Die neue Waffe für den Haus-Gebrauch: Das Himmelfahrts-Video

Im November vergangenen Jahres berichtete ich über die neue Waffe für den Haus-Gebrauch, die die Bundeswehr bestellt hat. Zufall oder nicht: Am heutigen Himmelfahrtstag hat die Bundeswehr ein Video zur RGW90 AS auf ihrem Youtube-Kanal eingestellt.

Ein Nachtrag scheint mir nötig: Ich kenne den – wie es in den Kommentaren ausgedrückt wird – Zivilisten im Anzug bzw. netten Herrn im Smoking mit gelber Schleife, und das ist auch das Problem: An keiner Stelle macht bw-tv deutlich, dass es sich um einen Mitarbeiter der Herstellerfirma Dynamit Nobel handelt, der hier das erfolgreich an die Bundeswehr verkaufte Produkt des eigenen Hauses erläutert. Das muss nichts Schlechtes bedeuten; es wäre aber ein Gebot von Offenheit und Transparenz gewesen, ihn im Video oder zumindest im Abspann zu nennen (um einen hinkenden Vergleich zu nehmen: wie wäre die Reaktion, wenn ein EADS-Mitarbeiter in einem Bundeswehr-Video die Vorzüge des NH90 erläutern würde, ohne dass seine Funktion oder Firmenzugehörigkeit genannt würde?). Und was das Veröffentlichungsdatum am heutigen Feiertag angeht: Genau so wie die umstrittene Pro7-Antikriegskomödie Willkommen im Krieg auch deswegen kritisiert wurde, weil sie am Ostermontag lief, gibt es vielleicht auch Leute, denen die Veröffentlichung eines solchen Videos ausgerechnet am Himmelfahrtstag nicht so gelungen vorkommt (nun gut, da kommt der Ex-Theologe in mir durch).

52 Kommentare zu „Die neue Waffe für den Haus-Gebrauch: Das Himmelfahrts-Video“

  • reservist   |   19. Mai 2012 - 22:06

    @all, die über den Herrn im Anzug – das ist KEIN Smoking, Gentlemen! – diskutieren

    Der Mann ist zweifelsfrei sehr kompetent, war lange Jahre Redakteur beim Behördenspiegel und gehört in Sachen Rüstung zu den fachlich am besten informierten Personen in der sicherheitspolitischen Community. Allerdings gebe ich Thomas Wiegold recht: es ist ein Gebot der Transparenz, dass bwtv deutlich macht, wer da spricht. Alles andere befördert nur wieder Verschwörungstheorien….

  • Bang50   |   24. Mai 2012 - 20:14

    @reservist

    Asche auf mein Haupt! – Ich habe nur den einen Knopf gesehen ;-)

    @sd @Memoria

    Das sind wirklich gute Fragen und ich muss ehrlich zugeben das ich da absolut an die Grenze stoße. Bei der Frage Wegwerfpatrone vs. Nachladbar muss man wahrscheinlich so tief in technische Problemstellungen rein, das nur Dynamit Nobel hier eine wirklich qualifizierte Antwort geben könnte und die Frage bleibt ob Dynamit Nobel sich überhaupt soweit in die Karten schauen lässt. Fertigungsprozesse wie z.b die GFK bzw. CFK Umwicklung, Qualitätsprüfung, Zusammenbau firmenspezifisches know how sind.

    Zitat:“Waere ein transportbehaelter fuer flugkoerper, treibladung und rueckstossladung nicht aehnlich schwer wie das abschussrohr? „

    Bei der Carl Gustav ist Gefechtskopf, Treibladung und Rueckstossladung eine Einheit die man im als Ganzes laden kann. Bzgl. der Gewichtsfrage sehen Sie weiter unten.

    Zitat:“Die letzte vermutung, frage: Um den backblast zu vermeiden, ist eine balance zwischen flugkoerper und gegenmasse in relation zur treibladung notwendig. Sollte das so sein, koennte man dann ueberhaupt darauf verzichten, dass es fest im abschurohr zusamengesetzt ist? „

    Sie haben Recht.
    Um den Impuls für den Schützen = 0 zu bekommen, gilt actio= reactio mit absolut gleichen Beträgen also:

    Masse Gefechtskopf + Masse Treibladung = Masse Ausgleichsmasse

    (Gefechtskopf und Ausgleichsmasse brauchen gleiche verfügbare Rohrlänge.)

    Hier könnten Sie also durchaus recht haben mit der Vermutung das man deswegen die gesamte Einheit präzise durch eine Maschine in das Rohr setzen muss um den Impuls für den Schützen exakt auf 0 zu bekommen und damit die Trefferwahrscheinlichkeit zu erhöhen.

    Was mich jedoch etwas zweifeln lässt: Dieses Problem hat man bei der Carl Gustav auch gelöst (wobei mein subjektiver Eindruck ist, das die Carl Gustav einen gewissen Rückstoß besitzt.)

