Von der Leyen für Kampfdrohnen: Das Tornado-Modell

Noch vor der Debatte des Bundestages über die künftigen Drohnen für die Bundeswehr am (heutigen) Mittwochnachmittag hat Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in der Süddeutschen Zeitung erstmals ihre Haltung zu den unbemannten fliegenden Systemen für die deutschen Streitkräfte erläutert. Nachdem jetzt der Wortlaut des Interviews (auf bmvg.de) vorliegt, wird das ein bisschen klarer: Die Ministerin will ein langfristiges europäisches Projekt zur Entwicklung einer europäischen Drohne, die auch bewaffnet werden kann. Für die Zwischenzeit sollen solche Systeme geleast oder gekauft werden, ebenfalls mit der Option auf Bewaffnung. Und über den Einsatz soll jeweils der Bundestag entscheiden – nach dem Vorbild des Tornado-Einsatzes in Afghanistan, in den die deutschen Kampfjets nur zur Aufklärung, aber ohne Erlaubnis zum Waffeneinsatz geschickt wurden.

Mal etwas detaillierter aufgeschlüsselt:

• Deutschland soll jetzt nach Partnern für ein Projekt in Europa suchen: Ich bin der Überzeugung, dass wir in die Entwicklung einer europäischen bewaffnungsfähigen Drohne einsteigen müssen. Das Projekt werde aber mindestens ein Jahrzehnt dauern und soll nicht nur der Entwicklung eines militärischen Systems dienen, sondern auch für zivile Zwecke nutzbar sein.

• Die konkrete Entsendung in den Einsatz, ob demnächst oder in ferner Zukunft, sollen die Parlamentarier beschließen: Ob eine Drohne dann im Einzelfall bewaffnet oder unbewaffnet eingesetzt wird, würde stets vom konkreten Einsatz und dem entsprechenden Mandat des Bundestages abhängen. Die Abgeordneten entscheiden zum Beispiel heute schon darüber, ob Luftnahunterstützung zum Schutz der Truppe am Boden zulässig ist oder nicht. Das Parlament setze schließlich die Regeln für den Einsatz, und daran orientierten sich auch die eingesetzten Waffensysteme: Und wie zum Beispiel ein Hubschrauber kann auch eine Drohne bewaffnet sein oder nicht. Das funktioniert seit Jahren.

Damit orientiert sich von der Leyen am gut dreijährigen Einsatz der Aufklärungs-Tornados in Afghanistan von 2007 bis 2010. Kabinett und Parlament hatten die Maschinen 2007 entsandt, ihre Aufgabe aber ausdrücklich auf die Rolle fliegender Kameras begrenzt. Zur Luftnahunterstützung, dem Close Air Support, durften die deutschen Kampfjets nicht eingesetzt werden, auch nicht zum Schutz eigener Truppen. Das ging so weit, dass die Maschinen ohne Munition für ihre Bordkanonen an den Hindukusch verlegt wurden. Auch damals hatte die unterschiedliche Position in der damaligen schwarz-roten Koalition den Ausschlag für die Entscheidung gegeben, die allerdings bei den ISAF-Verbündeten nicht nur positiv aufgenommen wurde: War im Bereich des – deutsch befehligten – Regionalkommandos Nord Unterstützung aus der Luft nötig, mussten Kampfjets anderer Nationen angefordert werden.

• Ob in den nächsten Jahren Drohnen vor allem zur Aufklärung, aber mit der Option auf eine Bewaffnung, geleast oder gekauft werden sollen – das lässt die Ministerin offen. Zwar verweist sie auf die guten Erfahrungen mit den geleasten israelischen Heron-Drohnen, die derzeit von der Luftwaffe über Afghanistan geflogen werden: Eine solche Lösung hat sich bewährt. Sie hat den Vorteil, dass man hierzulande keine eigene Zulassung braucht. Wir könnten jederzeit flexibel darauf reagieren, was künftige Einsätze von uns verlangen. Auf die konkrete Frage nach einem Kauf sagte von der Leyen: Das ist nicht entschieden.

• Nun würde die Bundeswehr, ob sie eine Drohne kauft oder least, ohnehin keine Zulassung für den deutschen Luftraum bekommen – und für Ausbildung und Training in gesperrten Bereichen ist Deutschland (wie Europa weitgehend insgesamt) zu klein und zu dicht besiedelt. So wie heute auch könnte das Training außerhalb von Deutschland stattfinden, sagt die Ministerin.

