Lagebeobachtung Kundus: Bevölkerung leidet nach Woche der Kämpfe (mit Updates)

Nach einer Woche offensichtlich anhaltender Kämpfe zwischen Taliban und afghanischen Sicherheitskräften in der nordafghanischen Stadt Kundus ist die Lage der Bevölkerung zunehmend kritisch – und da scheint es auch keine Besserung zu geben.

Aus der aktuellen Übersicht des afghanischen Senders TOLO News:

Kunduz residents on Saturday criticized government’s security strategy for their city, saying the security institutions have failed to safeguard the province.
Reports from the frontlines and the outskirts of Kunduz indicate that thousands of people are dealing with severe food shortages after a week of ongoing battles between the Taliban and security forces.

Auch Reuters blickt vor allem auf die Lage der aus Kundus Geflüchteten:

Special forces units, backed by American advisers and air strikes, have been battling to drive Taliban fighters from the city which the insurgents entered unexpectedly at the start of the week, and fighting continues in many areas.
Following widespread reports of security forces abandoning their positions, poor coordination and rivalries among commanders, there has been heavy criticism that the government failed to learn from last year, when the Taliban seized and held the city for two weeks before pulling out.
„Even as the security situation got bad, we didn’t believe Kunduz would collapse,“ said Shogofa Bahar, a medical assistant who fled the city for Kabul this week. „But the situation got worse and worse.“

Berichte zu den Kämpfen selbst gibt es allerdings kaum noch. Auch die NATO-Mission Resolute Support hat sich seit Donnerstag nicht mehr offiziell zur Lage geäußert.

Die Bundeswehr ist weiterhin in Kundus präsent, aber – im Unterschied zu den US-Truppen – ausschließlich beratend tätig, wie Sandra Petersmann im Deutschlandfunk berichtet. Der deutsche Kommandeur des Resolute Support-Kommandos im Norden des Landes, Brigadegeneral Hartmut Renk, fürchtet vor allem den Propagandaerfolg der Taliban nach deren jüngsten Aktivitäten:

„Ja, dieser Vertrauensverlust, das ist das Schlimmste. Die taktischen Erfolge, die man mit diesen kleinen Kräftegruppierungen erreichen kann, die sind überschaubar. Das, was wir in der Bevölkerung durch Propaganda an Schaden sehen, das ist viel schlimmer. Dem müssen wir viel stärker begegnen. Die Taliban versuchen aus einem minimalen Ansatz einen maximalen Erfolg zu generieren, und das müssen wir vermeiden.“

Die Washington Post wirft unterdessen einen Blick auf die Spezialkräfte der afghanischen Armee – die immer öfter gebraucht werden, um einzugreifen, und damit zunehmend überfordert werden:

The Afghan Army, a force with inconsistent levels of competency and with nearly unsustainable casualty numbers, is increasingly relying on the commandos as stop-gap cover in a campaign it – more often than not without external support – is losing. The reliance on the commandos risks both burning out the elite force and creating a sense of complacency within the regular army, according to U.S. advisers.
„It’s a concern,“ said Brig. Gen. Charles Cleveland, the spokesman for the U.S.-led mission in Afghanistan. „It’s not unique to Helmand or the 215th Corps, it happens in other corps as well to varying degrees.“

Update: Ebenfalls bei TOLO News hat sich der Gouverneur von Kundus am Samstagabend zur Lage geäußert; einige seiner Aussagen:

… allerdings merken mehrere Zuschauer an, dass der Gouverneur nicht sonderlich glaubwürdig wirkt:

15 Gedanken zu „Lagebeobachtung Kundus: Bevölkerung leidet nach Woche der Kämpfe (mit Updates)

  1. Anfang der Woche wurde ebenfalls auf Twitter mehrfach genannt, dass mehrere Distrikte in Baghlan ebenfalls von den Aufständischen genommen wurden. Etwa im Gleichen Zeitraum wurde Versorgung und Verstärkung in Form eines 63 Fahrzeuge großen Konvois von MeS über Baghlan nach Kunduz geschickt. Dieser wurde in einem Hinterhalt gänzlich vernichtet.

