Exercise Watch: ‚Suwalki Gap‘ und enhanced Forward Presence

(Foto: Alfredas Pliadis/Verteidigungsministerium Litauen)

Während die verteidigungspolitische Debatte in Deutschland derzeit vor allem von innerer Lage der Truppe und Rüstungsbeschaffungen bestimmt wird, empfiehlt sich ein etwas weiterer Blick, vor allem an die NATO-Nordostflanke. Dort laufen und liefen in diesen Tagen mehrere Übungen, mit denen die NATO ihre Abschreckungsbereitschaft gegenüber Russland vor allem im Baltikum demonstrieren will, und die Bundeswehr ist maßgeblich dabei.

Das gilt vor allem für die Übung Iron Wolf in Litauen; wo die Bundeswehr den Kern der NATO-Battlegroup in der so genannten enhanced Forward Presence (eFP) stellt. Aus der Übersicht des litauischen Verteidigungsministeriums dazu:

During Exercise Iron Wolf 2017 the NATO eFP Battalion Battle Groups and allies for the first time trained together with the NATO eFP Battle Group deployed in Poland. According to NATO Secretary General, the way the NATO eFP units deployed in Lithuania and Poland were linked up demonstrated our ability to work alongside each other which showed NATO unity and resolve. The NATO Battle Groups are a clear signal: an attack on one ally means an attack on all.

(…)
Exercise Iron Wolf 2017 is a part of Exercise Saber Strike conducted in the Baltic states and Poland, an exercise organised for the 7th time by the United States European Command. This year’s key exercise objective will be training and exercising the NATO enhanced Forward Presence (eFP) Battle Groups with a focus on promoting interoperability with Allies and regional partners. The multinational, robust eFP Battle Groups stationed in Estonia, Latvia, Lithuania and Poland are part of the ongoing commitment by the U.S and NATO Allies and Partners to deter aggression throughout Europe. The Multinational Corps North East (MNC-NE) Szczecin (Poland) will be the command and control element for multinational operations.

(Foto: NATO)

Vor dem Besuchertag für die (NATO-)Politiker in Litauen hatte die in Polen stationierte eFP-Battlegroup einen demonstrativen Landmarsch durch den Suwalki Gap durchgeführt: Dieser Korridor an der polnisch-litauischen Grenze, zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und Weißrussland gilt als der Engpass für den Fall, dass die NATO im Krisenfall ihre Verbündeten Estland, Lettland und Litauen unterstützen will.

Multinational Soldiers with the Enhanced Forward Presence Battle Group Poland completed a two-day tactical road march across sovereign NATO borders and arrived to Rukla, Lithuania, June 18, 2017, as part of Saber Strike 17.
The Poland-based Battle Group conducted the convoy portion of the Field Training Exercise to demonstrate their ability to execute a forward passage of lines across the only land connection between the Baltic States of Estonia, Latvia and Lithuania, which is known as the Suwalki Gap.
“What’s unique about today is, this is the first time that the Enhanced Forward Presence Battle Group from Poland has actually deployed one troop with all of their enablers,” said U.S. Army Col. Patrick Ellis, commander of 2nd Cavalry Regiment. “During the tactical road march we crossed through the very famous Suwalki Gap and that’s a big deal. This is the first time it has happened, which really demonstrates the cooperation amongst the eFP Battle Groups.”

heißt es dazu vom U.S. European Command.

 

Der Iron-Wolf-Vorführung vor den Politikern beim Besuchertag dann, mit einer demonstrativen Gewässerüberquerung, mit deutschem Gerät

(Foto: NATO)
(Foto: Verteidigungsministerium Litauen)

waren natürlich längere Übungen in Litauen selbst vorausgegangen. Unter anderem ein Gefechtsschießen auf dem Übungsplatz Pabrade, unter Führung des Kommandeurs der eFP-Battlegroup in Litauen, Oberstleutnant Christoph Huber.

Die Reaktion Russlands auf diese Übungen gibt es natürlich auch, dazu eine Meldung von TASS am heutigen Mittwoch – und was das Klima zwischen der NATO und Russland nicht besser machen dürfte: An Bord eines Flugzeuges, das von NATO-Abfangjägern in Augenschein genommen wurde, befand sich Verteidigungsminister Sergej Shoigu:

Situation near Russia’s western borders tends to worsen due to the growing military activity of the North Atlantic Alliance in Eastern Europe, Russian Defense Minister Sergey Shoigu said on Wednesday.
Earlier on Wednesday, NATO’s F-16 fighter jet attempted to approach a plane carrying Shoigu over neutral waters of the Baltic Sea. A TASS correspondent, who was onboard the plane, said Russia-s Su-27 fighter aircraft drove the F-16 away. (…)
„The intensity of the alliance’s operational and combat training is increasing. The alliance’s BALTOPS 2017 and Saber Strike 2017 large-scale exercises are currently underway near the Russian borders. Taking part in them are more than 10,000 military servicemen, more than 70 warships and auxiliary vessels and about 70 aircraft, including B-52 strategic bombers,“ Shoigu said.
„All these developments demonstrate the Western partners’ blatant reluctance to abandon their anti-Russian policy,“ he emphasized.