Damit zeichnet sich das Paket für eine weitere Zwischenlösung ab: Kauf oder Leasing von Drohnen, der zwingend an eine Trainingsmöglichkeit im Herstellerland gekoppelt ist. Da hat dann möglicherweise die – von der Luftwaffe ohnehin favorisierte – Predator B aus US-Produktion die Nase vorne: Über den Wüsten New Mexicos gibt es genügend Platz, der bereits jetzt von den Drohnen-Piloten anderer nichtamerikanischer Nationen zur Ausbildung genutzt wird. Die andere Möglichkeit, die israelische Heron TP, müsste bei zwingend angenommener Ausbildung im Herstellerland eben mit dem Training über Israel verbunden werden, wie es schon bei der jetzt in Afghanistan eingesetzten Heron-Drohne passierte. Allerdings dürfte die Ministerin nicht scharf sein auf Schlagzeilen der Art Bundeswehr trainiert mit Kampfdrohnen über Israel – möglicherweise schon in einer Krisensituation.

(Archivbild August 2007: Ein Tornado der Luftwaffe über Masar-i-Scharif in Afghanistan, im Vordergrund ein Dingo – Bundeswehr/PIZMazar-e-Sharif via Flickr unter CC-BY-ND-Lizenz)

27 Gedanken zu „Von der Leyen für Kampfdrohnen: Das Tornado-Modell

  1. „Hat sich bewährt“ ist das heutige (friedliche) Gegenstück zur „Frontbegradigung“
    ;)

  2. M.E. hat der Bundestag einen Einsatz zu beschliessen oder, wenn es nach der Mehrheit der Deutschen geht, eben nicht. Wenn es aber Dank höherer Einsicht a`la Struck (Gott hab ihn selig) beschliesst, sollte man nicht weiter ins Mikromanagement abgleiten.
    Wenn zu jedem Einsatz eine saubere und laufende Beurteilung der Lage inklusive OperationsZIEL gemacht wird, kommt man ganz allein auf die Mittel und Machbarkeit.
    Mal wow spielen oder einen Panzer im Museum besichtigen macht eben nicht zum Wehrexperten (obwohl insbesondere manch ein Mitglied des Verteidigungsausschusses das wohl denkt). Habe oft den Eindruck, das man Soldaten nur Schiesswütigkeit unterstellt.

  3. Der heutige Debattenablauf im Bundestag:

    Vereinbarte Debatte zu Isis: Ab etwa 15.35 Uhr findet eine dreiviertelstündige vereinbarte Debatte zum Thema „Bedrohung der reginalen Stabilität durch das Vorgehen der Isis-Truppen“ statt.

    Aktuelle Stunde: „Beschaffungsprogramm von Drohnen für die Bundeswehr“ lautet der Titel einer Aktuellen Stunde auf Verlangen der Linksfraktion ab etwa 16.20 Uhr.

    Wunderbar – diese zeitliche und thematische Nähe.

  4. @T.W.: Kleine Anmerkung/Ergänzung: Die Tornados sind in AFG durchaus mit beladender BK geflogen. Der Einsatz war aber de jure untersagt.

  5. Das komplette Interview – von bmvg.de: http://tinyurl.com/ly2y2xn

    Darin sind schon wieder Dinge über die man sich – nicht nur wegen dem Tornado-Modell – nur wundern kann:

    „Der Bundestag entscheidet nicht nur, ob deutsche Soldaten in einen Einsatz gehen, sondern setzt auch den Rahmen, nach welchen Regeln sie kämpfen dürfen und was nicht gestattet ist.“

    Damit behauptet Sie erneut (!), dass das Parlament für die ROE verantwortlich ist.
    Das ist schlichtweg falsch. Das Parlament kann nicht einmal den Mandatstext ändern.
    ROE sind auch keine Anlage zum Mandat, sondern ein Befehl bzw. Erlass des BMVg (Federführung: Rechtsabteilung). Die ROE-Debatte von 2007ff ist eben nicht mehr präsent.

    Wieder mal die Verantwortung abgeschoben.

    Man kann hoffen, dass die Opposition hier bei der aktuellen Stunde nochmal nachsetzt.