    Frage: Hat jemand mit Carl Gustav und Panzerfaust 3 geschossen und kann über die „Unterschiede“ beim Rückstoß berichten?

    Wenn man nun also actio = reactio voraussetzen kann, wissen wir auch das was vorne „rausfliegt“ die selbe Masse braucht wie das was hinten „rausfliegt“.
    Damit können wir folgende Betrachtung aufstellen:

    Carl Gustav (leer): 8,5 kg
    Munition komplett (also mit Gegenmasse): 2,5 kg – 4 kg (Der Gefechtskopf wiegt je nach Version also „nur“ 1,25 kg – 2kg (in der Realität wird es noch weniger sein, da die Treibladung auch noch kompensiert werden muss)
    ——————————————————————————-
    Carl Gustav (fertig geladen): 11kg – 12,5kg mit einem Gefechtskopf von max. (1,25kg – 2kg) (ehr weniger)

    RGW90AS (fertig geladen) = ca. 10kg
    Gefechtskopf = ca. 3,5kg (das bedeutet inkl. Ausgleichsmasse und Treibladung wird die gesamte pyrotechnische Einheit über 7kg wiegen.)
    ——————————————————————————-
    RGW90AS leer (ohne pyrotechnische Einheit) ca. 3kg

    Die RGW90AS trägt also bei ca 2kg weniger Waffengewicht einen Gefechtskopf der mehr als 60% größer ist als in der Carl Gustav. Bei der schweren Panzerfaust 3 dürfte dieses Verhältnis noch extremer sein.

    Wenn man nun ins Ziel verbrachte kg im Verhältnis zu Waffengewicht betrachtet, kommt man auf folgendes:

    RGW90AS = 20 kg (2Schuss) bei 7kg im Ziel
    Carl Gustav= 20,5 kg (3Schuss) bei 6kg im Ziel

    RGW90AS = 30kg (3Schuss) bei 10,5kg im Ziel
    Carl Gustav = 28,5kg (4Schuss) bei 8 kg im Ziel
    Carl Gustav = 32,5kg (5Schuss) bei 10kg im Ziel

    RGW90AS = 40kg (4 Schuss) bei 14kg im Ziel
    Carl Gustav = 32,5 kg (6Schuss) bei 14kg im Ziel

    (anm. die Rechnung ist auf der Seite der Carl Gustav, da in der Realität die Gefechtsköpfe etwas leichter sind und bei einem kleinen Gefechtskopf der Anteil von nicht Explosivstoffen zum Gesamtgewicht größer ist: Ein 4kg Gefechtskopf macht also mehr als das doppelte Schaden als ein 2kg Gefechtskopf)

    Man kann also folgendes Ableiten: Bei 3 Schuss RGW90AS ist man mit einer Carl Gustav (5Schuss) noch schwerer unterwegs und hat weniger kg im Ziel.
    Ab 4 Schuss RGW90AS kippt das Verhältnis zugunsten der Carl Gustav (6Schuss)

    @FPW (wir sind von der Ansicht völlig auf einer Linie) > Nun stellt sich also die Frage was man taktisch haben möchte. Um Feinde in einem Haus auszuschalten will man einen Gefechtskopf der so groß wie möglich ist um im gesamten Haus einen tödlichen Überdruck zu erzeugen.

    Will man auf offenem Feld eine Art Infanterie-Artillerie wird man mit Carl Gustav besser fahren, da sie auch durch unterschiedliche Munition flexibler einsetzbar ist.

    Was können wir für den Soldaten ableiten? Eine RGW90AS wird den Job Mauer einreißen und verschanzte Feinde in Gebäude ausschalten, wesentlich besser ausfüllen als eine Carl Gustav die vielleicht gar nicht die kritische Grenze überschreitet um einen tödlichen Überdruck in einem Gebäude aufzubauen.
    In einer englischen Literatur über die MatadorAS (RGW90AS) bin ich auf eine Aussage gestoßen: Der Gefechtskopf ist tödlich in dem Raum wo die Granate einschlägt und einem anschließenden mittelgroßen Flur. Diese schwammige Aussage wird bei Dynamit Nobel wesentlich präziser in Kurven zu finden sein wo eine Linie für tödlichen Überdruck eingezeichnet ist. Die Achsen werden Druck über m^3 beschriftet sein. Leider werden wir Normalsterbliche wahrscheinlich nie einen Blick in solche Berechnungen/Simulationen werfen dürfen und auf praktische Erlebnisse will wahrscheinlich jeder aus gutem Grund verzichten.

    P.s Eine ganz ketzerische Frage: Gilt die RGW90AS nun als Thermobarische Waffe? Sie verwendet kein Aerosol, ihre letale Wirkung basiert aber auf dem selben Prinzip.

    @Stefan H.

