Neue Optik für die Truppe: „Mittelfristig“ Multitarn statt Flecktarn für alle

Die Bundeswehr soll in den nächsten Jahren vollständig mit Feldanzügen im Tarnmuster Multitarn ausgerüstet werden, das das seit Anfang der 1990er Jahre eingeführte Flecktarn-Muster ablösen wird. Bislang wurden nur die Spezialkräfte damit ausgestattet. Das Verteidigungsministerium bestätigte, dass eine mittelfristige Umstellung auf den Multitarn-Druck geplant sei. Damit entfällt auch die bislang für unterschiedliche Klimazonen vorgesehene Ausstattung mit Fünffarb- oder Dreifarb-Flecktarn.

Über die geplante Ausrüstung aller Soldaten und Soldatinnen mit Einsatz- und Kampfbekleidung im Multitarn-Muster hatte am (gestrigen) Mittwoch zuerst das Fachportal hartpunkt.de berichtet. Auf Nachfrage von Augen geradeaus! erklärte das Verteidigungsministerium dazu am (heutigen) Donnerstag in feinster Bürokraten-Prosa:

Das BMVg plant derzeit auf der Grundlage des neu festgelegten Gesamtumfangs der Streitkräfte auf 460.000 die bedarfsgerechte Ausstattung der Soldatinnen und Soldaten mit entsprechender Kampfbekleidung aus. Dazu werden wir die kurzfristige Beschaffung zur signifikanten Erhöhung der Kampfbekleidungsbestände einleiten. Außerdem werden wir die langfristige Versorgung und Regeneration dieser Artikel einschließlich einer damit verbundenen mittelfristigen Umstellung auf den Multitarndruck vertraglich absichern. Belastbare Zeitlinien und Angaben zu Kosten können aufgrund des laufenden Prozesses noch nicht mitgeteilt werden.

Die wesentliche Aussage darin ist, dass mittelfristig Multitarn das neue Standard-Tarnmuster der Truppe wird. Dieses Muster war vor einem Jahrzehnt vom Bundeswehr-eigenen Wehrwissenschaftliche Institut für Werk- und Betriebsstoffe (WIWeB) entwickelt worden. Der große Vorteil: Multitarn soll für verschiedene Vegetations- und Klimazonen genutzt werden können. Die gesonderte Beschaffung von Uniformen, Taschen und Zubehör in zwei verschiedenen Mustern ist damit nicht mehr nötig.

Wie das Muster  Beispiel im – damals noch laufenden – Afghanistan-Einsatz wirkte, hatte das WIWeB im vergangenen Jahrzehnt auch praktisch erprobt (ganz rechts Multitarn, ganz links der Feldanzug im Dreifarb-Flecktarn):

Die bisherige Ausstattung nur der Spezialkräfte mit Multitarn-Uniformen hatte aus der Truppe, auch aus den Spezialkräften selbst, Kritik laut werden lassen. So wurde befürchtet, dass Soldaten vom Kommando Spezialkräfte oder den Kampfschwimmern der Marine in einer Gruppe schnell zu identifizieren seien, weil sich ihre Uniform von der anderer deutscher Soldaten unterscheidet.

Das Verteidigungsministerium hatte dagegen bis vor kurzem an den beiden bisherigen Flecktarn-Mustern festgehalten – und in dem Zusammenhang ist interessant, welche Antwort die gedrechselte Antwort der Abteilung Rüstung sorgsam vermeidet: Meine Frage, was zu einer anderen Haltung im Ministerium geführt habe, wurde gar nicht erst ignoriert.

Das mag damit zu tun haben, dass aus dem Wehrressort kolportiert wird, der größte Gegner des Multitarn für alle sei bisher Vizeadmiral Karsten Stawitzki, Leiter der Rüstungsabteilung. Von ihm ist die Aussage überliefert, es habe schließlich auch gute Gründe, warum es für Autos Sommer- und Winterreifen gebe und nicht alle Ganzjahresreifen führen. Der Bereich Rüstund und Innovation soll künftig neu einem Staatssekretär unterstellt werden.

Der Abschied vom bisherigen Flecktarn hat für die Bundeswehr auch noch einen weiteren Vorteil: Die Eigenentwicklung bedeutet auch, dass der Bund die Urheberrechte an diesem Tarnmuster hat. Kopien werden damit zwar nicht völlig ausgeschlossen – aber das Ministerium kann rechtlich dagegen vorgehen.

Dazu passt auch, dass die Technischen Lieferbedingungen für den Multitarn-Druck, also die Vorgaben für Herstellerfirmen, brandneu aktualisiert am 28. Juli, nicht öffentlich sind. Für die Nerds gibt es aber hier die – 2023 ausgelaufene – alte TL-Version:
TL-8305-0345-Multitarndruck

(Archivbild: Ein 2019 in der Ausbildungsmission in Niger eingesetztzer Kampfschwimmer der Bundeswehr im Multitarn-Kampfanzug, aufgenommen beim Besuch der damaligen Verteidigungsministerin Annette Kramp-Karrenbauer in Westafrika)