  6. “ Zur Luftnahunterstützung, dem Close Air Support, durften die deutschen Kampfjets nicht eingesetzt werden, auch nicht zum Schutz eigener Truppen. Das ging so weit, dass die Maschinen ohne Munition für ihre Bordkanonen an den Hindukusch verlegt wurden.“

    Damit ist alles gesagt, die Politik behält sich den Schutz der Truppe vor.
    Das bedeutet, dass wenn in der Vergangenheit unsere Soldaten nicht genügend geschützt wurden, ggf die Politik verantwortlich war. Interessant wäre nun zu untersuchen, ob ein DEU Soldat gefallen ist weil es keine oder zu späte CAS gab.

    Verantwortung tragen ohne tragende Antwort zu geben ist Machtmissbrauch.

    Uns fehlen keine unbemannten Lfz uns fehlt bemannte/benannte Verantwortung.

    Wer die Mittel zur Notwehr verwehrt, macht sich verantwortlich, ggf sollte die Bw von -wehr- zu – Bundesweicht- umbenannt werden.

  7. @Elahan u. Tiefflieger:
    Das „Tornado-Modell“ zeigte aber auch wie das System Bundeswehr die politische Vorgabe (kein CAS) aus Eigendynamik deutlich zum eigenen Nachteil auslegte.

    Es war die Befehlsgebung des EinsFüKdo, die am Ende zwischen zwischen erlaubter Nothilfe (BK-Einsatz) im Flug und gesondert notwendigem Start (nicht erlaubt) unterschied. Als Abgeordnete dies erfuhren, wurde klar, dass dies so nicht gewollt war.

    Aber so ist das eben mit dem Mikromanagement – es ist ein Bumerang.

  8. @Tiefflieger

    Danke für die Ergänzung. Aus hochrangigen Luftwaffenkreisen hab ich’s kürzlich anders gehört. Aber der Tornado-Einsatz liegt schon so lange zurück…

  9. Letztendlich dehnt UvdL den Parlamentsvorbehalt auf die TACON-Ebene aus.
    Offenbar hat man in Berlin nichts, aber auch gar nichts aus ISAF/OEF gelernt.
    Imho sind wir damit nicht mehr bündnisfähig, ganz besonders nicht als frame-work nation für „kleinere Partner“, da die Streitkräfte im Einsatz somit keinerlei operative und taktische Flexibilität mehr besitzen auf Auftrags- und/oder Lageveränderungen zeitnah und angemessen zu reagieren.

  10. Es wird immer deutlicher, dass wir zu robusten Polizeieinsätzen in fremden Ländern nicht fähig sind und keinen deutschen Bürger mehr gefährden sollten.

    Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung auf………und wir dürfen uns evt. nicht einmal selbst verteidigen wenn der Kommandeur es im Einsatz für erforderlich hält.

    Es wird immer gestörter.

    Muss nun wohl meinen Frust im Bällebad ertränken :-)

  11. @ Tiefflieger/ Elahan

    Ich habe mal eine alte Meldung ausgegraben und in der steht das die Tornados bewaffnet waren.

    Schießen jedenfalls nicht, sagt ihr Einsatzbefehlshaber Oberst Christoph Pliet, der am 20. September das Kommando übernommen hat. Die sechs Maschinen des in Norddeutschland stationierten „Aufklärungsgeschwader Immelmann“ flögen nur mit halbierter Munitionsladung für ihre Bordkanonen, um mehr Sprit laden zu können und haben, so Pliet, von den Waffen bislang noch nie Gebrauch gemacht.

    Quelle:
    Stern
    Tornadoeinsatz in Afghanistan Das Dilemma der Bildersperre
    12. Oktober 2007

  12. ZEIT: „Rühe will Bundeswehreinsätze schneller möglich machen“

    gleiche Partei wie UvdL ?????
    Einfach nur noch unfassbar !

  13. Käßmann in der SZ: „Gott will keinen Krieg“

    Jetzt sind wir schon beim 1.WK angekommen. Lammers schreibt angeblich in einem Essay in der ZEIT: ‚ Im Ersten Weltkrieg habe auch die Schwäche des Reichstags den deutschen Militärs ermöglicht, die Außenpolitik so entscheidend und mit so fatalen Folgen zu bestimmen.‘
    Ich vermute als nächsten Krieg wird man dann 1870/71 als Beleg dafür heranziehen, dass erfolgreiche Kriegsführung direkt in die Monarchie zurück führt.

