Wehrressort stellt Grundlagendokumente vor: Planungen für schnelle Kriegstüchtigkeit
Strategische Grundlagendokumente sind, wenig überraschend, vor allem grundlegend und vergleichsweise wenig konkret. Deshalb ist es nicht so sinnvoll, aus den Grundlagendokumenten, die Verteidigungsminister Boris Pistorius mit der Leitung des Wehrressorts vorgestellt hat, krampfhaft konkrete Details ableiten zu wollen. Eine grobe Übersicht gibt’s natürlich dennoch:
Der Minister, Generalinspekteur Carsten Breuer und Staatssekretär Nils Hilmer äußerten sich am (heutigen) Mittwoch zur Gesamtkonzeption der Militärischen Verteidigung, der neuen Militärstrategie, der neuen Strategie der Reserve und der Aufwuchsplanung für die Bundeswehr. Das war nicht so einfach, weil ein Großteil dieser Planungsdokumente geheim ist und eben nicht öffentlich werden soll.
Was öffentlich werden soll, denn zugleich soll es ja auch Auskunft über den Kurs der Streitkräfte geben, sagte die Ministeriumsleitung in ihrer Pressekonferenz. Zum Nachhören:
Von der Gesamtkonzeption militärische Verteidigung gibt es eben auch eine – recht allgemein gehaltene – öffentliche Fassung.
(Die Sicherungskopie: 20260422_gesamtkonzeption_mil_Verteidigung)
Ein Bundeswehr-Interview mit dem Generalinspekteur dazu:
Die Erläuterungen auf der Webseite des Verteidigungsministeriums (mal dauerhaft archiviert):
Gesamtkonzeption für militärische Verteidigung aus einem Guss
Strategie der „Neuen Reserve“ trägt sicherheitspolitischer Lage Rechnung
… und, der Vollständigkeit halber, die
Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda für den Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung
Viel wird davon abhängen, wie sich die in den Grundlagenpapieren angeschobenen Entwicklungen ganz konkret auswirken. Einen Punkt nannte Pistorius ja in seiner Pressekonferenz schon: für einen schnellen personellen Aufwuchs in den nächsten Jahren bis 2029 wolle die Bundeswehr für eine maximale Durchhalte- und Verteidigungsfähigkeit auch eine Überbuchung der Standorte zulassen. Also mehr Personal einstellen als Dienstposten vorhanden sind – um dann wirklich auch alle Posten besetzt zu haben. Ob das funktioniert, wird sich vermutlich recht schnell zeigen.
(Weil es ganz gut passt, an dieser Stelle auch der Hinweis auf die jüngste Folge des Podcasts Sicherheitshalber: Halbzeitbilanz – ist Deutschland bald wehrhaft?)
Habe mir alle Dok. durchgelesen und insbesondere der Teil zur „Entbürokrstisierung“ gefällt mir nicht.
Es sind weniger Absicht und Ziel, als die die tlw. „elaborierte Semantik einer involvierten Consulting und Coaching Industrie.“
Implementierungen bis zu 60 Monaten oder mehr und eine mutmassliche Veranstaltungs- und Abstimmungsorgie, die BMVg wie Truppe zunächst und vor allem um sich selbst drehen lässt.
Diese neue Art von Selbstoptimierung wird unzählige Workshops und Besprechungen nach sich ziehen. Externe „Profis“ werden hinzugezogen werden: es entsteht eine eigene Bürokratie zur Reduzierung derselben. Natürlich muss alles erfasst, konsolidiert, abgestimmt, entschieden und verhaltensändernd kommuniziert werden bevor ein Effekt erzielt sein wird.
Ist ein Ansatz tatsächlich alternativlos gewesen? Wem nützt er?
Der Erfüllungsaufwand (nicht das Ziel!) ist in meinen Augen diametral zum übergeordneten strat. Ziel „Kriegstüchtigkeit“ zu sehen.
Schade.
Papier ist ja bekanntlich geduldig und insb. die viel zu detaillerte Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda klingt theoretisch vernünftig, alleine an der Umsetzung wird es hapern. Das wird man allerdings geschickt zu verschleiern wissen.
Ohne eine ABSCHAFFUNG der Soldatenarbeitszeitverordnung, ein drastische REDUKTION von Dienstposten der (meist nicht mehr einsatztauglichen!) Stabs- und Flaggoffiziere in der Etappe und endlich einen personellen AUFWUCHS einhergehend mit einer echten (12-monatigen!) Wehrpflicht, bleibt das hier alles „heiße Luft“.
Um es mit Prof. Sönke Neitzel zu sagen: Ohne einen radikalen Neuanfang bei der Aufstellung der Bundeswehr zu „wirkungsorientierten“ Streitkräften, kann das Ziel „Kriegstüchtigkeit“ absehbar (und schon gar nicht bis 2029!) überhaupt erreicht werden.