Mehr als zehn Jahre Probleme mit überalterter Mörser-Munition

Das Deutsche Heer hat ein Problem mit der Ausrüstung seiner Eingreiftruppe. Für die Mörser, die im Umkreis von mehren Kilometern punktgenau Granaten verschießen, fehlt nutzbare Munition. Die veralteten Geschosse des 120-Millimeter-Mörsers Tampella aus Zeiten des Kalten Krieges könnten schon mal kräftig neben dem Ziel liegen oder gar über eigenen Soldaten detonieren. „Keine Freigabe der Munition für einen Einsatz“, erklärte die Heeresspitze knapp: Zu groß ist die Gefahr, dass nicht nur die Truppe gefährdet, sondern Unbeteiligte getroffen werden.

Diesen Bericht schrieb ich vor mehr als zehn Jahren, im Januar 2008*.

Mehr als eine Dekade später stellt das Heer wieder mal eine Eingreiftruppe zusammen, und noch immer ist das Problem nicht beseitigt. Das zeigt ein Video, dass seit fast zwei Wochen im Internet kursiert und einen Zwischenfall am 25. Mai auf dem Übungsplatz Wildflecken zeigen soll: Die Granate schießt zwar aus dem Rohr, fällt dann aber direkt zu Boden – und dem Soldaten am Mörser auf den Rücken. Zum Glück ohne zu explodieren.

Bereits im vergangenen Jahr hatte es erneute Hinweise darauf gegeben, dass die überalterte Munition, produziert Ende der 1980-er und Anfang der 1990-er Jahre, weiterhin in den Depots lagert und für Übung und Ausbildung genutzt wird. Das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr bestätigte zwar, dass es in der 22. Kalenderwoche, also Ende Mai/Anfang Juni einen Zwischenfall mit der Mörsergranate 120mm DM61 gegeben habe, wie der Kollege Lars Hoffmann in seinen Meldungen für die Zeitschrift Europäische Sicherheit&Technik und sein Blog hartpunkt.de berichtete. Weitere Informationen gab es aber nicht: Der Vorfall werde untersucht.

Nach Informationen von Augen geradeaus! wurde am 30. Mai eine Sperrung und ein Nutzungsverbot dieser Munition erlassen, vorhandene Bestände müssen in die Depots zurückgebracht werden. Der Grund ist nicht nur der Zwischenfall in Wildflecken – sondern weit Besorgnis erregender.

Zu den gravierenden technischen Mängeln, die bei der alten Munition festgestellt wurden, gehören nämlich nicht nur zunehmend Kurzschüsse, sondern auch verfrühte Detonationen. Das deutet darauf hin, dass die Granaten nicht nur ein Problem mit der Treibladung haben, sondern zusätzlich mit den Zündern – für die eigene Truppe eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Die Wehrtechnische Dienststelle 91 in Meppen soll jetzt die Munition daraufhin untersuchen.

Für das Heer schafft das neue Probleme: Weder neue Munition noch Übungsmunition sind in genügender Menge vorhanden, damit ist keine weitere Ausbildung an den Mörsern möglich. Schon ist von einem drohenden Fähigkeitsverlust die Rede.

Die Schwierigkeiten von Anfang 2008 haben sich damit weiter verschärft – obwohl zwischenzeitlich neue Munition gekauft wurde. Die allerdings nicht in der Menge, die eigentlich nötig gewesen wäre, wie das in den vergangenen Jahren bei Munition und Ersatzteilen öfter mal gemacht wurde, weil es erst mal nicht so auffällt.

Dabei gewinnt das Waffensystem Mörser, nach dem Kalten Krieg zeitweise als obsolet betrachtet, wieder an Bedeutung – im Rahmen der Neuorientierung auf Landes- und Bündnisverteidigung. Bei der Informationslehrübung Landoperationen im vergangenen Jahr wurden ja auch erstmals wieder 120mm-Mörser-vorgeführt.

*„Granaten auf Pump“, Focus 5/2008

(Foto oben: Screenshot aus dem Video; Foto unten:Soldaten der schweren Kompanie des Jägerbataillons 292  mit Panzermörsern des Typs M113bei der ILÜ 2017 auf dem Truppenübungsplatz Bergen am 12.10.2017 – Bundeswehr/Marco Dorow )

 

 

68 Kommentare zu „Mehr als zehn Jahre Probleme mit überalterter Mörser-Munition“

  • StMarc   |   19. Juni 2018 - 14:27

    @Rita
    Nein ich werde Ihre Gesetze nicht lesen. Ich kann nur wiedergeben, was mir ein mit dem Thema befasster MdB persönlich gesagt hat. Den habe ich erst mal ernst genommen.

