Rückblick aufs PRT Kundus: „Die Kommandostruktur war Chaos“

Deutsches_Eck_Kundus

Weil in diesen Tagen alle (Interessierten) auf Kundus schauen, ein sehr interessantes Lesestück zur militärischen Organisation rund um das ehemalige, von der Bundeswehr geführte Provincial Reconstruction Team (PRT) Kundus in Nordafghanistan (Auch wenn es schon mehr als ein Jahr alt ist). Von einem, der dort war.

The PRT Kunduz: An Unsuccessful Command Structure

mit dem Fazit

In conclusion, the command structure in Kunduz was a mess. Without a clear and unambiguous chain of command, things went awry. Unity of effort was just barely achieved, and it was only the common threat that forced all of those different units to work together. The remedy for this situation is simple and not really new: create unity of command and establish liaison elements. Sometimes doctrines, often based on bloody lessons, are worth using. In cases of emergency and to achieve common goals devoid of personal motivations, a clear, single-headed chain of command is the way to success.

Das hat nur sehr mittelbar mit der aktuellen Situation zu tun – aber einige Überlegungen, wie es zu den Ereignissen der vergangenen Tage kommen konnte, lassen sich vielleicht auch daraus ableiten.

(Zur Chronologie der zehn deutschen Jahre in Kundus hier eine Übersicht.)

(Danke für den Leserhinweis.)

21 Gedanken zu „Rückblick aufs PRT Kundus: „Die Kommandostruktur war Chaos“

  1. ‚tschuldigung, weil zum Thema nicht substantiell: Das Schild „Deutsches – Eck“ in dem Aufmacherbild wirkt einmontiert. Ist das echt?

  2. Der Autor dieses – imho – sehr authentischen Artikels hat eigentlich in allen Punkten sicherlich recht. Ohne Unity of Command keine Unity of Effort und somit a high risk of failure.
    Doch was ist die Voraussetzung für Unity of Effort ? Es ist – in combined/joint force structures – in erster Linie das Einvernehmen über Common Concentration of Effort on the Sequence of Common Startegic Objectives. Falls das nicht vorhanden ist, dann geschieht eben das, was der Autor sehr anschaulich beschrieben hat. Aber selbst wenn The Sequence of Strategic Objectives eineindeutig klar ist und sogar Unity of Effort und Unity of Command organisatorisch vorhanden sind, kann es trotzdem „daneben“ gehen, siehe USA in Vietnam und Rußland in Afghanistan. Das Erreichen strategischer Zielsetzungen wie „Stabilization“ followed by „nation building“ etc mittels militärischer Intervention – egal ob a la „peace keeping“ oder „peace enforcing“ – kann nur dann funktionieren, wenn es eine „Reststabilität“ in einem Staat gibt. Falls man diese „Reststabilität“ im Verlaufe der Intervention oder direkt anschließend „zerschlägt“ (Stichworte: Regime Change oder Bombenteppich), dann hat man insbesondere in unterstrukturierten Ländern – siehe Somalia und Afghanistan – das klitzekleine Problem, dass man selber from scratch up die gesamten staatlichen Funktionen (sicher)stellen muß – was einen sehr langen Atem erfordert. Da gibt es keine shortcuts. Der einzige shortcut in einigermaßen strukturierten Ländern ist, dass man die „Reststabilität“ nicht zerschlägt, sondern „einbindet“. Und genau das war der Fehler der US im Irak, so wie es der Fehler der Sowjets vor Jahrzehnten in Afghanistan war.
    Unity of Command auf der taktischen Eben ist eben auch keine Zauberformel, wenn man nicht in der Lage ist Unity of Effort auf der strategischen Ebene aus eigener Kraft nachhaltig (sicher)zustellen. Und aufgrund dieser Überlegungen halte ich die Vorgehensweise der Russen in Syrien für durchaus erfolgsversprechend – aus strategisch/geopolitischer Sicht.

  3. Das zeigte sich schon in kleinen Dingen:
    Key-Leader-Engagement fand unkontrolliert statt! Die im „Dauerberitt“ mit Polizeichef / Distriktgouverneur und anderen Key Leadern agierenden Trupps (teilweise täglicher Kontakt) koordinierten sich noch untereinander. Selbst Stabsabteilungsleiter oder gar Kommandeur der (in diesem Fall) Task Force waren natürlich auch dran. Hier das erste Problem: Als Truppführer erfuhr man von diesen Treffen (und Inhalten) dann von seinem afghanischen Partner. Ein aktuelles Breefing über zuletzt gehabte Kontakte wurde zum Teil nicht eingeholt oder Meldungen nicht weitergeleitet. Und das war innerhalb einer TF, also eines Batallions!

