Afghanistan: 35.000 Sicherheitskräfte weniger als vor einem Jahr

Neben den fast täglichen Horrormeldungen aus Afghanistan (wie dem Anschlag am gestrigen Montag, der offensichtlich gezielt Journalisten galt), empfiehlt sich auch ein Blick auf die längerfristigen Trends am Hindukusch. Und der sieht gerade beim Thema Sicherheit nicht gut aus: Allein die Gesamtzahl der afghanischen Sicherheitskräfte in Armee, Polizei und anderen Bereichen (Afghan National Defense and Security Forces, ANDSF) hat innerhalb eines Jahres um mehr als 35.000 abgenommen.

Das ist deshalb besonders bedeutsam, weil ja der ständig wiederholte Grund für den anhaltenden Einsatz internationaler Truppen in Afghanistan die Absicht ist, die Afghanen zu befähigen, selbst für ihre Sicherheit zu sorgen. Aber genau das scheint immer weniger zu funktionieren, wie aus dem am (heutigen) Dienstag veröffentlichen Vierteljahresbericht des U.S. Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR) hervorgeht. Ein paar Kernaussagen aus dem Bericht:

• U.S. Forces Afghanistan reported that the actual assigned strength of the ANDSF as of January 2018 was 296,409, which includes 165,622 ANA and 130,787 ANP personnel. These figures represent a sharp decline in strength from the same period last year: the ANA saw a 4,818-person decrease, and the ANP a 23,210-person decrease, for a total of 35,999 fewer personnel in January 2018 compared to January 2017.

• As of January 31, 2018, 14.5% of the country’s total districts were under insurgent control or influence—the highest level recorded since SIGAR began receiving district control data—and 56.3% of districts were under Afghan government control or influence.

• Since SIGAR began receiving population-control data in August 2016, Afghan government control has decreased by roughly four percentage points, and the overall trend for the insurgency is rising control over the population (from 9% in August 2016 to 12% in January 2018).

• Despite a 63% increase in Afghan land under opium-poppy cultivation and an 88% increase in raw opium production in 2017, USAID informed SIGAR this quarter that it will not plan, design, or implement any new programs to address opium-poppy cultivation.

• From December 15, 2017, to February 15, 2018, the UN recorded an average of 55.9 security incidents per day—nearly four incidents per day higher than the same period two years ago.

• The total of 1,186 munitions dropped in the first quarter of 2018 is the highest number recorded for this period since reporting began in 2013, and is over two and a half times the amount dropped in the first quarter of 2017.

• UNAMA’s records indicate that air operations in 2017 caused 631 civilian casualties including 295 deaths—the highest number of civilian casualties from air strikes recorded in a single year. In contrast, RS provided a much lower figure for civilian casualties caused by Coalition air strikes, only 51 such casualties in 2017 and 11 between January 1 and March 2, 2018.

• The UN stated that up to 90% of drug production currently falls within Taliban-controlled areas, however, SIGAR analysis found that strictly in terms of poppy cultivation, there are districts under Afghan government control or influence with significant levels of cultivation. In certain provinces, the districts with the largest area of opium-poppy cultivation for 2017 are under government influence or control.

• With one of the highest population growth rates in the world and nearly half of its people under 15 years old, Afghanistan will need to add 400,000 jobs annually just to keep pace with new entrants to its labor market—a situation described by an International Labor Office consultant report as a “socio-economic time bomb.”

Die Gründe für die abnehmende Zahl der einheimischen Sicherheitskräfte sind vielfältig – von Soldaten und Polizisten, die schlicht verschwinden, bis zu einer hohen Zahl von Gefallenen bei Gefechten mit Aufständischen. Gerade die letztere Zahl ist allerdings inzwischen nicht mehr öffentlich: Auf Wunsch der afghanischen Regierung, so beklagt der US-Sonderbeauftragte, halten die US-Streitkräfte diese Information inzwischen geheim.

Den gesamten Bericht zum Herunterladen und Nachlesen gibt es hier.

(Foto: ANA soldiers undergo special-forces training near Kabul on April 10, 2018 – U.S. Army photo by Sergeant 1st Class Felix Figueroa)

13 Kommentare zu „Afghanistan: 35.000 Sicherheitskräfte weniger als vor einem Jahr“

  • Fussgaenger   |   01. Mai 2018 - 17:11

    Gehen denn die Sicherheitskräfte einfach nur nach Hause oder wechseln die größtenteils die Seiten? Zweiteres wäre zweifelsohne noch problematischer…

  • SvD   |   01. Mai 2018 - 18:52

    Die Zahlen sind fatal, die Taktik der US Streitkräfte für Luftunterstützung zu übernehmen ist auch nicht empfehlenswert, wird sich doch recht schnell der Hass der Bevölkerung gegen die eigenen Sicherheitskräfte wenden.
    Man kann noch so lange Polizisten und Soldaten ausbilden, wenn sie danach den Dienst quittieren oder verschwinden.

