NATO @ 70: Geburtstagszoff vernebelt Blick nach vorne

Die NATO, die vermutlich größte wie auch langlebigste Militärallianz der Geschichte, feiert ihren 70. Geburtstag – und die Fete wird von Zoff überschattet: Im Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung steht der Streit über die Militärausgaben einzelner Bündnismitglieder, allen voran Deutschland. Aber auch der Streit zwischen dem größten Mitglied USA und der teilweise ganz pragmatisch nach Russland orientierten Türkei.

Die Berichte von der Geburtstagsfeier aus Washington wie auch die tiefgründigen Analysen zum 70-jährigen Bestehen gibt es in diesen Tagen in praktisch jedem Medium, das kann und will ich gar nicht hier aufholen. Deshalb ein einige Hinweise auf ein paar Quellen zu diesem Thema:

• Der Streit um die deutschen Verteidigungsausgaben, die auch für die nächsten Jahre hinter dem von allen NATO-Mitgliedern vereinbarten Ziel von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zurückbleiben werden, nahm in der Festrede von US-Vizepräsident Mike Pence prominenten Raum ein. Der Wortlaut nach der Abschrift des Weißen Hauses:

The majority of NATO members now have plans in place to meet their financial obligations by 2024. As the Secretary General said just hours ago before Congress, President Trump’s leadership on burden sharing is “having a real impact” to the benefit of NATO and the free world. (Applause.)
And so, more of our allies are now meeting their commitments, but still too many others are falling short. And as we all acknowledge, Germany is chief among them. Germany is Europe’s largest and healthiest economy. It’s a leading global exporter and has benefitted from U.S. protection of Europe for generations. But last year’s annual report to parliament on the state of the German armed forces revealed glaring deficiencies in Germany’s military readiness.
And yet, as we stand here today, Germany still refuses to make the necessary investment of 2 percent of its GDP to our common defense. After great prodding, it agreed to spend only 1.5 percent of its GDP on defense by 2024. But the draft budget for 2019 just presented to the German parliament actually falls short of even that commitment, promising only 1.3 percent. Germany must do more.
And we cannot ensure the defense of the West if our allies grow dependent on the Russia. If Germany persists in building the Nord Stream 2 pipeline, as President Trump has said, it could turn Germany’s economy into literally a “captive of Russia.” It is simply unacceptable for Europe’s largest economy to continue to ignore the threat of Russian aggression and neglect its own self-defense and our common defense at such a level. And it’s also wrong for Germany to allow itself to become energy dependent on Russia.
NATO is a mutual defense pact, not a unilateral security agreement. We need all allies to contribute to this joint endeavor, and we honor their commitments and we’ll keep ours.
The United States expects every NATO member to fulfill their own commitments and to meet the 2 percent threshold no later than 2024. And we expect all our allies to invest 20 percent of defense spending on major new equipment. And we’re greatly encouraged at the progress that’s being made among many of our allies to do just that.

Dazu dann der deutsche Außenminister Heiko Mass (nach dem vom Auswärtigen Amt veröffentlichten Redetext):

Ich weiß, unser Haushaltsverfahren ist für Außenstehende manchmal schwer zu verstehen – und glauben Sie mir: wahrlich nicht nur für Außenstehende!
Aber wir haben uns klar dazu bekannt, mehr Geld in Verteidigung zu investieren, und wir halten Wort. Wir in Europa wissen, dass unsere Sicherheit keine Selbstverständlichkeit ist und dass wir Verantwortung übernehmen müssen, um sie auch in Zukunft zu wahren – aus eigenem Interesse.
Darum haben wir den Trend sinkender Verteidigungsausgaben umgekehrt. Seit 2014 haben wir unsere Verteidigungsausgaben signifikant um beinahe 40 Prozent erhöht. Und unsere Verteidigungsausgaben werden weiter steigen – zunächst bis 2024 auf 1,5% des Bruttosozialprodukts.
Aber Lastenteilung ist mehr als Verteidigungsausgaben. Wer nach der Lastenteilung fragt, muss die gesamte Bandbreite von Ressourcen, Fähigkeiten, Beiträgen zu NATO Operationen und zur Bündnisverteidigung betrachten.
• Als im Jahre 2001 nach den Anschlägen des 11. September das erste – und bislang einzige Mal der NATO-Bündnisfall ausgerufen wurde, waren wir in Solidarität mit unseren amerikanischen Freunden zur Stelle. Bis heute sind wir der zweitgrößte Truppensteller in Afghanistan. Auch an anderen NATO-Einsätzen sind wir substanziell beteiligt.
• Deutschland ist neben den USA, Kanada und Großbritannien eine der vier Rahmennationen der Enhanced Forward Presence. Unsere Eurofighter fliegen als Teil des “Air Policing” über Estland.
• Wir zeigen Verantwortung durch die Übernahme der Führung der schnellen NATO-Einsatztruppe (Very High Readiness Joint Task Force) in diesem Jahr.
• Wir bauen in Ulm eine neue NATO-Kommandozentrale auf. Außer uns tun dies im Zuge der NATO-Kommandostrukturreform nur noch die USA.
Ich sage das hier noch mal in aller Deutlichkeit, dass uns diese Entscheidungen durchaus kontroverse Diskussionen abverlangen. Diese innenpolitischen Debatten sind mit Blick auf unsere deutsche Geschichte auch notwendig.
Statt allein über Bündnisfähigkeit und Bündniswilligkeit zu reden, sollten wir deshalb vor allem auch eines deutlich machen: Die NATO ist ein Sicherheits-, aber vor allem auch ein Wertebündnis. Sie hat auch eine politische Funktion.