    Die zusätzlichen Besuche durch Kommandeur PRT, Interkulturellem Einsatzberater oder gar der Vertreter aus den anderen Ministerien fanden natürlich auch noch statt – und liefen noch unkoordinierter…

  4. Und wenn sich dann auch noch PRT Kdr und der Kdr der KpfTr dort ganz lieb haben, wird es nochmal interessanter. Der menschliche Faktor bei Stress ist dann immer eine Feldstudie wert.

  5. Der Beitrag von OTL Werner ist wirklich sehr erhellend. Er zeigt, dass ein gut gemeinter Ansatz im Ergebnis schief gehen kann. Der Beitrag kann auch eine Blaupause dafür sein, wie man Counterinsurgency und nachfolgend Nation Building nicht machen sollte. Nehme sie nur das Schlußkapitel „What can we learn?“. Wäre ja mal spannend zu erfahren, wie solche Berichte in Lessons-Learned-Prozesse bei der Bundeswehr und – nachfolgend – in die Sicherheitspolitik einfließen. Angeblich hat die Bundeswehr und die NATO ja an sowas ein gesteigertes Interesse.

    @klabautermann | 02. Oktober 2015 – 1:33
    Ihre Ausführungen zur Nutzung von „Reststabilität“ zeigt genau den entscheidenden Zielkonflikt: Zerschlägt man alle (noch) bestehenden Strukturen, zerstört man die Reststabilität – in der Vergangenheit meist ohne alternativen zu haben. Die Folgen kann man in Libyien und dem Irak besichtigen. Nutzt man die Reststabilität und versucht noch vorhandene Strukturen einzubinden kann es natürlich passieren das ein ehemaliger Warlord als Provinzgouverneur eine Renaissance erlebt. Die Kunst ist, diesen Zielkonflikt zu erkennen und sinnvoll aufzulösen.

  6. Wäre noch interessant wann auf der Zeitachse der Autor seine Erfahrung vor Ort machen konnte.
    „Designated as the battlespace commander, the PRT commander…“

    Deutet auf vor 2010 hin, oder auf eine Fehlinterpretation, da der Kommandeur 2/209 battlespace owner war. Da bereits Task Forces vorhanden sind, leider letzteres. Komplett ausgeblendet wurde die afghanische Führungsstruktur, der ja ein Teil der eigenen Diversivikation geschuldet ist. OMLT war zwar in Kunduz stationiert (übrigens mehrere OMLT jeweils für die Kandaks und die Brigade), aber hing halt an 2/209 der ANA und hatte einen wesentlich größeres Einzugsgebiet als das PRT. Während das PRT sich lange Zeit auf Höhen südwestlich Kunduz fokussiert hat, waren OMLT & ODA in Baghlan unterwegs, wo ja später sogar mit dem OP North eine ständige Präsenz geschaffen wurde. Wenn Unity of Effort zur Besetzung einer weiteren Höhe bei Kunduz geführt hätte, darf man an einer Verbesserung zweifeln. Schwerpunktbildung in Stabilisierungsoperationen ist halt auch so eine Sache, bei der man nicht zwingend Schlüsselgelände aus der 1:50000 Karte anhand der Höhenschichtlinien suchen muss. Nach Einführung der Task Forces gab es ständig den Phantomschmerz des PRTs nicht mehr seine eigenen Ziele (noch eine Höhe mehr) mit Kräften hinterlegen zu können. Die ANA wollte von diesen Höhen eh nie etwas wissen und auf gar keinen Fall sie übernehmen. Warum auch eine Höhe sichern…dann schon lieber ein Bevölkerungszentrum. Die Ereignisse der letzten Tage deuten aber darauf hin, dass in Kunduz nur noch sehr begrenzt Kräfte der ANA liegen und Verstärkung von außen zugeführt werden mussten. Gerüchteweise habe ich gehört, dass es mit der Bezahlung seit den Präsidentschaftswahlen drastisch bergab gegangen sein soll und die AWOL (absent without leave) Raten explodiert sind. Wenn nur noch die besser (einzig) bezahlten ANA Special Forces operationsfähig sind, dann heißt das auch was. Das war leider aber auch das Erwartete. Schon die von der UDSSR aufgebaute und gementorte Nadschibulla Armee ist nicht im Feld geschlagen worden, sondern hat sich mangels Bezahlung verselbstständigt. Die einen gehen nach Hause, die anderen machen sich als Warlord selbstständig und die dritten schließen sich der Gegenseite – die durch Plünderung bezahlt – an. Ich würde eher die Abzugs- und Evakuierungspläne MES prüfen, als den Fokus noch zu lange auf Kunduz zu halten. Sonst wird man irgend wann von einem Bild a kann Saigon auf dem Dach der Botschaft üverrascht.

