Wahnsinnsabend.

Nein, damit meine ich jetzt nicht das Fußball-WM-Spiel Deutschland gegen Brasilien. Während dieses Match jetzt Schlagzeilen und Wahrnehmung bestimmt, ein Blick auf die Wahnsins-Konfliktsituationen am heutigen Dienstagabend:

– Die Situation im Nahen Osten eskaliert, mit Raketenangriffen der Hamas auf israelische Städte, sogar Jerusalem, und Angriffen (bislang nur aus der Luft) Israels auf Ziele im Gazastreifen (mehr dazu unten).

– Von den Ergebnissen der Präsidentenwahl in Afghanistan gibt es ein erstes, vorläufiges Ergebnis und eine gefährliche Entwicklung: Nach den vorläufigen Zahlen liegt der Bewerber Ashraf Ghani in Führung, sein Konkurrent Abdulla Abdullah dahinter – und der und seine Anhänger stellen die Auszählung infrage, nicht nur verbal. Zunehmend unsicherer wird es, ob wie geplant Anfang August ein neuer afghanischer Präsident vereidigt werden kann. Und damit gerät, erneut, die Planung der USA und der NATO für den Übergang von der ISAF-Mission zur Nachfolgemission Resolute Support ins Wanken. Mehr dazu vom Afghanistan Analysts Network.

– In der somalischen Hauptstadt Mogadischu, in der es in den vergangenen Tagen zahlreiche Anschläge und Morde gab, versuchten islamistische Milizen, den Präsidentenpalast einzunehmen.

– Aus dem Irak, in den vergangenen Tagen an Kriegsmeldungen überreich, eine Nachricht, die das noch toppt: Iraq tells U.N. ‚terrorist groups‘ seized former chemical weapons depot

Genügend Wahnsinn für einen Abend (und die Lage in der Ukraine habe ich noch nicht mal dabei erwähnt…). Die wichtigste Entwicklung ist natürlich der Nahe Osten und die weitere Entwicklung der Gewalt. Dazu deshalb aktualisierte Meldungen im Storify:

46 Gedanken zu „Wahnsinnsabend.

  1. Mich würds nicht wundern, wenns nen neuen Israel/Palästina „Krieg“ gibt, und hierzulande kriegt mans erst morgen nachmittag mit dank fußball.

  2. Ist echt schon unnormal, wir freuen uns gerade und können feiern und in dem Rest der Welt sind so dramatische Veränderungen. Keiner merkt es bei uns, aber ist ja immer so, gib der Bevölkerung Spaß und Freude, dann kannst machen was du willst, war schon bei den Römern so.

  3. Warum unnormal? Es ist eher völlig normal in der Geschichte. Und ich freue mich auch über die schönen Ereignisse in meinem Interessenskreis.

  4. NDR Info berichtete gestern von einem Anschlag in Bagram/AFG bei dem unter anderem 4 tschechische Soldaten ums Leben kamen.

  5. Möchte nicht wissen, was gestern Abend hier los gewesen wäre, wenn das ein Fußballblog wäre…

  6. Interessant welche Reichweiten die Raketen der Hamas mittlerweile real erreichen. Direkter Beschuss Gaza-Tel Aviv.
    Nach einer Meldung oben wurde erstmals die Rakete R160 verwendet. Viele Vordenker hybrider Kriegsformen prognostizieren ja seit Jahren die erhebliche Verbesserung solcher Systeme bzgl. Reichweite und Präzision. Damit bekommen auch nichtstaatliche Akteure erhebliche A2/AD-Fähigkeiten.

    Ebenfalls interessant ein Kommandoeinsätze der Hamas:The „Israeli military said a small party of Gaza frogmen attempted a raid near the seaside Israeli army base in Zikim, just north of the Gaza border. Hamas asserted responsibility for the incursion and said its fighters used scuba gear to infiltrate Israel. Israeli soldiers who stopped them killed four Hamas militants, who arrived on the beach with grenades and automatic weapons, and one Israeli soldier was wounded in the fight, the Israeli military said.“
    http://m.washingtonpost.com/world/israel-launches-major-operation-against-hamas-in-gaza-strip/2014/07/08/81874d52-067a-11e4-a0dd-f2b22a257353_story.html

    Die Hamas durchläuft offenbar eine Professionalisierung – vergleichbar der Hisbollah vor 10 Jahren.

