RC N Watch: Westerwelle und de Maizière übergeben Kundus an die Afghanen

Bundesaußenminister Guido Westerwelle und Verteidigungsminister Thomas de Maizière sind am (heutigen) Sonntag in Kundus in Nordafghanistan eingetroffen. Sie wollen das deutsche Feldlager nach fast zehn Jahren an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben.

(Ich bin nicht Begleitung der Minister und habe deshalb die gesparte Zeit genutzt, einen kleinen Rückblick auf zehn Jahre Bundeswehr in Kundus zusammenzustellen.)

Nachtrag: Das vom Verteidigungsministerium veröffentlichte Grußwort des Verteidigungsministers anläßlich der Übergabe Kunduz und die Meldung des Auswärtigen Amtes.

23 Gedanken zu „RC N Watch: Westerwelle und de Maizière übergeben Kundus an die Afghanen

  1. Und das „Grußwort“ der Taliban aus Chahar Darah:
    „Am Morgen war es am Bundeswehrstandort zu Gefechten zwischen Taliban-Kämpfern und der Polizei gekommen. Aufständische hätten einen Mitarbeiter der bürgerwehrähnlichen Lokalpolizei ALP im Distrikt Char Darah angegriffen und getötet, sagte Distrikt-Gouverneur Salmai Faroki. Die Nationalpolizei sei daraufhin in die Gegend verlegt worden. Sie liefere sich Kämpfe mit den Taliban. Ein Bundeswehr-Sprecher in Kundus sagte, deutsche Soldaten seien nicht beteiligt.“
    http://www.tagesschau.de/ausland/afghanistan3152.html

  2. 2800 Polizisten und etliche Politikgrößen wurden in AFG in den vergangenen 12 Monaten getötet. ISAF Soldaten gehen kaum aus dem Camp und entziehen sich dem Kontakt mit Aufständischen. Das Land gehört den Regierungsgegnern und es ist eine Frage der Zeit, wann auch die Städte eingenommen werden. Dann bestimmen sie wo und wann die Mädchen zur Schule gehen.

  3. @ Elahan: So ist es! Sicherlich kann man ISAF nicht mit drei Sätzen bewerten, aber den politisch versprühten Optimismus kann ich nicht teilen. Sicherlich hat der Einsatz vielen Menschen in AFG punktuell geholfen. Auch die ANSF wurde bezüglich AFG „Standards“ nach vorne gebracht, doch wer steuert all diese Kräfte nach dem Abzug von ISAF? Wenn politische Strukturen oder das Fundament für wirtschaftliche Entwicklung nicht oder nur kaum vorhanden sind, dann muss man der Zukunft eigentlich pessimistisch entgegen sehen.
    Mir ist es auch etwas zu plump mit dem „die AFG haben es in der Hand“. Nein, eine gewisse Art der „Hilfe“ sollte noch vom „Westen“ kommen. Das Land ist definitiv noch nicht soweit um „alleine“ zu agieren. Es braucht noch Diplomatie. Gespräche mit Pakistan, den „Aufständischen“, Gouverneuren und vielen Playern. Das muss der Schwerpunkt sein, und nicht die überhöhte Debatte um die Organisation der Rückverlegung – das hat die Bundeswehr schon im Griff. Und dann bleibt die Aufarbeitung des Schlamassels eine Pflicht der Politik inklusive der Vermittlung an die Staatsbürger mit und ohne Uniform.

  4. Interessante Anzugsordnung des Chefs! Hauptsache die Soldaten müssen per Befehl wieder eine teilweise unzweckmässige Ausrüstung tragen und der Herr Minister kann zivilen Anzug mit Tropenhut kombinieren!!
    So sieht ein Vorbild aus! :(

  5. BjoernK | 06. Oktober 2013 – 14:42
    Der Verteidigungsninister ist auch kein Soldat; der darf tragen was er will. Soldaten haben das zu tragen, was ihnen befohlen wurde … so einfach ist das und wirkliche Soldaten begreifen das auch!

