Bundeswehr-Digitalfunk: Erneut Sand im Getriebe
Die Umrüstung der Bundeswehr auf den dringend benötigten Digitalfunk für die Landstreitkräfte stößt offensichtlich auf eine neue Hürde. Der Haushaltsausschuss des Bundestages setzte die geplante Beratung einer Vertragsänderung für die Entwicklung der sogenannten Wellenform nach dem europäischen ESSOR-Standard ab – vereinfacht gesagt: Deutschland kann sich zunächst nicht an der Weiterentwicklung eines interoperablen europäischer Truppenfunks beteiligen.
Auf der Tagesordnung von Verteidigungs- wie Haushaltausschuss für den (heutigen) Mittwoch hatte die Vorlage noch gestanden:
1. Änderungsvertrag zur Entwicklung einer multinationalen interoperablen Wellenform für den Truppenfunk ESSOR (Narrowband Waveform (ENBWF))
Während der Verteidigungsausschuss zustimmte, wurde der Punkt von den Haushältern nicht behandelt. Der Grund dafür war zunächst nicht bekannt.
ESSOR ist ein Gemeinschaftsprojekt für European Secure Software Defined Radio, an dem Unternehmen aus Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, Polen und Spanien beteiligt sind. Mit der Entwicklung soll sichergestellt werden, dass die digitalen Funksysteme der verschiedenen Nationen mit einander kompatibel sind – unverzichtbar für gemeinsame militärische Einsätze. (Für die Interoperatibilität mit Systemen der US-Streitkräfte müssen dagegen Funkgeräte einer US-Firma eingesetzt werden).
Die Verzögerung könnte ein weiterer Rückschlag für die Ausstattung der Bundeswehr mit modernen Funksystemen im Rahmen des Projekts D-LBO (Digitalisierung Landbasierter Operationen) werden. Bislang hatte es nicht zuletzt durch die Komplexität im Zusammenspiel von Hardware- und Software-Komponenten verschiedener Hersteller und nicht zuletzt durch Probleme bei scheinbar simplen Vorhaben wie dem Einbau von Funkgeräten in die verschiedenen Fahrzeuge der Streitkräfte Verzögerungen gegeben.
(wird ggf. ergänzt)
Kein Kommentar!
Gab es 2022 nicht „Gelächter“ als die russischen Truppen unverschlüsselt funkten und offene Mobiltelefone zur Kommunikation nutzen?
So viel weiter scheint die Bundeswehr bei dem Thema auch nicht zu sein. Zumindest unterhalb der Einheitsebene.
Das Thema bleibt spannend. Neben Logistik, scheint Digitalisierung die zweite große Säule zu sein, mit der man moderne Kriege nachhaltig beeinflussen kann. Hoffe, wir verpassen den Anschluss nicht.
Kann irgend jemand erklären, warum das bei uns immer schwierig ist?
@ Alfred Maynard, 15.04.2026, 21:20 Uhr:
„…Neben Logistik, scheint Digitalisierung die zweite große Säule zu sein, mit der man moderne Kriege nachhaltig beeinflussen kann. Hoffe, wir verpassen den Anschluss nicht.“
Ich fürchte, es ist schon passiert, wir haben den Anschluß bereits verpaßt.
Stellt sich nur die Frage, wer für diesen Kardinalfehler bestraft wird. Richtig, der einfache Soldat, denn der wird aufgeklärt, bekämpft und im schlimmsten Fall nicht mehr nach Hause kommen.
Das.Schafft.Vertrauen (SARC!)
Das ist inzwischen auffällig. Der Haushaltsausschuss hat mit der Billigungsregelung in der Bundeshaushaltsordnung zwar jetzt tatsächlich das letzte Wort. In welchem Umfang hier aber der Ausschuss nur bei Verteidigung und nur bei Beschaffungen immer öfter der Regierung reinregelt, ist schlicht verfassungswidrig. Gewaltenteilung und Kernbereich der Exekutive!
Glaubt außer diesen Herren dort (keine Frau in Verantwortung in Sicht) ernsthaft wer, dass die es besser wüssten oder könnten? So tun sie aber und missbrauchen ihre kleine rechtliche Nische.
In der Truppe kommt immer weniger an und Kanzler, Klingbeil und Pistorius lassen sie gewähren. So wurden heute auch die dringend benötigten weiteren Tankcontainer von der Tagesordnung gestrichen.
Beides laut der Tagesordnungspunkte nur Änderungs- oder Folgeverträge. Warum also nicht behandeln, diskutieren, zustimmen? Dafür sieht man die Abgeordneten Mattfeld und Schwarz auf LinkedIn bei reichlich Industriebesuchen von Rüstungsfirmen und ihrer politischen Beziehungspfle. Vor wem müssen die sich verantworten? Das Wählervolk scheint es nicht zu sein.
