Luftwaffe beim Air Policing über dem Baltikum: Keine unbekannten Maschinen am Wochenende

Der 14. September war auch für erfahrene Luftwaffenpiloten eine Überraschung. Vom russischen Festland aus flog eine Suchoi Su35, NATO-Bezeichnung Flanker, eines der modernsten russischen Kampfflugzeuge, hinaus auf die Ostsee. Was die vom estnischen Fliegerhorst Ämari zur Identifizierung aufgestiegenen Piloten der deutschen Eurofighter erlebten, war eine Flugshow: Wir haben Daten gesammelt ohne Ende, die wir noch nie hatten, sagt Oberstleutnant Swen Jacob, bis zum vergangenen Donnerstag Kommandeur des deutschen Kontingents im NATO-Luftwaffeneinsatz über dem Baltikum.

Das russische Flugzeug, alleine im internationalen Luftraum unterwegs, demonstrierte den Beobachtern in den Luftwaffenjets seine Fähigkeiten. Mehrfach wechselte der Pilot die Geschwindigkeit von langsam auf Überschall, drehte eine Rolle, und dann war der Pilot noch so dämlich, das Radar aufzuschalten – und zwar mehrfach, berichtet Jacob. Alles wertvolle Informationen für die NATO.

Seit Anfang September sind erneut Eurofighter der Luftwaffe im Luftraum über den baltischen Staaten unterwegs. Bereits vor mehr als zehn Jahren hatte die NATO den kleinen Verbündeten Estland, Lettland und Litauen, die keine eigenen Luftstreitkräfte haben, eine Überwachung des Luftraums zur Verfügung gestellt. Die Aufgabe rotiert unter mehreren Ländern der Allianz. Nach Beginn der Ukraine-Krise 2014  wurde dieses Baltic Air Policing aufgestockt: Seitdem bestücken Bündnispartner im Wechsel für mehreren Monate sowohl die Basis Ämari in Estland, wo die Bundeswehr stationiert ist, als auch die Basis Šiauliai in Litauen, wo derzeit belgische Jets starten.

Ihren ersten Alarmstart zu einem, wie es bei der Bundeswehr offiziell heißt, Schutzflug absolvierten die deutschen Eurofighter bereits am 6. September. Bis zum 1. November wurden Deutsche und Belgier zu insgesamt 24 solcher Alpha-Scrambles in die Luft geschickt, von der NATO-Luftraumüberwachung für Nordeuropa, die ihren Sitz in Uedem am Niederrhein hat.

Die Kampfjets der Allianz steigen üblicherweise dann auf, wenn auf den Radarschirmen ein Flug erkannt wird, der weder bei der – zivilen – Luftraumüberwachung angemeldet ist noch mit ihr Kontakt aufnimmt und der Pilot dazu noch den Transponder mit seiner Kennung abschaltet. Gerade in dem dicht beflogenen Luftraum über der östlichen Ostsee ist das nicht in erster Linie ein militärisches oder gar politisches Problem – sondern schlicht eine Gefahr für die Luftsicherheit.

Allerdings, so haben Jacob und seine Piloten beobachtet, verhalten sich die russischen Streitkräfte sehr unterschiedlich: Bisweilen fliegen sie mit eingeschaltetem Transponder, bisweilen ohne. Und die unbekannte Flugzeuge auf dem Radar erscheinen nie am Wochenende, bislang dazu nur bei Tageslicht. Zeitweise ist alles korrekt, an anderen Tagen gibt es Probleme, sagt der Oberstleutnant. Wie mit dem Transportflugzeug Antonov-26, das auf dem Weg zwischen dem russischen Festland und der Exklave Kaliningrad unterwegs ist: Die kommt täglich vorbei. Mal mit, mal ohne eingeschalteten Transponder. Allerdings haben die deutschen Piloten derzeit weniger zu tun: Die russischen Flugzeuge sind derzeit eher rund um Norwegen unterwegs, wo die NATO-Großübung Trident Juncture läuft.

