18 Jahre Einsatz in Afghanistan: Der Krieg der falschen Versprechungen

Vor gut 18 Jahren begann der US-geführte Krieg in Afghanistan, eine direkte Folge der Terrorangriffe des 11. September 2001 in New York und Washington. Eines zog sich, vor allem in den USA, durch alle offiziellen Äußerungen zu diesem Konflikt: Die Einschätzung, dass Besserung in Sicht sei – bewusst falsch, wie aus Papieren hervorgeht, die der Washington Post vorliegen.

Die Zeitung hat in einem dreijährigen Verfahren nach dem Freedom of Information Act Unterlagen erstritten, die ein anderes Bild des Kriegsverlaufs am Hindukusch zeigen.

AT WAR WITH THE TRUTH

Aus der Einführung:

A confidential trove of government documents obtained by The Washington Post reveals that senior U.S. officials failed to tell the truth about the war in Afghanistan throughout the 18-year campaign, making rosy pronouncements they knew to be false and hiding unmistakable evidence the war had become unwinnable.
With a bluntness rarely expressed in public, the interviews lay bare pent-up complaints, frustrations and confessions, along with second-guessing and backbiting. (…)
“We were devoid of a fundamental understanding of Afghanistan — we didn’t know what we were doing,” Douglas Lute, a three-star Army general who served as the White House’s Afghan war czar during the Bush and Obama administrations, told government interviewers in 2015. He added: “What are we trying to do here? We didn’t have the foggiest notion of what we were undertaking.”

Die Papiere sind Ergebnis einer regierungsamtlichen Untersuchung durch den – auch hier schon öfter erwähntenSpecial Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR). Dieser Sonderermittler hat, ganz offiziell, verschiedene Regierungsvertreter und Militärs in den USA befragt, aber auch Beamte in verbündeten Ländern (darunter, so viel geht aus den Unterlagen hervor, auch deutsche Regierungsvertreter – die wie viele andere Zeugen allerdings aufgrund einer noch nicht abschließend geklärten gerichtlichen Auseinandersetzung nicht namentlich genannt werden).

Die Kernaussage: Mehrere US-Präsidenten und der ganze Apparat, in der Administration wie in den Streitkräften, haben mit ihrem Ansatz in Afghanistan versagt – beim Ziel Terrorbekämpfung ebenso wie beim Wiederaufbau des Landes. Die meisten von SIGAR befragten Regierungsmitarbeiter hätten sich sehr offen geäußert, merkt die Washington Post an: Sie seien davon ausgegangen, dass ihre Aussagen dauerhaft unter Verschluss blieben.

Die mehreren tausend Seiten, als Faksimile der Originaldokumente zum Nachlesen eingestellt, lohnen auch aus deutscher Sicht eine sorgfältige Lektüre, und das nicht nur, weil auch Vertreter der Bundesrepublik befragt wurden: Deutschland ist seit 2002 Teil der wesentlichen Militärpräsenz am Hindukusch. Und auch wenn die deutschen Ziele in etlichen Punkten deutlich von der Herangehensweise der USA abwichen und abweichen: Einen erheblichen Teil der Fehler dürften Bundesregierung und Bundeswehr ebenso gemacht haben. Entweder aus eigenem Entschluss oder als Teil der Kommandokette unter einem US-Befehlshaber.

(Das ist kein Urteil, das wäre ohne sorgfältige Auswertung der Unterlagen auch gar nicht möglich – aber eine begründete Annahme. Und ehe die Stimmen kommen, die sagen, das sei alles längst bekannt: Mag sein. Aber kaum belegt.)

(Archivbild: Deutsche Fallschirmjäger in Kabul 2002)

75 Gedanken zu „18 Jahre Einsatz in Afghanistan: Der Krieg der falschen Versprechungen

  1. @Klabautermann
    „Ich war sein erstes halbes Jahr Adju bei Hein-Peter, davor Adju bei Hans-Joachim Mann.“
    Da haben Sie sicherlich sehr viele Erfahrungen über die Prozessabläufe auf dieser hohen Ebene sammeln können, die Ihnen eine Vorstellung über das (eigentlich) erforderliche Profil eines solchen Dienstposteninhabers gegeben haben, damit dieser ein parteipolitisch unabhängiger Berater „seines“ Ministers sein kann.

    „… Die brauchten keine externen Berater um sich ein Lagebild zu schnitzen und eine Meinung zu bilden ….“

    – Das ist ja auch der Grund warum man in der Demokratie gewachsene „Fachleute“ in solch hohe beamtete bzw. militärische Positionen einsetzt. Wenn es nur um die Durchsetzung des „politisch Gewollten“ gehen würde, brauchte man keinen Generalinspekteur und keine Inspekteure der TSK. Das „politisch Gewünschte“ „nachbeten“ können auch Parteipolitiker.