    Dann wäre ja die zweite Frage: schreiben unsere europäischen Nachbarn auch alle in dieser Intensität aus und kriegen die das besser hin als wir? Wenn ja, warum?

  • SvD   |   19. Juni 2018 - 16:08

    @S O

    Der Preis des Boxer ist der Salamitaktik bei der Beschaffung geschuldet. Geplant waren mal 3000 Stück. Auch nach der Truppenreduzierung ist der Bedarf weit über 1000 Fahrzeuge. Davon sind wir sehr weit entfernt aber entsprechend große und langfristige Verträge, um die nötige Zahl mal zu erreichen, existieren nicht.
    Wir bestellen immer noch hoch spezialisierte Umbauten des Fuchs, obwohl man das einfacher in einem Missionsmodul umsetzen könnte.

    Bei den Mörsertürmen von Patria spielen die Lohnkosten da oben eine eine Rolle und die geringen Mengen die davon bisher produziert wurden. Damit kennen wir uns ja bestens aus.
    Der Nemo im Container ist groß und er mag nicht günstig sein aber als Lückenfüller reichts. Davon jeden Mörserträger zu ersetzen war keine Rede. Ich sehe auch nicht das man dafür jetzt neue LKW beschaffen müsste. Es geht erstmal nur um die Eingreiftruppe.
    Die Systeme können nach der Verwendung in der Eingreiftruppe für den Feldlagerschutz oder für die Ausbildung eingesetzt werden.
    Die abgenutzten Feldmörser zu ersetzen kann ja nicht so schwer sein. Neue Modelle kommen mit qualifizierter Munition. Die muss man dann halt auch kaufen und nicht wieder Mörser, Munition, Rechner und weiteres Zubehör von unterschiedlichen Firmen kaufen, die noch nie zusammen gearbeitet haben.

    Fakt ist, die Mörser sind Schrott, die Fahrzeuge sollten verschrottet werden, die Munition ist auch Schrott und an einem Mörsermodul für den Boxer hat bisher niemand gearbeitet.
    An einer kurzfristigen Lösung wird seit 10 Jahren gebastelt.

    Da muss langsam mal was passieren, so generell. Und für die Eingreiftruppe brennt es beim Material an allen Ecken und Enden. Da ist ein bisschen Eile geboten. Die Zeit für Wunschvorstellungen ist schon lange abgelaufen.

  • Karl Mohr   |   19. Juni 2018 - 16:27

    Die Mörser gehören organisch in jedes Btl. der Kampftruppe auch (Panzer-Btl.), weil das Gefecht mit Feuer entschieden wird und der Mörser nicht in die Duellsituationen gerät, wie bei direkt gerichteten Waffen.
    Es gibt kaum ein billigeres System, um schnell viel Feuer in den Feind zu bringen. Bei jedem Wetter und in jeder Umgebung.

    Weitreichende Artillerie gehört organisch in das System Brigade, gleiche Gründe wie oben.
    Frage an die Experten Mörser:
    Warum tragen die Soldaten keinen Gefechtshelm und anscheinend auch keine Splitterschutzwesten?
    Das ist doch bei jedem Handwaffenschießen Standard.

  • uli   |   19. Juni 2018 - 16:55

    @Karl Mohr

    „Die Mörser gehören organisch in jedes Btl. der Kampftruppe auch (Panzer-Btl.), weil das Gefecht mit Feuer entschieden wird und der Mörser nicht in die Duellsituationen gerät, wie bei direkt gerichteten Waffen.“

    und

    „Weitreichende Artillerie gehört organisch in das System Brigade, gleiche Gründe wie oben.“

    Vollumfängliche Zustimmung. Ergänzend möchte ich noch hinzufügen, daß die noch zu beschaffenden (leichten) 60mm Mörser in die (leichten) Infanteriekompanien (vielleicht sogar Züge) sollten, jedenfalls ist daß bei unseren Verbündeten nicht zufällig so üblich. Blöderweise will sie die Bw aber in die Mörserzüge der schweren Kompanien stecken, so daß mit Einsatz eines 60mm Mörsers ein 120mm ausfällt.