Nun hat es auch mit dem recht missglückten deutschen Erwartungsmanagement zu tun, dass die Bundesrepublik als das schwarze Schaf in der NATO-Gemeinde öffentlich gegeißelt wird. Denn es ist ja mitnichten so, wie in zahlreichen Berichten gerade aus dem Ausland zu lesen ist, dass Deutschland seine Verteidigungsausgaben kürze. Tatsächlich ist für das kommende Jahr mit der Aufstockung des Wehretats das Gegenteil der Fall.

Hier greift die Mechanik, die bei großen Aktiengesellschaften zum Kursabsturz führt: Nicht allein tatsächliche Einbußen lassen den Wert der Aktie sinken, sondern meist schon die Ankündigung, dass die Gewinne künftig nicht so hoch ausfallen werden wie erwartet – und diese Mechanik hat Berlin bedient mit der Ankündigung, dass der Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt nach 2020 wieder sinken werde. Obwohl das bislang nur eine – konservative – Projektion ist.

Vor dem Hintergrund des plakativen Streits gehen andere wichtige Debattenpunkte weitgehend unter. Zum Beispiel die deutliche Warnung der USA an das NATO-Mitglied Türkei wegen dessen Kauf und geplanter Nutzung des russischen Flugabwehrsystems S-400. Aus Pence‘ Rede:

We’ve also made it clear that we’ll not stand idly by while NATO Allies purchase weapons from our adversaries — weapons that threaten the very cohesion of this alliance.
Turkey’s purchase of a $2.5 billion S-400 anti-aircraft missile system from Russia poses great danger to NATO and to the strength of this alliance. The fact that Turkey is moving ahead with these plans even after the United States has made available the Patriot air defense system is deeply troubling.
The Pentagon made clear, earlier this week, and I repeat today: If Turkey completes its purchase of the Russian S-400 missile system, Turkey risks expulsion from the joint F-35 program, which will harm not just Turkey’s defense capacity, but it may cripple many of the Turkish component manufacturers that supply that program.
In the meantime, this week we formally notified the Turkish government that the United States is immediately suspending shipments of all F-35 Joint Strike Fighter related equipment and materiel to Turkey. Turkey must choose: Does it want to remain a critical partner in the most successful military alliance in history of the world? Or does it want to risk the security of that partnership by making reckless decisions that undermine our alliance?

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Aussage des türkischen Außenministers, das russische System werde nicht in die NATO-Systeme integriert – was faktisch einen Ausstieg aus der integrierten Luftverteidigung der Allianz bedeuten würde:

Aber auch das ist eher ein Randthema gegenüber der Frage: Worauf, auf welche Bedrohungen und welche Aufgaben, stellt sich die 70-jährige NATO ein? In den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens richtete die Allianz ihr Augenmerk auf Russland, dann zwanzig Jahre lang auf die so genannte Krisenbewältigung out of area, also außerhalb des NATO-Gebiets. Und seit 2014 wieder verstärkt auf Russland.