  7. Ist das nun der Anfang vom Ende? Scheint so.

    Da verwundert es nicht das man sich von deutlich erfreulicheren Ereignissen gerne ablenken lässt (ich zumindest).

  8. @Memoria

    Von der ‚Kommandoaktion‘ bei Zikim ist oben in den Meldungen ein Youtube-Video der israelis eingebunden. Sieht sehr nach einem Drohneneinsatz aus.

  9. Benutzen die Israelis inzwischen bewaffnete Drohnen?
    Die Einschläge in der Nähe der „Froschmänner“ sehen wie Mörsergranaten oder so etwas aus. Zu klein für Lenkflugkörper, zu groß für Bordwaffen, z.B. Apache.
    Ich denke die Aufnahmen stammen aus Drohnen, die Waffenwirkung aber von anderen Plattformen.

  10. @JCR
    Die IDF haben mittlerweile ein beeindruckendes sensor/shooter-grid (Luft, Land, See) an der Küste, Grenze zum Libanon, Ghaza etc., inkl. Drohnen (Luft/See) bewaffnet und unbewaffnet.

  11. @Memoria
    Ist die R160 nicht eine Boden-Boden-Rakete? Zumindest geht das aus dem obigen Tweet hervor. Inwiefern hat dieser Typ ein „erhebliche[s]“ Plus an „Anti-Access/Area-Denial“-Fähigkeiten? Es ist ja scheinbar keine Boden-Luft-Rakete, die den israelischen Drohnen, Hubschraubern und Jets zu schaffen macht oder selbst Bodentruppen den Vormarsch erschwert, denn diese werden selbst von einem A2/AD-System geschützt: Iron Dome.

  12. @-MK20-:
    Zum Thema Raketen, A2/AD und Bodentruppen:
    http://www.csbaonline.org/publications/2012/03/the-road-ahead-future-challenges-and-their-implications-for-ground-vehicle-modernization/

    Auch „Iron Dome“ ist kein Allheilmittel (Erfolgsquote 40%?).

    Zudem wenn es gelingt eine gute Balance aus Präzision und Massenfertigung zu erreichen – dann hat man die Möglichkeit A2/AD durchzuführen.

    Die obige Studie zeigt wie sehr sich die Amerikaner hier Gedanken machen.

  13. @Klabautermann
    Meines Wissens benutzen die Israelis zur Bekämpfung lieber bemannte Plattformen. Was durchaus Sinn macht, wenn man derart unter internationaler Beobachtung steht. Man in the Loop usw..
    UAVs können bewaffnet werden, aber die Option existiert m.W. eher für den Export.

    Plausible Deniability spielt ja in Israel keine Rolle

    Re R160, ich konnte nichts zu einer solchen Rakete finden. Wahrscheinlich eine Eigenkonstruktion der Hamas/Quassam/was auch immer, vergleichbar mit Uragan oder anderen größeren Artillerieraketen.

    Erstaunlich daß Iron Dome so eine geringe Trefferquote hat, aber irgendwie ist das eine Konstante der Geschichte, daß man die angepriesenen Trefferquoten von Lenkwaffen in der Praxis immer halbieren muß ;)

  14. @Memoria
    Keine Ahnung wie der gute Mann auf 40% Erfolgsquote kommt, aber Iron Dome greift z.B. nur Flugkörper an, deren berechneter Einschlag in bewohnten Gebieten liegt. Was so oder so in Richtung eines menschenleeren Ackers abgefeuert wird, muss also gar nicht zwingend abgefangen werden. Das wäre Munitionsverschwendung.

    Danke für den Link, kann ich mir aber erst am Abend gönnen.