  • MA   |   19. Juni 2018 - 17:05

    @ Karl Mohr / 19. Juni 2018 – 16:27

    „Warum tragen die Soldaten keinen Gefechtshelm […]“

    Weil der vorgeschriebene „Kapselgehörschutz“ nicht kompatibel mit dem Gefechtshelm ist.
    Aus diesem Grund wurde z.B. 2012 der Gefechtsverband am OP North in einer Täglichen Weisung aufgefordert, nach taktischer Bewertung, die dort verfügbaren Peltor ComTac nach Deutschland zurückzuliefern. Sie wurden für den Mörserzug QRF benötigt.

    Ähnlich war es bei NRF 15. da mussten AN/PRC 117 (F) Funkgeräte in der Bereitstellungsphase an die Folgeverbände (NRF 16) abgegeben werden, die zu TRIDENT JUNCTURE durften oder die Blackhawk P8 Holster die in Mali benötigt wurden.

    Es fehlt eben auch an „Kleinkram“

  • Alex   |   19. Juni 2018 - 17:13

    @Navales
    Steuern durch ausl. Gewinne? Hat Rheinmetall nicht z.B. auf Malta Tochterunternehmen?

  • Rita   |   19. Juni 2018 - 18:03

    @StMarc:

    Nein, die zu lesen bringt Sie persönlich auch nicht weiter, da haben Sie wahrscheinlich Recht.
    Wenn ein MdB sowas zu Ihnen sagt (v.a. in dieser recht platten Weise), dann schwingt da wohl eher das Interesse zur Wiederwahl, Diskreditierung bzw. Unterstützung des amtierenden Ministers (je nach Parteibuch) oder manchmal auch nur ganz simpler Populismus mit. Das Volk hört halt gerne, dass die von seinem Steuerzahlergeld entlohnten Beamten alles Volltrottel sind und der Heilsbringer in Form eines Politikers/einer Partei das Ruder ja sowieso sofort rumreißen würde und alles ganz einfach ist.

    Was ich damit sagen will: Die Probleme sind durchaus komplex und bedingen sich untereinander. Ein „einfache Beschaffung“ gibt es unter den geltenden Gesetzen und Vorschriften schlicht und ergreifend nicht. Die „Wir-schaffen-das-aber-trotzdem“-Mentalität treibt dann jeder Minister/Staatssekretär vor sich her. Bringt nur nix.

    Zu der Frage unserer europäischen Nachbarn: Die schreiben teilweise einfach nicht aus und berufen sich z.B. auf die Geheimhaltung (hier sind die Hürden in der deutschen Auffassung des Vergaberechts sehr hoch) oder sie klammern das Militär komplett aus dem Vergaberecht aus und tätigen lediglich die übrigen öffentlichen Beauftragungen vergaberechtskonform. Nun bin ich kein Jurist, doch ich meine mich zu erinnern, dass diese Festlegung ob militärische Beschaffung den gleichen Weg wie anders gelagerte nehmen müssen den nationalen Gesetzgebern überlassen wurde. Sprich man könnte auch davon abweichen. Diese Aussage muss ich aber ganz deutlich mit einem Fragezeichen belegen.

    Wenn unsere Nachbarn dann ausschreiben, dann wird das Verfahren teils ganz anders gehandhabt, so dass deutsche Juristen darin einen faktischen Rechtsbruch erkennen. Wie das zusammenpasst? Keine Ahnung!
    Und zum Schluss: Bitte unterschätzen Sie nicht die Zeit und Kosten, welche andere NATO-Partner (außer USA) für ihre Rüstung aufwenden. Das ist sicherlich auch kein Pappenstiel.

  • VB GebJg   |   19. Juni 2018 - 19:53

    @Uli

    Vollumfängliche Zustimmung. Ergänzend möchte ich noch hinzufügen, daß die noch zu beschaffenden (leichten) 60mm Mörser in die (leichten) Infanteriekompanien (vielleicht sogar Züge) sollten, jedenfalls ist daß bei unseren Verbündeten nicht zufällig so üblich. Blöderweise will sie die Bw aber in die Mörserzüge der schweren Kompanien stecken, so daß mit Einsatz eines 60mm Mörsers ein 120mm ausfällt.