Zu diesem Intercept gibt es auch ein Video – und was zwar faktisch keinen Unterschied macht, aber Einfluss auf die Stimmung haben dürfte: Die F-16 zum Air Policing über dem Baltikum stellt derzeit Polen.

33 Gedanken zu „Exercise Watch: ‚Suwalki Gap‘ und enhanced Forward Presence

  1. … Abschreckungsbereitschaft gegenüber Russland …

    Hui, da werden die Generale in Moskau aber frösteln …

  2. Back to the roots – da ist das Deutsche Heer aber froh, dass es wenigstens im Rahmen eFP seine vollkommen falsche Ausrüstung presswirksam zur Schau stellen kann. Gleichzeitig fliegen unsere Hubschrauber in Mali nicht und selbst nach fast 20 Jahren Afghanistan ist es uns nicht gelungen tropentaugliches Gerät zu beschaffen. Derzeit rollen fast keine Fahrzeuge hitzebedingt mehr in GAO. Hauptsache wir können die gute alte M3 wieder aus der Mottenkiste holen und Schau-Brückenschläge machen. Ich freue mich schon was wir auf der diesjährigen ILÜ so alles als „State of the Art“ gezeigt bekommen. Armes Deutschland …

  3. „Litauische Luftstreitkräfte“ und „Close Air Support“ für die Battle Group ?
    What a show of force and joint deterrence – mir kommen die (Lach)Tränen (sorry)
    ;-)

    Das Abfangen von Shoigu war wohl keine gute Idee, die Russen haben eine RC-135. der USA top-gunned (N-TV)

  4. Der Brückenschlag sieht nicht nach Suwalki Gap aus eher nach Nermunas (Memel).
    Lt. Kommentar unter dem YT Video besitzt Litauen wohl 5 Militärflugzeuge, hat aber mehr bestellt. Weiß jemand dazu mehr?

  5. Schoigu not amused – Radio Moskau:


    Schoigu mahnt Westen: So wird Russland mit Militär-Druck fertig

    Als Reaktion auf die zunehmenden militärischen Aktivitäten der Nato an den russischen Grenzen, die die globale Sicherheit gefährden, hält Russland mehr als 30 taktische Einheiten im Westen des Landes einsatzbereit. Das teilte der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu am Mittwoch mit.

    [Für ein Zitat ist das ein bisschen lang… und diese Quelle lässt sich sicherlich verlinken? T.W.]

    Die westlichen „Strahljäger“-Flotten werden damit sicher spielend fertig.

    NATO-Abschreckung works dearly…

  6. @Stefan Büttner

    Hm? Kann dazu nix finden…

    (Interessant finde ich, dass niemand aufgreift, dass es sich um eine polnische Maschine handelt. Oder es weiß keiner.)

  7. Laut BNS und entsprechenden Artikeln kamen die F16 aus dem litauischen Siauliai (Zokniai), sind also polnische. http://www.delfi.lt/news/daily/education/rusijos-gynybos-ministro-lektuva-lydejo-is-siauliu-kile-nato-naikintuvai.d?id=75010022

    @Ungedienter
    Litauen selbst hat eine L-39, die ich am Sonntag hab fliegen sehen. Was sonst an Propellertrainern weiß ich nicht. Hubschrauber sieht man regelmäßig, mehrere Mi-8 und seit etwa 2 Jahren 3 AS365 Dauphin. Transporter C27 und Verbindungsflugzeug L410
    Von Bestellungen an Flugzeugen weiß ich nichts und beim lit. VM finde ich dazu nichts.
    Gruß

  8. Litauen hat in Sachen Klarstand von Gerät am Boden und in der Luft sicher mehr zu bieten als die unangebrachte Häme von Klabautermann nahelegt, sicher im Vergleich zu unserer Schrott-Truppe. Und: Man kann in Litauen Marschgruppen etc bewegen, ohne dass man ein Jahr vorher einen Papierkrieg starten muss.