  6. @H.K.: natürlich kann er tragen, was er will … aber das macht die Ausrüstung, die wir Soldaten zur Verfügung gestellt bekommen auch nicht zweckmäßiger …

    … und das sollte vielleicht auch nicht in unserem Fokus liegen, sondern vielmehr der Blick zurück, ob der Einsatz denn was gebracht hat … so ein kleiner Blick zurück kann ja wohl nicht schaden … und dann kurz Augen zu und darüber sinnieren, was da jetzt geschehen wird … und wenn ich ehrlich bin, ich fühle mich dabei irgendwie nicht gut …

  7. @ Viva:

    Ich bin der Auffassung, dass wir auf das stolz sein können, was insbesondere die Bundeswehr erreicht hat. Und ich teile ihre Auffassung: Alles, wirklich alles schön zu reden ist falsch. In der Truppe sind alle sehr skeptisch, auch wenn die Generalität teilweise schon die politische „Schönfärberei“ beherrscht. Gerade die militärische Führung sollte viel differenzierter Stellung beziehen. Und überhaupt finde ich es ein Unding, dass stets von Afghanistan gesprochen wird. Alle hier wissen, dass die Sicherheitslage im Süden und Osten nicht prickelnd ist. Aber in zwei Jahren sind wir schlauer.

  8. @ ACE: „…ich fühle mich dabei irgendwie nicht gut…“

    Ja, so geht es mir eben auch – wie vielen Kameraden die aktuell in AFG sind. T.W. zeigte in den letzten Wochen immer wieder auf, dass es auch im Norden nicht ruhiger wird. Auch Oberst Schneider (KdrKDZ) sprach vor kurzem nach einer zu erwartenden Verschlechterung der Sicherheitslage nach Aufgabe des Feldlagers. Auf Propagandavideos der „Taliban“ sieht man diese in verlassene Liegenschaften der US-Soldaten mit Motorrädern einfahren. Haben diese gar nun eine bessere Infrastruktur für Ausbildungslager. Daran möchte ich nicht weiter denken und außerdem wird ja eh alles gut.

  9. ACE | 06. Oktober 2013 – 18:44
    Mag sein; aber was hat das mit meiner Reaktion auf die Einlassung von BjoernK zu tun?

  10. Man lese die Reden von Schröder und Fischer aus 2001 (http://www.arbeiterfotografie.com/galerie/kein-krieg/hintergrund/index-reden-01.html) und vgl. mit DIE WELT, 02.04.13 Afghanistan-Einsatz „Auftrag erfüllt! Wir haben hier Großartiges geleistet“ (Interview mit Generalmajor Jörg Vollmer von Simone Meyer). Als weiteren Kommentar kann man das von Memoria eingestellte Bild http://www.tagesschau.de/multimedia/bilder/bundeswehr690~_v-modPremiumHalb.jpg sehen, um den unvermeidbaren Wahnsinn und die Vielschichtigkeit dieses Krieges zu begreifen. Wenn man dann bei der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. den Länderbericht 2011 „Zehn Jahre Afghanistan: Einsatz mit widersprüchlichen Ergebnissen?“ liest, dann paßt der der Kommentar auf Süddeutsche-de „6. Oktober 2013 17:31 Bundeswehr in Afghanistan Rückzug ins Nirgendwo“ wie die Faust aufs Auge. Die Kanzlerin und Westerwelle haben versagt und TdM hat den Krieg seit seinem Amtsantritt in 2011 nur noch verwaltet.

  11. @ Vtg-Amtmann:

    Danke für den Tip zur SZ. Der Kommentar ist gut. Er liegt auf der Linie des Bundeswehrverbandes – Realismus statt Pessimismus (bei allen Erfolgen) sollte angesagt sein!

    Eben habe ich die kurze Berichterstattung der tagesthemen gesehen. Ist schon ein Witz, dass medial nur die Passage von TdM gezeigt wird, als er auf die Einsatzprägung der Bw eingeht. War Ziel, dass dieser Einsatz die Bw geprägt hat?!? Wie lauten die erfüllten Benchmarks? Wann würde man von einer grundlegenden Lageänderung sprechen und somit den „politischen“ Entschluss überprüfen?

    Und schon wieder sah man keinen Außenminister, sondern nur TdM und den Kdr RC North. Es kann keinen comprehensive approach geben, wenn doch immer nur das eigene Ressort spricht.