    Das die 60mm Mörser in die Schwere Kompanie sollen und hier ähnlich wie der 120er eingesetzt werden sollen hat ganz einfach mit der Koordinierung innerhalb des Systems STF zu tun da auch der neue leichte Mörser eine maximale Gipfelhöhe der munition von etwa 2000 m hat, muss in einem modernen Gefecht und gerade im Einsatz eine Luftraumordnung stattfinden um den sicheren gleichzeitigen Einsatz von Boden- und Luftgebundenen Wirkmitteln (CAS) zu gewährleisten. Dies geschieht in den KampfBtl durch das Joint Fire Support Coordination Team das eine Übersicht über alle Wirkmittel führt und Konflikte zwischen diesen auflöst. Sollte jetzt jeder Infantriekompaniechef oder Zugführer selbständig und ohne Koordination mit seinen Mörsern herumballern wird der Einsatz von Drohnen oder Kampfhubschraubern schwer bis unmöglich weil hier die Gefährdung für diese Systeme zu groß wird.

  • Koffer   |   19. Juni 2018 - 20:13

    @Boots on the Ground | 19. Juni 2018 – 9:59
    „Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber das Waffensystem Mörser wurde von Experten (!) nie als obsolet betrachtet, sondern vor allem von der politisch-militärischen Führung und anderen, die die Lehren moderner Konflikte nicht oder falsch gezogen haben. In der Truppe wurde die Bedeutung des Waffensystems Mörser nie in Frage gestellt.“

    Ich bin inhaltlich 100% bei Ihnen, aber Ihre konkreten Aussagen sind schlicht falsch!

    Experten gibt es ja nicht nur in der Infanterie und bei den PzGren (wo Ihre Position glaube ich von 99% aller Verantwortungsträger gedeckt wurde und wird), sondern auch bei der Art, bei den Planern und bei anderen und deren „Experten“ hatten eine andere Sichtweise. Natürlich (aus meiner Sicht als Infanterist) eine durchaus mehr als nur kritisch zu betrachtenden, aber sie war (und ist) vorhanden!

    Es ist bei Leibe nicht so, als wäre der Tod der Mörser nur auf der politischen bzw. höchsten militärischen Ebene entschieden worden…

    Trotzdem: inhaltlich 100% Zustimmung. Wer sehen wollte und sehen kann, wusste immer schon, dass Mörser nicht weniger an Bedeutung haben als früher, sondern eher sogar noch mehr…

    @Karl Mohr | 19. Juni 2018 – 16:27
    „Die Mörser gehören organisch in jedes Btl. der Kampftruppe auch (Panzer-Btl.), weil das Gefecht mit Feuer entschieden wird und der Mörser nicht in die Duellsituationen gerät, wie bei direkt gerichteten Waffen.“

    Sorry, aber das kann ich so nicht stehen lassen!

    Natürlich bin ich (als Infanterist) auch ein großer (!) Anhänger der Mörsertruppe! Und die Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten kann dabei nicht ausreichend betont werden.

    Aber Mörser haben weder organisatorisch noch taktisch etwas in einem PzBtl zu suchen.

    Wenn Sie im Gefecht der verbundenen Waffen (alter Begriff) benötigt werden, sind PzBtl eh (+/-) und dann kommen die Mörser aus dem PzGrenBtl und in Einsatzszenaren sind die Mörser umfänglich bei Inf und max PzGren.

    Und wenn ein PzBtl mal ausnahmsweise nicht (+/-) ist, dann bin ich bereit eine hohe (!) Wette zu halten, dass es dann auch keine Mörser benötigt (ergibt sich aus den diesbezüglich sehr eindeutigen Einsatzgrundsätzen!).

    Enthusiasmus für Mörser: JA, JA, JA! Aber wir sollten keine fachlich falschen Behauptungen aufstellen…

  • Voodoo   |   19. Juni 2018 - 20:59

    @ Koffer

    Zu 100% bei Ihnen – ein rein mechanisiertes Btl (besonders bei Panzers) braucht keine Mörser, sondern diese dienen immer dem Schutz und dem Kampf der abgesessenen Kräfte. Und da ein Panzersoldat nun einmal ungern absitzt und mit jedem gelaufenen Meter an Würde verliert, sind die Mörser bei den „Grünen“ besser aufgehoben. ;-)

    Im Grunde beißen sich schon PUMA und MTW Mörser, da der neue SPz wesentlich beweglicher und schlagkräftiger ist. Der MTW hemmt das PzGrenBtl in Angriff und Verzögerung schon sehr, insofern ist Ersatz bitter nötig. Ob das jetzt ein neuer Mörserträger sein muss oder evtl. nicht doch eine leichte SFL, sei dahingestellt.