Die Briten haben sich beim Thema Digitalfunk genauso angestellt, deren System läuft auch immer noch nicht so richtig. Wie es bei den Amis ist, keine Ahnung
@Trevor Faith:
Meine Einschätzung lautet: Entscheider haben kein eigenes technisches Know-How (mehr) und sind teilweise auch lange weit weg vom Bedarf der Einsatzebene. Und die, die Ahnung von der Technologie haben, bzw. den Bedarf richtig einschätzen könnten (das muss auch oft nicht die selben Menschen betreffen) dürfen im Zweifel nichts final entscheiden.
Und über allem hängen die Damoklesschwerte des Budgets und der politischen Verantwortungsdiffusion.
Es muss quasi ein Entscheider, der noch in Zeiten des Kalten Kriegs mit FF-OB/ZB „Ackerschnacker“ und SEM70/90 von Standard Elektrik Lorenz sozialisiert wurde, und dem der automatische Kanalwechslerchip seinerzeit als heiliger Gral der Funksprechabsicherung mystisch verklärt wurde, in verantwortlicher Position über die richtungsweise Beschaffung von Dingen entscheiden, die er im Zweifel gar nicht komplett versteht, selbst wenn sie ihm ein Fachmann zu erklären versucht.
Auch der Endbenutzer mit dem Schlamm an den Stiefeln muss im Zweifel nicht wissen, wie das Gerät, mit dem er Verbindung zum Bataillonsgefechtsstand halten soll, genau funktioniert (v.a. hinsichtlich Verschlüsselung und Abhörsicherheit). Er weiß lediglich, was er an sicherer Kommunikation gewährleistet haben muss, damit er im Gefechtsfeld bestehen kann und bei Battle-Management-Systemen, welche Daten er ggf. auch über Datalink nach oben melden und ggf. auch von oben empfangen können muss. Hinreichend robust und einfach zu bedienen sollte das Ganze dann auch noch sein, damit Schütze A…. das teure Zeug im Eifer des Gefechts nicht fehlbedient oder gar himmelt.
Die technische Entwicklung bei der Verschlüsselung ist darüberhinaus auch reichlich schnelllebig. Die verwendeten Krypto-Algorithmen müssen hinreichend stark und ohne entscheidende Schwächen sein. Wie durch diverse Skandale im IT-Bereich bekannt, werden immer wieder Schwachstellen identifiziert, die die sichere Verschlüsselung kompromittieren, oder brute-Force-Angriffe möglich machen, sodass auch die Zukunftsfähigkeit militärischer Kommunikationshardware davon abhängt, ob sie diesbezüglich nachrüstbar ist.
Es bleibt traurig.
Mich würde einfach interessieren, woran es wirklich hapert.
Dass „Rost & Schrott“ keine Funkgeräte mehr hin bekommt, kann ich kaum glauben und L3-Harris hat doch in den USA schon ordentlich digitalisiert.
Können die zwei nicht miteinander, analog FCAS (Airbus vs. Dassault)?
Dass wir weiter auf SEM 70/80/90 herumjuckeln kann’s nun wirklich nicht sein!
Weiß hier jemand Näheres?
Ja, die lieben Haushälter.
Die haben nicht begriffen, das man die ganzen tollen neuen Waffensystem eigentlich gleich selber zerstören kann, wenn man nicht sicher mit den eigenen und alliierten Kräften kommunizieren kann. Aber das ist eben nicht sexy und macht beim nächsten Tag der Bundeswehr im eigenen Wahlkreis auch nichts her.
@Metallkopf
„Wie durch diverse Skandale im IT-Bereich bekannt, werden immer wieder Schwachstellen identifiziert, die die sichere Verschlüsselung kompromittieren, oder brute-Force-Angriffe möglich machen“
In den Implementierungen (also der geschriebenen Software) öfters mal, aber sehr selten in den eigentlichen Verschlüsselungsalgorithmen. Die Kryptographie ist schon ein sehr ausgereiftes Feld, an der Mathematik dahinter ändert sich kaum etwas..
Bahnbrechende Änderung wäre, falls tatsächlich mal einsetzbare Quantencomputer kommen werden, aber das ist derzeit nicht abzusehen – und wenn würde sich sehr viel ändern, da quasi über Nacht fast alle aktuelle Verschlüsselung ausgehebelt wäre. Und da niemand weiß, was so ein Ding mal könnte, weil nicht klar ist, ob es überhaupt machtbar ist, sind alle aktuellen Versprechungen von „Quantensicher“ sehr mit Vorsicht zu genießen.
Es braucht hier keine Goldrandlösung. Verschlüsselte digitale Informationsübertragung ist Standard. Die IT weiß wie das geht. Und es gibt marktübliche Lösungen.