    Der Bericht enthält leider wieder mal nichts Brauchbares zur gesellschaftlichen Entwicklung.
    Hier und da gibt es mal einen Absatz, das Thema geht aber immer noch völlig unter, dabei ist es das Fundament für „nation building“.

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   01. Mai 2018 - 19:50

    @SvD
    Die Sicherheitskräfte „sonnten sich (bisher) ohne US-Luftunterstützungs-Strategie“ im Zuspruch der Bevölkerung, nicht doch, oder?
    Welche Alternativen? Wirkung gibt’s nur durch sechstellige Infanteriezahlen + übliche Verstärkung (die niemand stellen will) oder eben CAS mit allem was fliegt, was die AFG airforce offenbar sehr ordentlich mit https://de.wikipedia.org/wiki/Embraer_EMB_314 vollzieht!

    Zur allenthalben geforderten gesellschaftlichen Entwicklung fällt mir eigentlich nur ein, „welche Gesellschaft“? Gab, gibt es diese in vorhandener AFGHANISCHER GESELLSCHAFT, mit Paschtunen, Tadschiken, Hazara und Usbeken sowie zig Clans und Großfamilien mit zahllosen Verzweigungen jemals.
    Westliche Gesellschafts- und Staatsstrukturen sowie entsprechende Erwartungen auf diesen Staat zu übertragen wird nicht gelingen, lassen wir es besser. Wie lange hat „der (europäische) Westen“ von früher Neuzeit bis zum Kulturstandard 2018 (Geistige Bildung; Recht, Wissenschaft, Musik, Literatur, Theater, Freiheits- und Menschenrechte) gebraucht (?), 500 Jahre!

  • Pio-Fritz   |   01. Mai 2018 - 20:18

    Na ja „In Afghanistan nichts Neues“ wäre ein passender Titel.

    Wer jetzt noch von „nation building“, gesellschaftlichen Strukturen und Staatsform faselt, der merkt es einfach nicht oder ist blind.
    Alles, was in AFG in den letzten 7 Jahren seit dem Tod von bin Laden (mission accomplished?) an westlichen Aktionen, Geld und Material passiert und geflossen ist, waren und sind verschwendete Ressourcen.

    Man kann immer weder nur fordern, den Einsatz sofort zu beenden, notfalls im Alleingang. Positive Ergebnisse sind nicht zu erwarten.

  • macintosh   |   01. Mai 2018 - 21:04

    @Fussgaenger
    Vermutlich gehen die meisten einfach nach Hause, im Zweifel nach dem man ihre Familie bedroht hat. Einen Hauptgründe für die meisten Afghanen zu den Sicherheitskräften zu gehen, soweit ich mal von Exilafghanen gehört habe, ist nämlich nach wie vor nur der regelmäßige Gehaltsscheck, etwas was in einem Land mit einem niedrigeren Bruttosozialprodukt pro Kopf als Ruanda nicht zu unterschätzen ist.

  • Roland09   |   01. Mai 2018 - 22:28

    …Und wo gerade die Frage nach ‚der‘ afghanischen Gesellschaft gestellt wurde: Wie habe ich die folgenden beiden Zahlen aus dem Report zu verstehen?
    „As of January 31, 2018, 14.5% of the country’s total districts were under insurgent control or influence[…]“ vs.
    „and 56.3% of districts were under Afghan government control or influence.“

    Was ist denn mit denen dazwischen? Gab’s bei der zugrunde liegenden Umfrage auch die Option „vielleicht“ oder „weiß nicht“ zum Ankreuzen? Oder gibt es einfach mehr Akteure, die aber namentlich nicht genannt werden?

  • Uwe   |   01. Mai 2018 - 23:25

    Die Angehörigen der ANDSF gehen nicht einfach nur nach Hause, obwohl sich der Anteil der „unerlaubt“ Abwesenden auch ständig erhöht.
    Die ANDSF müssen mit dem Geld, das sie von der internationalen Gemeinschaft zur Unterstützung erhalten, auskommen. Der Anteil an der Finanzierung welcher von Afghanistan selbst getragen wird beträgt ca. 500 Mio US $, der Haushalt insgesamt ca. 5 Mrd US $. Um Beschaffungen, Bauten oder ähnliches zu finanzieren muss das Geld an anderen Stellen eingespart werden. Bei den Planungen hatte man nur das vorhandene Geld auf Köpfe umgerechnet, dies wirkt sich nun auf die „ Kopfzahl“ der ANDSF aus.
    Wenn man sich bewusst macht, was ein Angehöriger der ANDSF an Bezahlung erhält und wie er/sie dafür sprichwörtlich „verheizt“ wird, kann man auch hier die sinkende Zahl durchaus nachvollziehen. Man muss sich nur die Verlustzahlen der ANDSF ansehen. Welche Armee hält Verluste von ca. 14000 Soldaten/Polizisten (2016) aus ? In der Summe betrachtet wirkt sich jeder dieser Faktoren aus und sorgt dafür das die Zahlen sinken.
    Die allgegenwärtige Korruption erwähne ich hier erst gar nicht…..