  • S O   |   19. Juni 2018 - 21:26

    @SvD:
    „Der Preis des Boxer ist der Salamitaktik bei der Beschaffung geschuldet.“

    Sorry, aber schon die Konzeption lief auf ein sehr schweres und teures Fahrzeug hin.
    Da hat man gegen (außer IEDs) so ziemlich jede für MTW relevante Bedrohung schützen wollen, einschließlich gegen Bomblets (gegen die nicht mal die meisten Kampfpanzer gut geschützt sind).

    Herausgekommen ist eine Lösung, die mehr als 50% schwerer ist als andere gängige 8×8 Lösungen. Wenn man einen echten „Fuchs 2“ entwickelt hätte, dann hätte man preislich auch bei geringen Stückzahlen viel niedriger bleiben können. Der Boxer ist eine Goldrandlösung, die fast schon Kleinserienbeschaffung ist was den Preis betrifft nur noch eine zusätzliche Sünde. Die Konzeption schloss an sich schon eine echte Großserie à la M113 oder Fuchs aus.

    Goldrandlösungen sind ein häufiges Problem bei Bundeswehr-Entwicklugnsvorhaben (insb. Heer und Lw), teils daraus resultierende kleine Stückzahlen sein Anderes, Vernachlässigung von Ersatzbeschaffungen/Ersatztzeilbevorratung/Munitionsvbevorratung (also all der wenig sichtbaren Dinge) ist ein anderes großes Problem. Es ist halt teilweise ein „hollow force Syndrome“ – man beschafft für den respektablen Schien statt für Effizienz in Abschreckung oder Verteidigung.

    In der Fachliteratur kann man zudem unsägliches, penetrantes Cheerleading lesen. Die Selbstbeweihräucherung zur über 30 Jahre verspäteten Keiler-Lösung fiel mir besonders negativ auf, aber auch die letztlich für Abschrckung und Verteidigung irrelevanten Wiesel-Versionen für Mörser und Truppenflugabwehr wurden unethisch und penetrant gehyped.

    Das Problem ist letztlich nicht die Losgröße, sondern die allgemeine Ausrichtung des Beschaffungssystems auf den schönen Schein.

  • Navales   |   20. Juni 2018 - 6:49

    Nachdem sich Australien für den Boxer entschieden hat und auch die Briten ihn zur besten Lösung für Ihr künftiges Mechanised Infantry Vehicle auserkoren haben, sollte das Thema hohe Kosten durch Kleinserienfertigung eigentlich Vergangenheit sein – wenn man sich auf ein wirtschaftlich sinnvolles Modell der Arbeitsteilung einigt.
    M.E. hätte ein modernes Mörsersystem auf Boxer jedenfalls gute Chancen, neben DE auch bei anderen Nutzern dieses Fahrzeugs eingeführt zu werden – anders als Wiesel & Co.

  • uli   |   20. Juni 2018 - 11:00

    @VB GebJg

    Anders als Sie habe ich meine Informationen nicht aus erster Hand. Wenn man aber der ESuT glauben darf, hätte man durchaus gerne Mörsertrupps auf Kompanieebene gehabt. Im Zuge von Heer 2011 gab es aber Stimmen aus der Artillerie die Mörserzüge, zugunsten eines weiteren Artilleriebatallions, komplett einzustampfen. Zitat ESuT:
    „In diesem Umfeld waren zusätzliche Personalwünsche der Infanterie (Mörsertrupps auf Kompanieebene) nicht realisierbar.“
    Wie macht es z.B. eigentlich das USMC mit ihren drei 60mm Mörsern per Kompanie? Wild herumballern? Man kann doch annehmen daß die USA ein wenig mehr den Luftraum mit Drohnen und Hubschraubern beanspruchen.

  • VB GebJg   |   20. Juni 2018 - 15:03

    @Uli

    die Kameraden aus den amerikanischen Streitkräften haben eine andere Struktur in ihrem Aufbau der Feuerunterstützung als wir hier befinden sich bis in die Zugeben ausgebildete Soldaten welche das Feuer als vorgeschobener Beobachter lenken und hier sich auch mit dem rest des gefechtsfeldes koordinieren, bei uns im Gegensatz ist das erste verbindungselement Joint fire auf kompanieebene

  • SER   |   20. Juni 2018 - 17:38

    Darf ich mal fragen was so schwer daran sein soll bewährte Strukturen auch mal einfach abzukupfern ? Denke mal das USMC kann genug Nachweise erbringen der gelungenen Integration von Steilfeuer in beweglichem Gefecht …

    Und was soll bitte alles ein Artilleriesystem besonders können außer vlt beweglich, genug Mun-Vorrat, Reichweite und Vernetzung der Stellungen zur gemeinsamen Wirkung ?