Aber nun zeichnet sich ein ganz anderer Schwerpunkt ab, und den sehen nicht nur die USA. Zunächst mit den Worten von Pence:

Perhaps the greatest challenge NATO will face in the coming decades is how we must all adjust to the rise of the People’s Republic of China. And adjust we must. For determining how to meet the challenge of Chinese 5G technology, meet the challenge of the easy money offered by China’s Belt and Road Initiative, is a challenge European allies must contend with every day.
Whether we like it or not, the implications of China’s rise will profoundly affect the choices NATO members will face, individually and collectively.
China’s expanding influence will necessarily demand more of America’s attention and resources. And as we meet that challenge, our European allies must do more to maintain the strength and deterrence of our transatlantic alliance with their resources.
Toward that end, we are grateful that NATO members are opening their own diplomatic dialogues with like-minded Indo-Pacific countries like Australia, Japan, Singapore, and Korea. And we welcome recent steps by NATO partners, France and Great Britain, to increase freedom-of-navigation and overflight operations in the Indo-Pacific.
By working together, we can maintain a free and open Indo-Pacific where independent nations boldly pursue their own interests; respect their neighbors as equals; and where societies, beliefs, and traditions flourish side by side; and where all their citizens are able to exercise their God-given liberties and pursue their dreams.

Das kann man als US-Zentrierung auf den neuen großen Rivalen abtun. Aber China als Herausforderung auch für die NATO haben auch Experten in Europa im Blick, wie der Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Karl-Heinz Kamp:

Langfristig sieht sich die NATO allerdings einem existenziellen Problem gegenüber, das weder in den aktuellen transatlantischen Spannungen noch in der Sprunghaftigkeit von Präsident Donald Trump begründet ist. Es erwächst stattdessen aus den grundlegenden geostrategischen Veränderungen der kommenden Jahre. Mit einer stetig zunehmenden Rolle Chinas bei einer gleichzeitig abnehmenden Bedeutung Russlands werden sich die USA weit stärker als bisher dem asiatisch-pazifischen Raum zuwenden und Europa trotz aller Treueschwüre eher hinten anstellen. Will die NATO nicht einen großen Teil ihrer Existenzberechtigung verlieren, wird sie ihre geografische Orientierung ebenfalls deutlich ändern und ausweiten müssen. (…)
Die generelle Einschätzung, dass Russland sich im Niedergang und China sich im Aufstieg befindet, wird auf beiden Seiten des Atlantiks im Wesentlichen geteilt. Mehr noch – es besteht ein breiter Konsens, dass beide Trends in ihrer Intensität oder Geschwindigkeit schwan- ken mögen. Umkehrbar sind sie sie aber wohl nicht. Dennoch haben sich die NATO-Mitglieder bislang kaum mit den Folgen beschäftigt, die sich aus dieser Entwicklung für die NATO insgesamt und für die europäischen Mitgliedsstaaten im Besonderen ergeben werden.
Folgt man dem Gedankengang eines neuen chinesisch-amerikanischen Bilateralismus, dann wird die NATO ihre Relevanz für die USA nur erhalten können, wenn sie langfristig einen signifikanten Beitrag zur Einhegung chinesischer Machtansprüche leistet. Eine solche NATO, die zu verhindern hilft, dass die liberale „westliche“ Weltordnung durch eine chinesische Variante ersetzt wird, wäre nicht nur für die USA hilfreich, sondern auch für Europa selbst.
(zitiert mit freundlicher Genehmigung aus dem Vorab-Text für die Ausgabe 1/2019 der Zeitschrift Sirius; die englische Fassung hier)

Oder, um es auf eine journalistische Formulierung zu bringen:

For NATO, China is the new Russia

(Foto: Außenminister Heiko Maas beim Festakt zum 70. Jahrestag der Unterzeichnung des Nordatlantikvertrags mit NATO-Generalsekretär
Jens Stoltenberg (r.), und US-Außenminister Mike Pompeo (l.)  – Thomas Imo/photothek.net )

120 Gedanken zu „NATO @ 70: Geburtstagszoff vernebelt Blick nach vorne

  1. @Klauspeterkaikowsky
    „Russland hat sich nach einer umfassenden Militärreform eine trainierte, umfassend gedrillte und schlagkräftige Armee zugelegt“,

    – Da haben Sie Recht. Ich vermute zur Verteidigung. Ist ja nicht verboten.
    – Wenn Putin sich gem. Ihrer Behauptung verhalten würde, würde er ja vernünftigerweise so schnell wie möglich die NATO angreifen und nicht damit warten, dass wir in 2031 „duellbereit“ sind.
    – Die ständige Feststellung, dass wir nichts entgegenzusetzen haben wäre für einen wirklichen Aggressor doch geradezu eine Einladung zum Angriff bevor es nach der erfolgten Aufrüstung in 2031 nicht mehr möglich ist, oder?