  14. @T.W.:
    Ich kann nochmal unterstreichen und muss der Lw Führung da definitiv widersprechen: Unsere Tornados waren bewaffnet. 88 eigene sorties werden keine Ausnahme gewesen sein ;)

    @memoria: +1 Wir standen uns da meist mehr selbst im Weg als nötig. Die Diskussionen unter den Besatzungen diesbezüglich waren lang und von Unverständnis über die eigene Führung geprägt.

  15. Tiefflieger ist 88 Sorties mit dem bewaffneten RECCE-Tornado in Afghanistan geflogen.
    So verstehe ichs jedenfalls.

  16. @ Elahan | 02. Juli 2014 – 11:33

    Im Prinzip lässt sich das von jedem Gefallenen im Gefecht sagen, bei dem keine Luftunterstützung vor Ort war. Angefangen bei dem gefallenen SG von 292, die standen m.E. bis zu dem RPG-Personentreffer ca. 30-45min im Feuerkampf. Da hätte man -unter Vorraussetzung der Verfügbarkeit des Materials und des Willens- schon was in die Luft kriegen können, bzw. sowieso etwas dauerhaft in der Luft haben sollen.

    Ist halt auch eine Kosten-Nutzen / Wahrscheinlichkeitsrechnung (aber nicht nur)…

  17. Leider muss ich das jetzt schon das zweite Mal lesen.

    Die Luftwaffe favorisierte nicht den Predator B, sondern den HERON TP.
    Das hat der Inspekteur bereits dem Verteidigungsausschuss mitgeteilt.

    Hierfür gibt es eine Vielzahl an Gründen.

    Zudem muss das Flugtraining mit HERON TP nicht unbedingt in Israel stattfinden. Dafür kommen auch andere Übungsgebiete in Frage (z.B. Sardinien).

  18. @Rainman:
    +1

    Ein Ex-Ex-Lw-Inspekteur, der wollte noch Predator. Und ein ehemaliger Befehlshaber soll sogar einen Sohn haben der ist(war) Austauscher auf diesem System. Dann gabs da noch einen Kommodore, der bei vielen (un)passenden Gelegenheiten sich im regionalen Blättchen immer wieder so geäussert hat, als ob der Predator „morgen“ schon landen würde. Irgendwie passte das ja auch alles zusammen….. Drohnenschulung in Holloman, einem Standort der irgendwie vielleicht doch zur Debatte stehen könnte (nur noch 1 volles Tornadogeschwader in D)? Und dann noch die EF-2000 Schulung dorthin senden (immer noch geplant? €€€!? So wäre alles wie aus einem Guss erschienen im fernen New Mexico.

    Das mittlerweile der aktuelle Inspekteur i.d.R. nur von Heron / HeronTP spricht ist in der jahrelang mühsam erarbeiteten Sprachregelung (s.o.) leider untergegangen. Das Findelkind Heron doch brauchbar? Sowas aber auch.

    Faktoren die sicherlich eine Rolle gespielt haben: Black Box? Open Design? FMS? ATOL? Bisherige Zusammenarbeit?

  19. @Elahan

    Die berechtigte Frage, wieviele DEU ISAF-Angehörige infolge ausgebliebenem CAS gefallen sind oder mit schwersten Verwundungen und irreversiblen Schäden an physischer / psychischer Gesundheit „gerade so davongekommen“ sind, hat meines Wissens nach noch nie eine Fraktion unseres über Einsatzmandate entscheidenden Parlaments ernsthaft gestellt. Warum eigentlich nicht?

    Dabei sollte sich doch gerade jedes Mitglied des Bundestages (ausdrücklich nicht nur Mitglieder des Vertdg.-Ausschusses) qua Amt verpflichtet fühlen, klare und belegbare Antworten auf solche Fragen von der Bundesregierung bzw. dem BMVg zu verlangen. Und gegebenenfalls ohne Rücksicht auf Fraktionsdisziplin derartige Fragen zu stellen bzw. sich im Rahmen seiner Möglichkeiten selbst zu informieren. It’s their goddamn job and duty – das ist Teil der Daseinsberechtigung unseres vom Souverän ins Parlament gewählten Mandatsträger.