  12. @ katze

    parameter zur überprüfung des eigenen erfollgs sind nur sinnvoll, sofern sie nicht gem. politischer großwetterlage permanent manipuliert werden.

    genau das ist in afgh. aber passiert.

    letzlich wird man vermutlich das organisch entstehende endstadium zum schon immer angestrebten ziel deklarieren. mission accomplished!

  13. foreign affairs hat einen lesenswerten aufsatz zum thema gesichtswahrender abzug aus us perspektive

    „There are only two real alternatives to this (vietnam ähnlichem scheitern. Anm.), neither of them pleasant. One is to get serious about negotiations with the Taliban. This is no panacea, but it is the only alternative to outright defeat.
    To its credit, the Obama administration has pursued such talks for over a year. What it has not done is spend the political capital needed for an actual deal. A settlement the United States could live with would require hard political engineering both in Kabul and on Capitol Hill, yet the administration has not followed through.

    The other defensible approach is for the United States to cut its losses and get all the way out of Afghanistan now, leaving behind no advisory presence and reducing its aid substantially.
    Outright withdrawal might damage the United States’ prestige, but so would a slow-motion version of the same defeat — only at a greater cost in blood and treasure. And although a speedy U.S. withdrawal would cost many Afghans their lives and freedoms, fighting on simply to postpone such consequences temporarily would needlessly sacrifice more American lives in a lost cause.“

    http://www.foreignaffairs.com/articles/139644/stephen-biddle/ending-the-war-in-afghanistan

  14. @H.K.: Bin ich ein „unrichtiger“ Soldat, wenn ich feststelle, dass die befohlene Ausrüstung manchmal unzweckmäßig ist und es auf dem Markt Besseres gibt?

    Natürlich gibt die Vorschrift vor, was korrekt ist … und es ist vollkommen korrekt, dass der Minister als außerhalb der Bw stehende Person anziehen kann was er will (wobei der Tropenhut durchaus zur zugelassenen Ausrüstung gehört und man sich fragen darf, warum ein Zivilist ihn trägt) …

    Mir ging es eigentlich darum, dass diese Kleiderdiskussion in meinen Augen nachrangig ist zu dem, was der Abzug tatsächlich bedeutet …

  15. @Viva

    Zustimmung

    Doch die Generalität der Bw malt sich die Welt schön und das ist gegenüber unseren Soldaten nicht aufrichtg.

    Jörg Vollmer: Der wesentliche Unterschied ist, dass es heute etwa dreimal so viele afghanische Sicherheitskräfte gibt wie damals. Armee und Polizei sorgen inzwischen allein für die Sicherheit ihrer Bürger, in allen neun Provinzen. Dafür haben sie jetzt das Personal, das Material, die nötige Ausbildung. Es gibt zwar immer noch Raum für Verbesserungen, aber da ist ein großer Sprung nach vorn passiert.

    Von welchem Land spricht er?

    -Armee und Polizei sorgen inzwischen allein für die Sicherheit ihrer Bürger, in allen neun Provinzen.-

    Sie sind max verantwortlich aber ob sie ihre Verantwortung auch wahrnehmen?

    Sich -für- etwas sorgen und -um- etwas sorgen ist wohl bei unserer Führung was anderes. Wer sich für etwas sorgt, sollte sich nicht nur Sorgen machen, sondern es auch tun.
    Können, wollen, müssen und tun sind im Ergebnis evtl verschiedene Vorgänge.

  16. @ Katze: Wer will schon Guido W. noch hören, spätestens seit dem 22.09. ist er ein „lame duck“;
    und vorher hat er sich spätestens bei der Lybien-Abstimmung ins Abseits gestellt.

  17. Die Diskussion wiederholt sich (auch in diesem Forum) regelmäßig.

    Erfolg definiert sich am Erreichten im Bezug zum Erreichbaren.
    Gut, ich gebe zu, dass das Erreichbare nicht immer von Realisten formuliert wurde.
    Aber Schwarzmalerei ist definitiv nicht angebracht (auch wenn es die Lieblingsbeschäftigung der Deutschen zu sein scheint).

    Die Bw verlässt AFG, weil die NATO das so beschlossen hat und wir ohne USA diesen Einsatz nicht stemmen können. Es gibt also keinen Raum für ein nationales (angemessenes) Engagement nach 2014. Diesen Rückzug vor dem Hintergrund einer Verantwortung zu kommentieren ist m.E. nicht zulässig. Verantwortungslos wäre ohne US-Infrastruktur und Luftunterstützung in AFG zu bleiben.