  9. Komisch, weiterhin keine Bw-Berichterstattung:

    https://www.army.mil/article/189742/

    Wann wird DEU endlich „erwachsen“ nach dem 2+4-Vertrag ? Schlimm genug, dass die Bundeswehr nur Teile des Materials vor Ort hat (haben darf ?). – Die Amphibien sind schon i.O., aber wie steht es um PzAbw ???

  10. WELT: Kampfjet-Pilot wackelt mit Tragflächen, um Waffen zu zeigen
    SPUTNIKNEWS: Nato-F-16 versuchte Annäherung an Flugzeug des russischen Verteidigungschefs

  11. Hm, hat gedauert, lange, zu lange.
    HQ MNC NE

    @hqmncne now certified as @NATO High Readiness Force Headquarters!👍#SaberStrike2017 #SASE17 #StrongEurope @LANDCMD @NATO_JFCBS @USArmyEurope

  12. @Mannerheim
    Welche PzAbw?
    Sie sehen mich verwundert 😳.
    PzJgTr 1997 beerdigt, PAH 2003 Lebenserhaltung beendet.
    Bleibt nur der KPz. Motto: Bestes Mittel gegen Pz ist der eigene KPz.
    Und so nette Sachen wie A-10 wird’s nicht geben, die Tiger mit HOT dürfen nicht können.
    Dafür gibt’s nette Stuben, die n.D. fluchtartig geräumt werden.

    Außerdem wäre PzAbw ja sowas von kriegslüstern, also bitte! Was soll Putin glauben.

  13. @KPK
    Das MNC NE ist aber dennoch personell für die aktuellen Aufgaben eher schwach aufgestellt (nach Köpfen).

  14. Die Herren der Luftwaffe sind professionell …


    „Professionell“: Nato lobt Verhalten russischer Piloten über Ostsee

    „Wir schätzen das Vorgehen der russischen Piloten als sicher und professionell ein“, sagte ein Nato-Sprecher am Mittwoch.

    „Weil sich die Flugzeuge nicht identifiziert und den Fluglotsen nicht geantwortet hatten, wurden Nato-Jagdbomber in Übereinstimmung mit dem üblichen Verfahren zum Abfangen in die Luft geschickt“, so der Sprecher weiter.

    https://de.sputniknews.com/politik/20170621316269534-nato-russland-ostsee-schoigu/

    kwt

  15. @tluassa: das ist kein Video der aktuell laufenden Übung Iron Wolf sondern Aufnahmen einer früheren Vorführung im Rahmen von VIP Besuchen

  16. In Litauen, – ohne DEU Beteiligung – übt Minnesota Army National Guard’s 1st Armored Brigade Combat Team, mit British Royal Marines und polnischen Truppen. https://www.defense.gov/News/Article/Article/1218693/us-soldiers-join-british-marines-polish-soldiers-in-lithuania-for-saber-strike/

    DEU Heer ist derzeit wegen des Kontingentwechsels, PzGrenBtl 371 wurde am 21.06.17 von Angehörigen und der Bevölkerung zur Übernahme in RUKLA verabschiedet, noch nicht voll verfügbar. Die erforderlichen Verstärkungen kommen vom PzBtl 393, des PiBtl 701 und des VersBtl 131.
    Für die kommenden sechs Monate werden sie als 2. Rotation PzGrenBtl 122 OBERVIECHTACH ablösen.
    https://bw2.link/5eiLL.

  17. Klaus-Peter Kaikowsky | 23. Juni 2017 – 18:39
    “ … PzGrenBtl 371 wurde am 21.06.17 von Angehörigen und der Bevölkerung zur Übernahme in RUKLA verabschiedet, …“
    Gibt es dazu Bild- und Filmmaterial? Würd mich über einen Hinweis freuen.
    Hans Schommer

  18. @kpk
    Dabei handelt es sich um den Teil “ Suwalki Gap“ der Übung IRON WOLF (IW17). Weitere Teile IW17: Im Raum RUKLA Iron Wolf Brigade ( LTU) mit eFP BG und im Raum PABRADE Griffin Brigade (LTU).

  19. @Hans Schommer

    Gibt es, hier als Link aber wohl nicht zulässig.
    Im Netz bei
    XXX.freiepresse.de/LOKALES/ERZGEBIRGE/MARIENBERG/ – usw suchen.
    Oder einfach „Marienberger Jäger“ eingeben.

  20. Zur Einordnung der Übungstätigkeit empfehle ich diesen Aufsatz: http://carnegieendowment.org/2017/05/03/assessing-russia-s-reorganized-and-rearmed-military-pub-69853

    Wem es zu lang ist, der kann ja die Schlussfolgerungen lesen und diese mit Iron Wolf vergleichen.