    Im Gegensatz zur politischen Ebene, sollte die beamtete/militärische Führungsebene über umfangreiche spezifische Erfahrung und ein exzellentes Urteilsvermögen in ihrem jeweiligen Fachbereich verfügen und ihr Fachwissen, unabhängig von der parteipolitischen Ausrichtung der jeweiligen politischen Führung, dieser zur Verfügung stellen. Soweit die „reine Lehre“. Inzwischen scheint es so zu sein, dass hohe militärische Führer in erster Linie einen „Instinkt“ dafür mitbringen sollen was „politisch gewünscht“ ist, unabhängig davon, ob dies „politisch Gewünschte“ militärisch sinnhaft ist oder nicht. Dann allerdings kann man entweder die gesamte militärische Führung einsparen oder diese durch Parteifunktionäre ersetzen.

    Ich sage es mal ganz deutlich:
    Der GI und die Inspekteure der TSK müssen schon eine eigene Meinung zu militärischen Sachfragen haben und auch die Zivilcourage besitzen, ihre Überzeugungen gegen politischen Druck zu artikulieren. Das heißt nicht, dass sie sich auflehnen müssen, aber sie müssen schon den Mut haben, aktenkundig unsinnige politische Forderungen als solche zu bezeichnen. Ansonsten hätte der GI ja auch Oberstleutnant bleiben können: -))
    Irgendetwas Besonderes muß ja den Dienstgrad und die Gehaltsstufe auch rechtfertigen. Das reine „Abnicken“ des jeweils „politisch Gewünschten“ wäre da aus meiner Sicht zu wenig. Vielleicht bin ich aber auch diesbezüglich einfach nur altmodisch :-)).

  2. @Frank
    👍 Kaum eines der NATO-Länder ist gesellschaftlich so konstituiert, dass die Rolle des Feldherrn zu spielen innenpolitisch belohnt wird. Hinzu treten im vorliegenden Falle Ressentiments, die den Falken das Stigma des Rückzugs erträglicher machen. Selbst innerhalb der militärfreundlichen Rechten in den USA macht sich die Meinung breit, dass die Afghanen es nicht verdienten, würden diesem Krieg noch weitere Amerikaner geopfert; außerdem sei Usama bin Ladin nun tot. Daher sei es einerlei, was nach dem Abzug mit dem Land passierte: mission accomplished!

    Aber ein entscheidendes Problem erwächst aus unserem politischen System selbst. Die Demokratie verträgt sich nicht mit langfristigen Plänen gleich welcher Art. Die zeitliche Begrenzung der Macht in der Gestalt von Amtszeiten animiert vielmehr dazu, kurzfristige politische Erfolge (und seien sie noch so klein) selbst auf Kosten eines langfristigen Erfolgs in der Sache anzustreben.

    Keiner der Staats- und Regierungschefs, die 2001 in den Krieg zogen, ist heute noch im Amt; nicht wenige sind sogar tot. Das System erlaubte es ihnen, den schwarzen Peter an ihre Nachfolger weiterzureichen. Aber auch ihre Nachfolger sind nicht mit der Notwendigkeit konfrontiert, den Einsatz erfolgreich zu beenden, weil auch ihre Amtszeit begrenzt ist und sie niemand dafür verantwortlich machen kann, die Sache ausgesessen zu haben. Ein solcher Mechanismus existiert nicht.

  3. @Muck@Frank
    „👍 Kaum eines der NATO-Länder ist gesellschaftlich so konstituiert, dass die Rolle des Feldherrn zu spielen innenpolitisch belohnt wird…“

    Es kommt darauf an wofür man den „Feldherrn“ spielen soll. Alle Demokratien sind bereit ihr Territorium zu VERTEIDIGEN. Umgekehrt sind demokratische Gesellschaften nur schwer davon zu überzeugen, in fremden Ländern militärisch zu intervenieren. Und das ist auch gut so!

