Rückblick aufs PRT Kundus: „Die Kommandostruktur war Chaos“

Deutsches_Eck_Kundus

Weil in diesen Tagen alle (Interessierten) auf Kundus schauen, ein sehr interessantes Lesestück zur militärischen Organisation rund um das ehemalige, von der Bundeswehr geführte Provincial Reconstruction Team (PRT) Kundus in Nordafghanistan (Auch wenn es schon mehr als ein Jahr alt ist). Von einem, der dort war.

The PRT Kunduz: An Unsuccessful Command Structure

mit dem Fazit

In conclusion, the command structure in Kunduz was a mess. Without a clear and unambiguous chain of command, things went awry. Unity of effort was just barely achieved, and it was only the common threat that forced all of those different units to work together. The remedy for this situation is simple and not really new: create unity of command and establish liaison elements. Sometimes doctrines, often based on bloody lessons, are worth using. In cases of emergency and to achieve common goals devoid of personal motivations, a clear, single-headed chain of command is the way to success.

Das hat nur sehr mittelbar mit der aktuellen Situation zu tun – aber einige Überlegungen, wie es zu den Ereignissen der vergangenen Tage kommen konnte, lassen sich vielleicht auch daraus ableiten.

(Zur Chronologie der zehn deutschen Jahre in Kundus hier eine Übersicht.)

(Danke für den Leserhinweis.)

RC N Watch: Deutsche Neutralität im Norden Afghanistans half den Warlords

Das Ende des ISAF-Einsatzes in Afghanistan (bei anhaltender Unklarheit über die Nachfolgemission) zum Ablauf des Jahres 2014 rückt näher – um so interessanter wird die Betrachtung, was dieser Einsatz für die Afghanen gebracht hat. Das Afghanistan Analysts Network hat sich dafür die Entwicklung der Machtbalance in den nordafghanischen Provinzen Kundus und Badakhshan angeschaut, wo die Bundeswehr seit Anfang 2014 für ISAF die Verantwortung übernommen und zwei Provincial Reconstruction Teams (PRT) stationiert hatte. Das Ergebnis, kurzgefasst: Gerade mit dem Bemühen um Neutralität haben die Deutschen die bestehenden Machtstrukturen der Warlords im Norden zementiert – und einen Teil der Bevölkerung, der sich dadurch von der Teilhabe ausgeschlossen fühlte, den Taliban in die Arme getrieben.

Aus der Zusammenfassung des Berichts:

 The approach of the mainly German PRT forces – to focus on the official as well as, in some cases, the most powerful strongmen – cemented the existing power distribution. In addition, though the underprivileged segments of the population in both provinces initially greeted German efforts to prevent ‚collateral damage‘, because they cooperated with government officials, locals saw them as accomplices of the ruling class. weiterlesen

Under new Management: PRT Kundus

Der zivile Leiter des PRT Kundus, Helmut Landes (Foto: Bundeswehr/Steffen Maluche)

For the record: Das Provincial Reconstruction Team (PRT) Kundus in Nordafghanistan steht seit heute unter ziviler Leitung und wird vom AA-Diplomaten Helmut Landes geführt. Was natürlich erst mal nicht bedeutet, dass die Bundeswehr dort nicht mehr präsent wäre.

Aus Zeitgründen verweise ich zu den Einzelheiten auf bundeswehr.de: Kundus: Auswärtiges Amt übernimmt Leitung des PRT

RC N Watch: Die Abzugsplanung läuft

Mit der Ankündigung der Bundesregierung, das deutsche Afghanistan-Kontingent mit dem neuen Bundestagsmandat ab dem kommenden Jahr auf zunächst 4.900 und bis Ende 2012 gegebenenfalls auf 4.400 zu verkleinern, hat natürlich auch die Planung eingesetzt. Einen kleinen Einblick gab der G3 des Heeresführungskommandos, Oberst Peter Wenning, vor einigen Tagen vor Kommandeuren:

Für den Bereich des Provincial Reconstruction Teams (PRT) Faizabad sei geplant, dieses bis Ende 2012 aufzulösen. Dann solle dort noch ein sogenanntes „Deutsches Haus“ als Ansprechstelle verbleiben. Das PRT Kunduz werde ab dem vierten Quartal 2012 in eine zivile Führung übergehen.

Interessant ist, was da nicht steht: Eine Auflösung des PRT Faizabad (Faisabad, Feyzabad) in gut einem Jahr lässt vermuten, dass es deutlich vorher eine Übergabe an eine zivile Führung dieses einzigen ISAF-PRTs in Badakshan geben wird. Genau genommen gibt es ein paar Indikatoren, die eine Übergabe aus der Hand der Bundeswehr für Faizabad recht bald – vielleicht sogar noch in diesem Jahr? – realistisch erscheinen lassen:

• In Faizabad ist das 2. Infanteriekandak (Bataillon) der 2. Brigade des 209. Korps der Afghanischen Nationalarmee (ANA) stationiert – und dieses Kandak hat als erstes Infanteriebataillon im Regionalkommando Nord bei einer Zertifizierung die höchste Stufe Independent with advisors (Selbständig mit Beratung) erreicht. Zwar ist auch diese Einheit weiterhin auf ein OMLT (Operational Mentoring and Liason Team) von ISAF angewiesen, ansonsten kann ANA damit in dieser Provinz recht eigenständig agieren.

• Die Mongolei, die bereits jetzt weitgehend die Sicherung des PRT stellt, schickt zusätzliche Soldaten nach Faizabad. Rund 160 mongolische Soldaten stellen eine Infanteriekompanie, hinzu kommen Scharfschützen, Aufklärer, Sanitäter und Militärpolizisten. Die Soldaten wurden von Gebirgsjägern der Bundeswehr in Tavantolgoi in der Mongolei ausgebildet. Damit rückt näher, was ich vor Monaten schon mal vermutet hatte: Übergabe in Verantwortung – warum nicht an die Mongolen?

• Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Provinz Badakshan und damit Faizabad in der nächsten Runde der Transition vom afghanischen Präsidenten Hamid Karzai als eine der Regionen genannt wird, in denen die afghanischen Sicherheitskräfte die Verantwortung übernehmen.

Das eröffnet also der Bundeswehr die Chance, die Zahl der deutschen Soldaten in Faizabad deutlich herunterzufahren. Vermutlich bleiben ein OMLT und ein paar Fachleute im Sicherheitszentrum der Provinz. Das bringt zwar noch nicht die gewünschte drastische Einsparung an Personal – aber es trägt dazu bei. Und einen Bundeswehr-Standort am Hindukusch aufzugeben, kann man doch auch gut als Zeichen für den beginnenen Abzug verkaufen.