Was schwer (und teuer) ist, sind verschiedene Systeme von verschiedenen Herstellern aus verschiedenen Jahrzehnten auf einen Standard zu bringen, dass sich alle ans gleiche Übertragungsprotokoll halten und dass dabei keine Schwachstellen enstehen. Die tollste Verschlüsselung bringt nichts, wenn irgendwo in der Leitung ein ungesicherter Windowscomputer ohne Updates mit Internetanbindung steht. Und der steht da vielleicht, weil ein Stab es so bequemer fand. Oder halt jemand wählt sich über ein ungeschütztes Hotelwifi ein. Siehe Taurus-Abhörfall.
Mein letzter Stand von vor einigen Jahren war, dass tatsächlich nur wenige (Land-)Streitkräfte innerhalb der NATO bereits voll auf Digitalfunk umgesattelt haben. Ist das korrekt?
Die Antwort heißt übrigens Bittium. Finnische Qualität seit Jahren bei mehreren NATO-Partnern im harten Einsatz – und vor allem: es funktioniert einfach
🇫🇮🤝🇩🇪
https://www.bittium.com/defense-security/
[Verstehe nicht wieso „die Antwort heißt übrigens Bittium“ sein sollte – das finnische Unternehmen ist Teil des ESSOR-Konsortiums, halt für Finnland. Und es scheint da der Irrtum vorzuliegen, es ginge um Hardware – bei der jetzt anstehenden und verschobenen Entscheidung geht es ausschließlich um Software, die erst noch entwickelt werden soll und deshalb kaum „seit Jahren bei mehreren NATO-Partnern im harten Einsatz“ sein kann. T.W.]
Wenn mensch sich die Geschichte des „Vorgängerprojekts“ Joint Tactical Radio System ansieht, kann mensch schon die Zweifel der Haushälter verstehen. Da laut Wikipedia bei ESSOR die Franzosen Lead sind – wie weit sind die denn und was ist der aktuelle Zeitplan?
Alle zivilen Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben, bis in die letzte Dorffeuerwehr, haben die Umstellung auf Digitalfunk hinbekommen.
Beim BW-Digitalfunk bleibt ein Hang zur Selbstsabotage.
Ich denke wir sollten ein paar technische Dinge klarstellen, damit alle die hier mitlesen einen einigermaßen gleichen Stand haben. Sollte ich fahrlässig Fehler einbauen, bitte ich um Korrektur.
(E)NBWF ist kein neues Funkgerät oder ein anderes Protokoll für die Kommunikation. Man folgt dabei einem sehr richtigen Ansatz: Es ist komplex, es ist eine Architektur, ein abstrakter Stack für ein Mil-Datennetz, das für niedrige Datenraten, aber hohe Störfestigkeit im taktischen Umfeld in Bodennähe mobil/portabel ausgelegt ist. Dazu gehören hohe Sprunghäufigkeit, Burstfähigkeit, geringer erforderlicher Signal/Rauschabstand und gute Fehlerkorrektur mit Fallbackstufenbauf simplere Verfahren.
Ein Teil davon, vor allem die reine Hochfrequenzseite und die Data Link Schicht ist schon in STANAG 5630 Ed.1 (2019) und den zugehörigen AComP-Dokumenten (5630–5633) standardisiert.
Das ist mehr oder weniger die Mindestanforderung was die Geräte auf der Funkseite liefern müssen, und damit ist man quasi fertig.
ESSOR soll nun folgendes liefern, indem NBWF erweitert wird:
– Anti-Jam-Betrieb
– Low Probability of Intercept/Detection
– Möglichst freie Frequenz(block)wahl
– Mbit/s-Datenraten
– IP-native Kommunikation, damit man oberhalb keine speziellen Protokolle mehr braucht
– gemeinsame Software-Frameworks (das ist ziemlich sicher das übelste Paket…)
– Kryptographie und Schlüsselmanagement
Meinungsäußerung: Der heute aktuelle Ansatz ist, mit Verschlüsselung zu arbeiten. Diese Technologie wird sich immer schneller wandeln als militärische Beschaffung. Daher ist m.E. dabei ein schneller Austausch der Algorithmen, analog zu dem Verfahen bei Schlüsseln, zu ermöglichen.
@lukan und T.W.: Wieder was gelernt. Besten Dank für die Erläuterungen.
@ Landmatrose3000,
zum einen hat der militärische Digitalfunk nur begrenzt was mit dem BOS gemein.
Zum anderen ist das BOS-Netz im Rahmen der Ahrtal Katastrophe regelmäßig zusamengebrochen.
Es gibt nicht wenige Kleinfeuerwehren die händeringend versuchen ihren Analogfunk am Leben zu halten.