  2. @Pete

    @Klauspeterkaikowsky
    „Russland hat sich nach einer umfassenden Militärreform eine trainierte, umfassend gedrillte und schlagkräftige Armee zugelegt“,

    Es ist nicht Putin daran schuld, daß das bei uns nicht so recht klappen will.

  3. @Pete
    „Ich vermute …“
    Ich nicht, unter zugrundelegung von Putins Trauer um die verlorene Machtfülle und geografische Ausdehnung der UdSSR , sowie seiner Taten um die Krim, (btw. an Ihren Taten sollt Ihr sie erkennen), weiß ich um Beweggründe des neuen Zaren.

    Clausewitz hat in die Kriegsliteratur den „Kulminationspunkt“ als strategischen Begriff eingeführt.
    „Jenseits dieses Punktes liegt der Umschwung, der Rückschlag; die Gewalt eines solchen Rückschlages ist gewöhnlich viel größer, als die Kraft des Stoßes war. Dies nennen wir den Kulminationspunkt …“ (Kap 102 „Vom Kriege“)
    Bezogen auf das heutige Russland lautet die übersetzte Lehre, eine hoch gerüstete Truppe mit aggressiver Erziehung kann auf Dauer nicht auf Topp-Niveau gehalten werden. Entweder sie wird zum Zeitpunkt höchster Leistungsfähigkeit eingesetzt, oder sie wird ihre Fähigkeiten einbüßen, unter Verlust jahrelanger Investition in Personal und Material.
    Der (RUS) Oberst a.D. der Auslandsaufklärung kennt den deutschen Clausewitz vermutlich besser als jene, die an OSH und FüAk lehren, von Berlin ganz zu schweigen.

  4. @Pete:
    „@Klauspeterkaikowsky
    „Russland hat sich nach einer umfassenden Militärreform eine trainierte, umfassend gedrillte und schlagkräftige Armee zugelegt“,

    – Da haben Sie Recht. Ich vermute zur Verteidigung. Ist ja nicht verboten.“

    Nun, da gibt es in Kiew vermutlich eine andere Sicht der Dinge. In Georgien wohl auch.

  5. @Pete „Ich vermute zur Verteidigung.“ Tja – das ist die Frage. Ich kenne das Dispositiv Russlands nicht. Ich denke aber schon, dass man grundsätzlich die Gewichtung zwischen Offensiv- und Defensivpotential durchschauen könnte (Gilt natürlich auch für die NATO). Abfangjäger sind etwas anderes als Langstreckenbomber. S400 etwas anderes als Armata-Panzer. Und ich habe vage in Erinnerung, dass Putin (oder war es jemand anderes) davon geprahlt hat, Europa überrennen zu können. Und nicht davon gesprochen hat, die NATO von der Einnahme Moskaus und St. Petersburgs abzuhalten….

  6. Unsere russischen „Freunde“.
    Die russische Militärreform. https://www.offiziere.ch/?p=35170
    Völlig selbstlos, die russische sicherheitspolitische Wende von 1999:
    „Die im Juni 1999 durchgeführte Übung Zapad war nicht nur die grösste nach 1985, sondern ein politisches Zeichen gegenüber den USA und der NATO.
    Als Szenario diente eine fiktive NATO-Offensive gegen Kaliningrad und Weissrussland. Die drohende Niederlage Russlands gegenüber dem konventionell überlegenen Gegner wurde gegen Ende der Übung mit dem fiktiven Einsatz von Nuklearwaffen in Mitteleuropa und an der US-amerikanischen Westküste beantwortet. Strategisch handelte es sich dabei um eine “Eskalation zur Deeskalation”, …“

    Allein schon ein „Szenar gegen Kaliningrad und Weissrussland“ als strategischer Grundgedanke entbehrt jeglicher Realitätsnähe, abgesehen von tatsächlichen Möglichkeiten. Will der die Übung Befehlende aber ein ihm genehmes Ergebnis nachweisen, muss er natürlich ganz tief in die Trickkiste der ein friedliches Russland verschlingenden NATO greifen.
    Dennoch, Lob und Anerkennung für die russischen Strategen, sie haben tatsächlich aus „Lesson Learned“ der 1990er Lehren abgeleitet, die letzte in dieser Reihe der Lehren war Russlands Erkenntnis militärtechnischer Unterlegenheit im Jugoslawien-Krieg.