  • Alex   |   02. Mai 2018 - 1:17

    Offener Kolonialismus und Rassismus in den 70ern, Medizinische Experimente ohne Zustimmung, Frauendiskriminierung, Todesstrafe usw.
    Na eigentlich sind es nur, wenn überhaupt, ein paar Jahrzehnte; in den 60ern war AFG auf einem guten Weg…
    Das hat ja auch niemanden gestört. Wo war die US-Unterstützung Ende der 80er? Welch eine Farce!
    Nun kommt die hohe Arbeitslosigkeit aufgrund fehlerhafter Familienplanung hinzu. Das gleiche passiert in Nordafrika. Und das ist das eigentliche Problem: Personen ohne Perspektive, die als Flüchtlinge nach Europa als Waffe an sich und Deckmantel für Terroristen dienen.

  • Pio-Fritz   |   02. Mai 2018 - 9:10

    @Uwe | 01. Mai 2018 – 23:25

    „Die allgegenwärtige Korruption erwähne ich hier erst gar nicht…..“

    Sollten Sie aber, den sie ist das entscheidende Kriterium. Wer die jüngsten Reportagen in der Zeit etc gelesen hat, der hat das als Erkenntnis mitgenommen.
    Eine Aussage aus der Reportage von Wolfgang Bauer ist bezeichnend. Sinngemäß : “ Die Taliban verlangen kein Wegegeld, wenn wir von A nach B reisen, die Polizei und der IS schon.“
    Da braucht man sich nicht zu wundern, warum die Bevölkerung kein Interesse an der Bekämpfung der Taliban hat.

  • SvD   |   02. Mai 2018 - 11:51

    @Klaus-Peter Kaikowsky

    Trump lässt es Bomben regnen und er ist nicht gerade zimperlich beim Export von Waffen.
    Die Unterstützung für die Sicherheitskräfte ist eh nicht besonders gut aber wenn sie sich an Bombardements beteiligen oder eigene durchführen wird es wohl nicht besser.

    Die gesellschaftliche Entwicklung ist wichtig, damit sich der Blickwinkel (das Overton-Window) verschiebt und die Taliban aus dem akzeptablen Rahmen fallen.
    Sowas kann übrigens 1 bis 2 Generationen (je 20 Jahre) dauern, daher wäre es schön darüber etwas zu lesen. Man kann es schlecht die ganze Zeit über begleiten und militärische Unterstützung leisten.
    Wie man die teilweise korrupten und kriminellen Sicherheitskräfte in den Rahmen bekommt ist eine andere Frage. Diese Zustände müssen abgestellt werden.

  • Pio-Fritz   |   02. Mai 2018 - 12:12

    @SvD | 02. Mai 2018 – 11:51

    Sicherlich haben Sie mit Ihrer zeitlichen Einschätzung recht, aber den gesellschaftlichen rahmen dessen, was politisch akzeptiert wird, den gibt es wohl schon. Die Regierung kümmert sich nur nicht darum.
    Korruption und Kriminalität ist kein isoliertes Problem der Sicherheitskräfte, sondern ein gesellschaftlich weit verbreitetes, das sich bis in die Regierung zieht. Man braucht nur die Berichte der NGO´s, politischen Beobachter etc. zu lesen.
    da können Sie auch drei Generationen verbringen, solange die Taliban von einem Teil der Bevölkerung als kleineres Übel angesehen werden, so lange ändert sich nichts.

    Der Auslandseinsatz der westlichen Mächte ist doch das Geschäftsmodell in AFG, das die Wirtschaft befeuert. Wenn man das wegnimmt, dann müssen sich die herrschenden Schichten bewegen, vorher bleibt es beim jetzigen Status Quo.

  • Klauspeterkaikowsky   |   08. Mai 2018 - 15:38

    Die Befähigung zur Zusammenarbeit Boden – Luft nimmt offenbar deutlich zu. Das Ganze dann noch auf BtlEbene, hat was, Glückwunsch.
    @ResoluteSupport
    ANA 215 Corps conducts first close air support mission after Kandak-level advising with @USMC in Helmand Province. More:
    (link: http://ow.ly/KA5650hg3Fj)

  • Klauspeterkaikowsky   |   10. Mai 2018 - 11:05

    Zurück in Provinz Faryab, zugleich erster Schritt hin zu (wieder) TAA auf taktischer Ebene?
    @GermanyNATO
    Germany increased its ResoluteSupport contingent up to 1,300 soldiers: Bundeswehr is back in Meymaneh, advising the forward command post of the 209th Corps of the Afghan National Army.
    More here:
    (link: https://www.facebook.com/GermanyNATO/posts/1800646850242199)
    facebook.com/GermanyNATO/po…

    [Es ist nicht nachvollziehbar, warum dazu das Posting der deutschen NATO-Vertretung in englischer Sprache herangezogen wird, wenn es zeitgleich einen Bericht auf der Bundeswehr-Webseite gibt:

    Deutsche Soldaten wieder in Meymaneh

    T.W.]