    „Aber ein entscheidendes Problem erwächst aus unserem politischen System selbst. Die Demokratie verträgt sich nicht mit langfristigen Plänen gleich welcher Art…“

    – Das ist eine stramme Behauptung, die einer sachlichen Überprüfung nicht standhält. Ohne zuviele Beispiele zu nennen sei nur die Auseinandersezung im Kalten Krieg zwischen zwei Systemen genannt.
    – Eine gesunde Demokratie, die eine offene Debatte in der Bevölkerung zuläßt, ist langfristig immer leistungsfähiger als jede autoritäre Gesellschaft. Was allerdings in einer Demokratie schlechter funktioniert als in autorotären Systemen ist die Durchsetzung von politischen Maßnahmen zu Zwecken, die nur Partikularinteressen und nicht der Gemeinschaft dienen. Das ist so im System Demokratie angelegt.
    – Um Ihr Argument im Kontext des Afghanistankrieges, um den es ja hier geht, zu widerlegen, sei Folgendes gesagt:
    Gerade der Afghanistaneinsatz ist nach den Enthüllungen der Washingtion Times ein gutes Beispiel dafür, dass eine „Elite“ mit Lügen versuchte die Gesellschaft von einem Militäreinsatz zu überzeugen, was dieser „Elite“ nicht gelang. Das heißt, dass die Demokratie funktioniert hat. Die Gesellschaft ließ sich nicht von Lügen und Propaganda nicht wirklich überzeugen, sondern hatte instinktiv ein Gespür für die tatsächliche Situation.
    – Das Gleiche gilt übrigens für den Lybien- und den Irakkrieg. Die Mehrheit hat diese Kriege – aus gutem Grund- nicht gewollt. Und gemessen am Resultat der Kriege wäre es besser gewesen auf die Mehrheit der Gesellschaft zu hören als auf die kleine „Elite“, die diese Kriege wollte.

    Zusammengefasst:
    – Demokratien sind gut darin sich selbst zu verteidigen und schlecht darin mit Lügen in Kriege geschickt zu werden! Und wer damit ein Problem hat, der sollte das Problem nicht in dem System Demokratie sehen, sondern in seiner eigenen Einstellung zur Selbigen. Die Mehrheit in demokratischen Systemen will keine Kriege, die auf Lügen beruhen. Und das ist gut so!
    – Übrigens, was meinen Sie mit „langfristigen Plänen“, mit der Demokratie sich nicht verträgt? Eventuell das, was man unter Planwirtschaft versteht? Dieses System war nicht besonders erfolgreich in der jüngeren Geschichte.

  4. @Muck

    Ausgezeichneter Kommentar.

    @Pete

    So langsam wird es OT. Das analoge Zeitalter mit seinen old scholars ist vorbei. Allerdings kann man der heutigen militärischen Führungsspitze nur raten die analogen Anteile von Führung (persönliche Meinungs- und Entscheidungsfindung vor Ort ) trotz aller digitalen smart media und SASPF Schablonierung so weit wie möglich zu pflegen. Beat the war machine !

  5. @Pete
    Weshalb so lauernd? Ernst gemeinte Frage. Ich will mich nur auf eine Diskussion der vorgebrachten Punkte einlassen, wenn ich sehen kann, dass sie uns weiterbringt. Und was das anlangt, habe ich Zweifel, ob Sie mir nicht ein paar Rote Heringe zuwerfen wollten, wie man so schön sagt. Denn ich sehe keine Klarstellung meinerseits erforderlich, dass ich mich selbstredend nicht auf autoritäre Konstrukte bezogen habe, sondern auf ganz banale Mechanismen politischer Entscheidungsprozesse. Das Milliardengrab Berliner Flughafen scheint mir ein sehr viel näherliegendes Beispiel zu sein als, herrje, die *Planwirtschaft*.

  6. @ muck
    „@Pete
    Weshalb so lauernd? Ernst gemeinte Frage.“
    Ich weiß nicht, was Sie mit „so lauernd“ meinen?

    „Ich will mich nur auf eine Diskussion der vorgebrachten Punkte einlassen, wenn ich sehen kann, dass sie uns weiterbringt.“
    Einverstanden. Ich auch.

    „Denn ich sehe keine Klarstellung meinerseits erforderlich, dass ich mich selbstredend nicht auf autoritäre Konstrukte bezogen habe, sondern auf ganz banale Mechanismen politischer Entscheidungsprozesse.“

    – Ich habe mich auf folgendes Zitat von Ihnen bezogen: „…Die Demokratie verträgt sich nicht mit langfristigen Plänen gleich welcher Art…“
    – Ich teile diese Bewertung nicht. Dass heißt nicht, dass ich die derzeitige Vorgehensweise unserer Politiker gutheiße. Keineswegs. Ich bin aber der Ansicht, dass dies nicht dem „System Demokratie“ geschuldet ist, sondern der häufig wenig verantwortungsbewußten Wahrnehmung von hohen Ämtern. Die Berichte des Bundesrechnungshofes sprechen hier eine deutliche Sprache. Diese erkannten Fehlverhalten müßten auch auf politischer Ebene, auch in der Demokratie, sanktioniert werden. Noch einmal: mein Punkt war und ist: die Demokratie als System ist nicht das Problem, sondern die Akteure sind es.