  7. @Thomas Becker
    „Nun, da gibt es in Kiew vermutlich eine andere Sicht der Dinge. In Georgien wohl auch.“

    – Da haben Sie Recht.
    – Heißt aber nicht automatisch, dass die Ukraine und Georgien mit ihrer Sicht der Dinge richtig liegen. Zum Georgienkrieg hat sogar ein EU- Bericht festgestellt, dass Georgien den Krieg begonnen hat, Zitat aus einem Reuters Bericht:

    „Der fünftägige Krieg zwischen Georgien und Russland ist im vergangenen Jahr vom georgischen Militär begonnen worden.Zu diesem Ergebnis kommt eine von der EU eingesetzte Untersuchungskommission unter Leitung der Schweizer Diplomatin Heidi Tagliavini.“

    https://de.reuters.com/article/russland-georgien-eu-zf-idDEBEE58T0KH20090930

    Also, erst einmal Georgien anklagen bevor Russland dafür verantwortlich gemacht wird!

  8. @Klaus-Peter Kaikowsky
    „Bezogen auf das heutige Russland lautet die übersetzte Lehre, eine hoch gerüstete Truppe mit aggressiver Erziehung kann auf Dauer nicht auf Topp-Niveau gehalten werden. Entweder sie wird zum Zeitpunkt höchster Leistungsfähigkeit eingesetzt, oder sie wird ihre Fähigkeiten einbüßen, unter Verlust jahrelanger Investition in Personal und Material.“

    – Dann müßte der Krieg – ausgehend von Russland- ja jetzt so schnell wie möglich losgetreten werden. Denn wenn wir – der Westen- 2031 endlich „abwehrbereit“ sind wäre das Momentum, das Sie ansprechen, ja vorbei. Wetten, dass es nicht passiert!
    – Wenn der Westen Russland nicht militärisch bedrängt habe ich keine Sorge um einen Krieg in Europa.
    – Russland hat in einem Krieg mit der NATO nichts zu gewinnen. Die Baltischen Staaten wären kein Gewinn für die Russische Föderation. Warum soll sich das riesige Russland mit der feindlich gesinnten Bevölkerung von kleinen Territorien, die keine Rohstoffe oder sonstige Vorteile bieten, auf einen Krieg oder Bürgerkrieg einlassen?
    – Zugang zur Ostseee hat Russland bereits. Es gibt für Russland keinen einzigen vernünftigen Grund sich so kleine territoriale Splitter wie die Baltischen Staaten einzuverleiben und dafür riesige Nachteile im Kampf gegen eine ihm feindlich gesinnte Bevölkerung in Kauf zu nehmen. Strategisch ein völliger Unsinn!
    – Auf der Krim war das anders. Russland war willkommen bei der Bevölkerung. Die Bevölkerung wollte den Anschluß an Russland. Ist eben so, wir mögen es nicht glauben, aber es ist ein Fakt.
    – Das Narrativ der Russlandbedrohung dient der Aufrüstung im Westen. Nachdem der Kampf gegen den Terrororismus so langsam unglaubwürdig wird, muss ein neuer Gegner gefunden werden damit weiter viel frisches Geld in Rüstung fließen kann.
    – Dass man Steuergeld auch in zukunftsträchtige Investitionen und die Verbesserung der sozialen Lage der eigenen Bevölkerung fließen lassen kann scheint vergessen zu sein.

  9. @Pete | 09. April 2019 – 1:37

    „Russland hat in einem Krieg mit der NATO nichts zu gewinnen. Die Baltischen Staaten wären kein Gewinn für die Russische Föderation.“

    Zustimmung. Zumindest unter rationalen Gesichtspunkten, und die spielen leider in der Politik nicht immer eine Rolle.

    „Auf der Krim war das anders. Russland war willkommen bei der Bevölkerung.“

    Das sehe ich anders. Richtiger wäre auch gewesen, Sie hätten „bei Teilen der Bevölkerung“ geschrieben. Das angebliche „Problem“ hätte man auch auf dem Verhandlungswege lösen können. Das sind reine Machtspielchen mit schwächeren Gegnern.

    „Das Narrativ der Russlandbedrohung dient der Aufrüstung im Westen.“

    Auch hier weiche ich ab. Man musste 2014 feststellen, dass die Friedensdividende doch nicht so hoch war, wie gedacht, 10 Jahre Vorwarnzeit Utopie sind und man gegenüber den Russen mit ihrer Doktrin 15 Jahre im Hintertreffen war und immer noch ist. Momentan geht es darum, in Westeuropa die konventionellen Streitkräfte mit den Fähigkeiten zu versehen, die sie momentan nur auf dem Papier haben. Alles andere (z.B. DEU stellt 3 Divisionen) sind Zukunftsfantasien.
    Das derzeitige Problem ist doch, das wenn die Russen sagen, wir haben 15 Divisionen, sie diese auch tatsächlich haben. Wenn die Westeuropäer das sagen, ist das die Papierlage, tatsächlich sind das dann maximal 9 oder so.
    Von daher ist „Aufrüstung“ der falsche Begriff, es geht vielmehr um herstellen und umsetzen der Papierlage. Und im Vergleich zu manchen NATO-Mitgliedern stehen wir noch richtig gut da.