  7. Patrick Horstmann | 02. Oktober 2015 – 7:11

    Der Beitrag kann auch eine Blaupause dafür sein, wie man Counterinsurgency und nachfolgend Nation Building nicht machen sollte.

    In diesem Zusammenhang auch sehr interessant:

    Rudolf (2011) Zivil-militärische Aufstandsbekämpfung. Analyse und Kritik der Counterinsurgency-Doktrin

    Münch (2011) Strategielos in Afghanistan. Die Operationsführung der Bundeswehr im Rahmen der International Security Assistance Force

    Beide von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin

  8. (Zum OT: Natürlich sind die Bilder hier echt, vor allem, wenn ich sie selbst gemacht habe…)

  9. @Stefan H.

    Zum Thema Zeitachse:

    „This article reflects my personal experience with the mission command of a stability operation in the Kunduz area, ISAF Afghanistan, in 2011.“

  10. „The question is, what can we learn from this?“

    dass bei einem derartigen organisatorischen Sauhaufen nichts Sinnvolles herauskommen kann? Dazu muss man keine Führungs-Akademie besucht haben. Und auch nicht x Jahre in Afghanistan gedient haben.

    Für mich neu in diesem Artikel ist der Aspekt, dass dieses Chaos auch der „Zielgruppe“ nicht verborgen geblieben ist, die man doch von den Segnungen des Westens überzeugen wollte. Vermutlich ist auch dem schlichtesten Gemüt in den afghanischen Dörfern sehr schnell klar geworden, dass von diesem „Sauhaufen“ langfristig nichts zu erwarten ist. Insofern sehe ich schon einen sehr klaren Bezug zur aktuellen Situation.

    Wieso übrigens erscheint eine derartige Analyse nicht in einem deutschsprachigen Medium? Übrigens habe ich auch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, von offizieller Seite die „Lessons learned“ des Afghanistan-Einsatzes zu hören. Oder überlässt man das lieber den Experten wie Fr. Käßmann (die ja mit ihrer Einschätzung „nichts ist gut in Afghanistan“ deutlich näher an der Realität lag als alle Statements aus BMVG und AA).

  11. Ähnliche Schlüsse hinsichtlich Kommandostruktur / Befehlskette wurden bereits im sog. „van Heyst Bericht“ gezogen.
    Hier wurde meiner Erinnerung nach der jeweilige Befehls- / Meldestrang der Spezialkräfte, der konventionellen Truppe sowie der Wehrverwaltung als problematisch bewertet.
    Ich glaube der Bericht kam 2008 oder so raus. Wurde seinerzeit zumindest in einem großen Artikel der ZEIT in der Druckausgabe behandelt.
    Lt Wikipedia war eine Konsequenz, die Einrichtung des Einsatzführungsstabs, den mittlerweile auch das Zeitliche gesegnet hat.

  12. @f28: „Wieso übrigens erscheint eine derartige Analyse nicht in einem deutschsprachigen Medium?“

    Herr Wiegold möge mir nachsehen, dass ich etwas vom Thema abweiche, aber ein relevanter Aspekt dieser Meldung ist ja auch, DASS solche Kurzanalysen von deutschen Soldaten veröffentlicht werden.

    Daher die Frage in die Runde: Ist es denn tatsächlich so, dass deutschsprachige Medien so etwas nicht bringen? Oder dass es keine deutschsprachigen Publikationsorte für solche Texte gibt? Kann ich mir fast nicht vorstellen.