BM P erklärte noch im Herbst 2025, dass das Projekt „im Plan“ sei. Diese erneute Verzögerung läßt genau genommen nur zwei Schlüsse zu:
1) Der Plan taugt nix oder
2) Die vollständige Komplexität des Projekts ist bei der Führung des BMVg nicht erfaßt.
@Usn sagt:
16.04.2026 um 23:30 Uhr
„Ich denke wir sollten ein paar technische Dinge klarstellen, damit alle die hier mitlesen einen einigermaßen gleichen Stand haben. Sollte ich fahrlässig Fehler einbauen, bitte ich um Korrektur.“
Nicht Fehler, aber die technische Beschreibung was denn super Neues geleistet werden soll, ist, nachdem bereits gut 2 Mrd an die beteiligten Firmen geflossen sind, irrelevant!!
Der Steuerzahler muss zum x-ten Male für modernen Schrott bezahlen und die Soldaten sind die Versuchskaninchen:
Zitat 1:
dts Nachrichtenagentur, vom 6. April 2026
„Für das stockende Digitalfunk-Projekt der Bundeswehr sind bereits rund zwei Milliarden Euro ausgegeben worden – obwohl die Technik bislang nicht einsatzfähig ist. Das geht aus einem vertraulichen Schreiben des Verteidigungsministeriums an den Bundestag hervor, über das die ,,Welt“ berichtet.“
Zitat 2:
regionalheute.de, vom 20.03.2026
„Ein bislang unter Verschluss gehaltener Testbericht offenbart schwerwiegendere Probleme beim neuen Funksystem der Bundeswehr.
Demnach bewertete die Bundeswehr die im November zuletzt im Einsatz getestete Technik als „ungenügend“ und warnt vor Risiken schon im Übungsbetrieb, sollte die Technik in diesem Entwicklungsstand verwendet werden.
Die Mängel seien so gravierend gewesen, dass bereits im Ausbildungs- und Übungsbetrieb „Gefahr für Leib und Leben“ bestanden habe. Das System sei weder reif für den Einsatz noch für den regulären Betrieb geeignet. Ob eine Einsatzreife bis 2026 erreicht werden könne, sei unklar, heißt es wörtlich in dem Papier.“
[Hm ja, das war der Test im vergangenen November, der Bericht Anfang dieses Jahres, und aktuell ist der Stand schon anders. Wesentlicher aber: das wurde vor Wochen durchs Land getrieben und debattiert, jetzt so zu tun als wäre das immer noch die Debatte ist zumindest nicht redlich und bringt in der Schaum-vor-dem-Mund-Industrie keinen weiter… T.W.]
lukan sagt:
16.04.2026 um 11:15 Uhr
„Bahnbrechende Änderung wäre, falls tatsächlich mal einsetzbare Quantencomputer kommen werden, aber das ist derzeit nicht abzusehen – … “
Bis vor Kurzem ging man von einem Zeitfenster bis 10 Jahren aus. Neuere Berichte und Forschungen gehen eher davon aus, daß herkömmliche Techniken, insbesondere die assymmetrische Verschlüsselung, noch in diesem Jahrzehnt von Quantencomputern decryptet werden können. Einige Institutionen/Regierungen fahren bereits den Ansatz „Harvest low, decrypt later“, heisst, verschlüsselte Kommunikation wird einfach gespeichert, bis man sie in ein paar Jahren entschlüsselt/entschlüsseln kann.
Durch einen Quantenalgorithmus (z. B. Grovers Algorithmus vom indischen Informatiker Lov Grover) werden auch symmetrische Verfahren angreifbar, sodaß auch hier auf absehbare Zeit nicht mehr sicher kommuniziert werden kann.
Angedenk dessen verkündet das BSI ein Ende der klassischen Verschlüsselung bis 2035. Für das assymetrische Verfahren wird ein Zeitfenster bis Ende 2031 angegeben.: https://www.bsi.bund.de/DE/Service-Navi/Presse/Pressemitteilungen/Presse2026/260211_Ende_klassischer_Verschluesselungsverfahren.html
Microsoft hat 2025 mit „Majorana 1“ den ersten Quantenprozessor mit Photonen-Qbits vorgestellt. Supraleiter werden nicht mehr benötigt. Insgesamt verfolgt man den Ansatz, Quantenprozessoren mit der „alten Technik“ zu kombinieren.
Wer möchte, kann bereits heute auf Quantencomputer (begrenzt) programmieren. IBM hat dazu seinen Quantencomputer geöffnet: https://quantum.cloud.ibm.com/
Es ist durchaus absehbar, wann ein Ende der klassischen Verfahren in Sicht ist. Das alles spielt natürlich auch bei zukünftigen, zu beschaffenden Verfahren eine Rolle.