  15. @MK20
    nehmen Sie doch ruhig auch die See in Ihre Bewertung mit auf.
    Und dort sind wir dann doch bei A2/AD Bedrohungspotential angekommen. Wie @Memoria sagt, „vergleichbar der Hisbollah vor 10 Jahren“.
    Wie gut oder nicht gut Schutzsysteme klappen zeigt ja auch der Vorfall INS Hanit. Und dann waren da noch Flugkörper wie C-802, 6 Start-Container C-704 in 2011 abgefangen.
    Wenn Teile dieser Fähigkeiten von der Hisbollah an die Hamas übergegangen sind kommt da schon etwas zusammen.

  16. Ich denke die 40% beziehen sich auf die Ziele, die Iron Dome auch bekämpfen soll, nicht auf die gesamten Ziele.

  17. @ JCR

    Die ersten zwei Einschläge sind klar Mörser 81mm – 120mm
    Darauf folgen kleinere Einschläge in etwas anderen Winkel (ggf. 40mm Granaten)
    Der finale Schlag wird durch eine Rakete bzw. gelenkte Bombe ausgeführt (Platform?)

  18. @ memoria et al.

    naja, die Hamas amphibien aktion als beispiel einer professionalisierung zu sehen leuchtet mir nicht unbedingt ein.

    die hamas „kampfschwimmer“ gibt es wohl schon seit einiger zeit. bis dato ist ausnahmslos jede aktion kläglich gescheitert. wenn man sich das video zum aktuellen versuch ansieht (landung am hellichten tage, schon kilometerweit vorher aufgeklärt, gelände ohne deckung, von schützenreihe und „entfaltetem“ vorgehen hatten die herren wohl auch noch nichts gehört…) scheint sich da auch nicht viel getan zu haben.

    diese episode rangiert für mich noch nicht mal unter „nice try“.

    problematischer ist wie sie richtig feststellen die evolution im raketenbereich.

    ohne ingenieur zu sein. wie schwer ist es eigentlich eine halbwegs präzise, miniaturisierte inertialsteuerung für raketen dieser grad+ klasse zu konstruieren.

    da geht doch die reise hin, wie ihr papier zum thema proliferation von pgm’s ja auch feststellt.
    ———-

    @ bang 50

    es war wohl auch ein marine asset beteiligt
    http://www.youtube.com/watch?v=kr9o09wyhLk

  19. @ wacaffe – Besonders wenn man bedenkt, dass die Israelis den ganzen Bereich offensichtlich abgezirkelt haben und nicht nur Videoüberwachung gegeben ist – schweres und präzises Mörserfeuer auf sich bewegende Infanterie –> Das ist eine vorbereitete Killzone.

  20. @Bang50

    stimmt ;-)

    ….und die IDF hat auch ganz hübsch leise Hubies (adaptive Rotorblätter)

  21. was mir an meinem video zum einsatz von marine flachfeuer erst jetzt auffällt.
    http://www.youtube.com/watch?v=kr9o09wyhLk
    ja, wie nah liegen die denn vor der küste? 500 meter?

    das muss dem angriffstrupp doch schon lange vor landung aufgefallen sein das da ein unübersehbarer bleiemittent dümpelt.

    spricht auch nicht unbedingt für Hamas und co.

    killzone trifft es genau. vor allem hat man tabula rasa gemacht wenn man die schlussszenen des luftboden videos noch mal rekapituliert.

  22. @Wacaffe.
    Da heute im Prinzip jedes Smartphone Trägheitssensorik enthält, denke ich wird zumindest versucht, die Technik anzuwenden.
    Ich habe aber keine Ahnung, ob man eine Rakete überhaupt mit einem Trägheitssystem ohne Kreisel steuern kann.

  23. @wacaffe:
    Nachdem ich das Filmmaterial gesehen habe frag ich mich auch ein wenig was das soll.
    Aber der schwerwiegendere Punkt ist – auch aus meiner Sicht der Raketenbereich.

    Ich empfehle dabei wirklich die CSBA-Studie.