    Wo ist denn eine OPFOR mit umfassender Nutzung von UAV, überlegener Artillerie, Flugabwehr, EloKa (inkl. Handy-Netz) etc?

    Ich erkenne eher das übliche Panzerballett und eine Kriegsbrücke, die ca. die Hälfte des deutschen Bestandes an M3 umfasst.

    Es geht um unsere Lernfähigkeit, diese scheint zu la gesamten und zu unfokussiert zu sein.

    Das ist aus meiner Sicht das Kernproblem.

  21. Litauen blickt mit Sorge auf das für den Herbst anstehende Russische Zapad-Manöver (Zapad = Westen …).
    Laut FAZ.net spricht Dalia Grybauskaite, die Staatspräsidentin, von einem „aggressiven und offensiven Manöver gegen den Westen“.
    Dabei könnten im westlichen Militärbezirk, Vereinigtes Strategisches Kommando West/Moskau, leicht 100.000 Mann eingesetzt werden, die 4.000 bei eFP nehmen sich da mehr als bescheiden aus. (Auf einem heutigen Dortmunder Parteitag sah der Vorsitzende dies offenbar nicht so!)
    Die operative Bedeutung vom „Suwalki Gap“ greift übrigens nur, wenn Putin die weißrussische Neutralität beachtet, bzw. Aljaksandr Lukaschenka diese gegen Moskau anzuwenden gedenkt, mehr als unwahrscheinlich!
    Die baltischen Sorgen sind durchaus in russischem Verhalten in jüngerer Zeit ableitbar: Zweimal im Schatten großer Manöver wurden real Vorstöße unternommen, 2008 in Georgien und 2014 in der Ukraine.

  22. @Memoria
    Wer in DEU sollte die Diskussion aufgreifen, fördern, vorantreiben?
    Spontan fallen mir unsere UniBw, vielleicht noch ein TZH innerhalb der Streitkräfte ein, außerhalb eventuell die SWP?
    Das BMVg leider ganz und gar nicht, überbeschäftigt mit Abwicklung der Skandälchen, oder was man dafür hält/dazu gemacht wurde, der letzten sechs Monate.
    Zudem, welcher strategische Denker käme infrage, bei welchem Publikum fände er /sie Gehör?
    Das wäre zwar keineswegs DER Punkt, kann aber herausstellen, gibt es überhaupt eine strategisch denkende Elite? Das Militärische müsste logischerweise anerkannt werden als Größe des Denkens, traut sich das irgendjemand zu in heutiger Aufgeregtheit?

    Geeignetes Subjekt möglicherweise das Weißbuch? Dann müsste dergleichen Diskussion gewollt werden und das Weißbuch dies Podium bieten (dürfen).
    Einen Liddell Hart, oder einen Edward Lutwak o.ä. deutscher Zunge, mir zumindest nicht bekannt, hat also (k)eine Tradition in Deutschland?
    Ein rascher Blick auf meine bescheidene Bibliothek hinter mir zeigt mir
    operative Denker: Hindenburg, Guderian, von Manstein, Uhle-Wettler d.Ä., Ernst Jünger. Offenbar fehlt ein Graf von Moltke.
    Als Ursachen der Niederlagen im I. / II. WK wird (auch) das Fehlen strategischer Tiefe im Denken gewertet.

    Kurze aktuelle Zusammenfassung vom Februar, ein „WEIßBUCH/White Paper“ angelsächsischer Zunge, was auch sonst: http://www.tradoc.army.mil/MultiDomainBattle/docs/MDB_WhitePaper.pdf

  23. @KPK:
    Danke, die Originaldokumente sind mir durchaus bekannt (ich hatte hierauf ja mehrfach verwiesen)..
    Mir ging es ja gerade um eine Auseinandersetzung hierüber in Deutschland
    Vorantreiben müsste dies die FüAk als neuer Think-Tank .- gemeinsam mit den TSK/ MilOrgBer.

  24. Hier noch ein Hinweis auf die vorherige Debatte hierzu:
    http://augengeradeaus.net/2017/04/skandale-bei-bundeswehr-ausbildung-von-der-leyen-setzt-heeres-ausbildungschef-ab/#comment-266948

    Zudem ist dies lesenswert:
    https://mwi.usma.edu/pipe-dream-effective-multi-domain-battle/

    Vom Modern War Institute in West Point.

    Wir sollten als Land wieder anfangen über den Krieg von heute und morgen nachzudenken (und uns dabei nicht hinter „der Politik“ verstecken).

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