  10. @Pio-Fritz | 09. April 2019 – 9:14
    +1

    Ausgenommen mit dem Blick auf die umfänglich einsatzbereiten RUS Div.

    Ich halte die konventionelle Bedrohung durch RUS auch für erheblich. Zumal sie ja auch geschickt unterhalb eines tatsächlichen Krieges dafür genutzt wird um gewünschte Ergebnisse zu erpressen oder herbeizuführen. Signifikant höhere Anstrengungen bei den Verteidigungsausgaben scheinen mir daher als unverzichtbar.

    Dennoch ist erfahrungsgemäß in RUS auch viel Propaganda in der Kommunikation. Wir DEU tendieren ja dazu (gerade in der Be) etwas hinreichendes schlecht zu reden, bei den RUS ist es ja häufig genau umgedreht ;)

    Aber das ändert an der Richtigkeit Ihrer Kernaussagen wenig…

  11. „Der friedliche Bär privatisiert seine strategische Feindschaft“
    Unter Putin und Waleri Wassiljewitsch Gerassimow, seit November 2012 Generalstabschef der russischen Streitkräfte, haben die RUS Sicherheitskräfte umfassend an den USA gelernt.
    Was in den Staaten „Blackwater Worldwide“ umfasst, hat Moskau adaptiert; still und leise hat sich ein Äquivalent etabliert und beweist erneut, wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Weil, USA böse, RUS gut.
    Die „Gruppe Wagner“ (PMC Wagner, ChVK Wagner, oder CHVK Vagner) ist ein russisches privates Sicherheits- und Militärunternehmen. Seine Einheiten operieren verdeckt. Laut Medienberichten waren Angehörige der Gruppe Wagner während der russischen Machtübernahme auf der Krim aktiv, sowie später in der Ostukraine, Syrien und Zentralafrika, gegenwärtig mit etwa 100 Kräften in Venezuela. Ist ein Aggressor so „willkommen wie auf der Krim“, ist die Verwendung einer Privatarmee natürlich gegeben, …?
    Die derzeitige Beteiligung zugunsten Gen Haftars in Libyen wird angenommen, angesichts der RUS Interessenlage vor Ort. Beweise stehen noch aus.
    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Gruppe_Wagner_(russisches_Unternehmen)
    Andreas Rüesch: Russlands Privatarmeen operieren im rechtsfreien Raum. In: Neue Zürcher Zeitung. 18. Januar 2018

  12. Milchmädchenrechnungen.

    Bei allen Betrachtungen der „russischen Bedrohung“ und „russischen Aufrüstung“ und „russischen Angriffsvorbereitungen“ wird permanent und ständig übersehen – oder unterschlagen – , daß Rußland im Gegensatz zur NATO bzw. Westeuropa sehr vil mehr Fläche hat und an sehr viel mehr Krisenherde und potentielle Gegner angrenzt.

    Die NATO grenzt außer an Rußland noch an die Ukraine, Serbien, den Kaukasus, Syrien, Irak und Iran. Eine Gefahr geht dabei von den MENA-Staaten aus.

    Rußland grenzt außer an die NATO und die Ukraine an den Kaukasus, Iran, Kasachstan, die Mongolei, China, Nordkorea, seeseitig über ein Randmeer noch an Südkorea und Japan. Dazu ist es über eine Sicherheitspartnerschaft mit den Turkstaaten des MENA verbunden, die Außengrenzen zu Afghanistan und dem Iran haben.
    Eine Gefahr für Rußland und seine Sicherheitspartner geht dabei vom Iran, Afghanistan, China, Nordkorea, in Maßen von Südkorea und Japan aus.

    Bei einer ehrlichen Betrachtung braucht Rußland objektiv rein zur Landesverteidigung größere Streitkräfte als die NATO, allein schon wegen des enormen chinesischen Militärs. Bei längerer Betrachtung der russischen Militärausgaben ist auch ein beständiges Prioritätenmuster zu erkennen: 1. Strategische Nuklearwaffen, 2. Luftabwehr, 3. Landheer, dann unter ferner liefen Luftwaffe und Marine. Bei aller russischen Rhetorik – die Taten zeigen strategisch eine anhaltende deutlich defensive Ausrichtung der russischen Streitkräfte.

