etwa 15 x 30 cm. Darauf zu sehen war eine verfremdete Version des Freskos des Letzten Abendmahls von da Vinci.
Die Verfremdung bestand darin, dass am Tisch sitzend statt Jesus und seinen Jüngern, Fotografien schwerbewaffneter Fallschirmjäger (Angehörige ihres damaligen Zuges) in Wüstentarndruck inkl. Schutzwesten und Bewaffnung in den entsprechenden Posen der Jünger und Christus aufgedruckt waren.
Ich war damals schockiert bis angewidert. Nicht nur von der offensichtlichen Gedankenlosigkeit (Was haben die sich denn sinnvolles dabei gedacht, sich an die Stelle von Christus und seinen Jüngern zu setzen?), sondern auch von der Geschichtsvergessenheit und offensichtlich mangelnden ethischen Bildung.
Soweit ich das in Erinnerung habe, hat da Vinci auf seinem Mailänder Fresko genau den Moment dargestellt nachdem den Christus seinen versammelten Jüngern beim Abendmahl mitteilt: „Einer von euch wird mich verraten!“
Was für eine Botschaft überträgt sich da auf die abgebildeten Fallschirmjäger? Das einer der Schwerbewaffneten das verraten wird, wofür alle anderen einstehen (z.B. die FDGO?) ? Das es keine Kameradschaft gibt?
Ich halte auch das für einen Auswuchs mangelhaften Traditionsverständnisses. Die Frau Hauptfeldwebel hielt sich im übrigen für furchtbar „exzellent“ in ihrer Dienstausübung!
@ General G. aus dem Kommando Heer
Mit liegen Informationen vor, nach denen General G. keine Anregung oder Wunsch geäußert hat.
Es war wohl sehr, sehr deutlich, dass eine Umbenennung erwartet wird.