    Wer in den vergangenen 10 Jahren wiederholt in AFG war, der sieht den Unterschied eindrücklich. Ich bin wesentlich optimistischer was die Bereitschaft der Masse der Bevölkerung betrifft, die Taliban an einer Rückkehr zur Herrschaft zu hindern. Wer etwas zu verlieren hat, wird sich einsetzen. Die Zahl derer, die etwas zu verlieren haben, hat sich in AFG in 10 Jahren mehrfach potenziert. Und damit meine ich nicht nur die Strom- und Wasserversorgung.

    Die Bereitschaft der AFG Sicherheitskräfte für eben diese zu sorgen, ist nicht kritikfähig. Nahezu jeder Angehörige der ANSF hat Familienmitglieder durch Talibanangriffe verloren. Deren Motivation begründet sich nicht mehr nur auf ein Einkommen. Kann sich irgendjemand eine Gruppierung in DEU vorstellen, die ihren Job noch macht, obwohl sie im Quartal ein ganzes Batallion verliert?

    Gemessen wird am Erreichbaren – nicht an Politikersprüchen oder Schönredner in der militärischen Führung.

  18. @psyquil

    „Erfolg definiert sich am Erreichten im Bezug zum Erreichbaren.“

    Erfolg bezeichnet das Erreichen selbst gesetzter Ziele, denn wenn man es in Bezug zum Erreichbaren setzt, dann kann das Erreichte auch schlechter sein als die Ausgangssituation.

    „Aber Schwarzmalerei ist definitiv nicht angebracht (auch wenn es die Lieblingsbeschäftigung der Deutschen zu sein scheint).“

    Kritikfähigkeit und aus Fehlern lernen hat Deutschland zur führenden Wirtschaftskraft gebracht und ist der Träger unseres Handwerks. Gerade die Bundeswehr tut sich mit Fehlerkultur schwer und wenn man Kritik als Schwarzmalerei bezeichnet wird genau dies bestätigt.

    „Die Bw verlässt AFG, weil die NATO das so beschlossen hat und wir ohne USA diesen Einsatz nicht stemmen können. Es gibt also keinen Raum für ein nationales (angemessenes) Engagement nach 2014. Diesen Rückzug vor dem Hintergrund einer Verantwortung zu kommentieren ist m.E. nicht zulässig. Verantwortungslos wäre ohne US-Infrastruktur und Luftunterstützung in AFG zu bleiben.“

    Stimmt, aber wer hat Deutschland und Europa in diese Abhängigkeit gebracht? Wenn Deutschland am Hindukusch verteidigt werden muss, dann muss es dort verteidigt werden. Wenn nicht, dann wurde treues Dienen mißbraucht.

    „Wer in den vergangenen 10 Jahren wiederholt in AFG war, der sieht den Unterschied eindrücklich. Ich bin wesentlich optimistischer was die Bereitschaft der Masse der Bevölkerung betrifft, die Taliban an einer Rückkehr zur Herrschaft zu hindern.“

    Optimismus ist immer gut, doch ist er keine Pflicht. Mein Eindruck ist, dass sich auf dem Land kaum etwas durch die Anwesenheit durch Truppen verbessert hat und ob es in den Städten so bleibt wage ich zu bezweifeln.

    „Die Bereitschaft der AFG Sicherheitskräfte für eben diese zu sorgen, ist nicht kritikfähig.“

    Alles ist kritikfähig, denn nur so kann man die Zukunft gestalten und die Gegenwart beurteilen. Die Beurteilung des Vermögens/Handlungsfähigkeit der AFG Sicherheitskräfte anhand von Maßstäben ist Voraussetzung für die Zukunft.
    Fehler und Versäumnisse durch kritische Stellungnahme zu diskutieren ist das Wesen dieses Blogs.

    „Kann sich irgendjemand eine Gruppierung in DEU vorstellen, die ihren Job noch macht, obwohl sie im Quartal ein ganzes Batallion verliert?“

    Ja, habe viele Verwandte im zweiten Weltkrieg verloren und das auf beiden Seiten. Um eine Wiederholung dieser Ereignisse zu verhindern wurde uns das GG geschenkt und mit ihm der Artikel 87a.

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