    – Das Milliardengrab Berliner Flughafen scheint mir ein sehr viel näherliegendes Beispiel zu sein als, herrje, die *Planwirtschaft*.
    Dies ist ein sehr gutes Beispiel für organisierte Verantwortungslosigkeit von Akteuren.
    Ich nenne Ihnen ein weiteres Beispiel: Stuttgart 21. Auch hier sind es die Akteure, nicht das System Demokratie, welche – aus meiner Sicht- Partikularinteressen über das Gemeinwohl stellen.

    Ernst gemeinte Frage an Sie?
    Welches System halten Sie denn für das Bessere für „langfristige Planungen“ ?

  7. Schade das die Diskussion durch OT über Planwirtschaft, gesellschaftliche und politische Systeme und Begrifflichkeiten sowie einen ehemaligen Marineinspekteur und seine angeblichen Charaktereigenschaften verbunden mit einem „früher war alles besser“-Seufzer einfach abgewürgt wurde.

  8. Während meiner Dienstzeit habe ich eine ganze Reihe Soldaten, darunter eine ganze Reihe Einsatzveteranen und „Draussis“, nach dem Sinn von ISAF befragt. Habe immer nur Worthülsen oder die Antwort „das muss doch einen Sinn haben?!“ gehört.

    Erinnert mich an das Abendessen bei den Franzosen in Apocalypse Now!: „You are fighting for the biggest nothing in history“

  9. @ Pio-Fritz

    Zitat: „Schade das die Diskussion durch OT über Planwirtschaft, gesellschaftliche und politische Systeme und Begrifflichkeiten sowie einen ehemaligen Marineinspekteur und seine angeblichen Charaktereigenschaften verbunden mit einem „früher war alles besser“-Seufzer einfach abgewürgt wurde.“

    Die traurige Wahrheit über den AFG-Einsatz ist es, dass er keinen Sinn ergibt !
    Nachdem die Ausbildungsbasen der Taliban zerstört waren, hätte man aus dem Land abziehen müssen.

    Hellmut Schmidt sagte 2010 bei einer Diskussion über den AFG-Einsatz in der gleichnamigen Universität in Hamburg, von allen Eroberen in AFG war Alexander der Große, der Schlauste, denn der ist im darauffolgenden Jahr über den Kyber-Pass wieder abgezogen.

    Damit ist eigentlich alles gesagt. Alles Andere ist Rechtfertigungskosmetik, Bündnissolidarität, Hegemoniestreben der Amerikaner vor den Russen, Stützung der Position von Pakistan, obwohl die maßgeblich einen Frieden in AFG verhindern usw.

  10. @Klab sagt: 13.12.2019 um 23:05 Uhr
    „Während meiner Dienstzeit habe ich eine ganze Reihe Soldaten, darunter eine ganze Reihe Einsatzveteranen und „Draussis“, nach dem Sinn von ISAF befragt.“

    Seit wann ist es Aufgabe von Soldaten die Entscheidungen der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages zu rechtfertigen?

    Wenn Sie wissen wollen, warum wir in Afghanistan sind, dann wenden Sie sich am besten an Ihren Bundestagsabgeordneten oder schauen in die sicherheitspolitische Begründung des Mandats (lässt sich leicht auf den Seiten des Bundestages finden).

    Diese Begründung müssen Sie dann nicht akzeptieren, aber das sollten Sie dann am besten wiederum ihrem Abgeordneten erklären. DER vertritt Sie nämlich.

  11. @ Pio-Fritz sagt:
    „Schade das die Diskussion durch OT über Planwirtschaft, gesellschaftliche und politische Systeme und Begrifflichkeiten sowie einen ehemaligen Marineinspekteur und seine angeblichen Charaktereigenschaften verbunden mit einem „früher war alles besser“-Seufzer einfach abgewürgt wurde.“

    – Ich denke nicht dass das OT war.
    – Auslöser der Debatte war die Feststellung der Washington Post, „…that senior U.S. officials failed to tell the truth about the war in Afghanistan throughout the 18-year campaign, making rosy pronouncements they knew to be false and hiding unmistakable evidence the war had become unwinnable…“
    – Mit anderen Worten: 18 Jahre wurde die Öffentlichkeit bewußt belogen, um einen Krieg am Laufen zu halten von dem die „senior officials“ wußten, dass er „unwinnable“ war. Daher muss schon die Frage nach dem politischen und gesellschaftlichen „systemischen Versagen“ gestellt werden dürfen. Denn eigentlich haben diese „senior officials“ in einer Demokratie dem Bürger gegenüber eine Pflicht zur Wahrhaftigkeit.
    – Und wenn 18 Jahre die Öffentlichkeit belogen wurde und jetzt nur durch die Washington Post aufgedeckt wurde, dass dies so war, dann sind es nicht einzelne „senior officials“ die gelogen haben, sondern es ist das „System“ das offensichtlich versagt hat.