Die NATO-Mission über dem Baltikum, für die Bundeswehr eine einsatzgleiche Verpflichtung innerhalb des Bündnisgebietes, beschert der Luftwaffe Möglichkeiten, von denen sie im Heimatbetrieb weit entfernt ist. Die vier Eurofighter in Ämari (eine weitere Maschine steht in Estland als Ersatz bereit, eine sechste in Deutschland) haben einen Klarstand von 92 Prozent – weil alle benötigten Ersatzteile vorhanden sind und nicht wie zuhause erst zeitaufwändig beschafft werden müssen. Zudem gelten die Regeln der Arbeitszeitverordnung für diesen Einsatz nicht: Gerade die Technik kann damit ihre Arbeitszeiten den Notwendigkeiten vor Ort anpassen.

Hinzu kommen Trainingsmöglichkeiten über dem dünn besiedelten Baltikum, die in Deutschland nicht denkbar sind. 90 Prozent Estlands dürfen im Tiefflug in 100 Fuß, rund 30 Meter Höhe, überflogen werden – und man kann hier ganz legal in 1.200 Fuß [rund 400 Meter] über den Marktplatz von Tallinn fliegen, freut sich der Kommandeur. Die Eurofighter sind zudem schnell in Litauen, um der dort stationierten NATO-Battlegroup unter deutscher Führung mit simulierter Luftnahunterstützung beim Training zu helfen.

Manche grundsätzlichen Ausstattungsprobleme, die die Bundeswehr hat, holen das Luftwaffenkontingent im Baltic Air Policing-Einsatz dennoch ein. Ein Teil der Kommunikation mit den Führungsstäben in Deutschland muss über eine Satellitenanbindung an Stelle der schnelleren – und vermutlich auch kostengünstigeren – estnischen Landverbindung laufen: Die Truppe benutzt teilweise noch Geräte nach dem ISDN-Standard, die nicht an eine normale Leitung passen: Das kann keiner mehr, die machen alle Voice over IP.

Und wenn der Kommandeur beim Briefing auf einer Vortragsfolie fast ganzseitig die unterschiedlichen Kommunikationsverbindungen und die dafür nötigen Endgeräte in seinem Stab auflistet, kann er nur mit einem Seufzen schließen: Die Tschechen kommen mit einem Laptop, der kann das alles. Es ist nur eine Frage der Software.

(Foto oben: Zwei Eurofighter des Taktischen Luftwaffengeschwaders 74 über Estland; Foto unten: Deutscher Eurofighter beim Intercept einer Su35 am 14.09.2018 über der Ostsee – Bundeswehr/PAO Verstärktes Air Policing Baltikum; mehr Fotos in meinem Album hier)

54 Kommentare zu „Luftwaffe beim Air Policing über dem Baltikum: Keine unbekannten Maschinen am Wochenende“

  • Gezi 3./SanBtl 6   |   06. November 2018 - 15:08

    @A Latvian

    Thank you for a view from a party concerned in the baltic states. I also think it’s important for the German air force to train under real conditions, and not only to intercept Lufthansa/Air France or whatever airplanes with their transponders down or malfunctioning.
    The costs of about 10 Mio. Eur for the three countries include what specific? Do you know?

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   06. November 2018 - 16:18

    @A Latvian
    Thanks for that information.
    Two additional questions, who gets the sum, NATO or each such states that provide jets to the BAP? And, logistical costs are offset, for example fuel, food, housing?

  • A Latvian   |   07. November 2018 - 11:30

    Informally, I’m prettty sure we provide the food and the housing, but there’s no public info available on any of this.

    I’m not sure how the money is allocated and whether NATO is involved in these transactions at all.