    Hört sich für mich an wie die Diskussion eine Glock haben zu wollen in 9x19mm anstelle einer Beretta … Unterschiede gegen schwer wahrnehmbar …

  • Navales   |   20. Juni 2018 - 22:04

    @SER
    >>Und was soll bitte alles ein Artilleriesystem besonders können außer vlt beweglich, genug Mun-Vorrat, Reichweite und Vernetzung der Stellungen zur gemeinsamen Wirkung

    Feuerkadenz? Wirkung im Ziel durch endphasengelenkte Munition? Eigenschutz durch ein entsprechendes geschütztes Trägerfahrzeug?
    Das oben diskutierte Patria Amos System beispielsweise hat eine Feuerkadenz bis 24 Schuss pro Minute. Kombiniert mit Schutz und Beweglichkeit eines modernen Radpanzers und Präzisionsmunition wie Stryx wäre man bzgl. Kampfkraft in einer ganz anderen Liga als heute mit Panzermörser M113 – oder sehe ich das etwa falsch?

  • SvD   |   21. Juni 2018 - 0:46

    Laut Hartpunkt soll jetzt Munition aus Beständen von Partnern zusammengekauft werden.
    Gleiche Leistungswerte stehen wohl auf einmal hinten an. Wie lange die dann aber hält werden wir sehen…

    @Sommerbiwak

    Der Nemo im Container kann auf- oder abgesetzt feuern. Der System ist dabei schneller feuerbereit und wieder weg als die M113 Mörserträger. Die Silouette ist eine Katastrophe, bei allem anderen ist das System unserem Schrott aber Jahrzehnte voraus.

    @SvenS
    Wir haben im Bereich Mörser nicht soviel zu bieten, zumindest sieht man davon nichts. Was teilautomatische Mörser und Feuerleitrechner/Missioncomputer angeht hat Rheinmetall tatsächlich so einiges im Programm oder besser gesagt die Rheinmetall Norway AS, eine Tochter der Rheinmetall Nordic AS. Das wird bei der eher nationalistisch geprägten Beschaffung dann interessant. Früher hat man sich da nicht so angestellt.

    Mörser und Munition gibt bei der Rheinmetall Waffe Munition GmbH. Munition gibt es auch bei der Rheinmetall Denel Munition (Pty) Ltd.
    Es geht aber Kleckerbeträge, daher sollte man kaufen was am besten ist bzw. ein annehmbares P/L Verhältnis hat und möglichst gerade produziert wird.

    @S O
    „Boxer […] Die Konzeption schloss an sich schon eine echte Großserie à la M113 oder Fuchs aus.“

    Ich sehe nicht das die Konzeption des Boxers eine Großserie ausschließen würde.
    Die Kleinserie resultiert in hohen Kosten bei der Endmontage aber auch bei allen zugelieferten Teilen und besonders bei den komplexeren Subsystemen.
    Gerade jetzt wo mehrere Länder einsteigen wäre es sinnvoll die Produktion hoch zu fahren um Kostenvorteile rauszuholen. Zumal die Modulbauweise enorme Kostenvorteile bringen könnte, würde man sie denn endlich mal nutzen.
    Wenn nicht auf einem Boxer, worauf sollte denn ein Mörserpanzer sonst basieren?!

    „In der Fachliteratur kann man zudem unsägliches, penetrantes Cheerleading lesen.“

    Oft ist die Fachpresse nur die ausgelagerte Marketingabteilung. Wer kritisch berichtet bekommt keinen Zugang mehr und/oder die Werbefinanzierung fällt weg.
    Wer die heiligen deutschen Rüstungsgüter in einen Vergleich zwingt wird als Ketzer abgetan.
    Abgesehen davon das der Boxer die meisten brücken in Afrika einreißen würde sehe ich bei dem System aber keine gravierenden Probleme, die von Cheerleading verdeckt würden.

  • SER   |   22. Juni 2018 - 11:56

    @Navales

    „Feuerkadenz? Wirkung im Ziel durch endphasengelenkte Munition? Eigenschutz durch ein entsprechendes geschütztes Trägerfahrzeug?“

    Da bin ich voll und ganz dabei, auch mit den Anmerkungen zu einem neuen System wie Patria Amos …

    Was soll es denn dann so schwierig machen ? Ein Rohr auf einem geschützten Fahrgestell und vernünftige Munition … so einfach kann Artillerie sein, oder ?

    Dazu braucht es nun wirklich keine Jahre und Unmengen an Papier …