  13. Der „van Heyst Bericht“ zeigt eben, dass selbst national – ganz zu schweigen von internationalen Stabilisierungsoperationen – die CoC immer hochpolitisch und eben nicht rein militärisch-funktional konstruiert ist. Allein schon die Notwendigkeit die zivilen Komponenten effektiv einzubinden, ganz zu schweigen von der Host Nation, geht weit über die üblichen OPCON/OPCOM-Standards z.Bsp. der NATO hinaus. Wenn man einmal bei CONOPS-Verhandlungen inkl. OOB und CoC und SOFA von z.Bsp. VN ober NATO lead CoW-Ops dabei gewesen ist, bzw. deren „Evolution“ auf der Zeitachse im Verlaufe einer Operation, den wundert da gar nichts mehr. Hinzu kommt die Veränderungsdynamik der back-bone-CoCs bei den Force Contributing Nations und natürlich der Lead Org wie NATO, VN oder EU……NATO-Kommandostrukturreform, Bundeswehrreform, DPKO-Reform usw. pp. und auch hier sollte man die politische Veränderungsdynamik der Host Nation Strukturen nicht „vergessen“.
    Zu Beginn (2006) von UNIFIL z.Bsp. bestand das Pers des FHQ aus Soldaten aus 19 Ländern und Zivilisten aus 24 Ländern mit einer Strategic Advisory Cell (SAC) der lead nations bei DPKO (Dep Peace Keeping Ops) in New York. 20010 waren das Soldaten aus 40+ Staaten und Zivilisten aus 60+ Staaten und die SAC in NY war aufgelöst.. Mission Fragmentation par excellence quasi vorprogrammiert, bzw. deterministisches Chaos ;-)

  14. Stichwort „personal incentive“ / eigene Agenda [der Kommandeure vor Ort]:
    Herr Werner hatte vmtl. ebenso seine eigenen Beweggründe für diese Darstellung.

    Als besonderer Kenner der Lage vor Ort tut er sich dabei jedoch nicht hervor, so war etwa nicht die ANA, sondern die ANP 2011 Partnering-Gegenstück der TF KDZ / ASB.

    Seine „lessons identified“ sind sicherlich nicht unzweckmäßig („unity of command“ / “ liaison elements“), obgleich sie sich z.T. in sich widersprechen.

    Davon abgesehen waren in KDZ nicht diese Punkte ausschlaggebend für die wenig nachhaltige Stabilisierung…

  15. Was man daraus lernen KÖNNTE, so man denn WOLLTE, ist deckungsgleich mit den Erfahrungen der Soviets in Afghanistan und den Amerikanern in Vietnam und Korea:

    Man kann ein Land nicht befrieden, in dem man 2-5 oder auch 10 Jahre dort „im Einsatz“ ist.

    „Nation Building“ benötigt im Ansatz mindestens (!) 50 Jahre dauerhafte Präsenz und (später dann abnehmende) Einflussnahme-und massiven Einsatz von Geldmitteln.

    Ist man nicht gewillt, so viel einzusetzen, gibt es nur eine Alternative:
    Spezialkräfte.
    Diese setzt man autark in kleinen Trupps ein, um gezielt feindliche Personen auszuschalten; ansonsten wird man in diesem Land nicht aktiv, sondern überlasst es „sich selbst“.

    In Afghanistan hat man nun „die Kurve gekratzt“, weil der Einsatz dort politisch nicht mehr vertretbar war (denn dem Deutschen Volk konnte man diesen Einsatz nicht mehr verkaufen).

  16. Huey, AFG versteht sich wohl nicht als „Nation“, wie wir es verstehen. Ob die Afghanen das überhaupt wollen? „State building“ wäre für den Anfang schon ‚mal nicht schlecht.

  17. @Klabautermann
    nicht zu vergessen die CoC Missionen „EU Mittelmeer, Chemie, Gibraltar…“.
    Immer kommt man als DEU Kommandant/Kontingentführer in die Bedrängnis – ich bin unterstellt… unterliege aber nat. Befehlen oder gar Eid?
    Zum Glück wurde dafür ja Potsdam gemacht, „… selbstverständlich werden Sie Ihre..“ -ich nenn das jetzt mal Erkenntnisse- „…an den Nicht DEU Chief Operation geben…“.
    Anschliessend bezahlt DEU dann auf irgendwelchen 3 Buchstabenboards Geld für eigene „News“?
    Diese Liberalität/Loyalität ist DEU exclusiv!

  18. @huey
    – „dem deutschen Volke“ kann man wohl alles zumuten, was die eigene Scholle nicht wirklich bedroht – falls dann aber doch : Berlichingen, Kohlhaas, Luther…
    – SOF -Sniper, nö, dann lieber raushalten – wenn 2 Leute etwas wissen, ist es einer zuviel – wollen Sie auf „Geheimbefehl“ jemanden – nennen wir es ruhig- töten?
    – und wer sind die „feindlichen Truppen“, wer bestimmt das?

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