    Daß die deutsche Verteidigungspolitik respektive der deutsche Beitrag zur europäischen Verteidigung demgegenüber so am Boden liegt kann man allerdings weder Putin noch der AfD anlasten. Das ist hausgemacht von CDU und SPD.

  13. @Pio-Fritz
    „Das sehe ich anders. Richtiger wäre auch gewesen, Sie hätten „bei Teilen der Bevölkerung“ geschrieben.“

    Einverstanden. Ich würde allerdings bewerten, dass es ein Großteil der Bevölkerung war. Das wird aus meiner Sicht auch dadurch belegt, dass es bis heute keine Unruhen auf der Krim gibt. Bei einer feindlichen Besatzung wäre das sicherlich anders.

    „Das angebliche „Problem“ hätte man auch auf dem Verhandlungswege lösen können.“

    Das wäre schön gewesen. Was Verhandlungen betrifft:

    Fakt ist, dass es am 21.02.2014 ein Abkommen zur friedlichen Lösung der Maidanproteste gab:
    „…Unterschrieben wurde der Vertrag auf Seiten der Regierung von Wiktor Janukowytsch, dem Präsidenten der Ukraine, und auf Seiten der Opposition von Vitali Klitschko von der Partei UDAR, Oleh Tjahnybok von der Partei Allukrainische Vereinigung „Swoboda“ sowie von Arsenij Jazenjuk von der Partei Allukrainische Vereinigung „Vaterland…Des Weiteren unterschrieben der polnische Außenminister Radosław Sikorski, der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Eric Fournier, Direktor im Außenministerium Frankreichs, als Zeugen den Vertrag.“

    https://de.wikipedia.org/wiki/Vereinbarung_%C3%BCber_die_Beilegung_der_Krise_in_der_Ukraine

    Am 22.02. 2014 gab es – entgegen den Bestimmungen des Vertrages- einen gewalttätigen Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsident der Ukraine, Janukowytsch. Das war die Vorgeschichte der Annektion der Krim, die häufig nicht erzählt wird. Übrigens, ein gewalttätiger Putsch gegen einen gewählten Präsidenten und die Unterstützung der Putschisten von außen (Stichwort Nuland) ist auch nicht im Einklang mit dem Völkerrecht.

    „Von daher ist „Aufrüstung“ der falsche Begriff, es geht vielmehr um herstellen und umsetzen der Papierlage. Und im Vergleich zu manchen NATO-Mitgliedern stehen wir noch richtig gut da.“

    Einverstanden. Wir liegen diesbezüglich nicht weit auseinander. Auch ich möchte ein abschreckungsfähiges Europa gegenüber Russland. Ich möchte aber das der Bezugspunkt der Rüstungsplanung sich auf Abschreckung/glaubwürdige Verteidgungsfähigkeit beschränkt und nicht darüber hinausgeht. Und ich bin der festen Überzeugung, dass dies auch machbar und finanzierbar ist.

    [Ich weiß, dass es verlockend ist. Aber die xxxte Auflage der Debatte über die Krim mit den immer gleichen Argumenten werde ich hier stoppen. T.W.]

  14. @Mitleser
    „…Bei einer ehrlichen Betrachtung braucht Rußland objektiv rein zur Landesverteidigung größere Streitkräfte als die NATO, allein schon wegen des enormen chinesischen Militärs…die Taten zeigen strategisch eine anhaltende deutlich defensive Ausrichtung der russischen Streitkräfte…“

    „…Daß die deutsche Verteidigungspolitik respektive der deutsche Beitrag zur europäischen Verteidigung demgegenüber so am Boden liegt kann man allerdings weder Putin noch der AfD anlasten. Das ist hausgemacht von CDU und SPD.“

    Sehr schön auf den Punkt gebracht. Danke.