    Die Frage, die mich umtreibt und die aus meiner Sicht bislang nicht hinreichend debattiert wurde ist:
    Inwieweit hat es den selben Erkenntnisgewinn über die fehlende Sinnhaftigkeit dieses Krieges (da „unwinnable“) auch bei deutschen „senior officials“ gegeben?

    Und schon macht es Sinn auch in diesem Kontext über heutige und frühere Flagoffiziere und deren Mut zur Ehrlichkeit zu debattieren. Man sollte das nicht als nebensächlich und OT abtun.

  12. @ Koffer

    Sorry, aber haben Sie jemals Innere Führung praktiziert ?
    Der deutsche Soldat sollte verstehen und innerlich akzeptieren, warum er einen Auftrag ausführt.
    Ihre Auffassung (wie oben geschildert „ask my president“) entspricht dem amerikanischen Dienstverständnis eines Soldaten und nicht dem eines Bw-Soldaten der mit Innererer Führung geführt werden sollte.

  13. Da schreibt der Iraner Navid Kermani in „Zwischen Koran und Kafka/West-östliche Erkundungen“:
    „Ohne den 11. September 2001 würden die Afghanen immer noch unter dem Joch der Taliban leben, das ihnen pakistanische, saudische und amerikanischen Geheimdienste in einem Joint-venture der schmutzigsten Art beschert haben“.
    Hat er Recht?

  14. @Pete:
    „Die Frage, die mich umtreibt und die aus meiner Sicht bislang nicht hinreichend debattiert wurde ist:
    Inwieweit hat es den selben Erkenntnisgewinn über die fehlende Sinnhaftigkeit dieses Krieges (da „unwinnable“) auch bei deutschen „senior officials“ gegeben?“

    Die Sinnhaftigkeit stand aus meiner Sicht nie richtig im Mittelpunkt, sondern das dabei sein (fast wie der olympische Gedanke). Die sich daraus ergebenden Widersprüchlichkeiten auf strategischer, operativer und taktischer Ebene wurden insbesondere in der „heißen Phase“ (2008-2014) immer deutlicher.

    Die „senior officials“ waren dabei zumeist eher bemüht die jeweilige politische Linie argumentativ zu unterstützen.
    Dass alldas in sich wenig sinnhaftig und zweckmäßig ist, wird dabei sehr vielen Entscheidungsträgern bewusst gewesen sein.
    Jedoch werden zu viel schonungslose Realität bei der Lagebeurteilung und unbequeme Entscheidungsvorschläge nicht wirklich politisch eingefordert.

    Entsprechend haben sich die Ministerialverwaltungen (einschl. Der Generalität) in ihrer Arbeit ausgerichtet.

  15. @Georg sagt: 14.12.2019 um 20:56 Uhr
    „Sorry, aber haben Sie jemals Innere Führung praktiziert ?“

    Jepp, seit 1997 und bis heute voller stolz. Und auch ausgebildet und beim Führernachwuchs geprüft.

    „Der deutsche Soldat sollte verstehen und innerlich akzeptieren, warum er einen Auftrag ausführt.“

    Auf jeden Fall.

    Aber was hat das mit der politischen Begründung für einen Auslandseinsatz zu tun?

    Ich persönlich halte ja den AFG Einsatz für die richtige Entscheidung, aber warum sollte ich in der Pflicht stehen jemanden anders meine persönliche Meinung oder die offizielle Meinung der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages zu vermitteln?

    Ich bin doch nicht der Sprecher der Bundesregierung oder der Werbeträger der Bundestagsabgeordneten. Diese werden dafür gewählt Entscheidungen zu treffen und diese dem deutschen Volk zu vermitteln.

    „Ihre Auffassung (wie oben geschildert „ask my president“) entspricht dem amerikanischen Dienstverständnis eines Soldaten und nicht dem eines Bw-Soldaten der mit Innererer Führung geführt werden sollte.“

    Achja? Und wie soll das bei einem Vorgesetzte oder Untergebenen funktionieren, der nicht von der politischen Begründung des Einsatzes nicht überzeugt ist? Soll der seinen Abschied nehmen?

    Seltsame Logik…

    Ich erinnere Sie übrigens daran, dass lediglich die CDU/CSU im März 2019 geschlossen für den Einsatz in AFG gestimmt hat, ALLE anderen Parteien haben entweder teilweise oder einstimmig gegen RSM gestimmt.