  • Milliway   |   09. November 2018 - 20:03

    Hallo @Afklärbär, @Mitleser und @Georg

    Zitat: „Und wer hat gesagt, dass der EF die Signale erfasst hat?“
    Zitat: „da haben Sie etwas gründlich mißverstanden……….“
    Zitat: „Genau dieser Wechsel von Impulslänge, Impuswiederholfrequenz usw sind die interessanten Parameter.“

    Nach dem mein erster Post vielleicht zu kompliziert war schrieb ich auch für den Laien verständlichen weiteren Post ohne irgendein Technisches geplänkelt.
    Mein erstes PESA Radar habe ich 1991 in der 374 MiG-31 in Le Bourget gesichtet und weiß genau wie so ein Monster Funktioniert.

    Ferner ging es nicht um den Normalbetrieb sondern um dem Umstand dass die Su-35S die Eurofighter aufgeschaltet haben soll und dabei wertvolle Daten gesammelt wurden. Also um die Kernaussage des Kommandeurs des deutschen Kontingents im NATO-Luftwaffeneinsatz über dem Baltikum.

    Mein Zitat : „Für den Eurofighter ist es technisch Unmöglich festzustellen ob er von einer Su-35S aufgeschaltet ist oder nicht.“ halte ich aufrecht.

    In dieser Animation des Tikhomirov NIIP N035 kann man die Funktionsweise des N035 ( Irbis E ) sehen.

    https://www.youtube.com/watch?v=0s0pNhbYFQs

    Als erstes sieht man gegen der allgemeinen Annahme dass es keinerlei Mechaniken gibt, dass die Antennen und Sender Elemente auf eine Taumelscheibe montiert sind.

    Die Animation zeigt zum besseren Verständnis nur bis zu 5 Stahlstiche (Module) in der Realität gibt es aber ca. 1250 bis 1630 Module (Stahlstiche)

    Ein erfasstes Ziel (Eingeklammert) wird nicht extra „Beleuchtet“ da dieses mehr als 1000 Mal pro Sekunde und theoretisch mit einer anderen Frequenz erfasst wird.

    Es gibt keine aktive Sendemodule oder Empfangsmodule sondern das gleiche Quellensignal wird in normal Fall * von einer TWT (Wanderfeldröhre) erzeugt, verstärkt dann verteilt und jeder einzelnen Modul zugeführt, aber die Phase des an jeden Modul angelegten Signals kann elektronisch variiert werden.

    *= In Russland wurde / wird an einer neuen Typ von TWT gearbeitet, dabei sind sagen wir mal 1000 TWT in einer gemeinsamen Röhre zusammengefast.
    (Da jedes AESA-Sendemodule eine eigene HF-Quelle besitzt spricht man daher von Aktiv und ein PESA-Sendemodule hingegen keine eigene HF-Quelle besitzt, eben Passiv.)

    Aus der Anzahl der Module kann die Leistung des Radargerät abgeleitet werden und die liegt mindestens 30 Prozent höher als angenommen, ca. 1250 Module mal ungefähr 16 Watt / Modul macht 20 Kilowatt Spitzenleistung.

    Der Verteidigungsanalytiker Carlo Kopp geht von 1250 Modulen aus und hat weitere Infos dazu.

    http://www.ausairpower.net/APA-Flanker-Radars.html

    Eine weite Quelle zeigt insbesondere wo die zwei L-Band AESA Radar untergebracht wurden

    http://fullafterburner.weebly.com/aerospace/sukhoi-35-the-super-flanker

    In Beitrag # 69 und weiter gibt es weiter Infos !

    https://www.flugzeugforum.de/threads/army-2018-das-international-miltary-technical-forum.90830/

    Meine These ist: dass die Su-35S anfangs mit deaktivierte Sendemodule geflogen ist. Gegen der allgemeine Annahme kann das Radar immer noch Signale empfangen, eben nicht die eigenen sondern z.B. die des ECR-90 des Eurofighter oder des Luftraumüberwachungsradar.
    ( Gleiches Funktionsprinzip wie bei dem Radioteleskop der Sternengucker. )
    Schließlich wird die Su-35S ihre deaktivierten Sendemodule, die in Bereich 1-2 und 8-12 GHz. Arbeiten aktiviert haben und hat dabei sämtliche „Kerzen“ in Eurofighter angezündet.

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