    Zitat:“Historisch ist Ihre Aussage richtig – wurde aber im Irak und insbesondere durch Israel zum Teil widerlegt. Weiterentwickelt muss es m.E. Heißen:“

    Würde ich so nicht unterschreiben. Kampfpanzer haben sich als zusätzliche Fähigkeit im urbanen Umfeld als nützlich erwiesen. Das macht jedoch noch keine Aussage über ihre Eignung in einem Kampf gegen einen professionellen Gegner in einem urbanen Umfeld. Gerade die Israelis haben hier gegen die professionellere Hamas z.t sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Ein ähnliches Szenario gegen z.b eine deutsche Jägerkompanie mit MELLS und Panzerfaust3T bewaffnet würde noch wesentlich düsterer für Kampfpanzer aussehen.

    Zitat:“Kampfpanzer sind nur im engen Zusammenwirken mit der Infanterie zum Kampf im urbanen Umfeld befähigt.“

    Ich würde sogar behaupten Kampfpanzer sind immer nur im engen Zusammenwirken mit der Infanterie zum Kampf befähigt. Als Panzerkommandant der völlig alleine ohne Infanterie durch die Landschaft braust, hätte ich vor jedem Busch, Wäldchen und Graben fürchterliche Angst.

    Zitat:“Bei eigenen Tests der Bundeswehr im GÜZ (waren 2006) wurden die Erkenntnisse der Israelis und Briten übrigens bestätigt. Die Verluste der eingesetzten verstärkten Jägerkompanie (im Angriff in Hillersleben) nahmen signifikant ab, wenn ihr 2 (!) Kampfpanzer zugeteilt wurden.“

    Glaube ich sofort. Wie ich schon erwähnt habe, sie können eine wertvolle Fähigkeit sein. Ich warne nur vor einer Situation: Wenn ich gezwungen bin diese Fähigkeit einzusetzen weil nicht anders geht. Solche Situationen können gerade das Mauer einreißen oder eine feindliche Stellung ausheben sein. Doch gerade in einer Stadt muss ich dann meine Kampfpanzer nach vorne schicken ohne die Deckung der Infanterie.
    Ich würde es so formulieren: Im urbanen Umfeld folgen Kampfpanzer der Infanterie und nicht umgekehrt! Als Kommandant einer Infanteriekompanie könnte mir nichts besseres passieren als ein Feind der seine Kampfpanzer nach vorne schickt um bei mir die Deckung zusammenzuschießen. Denn ich habe meine Panzerfaustschützen schon so postiert das sie genau auf die Wege wirken können die breit genug sind für gepanzerte Fahrzeuge. Das Ergebnis? Während der Kampfpanzer mich mit seinem WBG noch sucht und sich dabei völlig ungedeckt zeigt, kann ich ihn in Ruhe zusammenschießen und habe dann eine 60 Tonnen Straßensperre.

    Zitat:“Im Zusammenwirken sorgt die Infanterie dafür, dass die Verwundbarkeit des KPz stark reduziert wird. (keine Gegner von hinten – in den Flanken – in toten Winkeln). „

    Genau das ist der Knackpunkt! Genau deswegen braucht die Infanterie eine RGW90AS. Sie bewegt sich nicht über die Hauptstraße, sondern parallel über die Hinterhöfe. Genau hier braucht sie eine Waffe um durch die Mauern und Wände zu kommen um sich nicht exponieren zu müssen und feindlichen potentielle Panzerfaustnester sicher ausheben zu können.

    Zitat:“Es ist aus eigener Sicht grundsätzlich die beste Lösung, wenn gegnerische Kräfte ihre Panzerfäuste an der Frontalpanzerung eines Kampfpanzers zur Wirkung bringen „

    Hmm- da haben wir in einem urbanen Umfeld gleich zwei Probleme.
    1.Die Rohrerhöhung von Kampfpanzern ist ziemlich gering. Deshalb wird ein guter Infanterie Kommandant seine Leute in den oberen Stockwerken postieren und dafür sorgen das die Kampfpanzer nur eine kurze Straßenlänge zur Verfügung haben und somit gar nicht mit ihrer Hauptwaffe wirken können.
    2. Die Dachpanzerung von Kpz recht schwach ist und gerade wenn man sich in einem oberen Stockwerk befindet, in einer optimalen Position ist um einen Kampfpanzer zusammenzuschießen.

    Kann man Kampfpanzer im urbanen Umfeld einsetzen? – Ja sicher kann man.
    Kann man Kampfpanzer alleine vorschicken um Infanteriestellungen auszuheben oder Mauern einzureißen? – Nein. In einem solchen Szenario wird man von professioneller und gut gerüsteter Infanterie geschlachtet.
    Kann ein Kampfpanzer eine RGW90AS ersetzen? – Nein kann er nicht. Beide haben unterschiedliche Aufgaben

    So jetzt zum Abschuss freigegeben.

    P.s Wenn jemand fachspezifische Literatur über Kampfpanzer im urbanen Umfeld vs. Infanterie oder generell Infanterie gegen Kampfpanzer hat, immer her damit.
    Über technische Details zur Auslegung RGW90AS würde ich mich natürlich auch sehr freuen.