  16. @Memoria
    „Die Sinnhaftigkeit stand aus meiner Sicht nie richtig im Mittelpunkt, sondern das dabei sein (fast wie der olympische Gedanke).“

    Ist aber schon erschreckend, dass man zwar keinen Sinn in einem Krieg sieht, aber wegen „olympischen Gedankens“ dabei sein möchte. Das würde die Väter des Grundgesetzes dann doch erschüttern. So hatten die sich das nicht gewünscht.

  17. @Pete:
    Das mit dem „dabei sein wollen“ bezieht sich übrigens auf die politischen Entscheidungsträger, die außen- und innenpolitische Erwartungshaltungen verbinden müssen.
    Ergebnis ist dann die Teilnahme an einem Kampfeinsatz in dem man eigentlich nicht kämpfen will.

  18. @Pete sagt: 15.12.2019 um 2:24 Uhr
    „Ist aber schon erschreckend, dass man zwar keinen Sinn in einem Krieg sieht, aber wegen „olympischen Gedankens“ dabei sein möchte.“

    Naja, DEU Sicherheit lässt sich nun einmal am besten innerhalb der NATO gewährleisten. Und unsere Stellung innerhalb der NATO ist auch abhängig davon, wie sehr wir als verlässlicher Alliierter wahrgenommen werden.

    Von daher ist die Verkürzung auf den „olympischen“ Gedanken mEn fehlleitend.

    Es geht um handfeste DEU Sicherheitsinteressen.

    Darüber hinaus war auch die Beseitigung AFG als sicherer Hafen für den internationalen Terrorismus ein legitimes und wichtiges Ziel mit unmittelbarem Bezug zu DEU.

    „Das würde die Väter des Grundgesetzes dann doch erschüttern. So hatten die sich das nicht gewünscht.“

    Vielleicht, vielleicht auch nicht. Sicher ist, dass damals die Lage eine andere war und andere Herausforderungen und Rahmenbedingungen bestanden. Ob sich die Väter des Grundgesetzes daher wirklich erschüttert zeigen würden kann man hinterfragen. Wenn man sie sich anschaut, dann waren viele auch einfach Pragmatiker und hätten sich vermutlich sehr schnell mit der aktuellen Lage angefreundet.

  19. @Koffer:
    „Und unsere Stellung innerhalb der NATO ist auch abhängig davon, wie sehr wir als verlässlicher Alliierter wahrgenommen werden.“

    Ob wir das in Afghanistan wirklich befördert haben darf aus meiner Sicht bezweifelt werden. Deutschland hatte die Gründung von ISAF wesentlich befördert (Bonn-Prozess), ebenso die Übernahme der Aufgabe durch die NATO und die Ausweitung in der Fläche.
    Kunduz wurde als deutscher Einsatzraum gewählt, da es im Vergleich zu anderen Optionen (Paktia) als ruhig eingeschätzt wurde.
    Auch die anderen Staaten im RC-N waren nicht selten irritiert über die Herangehensweise der Deutschen (siehe RoE-Debatte).
    Andere Verbündete (z.B. Kanada) baten mehrfach um Unterstützung im RC-S mit Schlüsselfähigkeiten – diese wurde wenn überhaupt nur zögerlich gewährt und wenn dann mit erheblichen Auflagen. Gleiches gilt für die OMLT.
    Wir sind – anders als andere – immernoch da, aber eine echte Vorstellung wie das Ganze erfolgreich gelingen kann gab es nie.
    Es wurde viel von vernetzter Sicherheit geredet, die ressortübergreifende Koordination funktionierte aber nie wirklich.
    Gleichzeitig belehrten wir fortlaufend die Alliierten im Süden, sie müssten es mal so gut machen wie wir.

    Auch der Großteil der Lagestabilisierung im Norden rundum 2010 beruhte weniger auf prominenten Aktionen der Deutschen (Halmazag), sondern massivem Vorgehen der Amerikaner (zivil und militärisch).

    Über den Polizeiaufbau und unsere effektiven Beiträge bei OEF schweigen wir wohl auch besser.

    Daraus gelernt wurde nicht wirklich.
    Haben wir also wirklich unser Ansehen im Bündnis gestärkt?
    Abseits offizieller Vorlautbarungen habe ich mehrfach von Verbündeten anderes gehört.

    Wie bereits oben beschrieben wollte man es eben dem internationalen und dem nationalen Zielpublikum recht machen. Nur leider funktionierte das mit der Verschlechterung der Lage nicht mehr. Dann fehlte auch eine echte Vorstellung davon was in einem solchen Krieg notwendig ist. War aber auch nicht weiter schlimm, da man im Kanzleramt auch bei dem Thema ein „durchwursteln“ favorisierte.

