Loitering Munition: Kein Jahr bis zur Entscheidung über Kamikaze-Drohnen (Nachtrag)

Wer in den vergangenen Jahren verfolgt hat, wie ein Jahrzehnt lang eine breite gesellschaftliche, politische, ethische und am Rande auch militärische Debatte über die Frage geführt wurde, ob die Bundeswehr mit bewaffneten Drohnen ausgerüstet werden soll, kann jetzt nur staunen: Am (heutigen) Mittwoch wird der Haushaltsausschuss des Bundestages voraussichtlich den Startschuss geben für die Beschaffung von zigtausenden Kamikaze-Drohnen, Einweg-Fluggeräten oder, wie es fachlich heißt: Loitering Munition. Eine kritische Debatte darüber entzündet sich bislang an Vertragsgestaltung und Eignerstruktur der Hersteller – aber nicht am Waffensystem selbst.

Die Planung für diese Einweg-Drohnen, die über einem Gefechtsfeld abwarten (loitering) können und dann auf ein Ziel gelenkt werden (oder es sich auch selbst aussuchen), hatte die Bundeswehr im April vergangenen Jahres begonnen. Im Laufe des Jahres 2025 liefen dann die Tests, und ein knappes Jahr später sollen die Beschaffungsverträge abgeschlossen werden. Das kann man vermutlich als Rekord bezeichnen.

Möglich wurde das allerdings auch deshalb, weil die Verträge zunächst mit den beiden deutschen Rüstungs-Startups Helsing und Stark Defence zwar am Ende Milliardenbeträge umfassen sollen – aber zunächst ganz wesentlich eine Anzahlung auf die Zukunft sind. Denn diese militärische Schlüsselfähigkeit, so das Verteidigungsministerium, soll und muss so schnell wie möglich erreicht werden. Die Loitering Munition Systems der beiden Herstellerfirmen sind deshalb, um es allgemeinverständlich auszudrücken, noch nicht zu Ende entwickelt – und die Weiterentwicklung ist Teil der Vereinbarung zwischen Ministerium und Industrie.

Die unverzichtbare Ergänzung der Fähigkeiten der Streitkräfte zur punktgenauen Bekämpfung oberhalb der Artilleriereichweite, so erläuterte das Verteidigungsministerium in einer internen Übersicht, soll deshalb über parallele Beschaffung, Erprobung und Ausbildung erreicht werden. Was sonst als Fehler gilt (Produkt reift beim Kunden) ist damit Teil des Konzepts. Denn bei diesen Waffensystemen gilt, insbesondere angesichts der Erfahrungen der Ukraine im Abwehrkampf gegen die russiche Invasion: Geld mag genug da sein, Zeit sicherlich nicht. Die Fähigkeit soll schließlich bereits im kommenden Jahr der neuen Panzerbrigade 45 in Litauen zur Verfügung stehen. Danach soll in einem zweiten Schritt der Bedarf der Bundeswehr insgesamt gedeckt werden – mit mehreren zehntausend Stück Loitering Munition.

Die Bedeutung der Kamikaze-Drohnen für die Bundeswehr betonte auch Verteidigungsminister Boris Pistorius nach der Sitzung des Bundestags-Verteidigungsausschusses – in der nach seinen Worten allerdings das Thema gar nicht zur Sprache kam:

20260225 Pistorius VertdgAussch Loitering Munition     

 

Dabei wurde auch angesprochen, was in der öffentlichen Debatte nach Kritik vor allem der Grünen-Opposition eine Rolle gespielt hatte: Der US-Investor Peter Thiel, Unterstützer von US-Präsident Donald Trump und offenkundiger Demokratie-Ablehner, ist auf verschiedenen Wegen Geldgeber von Stark Defence. Deshalb hatte auch Pistorius zunächst auch Bedenken geäußert, die nach seinen Worten aber überwunden sind. Auffällig ist dabei, dass sich Minister wie Ministerium dabei nur auf eigene Aussagen des Unternehmens stützen: Das mag zutreffen, dieses Entgegenkommen ist in diesem sicherheitssensiblen Bereich allerdings zumindest ungewöhnlich.

Das ist aber offensichtlich kein Showstopper, und so werden die Unternehmen voraussichtlich die Billigung der Abgeordneten für die Rahmenverträge über rund 2,9 Milliarden Euro (Stark Defence) und 1,5 Milliarden Euro (Helsing) bekommen. Der Unterschied zwischen beiden Firmen wird noch offensichtlicher, wenn man die nominal gleichen Festbeauftragungen in diesen Verträgen ansieht: Dafür sind zwar für beide Unternehmen rund 270 Millionen Euro vorgesehen – allerdings gibt es für dieses Geld von Helsing 50 und von Stark 20 Systeme.

Der Unterschied , erläuterte das Ministerium, beruhe auf den unterschiedlichen Konzepten und Fähigkeiten der jeweiligen Systeme: Der Einweg-Effektor Virtus von Stark Defence sei ein Senkrechtstarter ohne gesonderte Startvorrichtung und zudem mehrfach verwendbar. Das System HX-2 von Helsing (s. Foto oben) benötige dagegen ein Katapult – und da diese Drohne bereits an mehrere andere Nationen verkauft worden sei, reduziere sich der deutsche Anteil an Entwicklung und  Aufbau von Produktionskapazitäten.

Mit einer Entscheidung über die Loitering Munition Systems von Stark und Helsing ist das Thema allerdings noch nicht abgeschlossen: Als dritter Hersteller dürfte demnächst Rheinmetall ebenfalls einen Auftrag bekommen – das Unternehmen, das laut Ministerium zunächst nicht genügend Nachweise für die Wirksamkeit seiner Einweg-Drohne geliefert hatte, meldete in den vergangenen Tagen erfolgreiche Tests seines Systems FV-014 nach. Und über die fest vereinbarten Lieferungen hinaus sollen weitere Abrufe der dann weiter entwickelten Loitering Munition jeweils vom Haushaltsausschuss gesondert bewilligt werden.

Nachtrag: Den Haushältern liegt auch ein so genannter Maßgabebeschluss, also eine verbindliche Vorgabe für das Ministerium, als Entwurf der Koalitionsabgeordneten vor. Darin soll unter anderem festgelegt werden, dass der Gesamtauftragswert pro Unternehmen auf eine Milliarde Euro begrenzt wird. Für höhere Auftragswerte soll das Ministerium aktualisierte Bedarfsbegründung, Marktanalyse, Preisprüfung sowie Leistungsnachweis vorlegen müssen und außerdem belegen, dass die Systeme ihre Serienreife erreicht haben. Über diesen Beschluss wird am Mittwochnachmittag zusammen mit den Vorlagen zu den Verträgen abgestimmt.

(Hinweis: es gibt eine Neufassung mit Beschluss Haushaltsausschuss)

(Archivbild: Start einer HX-2-Drohne – Werksfoto Helsing)