  15. Vieles hier spiegelt altes Denken, denn die Bedrohung und laufenden Angriffe auf Europa sind nicht konventioneller Art.
    Die größere Herausforderung liegt in der Bedrohung durch hybride Kriegsführung, Cyberattacken und der Einflussnahmein der Türkei, Osteuropa, Syrien, Libyen uvm. Angriffe über das Internet wie beispielsweise die Einmischung in Wahlkämpfe und das Verbreiten von Falschmeldungen werden von Moskau geplant und veranlasst. Wenn die Bevölkerung der Krim freiwillig zu Russland wollte, warum dann die grünen Männchen, die hybrider Kriegsführung unter Einsatz von Soldaten ohne Hoheitszeichen, verbunden mit umfassenden Desinformationskampagnen. Das russische Vorgehen läuft genau so auch in der Ostukraine.
    Vergessen sollte man auch den Giftmord in Europa und den Abschuss eine ziv Lfz.
    RUS benötigt keine Panzer um EUropa zu zerstören. Die USA und China auch nicht.

  16. @Klaus-Peter Kaikowsky
    „Was in den Staaten „Blackwater Worldwide“ umfasst, hat Moskau adaptiert; still und leise hat sich ein Äquivalent etabliert und beweist erneut, wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Weil, USA böse, RUS gut.“

    Natürlich haben die Russen das adaptiert. Und ich würde mich sehr wundern wenn es nicht ähnliche Entwicklungen in China gäbe. Die Geschichte mit „gut und böse“ sollten wir völlig außen vor lassen. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass Staaten mit den verfügbaren Mitteln ihre Interessen durchsetzen.
    Neu für den Westen (insbesondere die USA) ist, dass er nun plötzlich mit den selben Mitteln konfrontiert wird bei denen er bis vor Kurzem ein Alleinstellungsmerkmal – in diesem Fall Academi- hatte. Da nützt alles Aufjaulen nichts. Das Einzige was helfen würde wäre eine internationale Regelung über die UN zum Verbot solcher Kräfte. Das würde aber dann für alle Staaten gelten.

    Das ehemalige Blackwater heißt jetzt Academi, siehe Link:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Academi

  17. @Mitleser | 09. April 2019 – 9:58

    So klein ist die russische Armee nun auch nicht. Und das Verhalten der letzten fünf Jahre würde ich nicht mit „defensiv“ beschreiben.

    Aber egal wie man das dreht und wendet. Die Einsatzbereitschaft der westeuropäischen Streitkräfte ist zu gering, auch in der Bw.
    Es muss einfach möglich sein, aus dem Stand mindestens zwei Brigaden gefechtsbereit in Marsch setzen zu können mit entsprechender Durchhaltefähigkeit, Und das ohne sich vorher ein Jahr lang das notwendige Material aus den gesamten Streitkräften zusammenleihen zu müssen und umfangreichen Heldenklau. Und dann bekommt man gerade eine Brigade auf die Beine (s. VJTF).
    Da kann man manchen Unmut der NATO-Verbündeten schon verstehen.

  18. @Pio-Fritz

    Wenn es mal soweit ist, dass wir zwei Brigaden gegen RUS aufstellen müssen, dann sind wir weder in Mali, noch in AFG.

    Wir haben unsere Partner seit 1990 mit hunderttausenden von Soldaren und unzähligem Gerät unterstützt das gab und gibt es nicht zum Nulltarif. Gerade die US Regierung (NATO Fall) und FR (EU Fall) sollte da eher Dankbar sein, wo sind denn die anderen Partner in AFG und Mali? Bekriegen sich gerade gegenseitig in Syrien und Libyen ;-)

    @Pete

    Ja, RUS nutzt die Blaupausen der USA!

  19. @Pio-Fritz | 09. April 2019 – 10:43:

    Wir bekommen bei VJTF keine DEU Brigade „auf die Beine“. 2 bis Kompanien pro Truppengattung des Heeres plus Stabs- und Versorgungselemente. Von den vier Kampftruppenbataillonen werden 3 von Norwegen, Niederlanden und Frankreich gestellt.

  20. @Zimdarsen:
    Richtig man sollte verstehen, dass sich die Konfliktbilder verändert haben. Dazu gibt es ja auch recht viel Überlegungen (https://defense.info/re-shaping-defense-security/2019/04/the-return-of-direct-defense-in-europe-the-challenge-to-the-infrastructures-of-the-liberal-democratic-societies/). Die Umsetzung ist sicherlich nicht einfach und nicht umsonst.

    In AFG und Mali sind übrigens auch weiter andere Verbündete aktiv. Bei Barkhane ist UK bereits dabei und DNK beteiligt auch noch dieses Jahr. Deutschland tut das nicht, obwohl FRA dies mehrfach gewünscht hat (EU-Fall?).

    Wir leisten zweifellos in vielen Bereichen einen wichtigen Beitrag, aber man sollte auch anerkennen, daß dies auch andere tun. Auch in Bereichen in denen wir uns gerne fern halten.

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