Unklare Lage: Erneute „Schlacht um Kundus“? (Updates)

Um die nordafghanische Stadt Kundus gibt es erneut heftige Kämpfe zwischen den afghanischen Sicherheitskräften und den Taliban. Allerdings sind die Meldungen am (heutigen) Montag teilweise widersprüchlich; so sagt die NATO-Operation Resolute Support, sie habe keine Hinweise auf einen ernsthaften Angriff auf die Provinzstadt. Die Bundeswehr steckt – als Berater – mittendrin, weiterhin sind deutsche Soldaten im vorgeschobenen Gefechtsstand der Afghanischen National-Armee (ANA) im Camp Pamir in Kundus im Einsatz.

Ein vorsichtiger Überblick über die Informationen; sicherlich mit Ergänzungsbedarf:

Die Reuters-Zusammenfassung am Montagmorgen:

Taliban fighters attacked the northern Afghan city of Kunduz overnight, entering urban areas and threatening a repeat of the assault in which they seized the city exactly a year ago. (…)
The fighters appear to have slipped through a defensive security line set up around Kunduz, entering the city itself before clashes broke out, witnesses in the city said.
In Kabul, Brigadier General Charles Cleveland, spokesman for Afghanistan’s NATO-led force, said he was aware of reports of sporadic fighting in Kunduz but said he had not seen evidence of a major Taliban offensive.

Resolute Support verbreitete diese Einschätzung auch via Twitter:

Das kontrastiert schon mit der Darstellung in afghanischen Medien, z.B. beim Sender TOLO News:

Local officials confirmed Monday that the Afghan air force has carried out air strikes against Taliban strongholds on the outskirts of Kunduz city following a coordinated attack by the insurgent group overnight.
However, insurgents are believed to be hiding out in civilian homes, residents confirm. The city’s streets meanwhile were also largely deserted on Monday, with people holed up in their homes.
Shops and businesses are closed – as well as schools – while highways into the city are also closed to traffic.
Unconfirmed reports indicate the Taliban has advanced on the city and is close to the center.

Noch ein Nachtrag zur Erinnerung: Genau heute vor einem Jahr wurde ein Krankenhaus der Organisation Ärzte ohne Grenzen in Kundus von einem US-Flugzeug angegriffen – die USA entschuldigten sich zwar mehrfach für den Fehler; strafrechtliche Konsequenzen hatte es für die beteiligten Soldaten aber nicht. Eine Veranstaltung zum Gedenken, so heißt es in aktuellen Hinweisen aus Afghanistan, sei angesichts der aktuellen Lage abgesagt worden:

Update: Von Taliban-Seite tauchen Videos auf, die einen erfolgreichen Angriff auf Kundus belegen sollen. Nachprüfbar sind sie derzeit nicht.

Bei diesem Video interessant: Der Sound von Kampfflugzeugen über der Stadt

Dieses Video soll die Taliban-Flagge über einem zentralen Platz in Kundus zeigen:

Gegen diese Flut der Taliban-Propaganda sind die Stellungnahmen zum Beispiel von Resolute Support, nun, sparsam:

12 Kommentare zu „Unklare Lage: Erneute „Schlacht um Kundus“? (Updates)“

  • Fux   |   03. Oktober 2016 - 11:12

    @Closius im Bällebad 10:48

    Aus welcher Verantwortung ziehen sie den Auftrag der Bw, zwingend mit Kampfauftrag nach Kundus zurückkehren zu müssen?

    15 Jahre Einsatz in AFG haben nicht gereicht, die afghanischen Kräfte dafür zu befähigen, selbst für sich zu Sorgen. Die Gründe hierfür sind vielfältig und sicher nicht in mangelnder kinetischer Kampfführung der Koalitonstruppen insbes. von 2006-2014 zu suchen.

    Irgenwann muss man einsehen, dass dieser Ansatz gescheitert ist und ein innerstaatlicher Konflikt nur innerstaatlich zu lösen ist.. egal, welche Seite dabei dann am Ende gewinnt.

    Oder kurzum: raus da, Mauer drumrum, Deckel drauf und in 50 oder 100 Jahren mal nachschauen, wie die Lage ist

  • Memoria   |   03. Oktober 2016 - 11:25

    @closius (http://augengeradeaus.net/2016/10/baellebad-oktober-2016i/comment-page-1/#comment-247723):

    Mir ging es zunächst mal darum erneut auf die widersinnig Argumentation beim letzten Mal hinzuweisen. Dabei kam es zu mehreren höchst fragwürdigen Entscheidungen (z.B. Kein MedEvac für ANDSF). Auch im Nachgang würde das angebliche Mandatsproblem nicht diskutiert.