  24. @ klabautermann

    war die plattform irgendwo angegeben? habe ich noch nicht gefunden. falls es protector war könnte das fast premiere für „scharfen schuss“ sowohl des USV „Protector“ als auch USV’s generell sein.

    könnte man ja auch bei der deutschen marine mal überdenken.

  25. Letzte Nacht soll eine Kassam-Rakete in Hadera eingeschlagen haben. Hadera liegt auf halber Strecke zwischen Tel Aviv und Haifa. Dort stehen ein wichtigstes Kraftwerke und eine Meerwasserentsalzungsanlage. Die Stadt liegt rund 120 Kilometer vom Gazastreifen entfernt, womit das die bislang größte Reichweite einer Kassam-Rakete ist und mit 120 km eine neue Bedrohungs-Qualität darstellt.

  26. @klabautermann

    Im oben eingebetteten Storify die zweite Meldung von oben, mit offizieller Bestätigung.

  27. @T.W.

    hatte ich durchaus gelesen, habe nur auf eine „Zweitmeldung“ gewartet und dann ’nen büschen Bewertung dazu gegeben.
    Falls die 120 km kein Ausreisser waren, sondern „reproduzierbar sind durch die Kassam-Brigaden, dann wird das öffentliche Leben/Wirtschaftleben in Israel noch mehr als eh schon beeinträchtigt, was wiederrum Wasser auf die Mühlen der hardliner ist…….

  28. @ memoria

    @ memoria
    finde ich auch immer wieder frappierend wie selbstbewusst, proaktiv, reaktionschnell und auf internationale zielgruppe zugeschnitten die IDF kommuniziert.

    ähnliches gab es ja auch schon zur neutralisierung diverser hamas kader und bei der letzten gaza operation.

    selbst ein schickes art design fehlt nicht.

    die verantwortlichen müsste man mal einladen um hier entwicklungshilfe diesbezüglich zu leisten

  29. ja „gatekepers“ kannte ich schon. auch von mir an alle die ihn noch nicht gesehen haben wärmstens empfohlen.

    der tenor des films betrifft ja aber eher die metaebene eines verfahrenen konflikts und persönliche kontemplation der shin beth exekutive.

    ich meinte eher das konkrete management der akuten probleme in kinetischer (kassam) und medialer (twitter usw) herausforderungen seitens der IDF.

    zur generellen problematik die in gatekeepers aufgeworfen wird ist der txt hier lesenswert falls sie ihn nicht schon kennen.

    http://www.stratfor.com/weekly/israels-insightful-cynicism#axzz36zeZmSVJ

    „conflict management by periodic „mowing the lawn“ operations“

    die gegenwärtige gaza aktion passt genau in das schema

  30. hier noch mal die relevante passage für lesefaule

    Then there is Gaza: once again, like southern Lebanon, „mow the lawn“ once or twice a decade, though this might be harder in a post-Arab Spring geopolitical environment because of the greater danger of unhinging Israeli-Egyptian relations.

    Still, in Gaza there is no existential threat, nor a real solution, regardless of what the diplomats say. Idealists in the West talk about peace; realists inside Israel talk about spacing out limited wars by enough years so that Israeli society can continue to thrive in the meantime. As one highly placed Israeli security analyst explained to me, the East Coast of the United States and the Caribbean have periodic hurricanes.
    After each one, people rebuild, even as they are aware that a decade or so down the road there will be another hurricane. Israel’s wars are like that, he said.

    http://www.stratfor.com/weekly/israels-insightful-cynicism#axzz36zeZmSVJ

  31. Könnte es sich bei den Erscheinungen in Nahost etc. um einen Dominoeffekt des neuen Ost-West-Konflikts handeln? Wie schon in diesem Kommentar beschrieben:
    http://augengeradeaus.net/2014/05/zurueck-zum-klein-krieg-der-bluecke-russland-schaltet-gps-messstationen-ab/#comment-114047

    „Parallel könnten die Islamisten der Welt auf die Idee kommen, dass der Zeitpunkt ideal sei, um eigene Ziele zu verfolgen. Die großen Jungs sind ja gerade anders beschäftigt.“

    Und China hat noch gar nicht losgelegt …

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