    Die Ergebnisse sah man dann bei RSM in Kunduz.

  20. @Koffer
    „Darüber hinaus war auch die Beseitigung AFG als sicherer Hafen für den internationalen Terrorismus ein legitimes und wichtiges Ziel mit unmittelbarem Bezug zu DEU.“

    – In dem obigen Auszug aus der Washington Post kommt der ehemalige Drei Sterne General Douglas Lute zu Wort. Seine Antwort widerlegt Ihre Behauptung:
    “What are we trying to do here? We didn’t have the foggiest notion of what we were undertaking.”
    – Auf Deutsch übersetzt heißt das: Nichts ist durch diesen dämlichen Krieg besser geworden. Ich vergaß, der Opiumanbau, der unter den Taliban zum Erliegen kam, konnte wieder aufgenommen werden und die westlichen Gesellschaften mit Nachschub versorgen. Und seit dem so genannten „Krieg gegen Terror“, der mit dem AFGH-Krieg begann, ist der Terrorismus geradezu explodiert.

    Wer sich das jetzt noch eingestehen will dem ist dann auch wirklich nicht mehr zu helfen, der stolpert mit irgendwelchen populistischen Parolen ohne Sinn und Verstand in das nächste militärische Abenteuer.

    „Ob sich die Väter des Grundgesetzes daher wirklich erschüttert zeigen würden kann man hinterfragen. Wenn man sie sich anschaut, dann waren viele auch einfach Pragmatiker und hätten sich vermutlich sehr schnell mit der aktuellen Lage angefreundet.“

    – Gerade weil sie „Pragmatiker“ und kriegsgeschundene Realisten waren hätten sie unsinnige Kriege nicht mitgemacht. Für den ganzen Heldenpatriotismus, der heute wieder in Mode kommt, hatten sie angesichts der Weltkriegserfahrungen nichts übrig. Die waren nicht mehr mit Lametta auf der Brust zu motivieren, sondern, ernüchtert durch die Schrecken des Krieges, hatten sie sich zum Ziel gesetzt einen Krieg zu verhindern. Und in einen sinnlosen Vietnamkrieg ließen sie sich, trotz amerikanischen Drängelns, nicht hineinziehen. Pragmatisch halt eben!

    Um es auf den Punkt zu bringen:
    – Diese Veröffentlichung der Washington Post bietet auch den Deutschen die Chance, offen und ehrlich Bilanz zu ziehen über Erfolg und Mißerfolg der militärischen Interventionen des Westens seit 1990. Wenn man diese Gerlegenheit nicht nutzt, sondern wieder nur durch verbale Phrasen ersetzt, dann hätte man tatsächlich die Fähigkeit zum ehrlichen „Lernen aus Erfahrung“ verloren.
    – @T.W. ist zu danken, dass er auf diese Veröffentlichung der Washinton Post hingewiesen hat. Ob diese wichtige Veröffentlichung in dem Bundeswehreigenen „Lessonsbereich“ auch nur zur Kenntnis genommen wurde, weiß ich nicht, würde mich aber sehr interessieren zu erfahren.

  21. @Koffer:
    Einfach nochmal zur Erinnerung:
    https://augengeradeaus.net/2011/06/auf-die-details-kommt-es-an/#comment-19053

    Diese Themen kennen sie sicher auch zu genüge.

    Es waren eben auch auf deutscher Seite sehr viele falsche Versprechungen.

    Nach Harekate Yolo II (2007) war zumindest im Norden jedem klar was man von den Deutschen erwarten kann – und was nicht.
    Die Norweger hatten sich danach konsequent an den Rahmenbedingungen ausgerichtet und sich in sehr vielen Bereichen unabhängig von deutschen Fähigkeiten (MedEvac, QRF, etc) aufgestellt.

  22. @Memoria sagt: 15.12.2019 um 13:06 Uhr
    „Ob wir das in Afghanistan wirklich befördert haben darf aus meiner Sicht bezweifelt werden.“

    Haben wir uns bei ISAF und bei RSM als effektiver und verlässlicher Partner in der NATO erwiesen? Sicherlich nicht so wie es notwendig gewesen wäre und wie es uns erstens gut angestanden hätte und zweitens auch genutzt hätte.

    Aber es war sicherlich auch nicht nichts. Angesichts des regelmäßigen Wegduckens an anderer Stelle war es gut und militärapolitisch gewinnbringend.

    Dürfen wir uns darauf ausruhen? Beim besten Willen nicht! Dürfen wie die Fehler wiederholen die wir gemacht haben? Hoffentlich nicht. Aber war es im Ergebnis für DEU von Vorteil? Ja. Definitiv. Ich hätte mir mehr gewünscht, aber das ist Politik. Mehr war in DEU leider nicht politisch durchsetzbar.

