Kanzler bestätigt Ende des deutsch-französischen Kampfjets; Industrie sucht (europäische) Möglichkeiten

Bereits seit dem vergangenen Montag war klar, dass das deutsch-französisch-spanische Luftkampfprojekt FCAS vor dem Aus steht. Dass in einem zentralen Teil des Projekts, der Entwicklung eines neuen Kampfflugzeugs, Deutschland und Frankreich nicht mehr gemeinsam weitermachen wollen, bestätigte Bundeskanzler Friedrich Merz offiziell erst am (heutigen) Mittwoch auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin. Und natürlich kursieren längst Gedanken, wie es weitergehen könnte mit den deutschen und europäischen Luftkampffähigkeiten.

Die offizielle Absage an den wesentlichen FCAS-Teil in der Rede des Kanzlers*:

Präsident Macron und ich haben es uns in dieser Frage eines deutsch-französischen Kampfflugzeuges wirklich nicht leicht gemacht. Über Monate haben wir zusammen mehrere Anläufe unternommen, um die beteiligten Unternehmen zu einer Einigung zu bewegen, und nach einem Mediationsverfahren, das wir angestrengt haben und das durchgeführt worden ist, haben Präsident Macron und ich uns schließlich geeinigt. Wir sind zu der geteilten Einschätzung gelangt, dass die Unternehmen beim Bau eines gemeinsamen Kampfflugzeuges nicht zueinander finden. Diese Realität erkennen wir an. Präsident Macron und ich haben deshalb am vergangenen Freitag vereinbart, den Bau eines gemeinsamen Kampfflugzeuges nicht weiter zu verfolgen. Damit, meine Damen und Herren, lösen wir eine langjährige Blockade auf, wir eröffnen der Industrie neue Möglichkeiten, beim Bau moderner Kampfflugzeuge auf anderen Wegen weiter voranzukommen. Den eigentlichen Kern von FCAS werden wir als europäisches System der Systeme, als „System of Systems“, weiterführen, und hierin liegt eine große Chance eines zentralen deutsch-französischen verteidigungsindustriellen Zukunftsprojekts, das wir gemeinsam verwirklichen wollen. Wie sich das umsetzen lässt, werden jetzt unsere Verteidigungsminister bis zum nächsten deutsch-französischen Regierungstreffen in Deutschland, das wir im Juli abhalten werden, erarbeiten.

Interessant ist der Ansatz, den eigentlichen Kern von FCAS neu zu definieren – bislang war ja immer der Kampfjet der 6. Generation als der eigentliche Kern verstanden worden. Und erstaunlich ist auch, dass die Bundesregierung am vergangenen Montag, als sie die Nachricht vom Scheitern gezielt bei einigen Medien streute, genau diese Erzählweise nicht wählte. Sondern die vom Scheitern.

Aber egal, es geht weiter. Die deutsche Industrie hat natürlich längst Pläne, wie sie beim Bau moderner Kampfflugzeuge auf anderen Wegen weiter vorankommen könnte. Der Kern des Ansatzes dafür ist die gemeinsame Erklärung von acht deutschen Unternehmen, die sich zum Team Gen6, für die 6. Kampfflugzeuggeneration, zusammengefunden haben. Am (morgigen) Donnerstag wollen sie auf der ILA diese gemeinsame Absicht auch schriftlich fixieren.

Dabei zeichnet sich aber auch ab, dass es nicht bei einem allein deutschen Ansatz bleiben soll. Denkbar scheint unter anderem, dass sich die FCAS-Partner Deutschland und Spanien auf die Grundzüge eines geplanten neuen Kampfjets verständigen – die Interessen der beiden Länder liegen für ein solches Flugzeug enger beieinander als die gemeinsamen Interessen mit Frankreich. So wird es um Reichweite, aber auch um die Fähigkeit zum Mitführen von ausreichend Raketen bei gleichzeitiger Stealth-Komponente, also Tarnung vor Entdeckung gehen. All das beeinflusst unter anderem die Größe des Jets – was wiederum Auswirkungen hat auf die Entscheidungen über den Antrieb.

Auf der Basis eines deutsch-spanischen Entwurfs könnten beide Länder, vor allem aber die Industrie dann nach anderen europäischen Partnern suchen. Dass könnte Schweden sein, das mit dem Gripen Erfahrung in der Entwicklung solcher Flugzeuge hat. Das könnten aber auch andere europäische Länder sein, die derzeit noch in anderen Konstellationen an ähnlichen Plänen arbeiten. Wo die Reise genau hingeht, wollen bislang weder Politik noch Industrie allzu genau sagen.

*Fürs Archiv die Rede als Sicherungskopie:
20260610_Merz_ILA