    Und auch wenn’s nervt – und wehtut: warum wurde eigentlich im Bezug auf den Karfreitag 2010 nie wirklich eine Diskussion über die dokumentierten und ggf. zu ermittelnden Vorgänge entlang der gesamten chain of command sowie die „lessons learned“ (sofern es dieses Kapitel gibt) im Parlament geführt ? Gab’s da CAS bzw. eine entsprechende Anforderung ? Ich meine mich zu erinnern, dass „da was war“. Aber war es „gibt’s nicht, weil geht nicht“ oder „geht nicht, weil gibt’s nicht“…? Und meines Wissens erlebte das 22. DeuEinsKtgt zahlreiche, intensivste TICs mit CAS-Relevanz (die es – ISAF sei Dank – auch gelegentlich gab und auf die dann die gerade so ausgewichenen Kameraden in den Camps mehr als nur ein Cheers! auf die Silver Wings skandierten). Warum mir übrigens in diesem Kontext wieder der InspH einfällt…sorry, T.W.

    Wo bleibt eigentlich die Ethik-Diskussion über die ethischen Aspekte politischer Entscheidungen derer, die die von ihnen zur Ausführung ihrer politischen Beschlüsse in einen wie auch immer gearteten Einsatz entsandten Mitbürger mit ’ner Cellophan-Tüte über’m Kopf im Regen stehen lassen ? Die damit jene Menschen faktisch im Stich lassen, die als Soldat/in unserem Staat, unserer Gesellschaft dienende Mitbürger/innen nun mal ihren Kopf hinhalten.

    Und die teils trotz im nationalen bzw. Bündnis-Rahmen verfügbarer (bzw. VOR einer Mandatsdebatte als Teil der Einsatz-Rahmenplanung unter allen Umständen zur Verfügung zu disponierenden) Ressourcen und Wirkmittel letztlich ihrem Schicksal überlassen werden. WEIL deren militärisch gebotene Einsatzmöglichkeiten beim TIC „dank“ n i c h t gewährter Einsatzfreigaben (im etwaigen medialen / parlamentarischen Nachklapp mit Verweis auf ethisch-moralische Grundsatz-Eventualitäten) auf die Relevanz potjemkinscher Lachtauben, Pappmachée-Kürbisse oder Kulissen-Illustrationen reduziert werden.

    Die verlockende, wenngleich natürlich undenkbare – aber innenpolitisch schadensbegrenzende – Praxis, sich im „worst case“ – also im Fall der erwiesenen Notwendigkeit militärischer, ergo bewaffneter Operationen – als ultima ratio ignavis hinter Hescos zu verschanzen und letztlich nur noch die eigene Logistik bzw. sich selbst zu schützen, würde einen Polsprung bezogen auf Grundverständnis und Logik sicherheitspolitischer Bündnis- und Handlungsfähigkeit bedeuten. Würde…natürlich wäre (sic!) das nur ein so nie stattfindendes Abstrusum „in coniunctiones“, denn selbstredend sind all jene politisch mandatierten und „verantworteten“ Einsätze grundsätzlich beeindruckende Erfolge im Sinn der formulierten Mandate und ihrer erstrebten, nachhaltigen Ziele. Wie der Staatsbürger in oder ohne Uniform teils erstaunt, teils sich beruhigt hinter seinem Feierabendbier zurücklehnend immer wieder lernen kann.

    Aber zurück zum tagesaktuellen Drohnen-Thema: vielleicht wäre die Diskussion über die realistischen CAS-Kapazitäten von bewaff…äh…mit Wirkmitteln bestückten RPA’s in Abgrenzung zu marktverfügbaren Light Air Support/LAS Flächenmustern (zB „Super Tucano“ etc.) bzw. dem ja jetzt einsatzbewährten „Tiger“ in verschiedensten Konflikt-/Einsatz-Szenarien sinnvoll. Vielleicht kann ja der Vtg-Amtmann da eventuell existierende und entsprechende Quellen anderer Nationen beisteuern.

    UvdL verweist im SZ-Interview auf „den Schutz unserer Soldatinnen und Soldaten“. Das ist lobenswert. Aber dieses „Credo“ soll bitte nicht als Placebo realisiert werden – die ausgebildete Medizinerin weiss gewiss, dass manchmal eine vernünftige Prophylaxe oder eine milde Medikation ausreicht um dem Patienten zu helfen. Und dann gibt es eben aber auch Diagnosen, in denen nur noch intensiv-medizinische, intravenöse Zufuhr lebensrettender Wirkstoffe Menschenleben retten können. Zur Not auch am offenen Herzen, direkt aus der Hand des Operateurs ins Herz injiziert. Und diese Spritze muss bereitliegen und der Operateur muss in der Sekunde handeln, ohne Rückfrage beim sogenannten ärztlichen Hintergrund…selbst wenn trotz richtiger Injektion auf den Punkt der Patient auf dem Tisch bleibt. Das Risiko inklusive der konsequenten Übernahme der Verantwortung durch den (genderneutral) Operateur für den Fall des Scheiterns ist (sollte sein) Teil des beruflichen Ethos wie der professionellen, rechtlichen und gesellschaftlichen Grundlage des Operateurs. Wem dieses Risiko und diese Verantwortung zu hoch sind – sollte mit Sicherheit seine Berufswahl schleunigst überdenken.