    @Pete sagt: 15.12.2019 um 13:06 Uhr
    „– In dem obigen Auszug aus der Washington Post kommt der ehemalige Drei Sterne General Douglas Lute zu Wort. Seine Antwort widerlegt Ihre Behauptung:
    “What are we trying to do here? We didn’t have the foggiest notion of what we were undertaking.”“

    Erstens widerlegt das nicht meine Behauptung, denn es bezieht sich auf den Stabilisierungseinsatz und nicht auf das Unterbinden der Safe-Harbour AFG für den internationalen Terrorismus. Zweitens widerlegt eine einzelne Behauptung schon mal gar nichts. Sie kann höchstens Zweifel wecken. Aber ich kenne auch aus persönlicher, beruflicher Betroffenheit Validierungsgründe…

    „Wer sich das jetzt noch eingestehen will dem ist dann auch wirklich nicht mehr zu helfen, der stolpert mit irgendwelchen populistischen Parolen ohne Sinn und Verstand in das nächste militärische Abenteuer.“

    Totschlagargument sind sehr überzeugend.

    „– Gerade weil sie „Pragmatiker“ und kriegsgeschundene Realisten waren hätten sie unsinnige Kriege nicht mitgemacht. Für den ganzen Heldenpatriotismus, der heute wieder in Mode kommt, hatten sie angesichts der Weltkriegserfahrungen nichts übrig.“

    Da wäre ich bereits zahlreiche Zitate und persönliche Bekenntnisse von Politikern aller Parteien entgegen zu halten.

    Aber auch das ist nicht relevant, denn die Frage von Patriotismus habe ich nicht aufgeworfen, sondern vielmehr von außen-, sicherheits- und verteidigungspolitischem Pragmatismus in einer realen Welt fern von „wünsch-dir-was-Szenaren“.

  23. @Koffer sagt: 15.12.2019 um 12:24 Uhr

    „Es geht um handfeste DEU Sicherheitsinteressen.“

    Naja, wie Sie schon schrieben, es ging in erster Linie darum, DEU Zuverlässigkeit im Bündnis zu zeigen. Letztlich hatte Gerhard Schröder als Kanzler die Aussage getroffen, das DEU im Irak-Krieg nicht mit dabei sei, aber beim nächsten Einsatz bestimmt. Und schon hing man am Fliegenfänger. Da ging es wohl weniger um Sinnhaftigkeit. Und DEU ist immer noch dabei, während sich viele der NATO-Mitglieder inzwischen ausgeklinkt haben.

    „Darüber hinaus war auch die Beseitigung AFG als sicherer Hafen für den internationalen Terrorismus ein legitimes und wichtiges Ziel mit unmittelbarem Bezug zu DEU.“

    Das ist so wie die Behauptung mit den Sicherheitsinteressen DEU, die am Hindukusch verteidigt werden, so ein verbrämtes Totschlagargument. Der Kampf gegen den Terror war doch 2006 vorbei, spätestens mit der Tötung Osama bin-Ladens 2011. Das ist auch schon eine Weile her. Und terroristische Anschläge in Europa haben sich auch erst seit 2010 gehäuft. Ergo haben die Terroristen anderswo auf der Welt ihre Vorbereitungen und Training absolviert.

    Es fehlt einfach an einer sicherheitspolitischen Analyse der NATO und auch DEU, ob man die politischen Ziele, die man sich in AFG gesteckt hat, überhaupt noch erreichen kann und in welchem Zeithorizont. Daraus müssen sich dann auch die weiteren Optionen für das Militär ergeben, eine davon wäre eben auch Abzug.

  24. @Koffer sagt: 15.12.2019 um 18:18 Uhr

    „Ich hätte mir mehr gewünscht, aber das ist Politik. Mehr war in DEU leider nicht politisch durchsetzbar.“

    Ja, was denn noch? Schließlich hatte und hat DEU das zweitgrößte Kontingent nach den USA. Und bei der Materiallage der Bw kann man froh sein, das wenigstens das geklappt hat.
    Und glücklicherweise lässt sich mehr nicht in DEU durchsetzen. Schließlich ist die Bw für die Durchsetzung deutscher Interessen im Rahmen LV/BV da und erst in zweiter Linie für Out-of-Area Einsätze.
    Dieser Einsatz hat keine Aussicht auf Erfolg, er ist militärisch nicht befriedigend zu lösen. Ergo muss ein anderer Weg her und der militärische Einsatz beendet werden. Wofür sinnlos Blutzoll zahlen? Nur um auch dabei zu sein?

Kommentare sind geschlossen.