    Nun sind die angeblichen Probleme beseitigt – und nun?

    Und zur Rückkehr zum Kampfauftrag:
    Warum soll es dieses Mal gelingen?

    Sind das wirklich unsere Probleme?

    Diese Woche ist der Kriegsbeginn 15 Jahre her.

    Dann doch bitte konsequent sein in eine der beiden Richtungen.

  • Fussgaenger   |   03. Oktober 2016 - 11:26

    Zumindest den oben verlinkten Meldungen nach klingt das nicht gerade nach „Schlacht“ – eher nach sporadischen Aktionen. Kann er noch anders werden…

  • ht_   |   03. Oktober 2016 - 12:04

    @Fux:

    Das der Einsatz jemals mit der kinetischer Härte geführt worden ist wie benötigt, wage ich zu bezweifeln.
    Da war zu viel „durchstoßen“. Zu wenig dem Feind „nachsetzen“.
    Man hat doch in der Regel nur „Reagiert“ und nicht „Agiert“.
    Immer so viel wie man der Meinung war was die Heimatfront aushalten würde.

  • Georg   |   03. Oktober 2016 - 13:26

    100 Jahre lang waren die rund um Kunduz angesiedelten Paschtunen ein Stachel im Fleisch der angestammten Volksgruppen in der Gegend. Vor 15 Jahren begannen die Kämpfe mit der Beteiligung von westlichen Truppen. Dabei wurde vor 15 Jahren erst einmal ein paar Abrechnungsaktionen mit mehreren tausend Toten als Vergeltung für vorhergehende Massaker verübt. Anschließend wurde eine Woche lang unter der Beobachtung der amerikanischen Spezialtruppen mehrere tausend reguläre pakistanische Soldaten und Taliban ausgeflogen. Die sind im Laufe der Jahre wieder eingesickert und wollen nun wieder die Herrschaft übernehmen.

    Glaubt irgendjemand das westliche Truppen dies auf Dauer verhindern können, wenn es die feindlichen afg. Volksgruppen im Norden nicht alleine stemmen können ?

  • Thomas Melber   |   03. Oktober 2016 - 13:45

    Hit and run as usual. ‚mal sehen, wann es zur „Tet-Offensive“ kommt … aber noch sind ja Koalitionstruppen vor Ort.

  • T.Wiegold   |   03. Oktober 2016 - 14:53

    @all

    Ich versuche gelegentlich oben Updates nachzutragen; die jüngste Meldung von TOLO News:

  • f28   |   03. Oktober 2016 - 16:24

    hm, bundeswehr.de schweigt sich zur Lage erstmal aus. Aber immerhin findet man dort schöne Beispiele für PR-Lyrik zum Thema AFG:

    „Doch leistungsfähige afghanische Sicherheitskräfte wurden aufgebaut und übernahmen schrittweise die Verantwortung. Daher konnte der ISAF-Einsatz am 31. Dezember 2014 enden. Die ISAF-Folgemission Resolute Support schloss sich nahtlos am 1. Januar 2015 an. Im Schwerpunkt eine Ausbildungs- und Beratungsmission, soll sie die Erfolge von ISAF verstetigen.“

    Das Delta zur Realität erinnert an Wochenschauberichte vom April ’45.

  • T.Wiegold   |   03. Oktober 2016 - 16:32

    @Mannerheim

    Sie haben bestimmt Ihren ganz persönlichen, geheimen Grund, warum die oben verlinkte Reuters-Zusammenfassung noch mal von Ihnen per Kommentar hier zur Kenntnis gegeben wird?

  • Memoria   |   03. Oktober 2016 - 16:35

    RS zeigt sich hingegen zuversichtlich:
    https://mobile.twitter.com/ResoluteSupport/status/782950300508454912

    Bezeichnend wie man erneut ANSF und lediglich US Enabler erwähnt.

    Im Ergebnis ist jedoch auch die Strategie der Taliban fraglich.

    Eine Art Thet-Offensive können die Taliban offenbar weiterhin nicht durchführen.

  • T.Wiegold   |   03. Oktober 2016 - 17:31

    @all

    Da dieser Thread mit den zahlreichen Videos oben ein wenig.. unübersichtlich wird, habe ich einen neuen, aktualisierten aufgemacht.

    http://augengeradeaus.net/2016/10/afghanistan-taliban-angriff-auf-kundus-uebersicht-mit-neuem-material/