  20. Warum wird da eigentlich an verlorener Front gefochten?! Das Ministerium wird eine bewaffnete Drohne nie durchs Parlament bekommen. Dazu sind die beissreflexe zu ausgeprägt und ein möglicher gesichtsverlust zu groß.
    Also sollte man praktisch denken und die unbewaffneten Systeme ausbauen und z.b
    die Raketenartelerie reichweiten steigern um effektiven Schutz zu gewährleisten.
    Alles andere ist bei der Stimmungslage eh zum scheitern verurteilt.

  21. @ Etienne Rheindahlen
    Die nüchterne Antwort wäre wohl, dass wohl die meisten deutschen Gefallen in Afghanistan durch Sprengstoffanschläge getötet wurden:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Todesf%C3%A4lle_bei_Auslandseins%C3%A4tzen_der_Bundeswehr
    Es gab „gerade mal“ drei Feuergefechte bei denen Bundeswehrsoldaten durch Beschuss starben.

    Damit wäre letztlich der Kampf gegen die Netzwerke der Aufständischen wohl relevanter als eigener CAS. Aber das klingt sowohl nach COIN als auch Kampf, das geht ja noch weniger als Rüstungstechnik. ;)

    Letztlich ist die CAS-Rechnung aber auch in anderer Hinsicht eine Milchmädchenrechnung: Genauso wie die Bundeswehr von der Luftunterstützung der Verbündeten profitiert, genauso müßte (moralisch gesehen) deutsche Luftunterstützung ebenfalls gepoolt werden. Und da gäbe es dann eigentlich Regionen, die dergleichen deutlich dringender bedürften als Kunduz und Baghlan.

    Bitte jetzt nicht als Post gegen CAS verstehen, aber der Bundeswehreinsatz in Afghanistan hatte deutlich andere Probleme.

    Und dazu gehört eben auch die durch Beschönigen und Verschweigen geprägte „Aufarbeitung“ durch die Bundeswehr. Da jetzt dem Parlament den schwarzen Peter zuzuschieben finde ich etwas unfair, da haben Einzelne wie Herr Nachtwei wirklich sehr gute Arbeit geleistet.

  22. @J.R.

    Die Zahlen geben Ihnen auf den ersten Blick Recht. Auf den ersten Blick? Ja, denn nur die Opfer bei TICs / Feuergefechten mit den Gefallenen durch IED-Anschläge zu vergleichen…hinkt.

    Denn die Notwendigkeit von CAS war auch bei den TICs / Feuergefechten gegeben, die zwar intensiv bis zum Exzeß geführt wurden – aus denen aber (thx god) unsere Kräfte ohne Gefallene oder Verwundete wieder ins Camp zurückkehrten. Diese TICs gehörten aber mit in eine zahlenmäßige Evaluierung. Schliesslich täuscht vice versa auch die Zahl der tödlichen IED-Anschläge über die Relevanz von CAS: jede umgesetzte IED mit Todesfolge(n) / Verwundungen stellt im Verhältnis gegnerische Aktion / eigene Verluste eine 100%ige Relevanz dar. Während ich bei einem TIC entsprechende Reaktionsmöglichkeiten habe – sind diese bei einem (nicht vorher aufgeklärten) IED-Event gleich Null. Wenn bei 100 TICs in 90 Fällen gegnerische Kräfte ohne eigene Verluste erfolgreich bekämpft bzw. erfolgreich ausgewichen werden konnte(n), sieht bei 100 IED-Events (in denen die IEDs ohne vorherige Aufklärung umsetzten) mit einer Verlustquote von 100 eigenen Kräften das Bild schon anders aus. Das mag nämlich bedeuten, dass in geschätzt 45 von 90 TICs OHNE EIGENE VERLUSTE ein CAS sinnvoll, wenn nicht im Grunde bei kluger Operationsführung unerlässlich gewesen wäre.

    Wenn’s bei IED BUMM! macht und zwei fallen tot um – macht die auch kein CAS mehr lebendig. Wenn’s bei TIC PENG! macht und alle nehmen die Birne runter, weil’s bei „den Anderen“ gleich BUMM! (delivered by CAS) macht und von denen steht keiner mehr (so richtig) auf…gehen die zwei Dosen pro CAS-Jockey aber sowas von auf’s Haus…

    Mein Hauptargument aber für CAS tools und capacities bewegt sich über ISAF-Erfahrungen und -Szenarien hinaus. Sondern bezieht sich vor allem auf vollkommen unterschiedliche warfare sceneries (asymmetrische, symmetrische und – siehe UKR – hybride Szenarien) in vollkommen unterschiedlichen geographischen, soziologischen und infrastrukturellen Regionen bzw. denkbaren Einsatzgebieten.

    Und da wäre mir als CO mit meinen troopers deutlich wohler zumute, wenn ein paar Etagen über oder zwei, drei Kilometer hinter mir eine Rotte oder ein Schwarm freundlicher Schwingenträger bereit wäre, den bösen Buben was auf die Mütze zu geben, sofern diese klar identifiziert wären – bevor die uns was auf die Mütze geben könnten. Idealerweise unterstützt durch die präventive Permanenz-Überwachung der area of operations durch ein RPA…nicht nur mit Informationen über (in real time) verbrachte IEDs, sondern ebenso mit einem Echtzeit-Überblick über dislozierende, Stellung beziehende oder besetzende gegnerische Kräfte…die in anderen denkbaren Einsätzen auch mobil, gepanzert und mir in Sachen Feuerkraft, Zahl, Mobilität und Auswahl der Stellungen von vorne herein überlegen sein könnten. Und da wär’s dann eben auch ganz fein, wenn der ad hoc-Auswertung und Evaluierung dieser Infos eine meine Bewegungen und Operationen sichernde / ermöglichende und auf den Punkt treffende CAS-Feuerkraft eine möglichst verlustfreie Auftragserüllung ermöglichen würde.

    Ihre Pooling-Argument teile ich vorbehaltlos. Vor allem mit Blick auf die Verbündeten, die sich irgendwann nicht mehr über Trall-/A400M-Ladungen von Stabsoffizieren zur „Bevölkerung“ von Gefechtsständen und Stabscontainern als deutschen Beitrag multinationaler Air Force-Operations freuen würden. Sondern unsere „Tiger“, OH90 oder sogar höchst befähigte GE-„Tornado“-Staffeln vielleicht richtig Klasse finden würden. Nur…wie erzähl ich als politisch Verantwortlicher das dann meinem Souverän ?

    Ja, Herr MdB a.D. Nachtwei und (leider zu wenige) andere MdB haben da gute, beharrliche Arbeit geleistet. Aber im Gesamtverhältnis gesehen käme ich bei genauerem Nachdenken auf ca. 10-15 MdB, die in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren bei BMVg und Bundeswehr mehr als nur aufgehübschte Zahlen, Daten und Statements zum ISAF-Engagement (u.a.m.) unserer Streitkräfte forderten. Nehme ich als 15 diesbezüglich wirklich engagierte MdB, dann sind dies 2,5% der gesamt 631 Abgeordneten des Deutschen Bundestages. Immerhin fast doppelt soviel wie die aktuell für Verteidigungsaufgaben aufgewendeten 1,29 Prozent des deutschen Bruttoinalndsprodukts.

    Soweit ich mich erinnere erfüllen „Beschönigen“ und „Verschweigen“ wohl Tatbestände, die vermutlich nicht nur gegen Amtspflichten und deren klar definierte gesetzliche Grundlagen verstossen.

  23. Etienne Rheindahlen
    die gestrige Bundestagssitzung war ein Beispiel für die Unterstützung der BW durch den Bundestag und deren Mitglieder. Die Nichtanwesenheit der Mehrzahl der MdBs spricht hier eine eigene Sprache.
    Aber es gibt sie noch, Leute die an die BW glauben und auchdanach handeln.
    Gott sei Dank!

  24. Um mal faiererweise die MdBs etwas in Schutz zu nehmen: parallel zu der aktuellen Stunde haben auch Auschüsse getagt.

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