    Meiner Bewertung nach kann dieses nur passieren, wenn man als eingesetzter Kommandeur (Kdr) kein Lagebild hat. Jedoch hätte es hier absolut ausgereicht ab und an mal in Twitter nachzulesen. Dann hätte man auch festgestellt, dass Fotos von dem Marschband ebenfalls auf Twitter gelandet sind, wie sie in MeS losfahren. Ggf hätte man zu diesem Zeitpunkt das Ruder noch in die vernünftige Richtung drehen können. Ferner vermute ich, dass Advisor das erkannt haben, weil reiner Menschenverstand, und sich der Polizei- /ANA-Kdr da aus machtpolitischen Gründen wider besseren Wissens durchgesetzt hat. Die fehlende Anschlussversorgung in einem Gefecht dieser Länge wirkt sich nun nachhaltig negativ auf Kampfkraft der Kräfte grün aus.

    Eine mögliche Lösung kann ich hier natürlich von meinem Sofa aus nicht anbieten. Dennoch denke ich, dass hier wieder weiter unten in der Hierarchie mit Advisoring begonnen werden sollte. Ggf sollte das Mentoring auf Kompanieebene wiederbelebt werden, so würde es nicht dazu kommen, dass ganze Marschbänder vernichtet werden. Ich als Chef, wäre da auf jeden Fall nicht ohne den nötigen Schutz losgefahren, aber vielleicht gibt es tatsächlich Menschen, die dem Governour von Kunduz am zweiten Tag der Gefechte glaubten als ersagte, dass die Stadt sicher sei…

  2. Strukturell werden die Taliban aus Kundus ein neues Hué machen wollen. Die Zahl der eigenen Verluste ist eingepreist, die Kämpfer haben sich mental bereits vom Diesseits verabschiedet und können dank hoher Geburtenrate leicht ersetzt werden. Bei den Afghanen bleibt aber hängen, dass es mit der westlichen Zentralregierung keinen Frieden geben wird und die Zentralregierung selbst größere Städte nicht schützen kann. Damit wird sich die Mentalität ändern, auch Gegner der Taliban wünschen sich ihren Sieg herbei, damit endlich Frieden ist, wenn auch mit den Regeln der Taliban. Unsere westlichen Soldaten und Berater mit Einsatzregeln und Völkerrecht unterm Arm werden von der einheimischen Bevölkerung als willensschwach und unterlegen wahrgenommen. Loyalität entsteht so nicht in einem Land, indem Buzkaschi Volkssport ist.

    Strukturell war das alles vorhersehbar, siehe Clausewitz, der schon vor langer Zeit beschrieb, welche Torheiten wir begehen. Wer die Natur des Krieges verleugnet, wird in ihm untergehen.
    Wenn wir also unsere Einsatzregeln nicht ändern wollen, müssen wir schleunigst von neuen Abenteuern a la Mali Abstand nehmen, da diese Interventionen scheitern werden.

    Letztendlich muss man unseren Petersberg- Konferenzhelden die Schuld am Desaster geben, da sie etwas anfingen, ohne den Willen und Fähigkeit zu haben, es auch zu Ende zu führen.

  3. @Memoria
    Meine Quelle war auch dieses Video (Link von Thomas Melber), von dem es mehrere Versionen gibt. Des Weiteren gab es einen Beitrag von Al Jazeera direkt aus Baghlan.
    Natürlich nur als Information zu bewerten. Es ist auch im Newsticker- CIED aufgetaucht, allerdings hab ich da die Quelle vergessen

  4. @Les Grossmann

    Sie sollten Twitter als Quelle nicht unterschätzen.
    Z.B betreiben die Niederländer Twitter Analyse, da vor allem „ausgewählte“ Konten von Reportern vor Ort mit Schlagwortfilterung.
    In AFG bekommt man auf keinem Weg schneller Bilder von erfolgten Anschlägen als via Twitter, mit ein wenig „Bildanalyse“ kann man dann sogar die genaue Position des Ereignisses feststellen, und das wie schon betont deutlich schneller als auf einem der üblichen Meldewege.
    Ja die neuen Medien können Fluch und Segen zu gleich sein, versteht sich natürlich von Selbst das man keine komplette Lagebeurteilung/Analyse auf Twitter o.ä. basierend macht aber als Puzzelteil für das Ganze haben Twitter und co. schon ihren Nutzen.

  5. @Les Großmann
    Die besten Twitter-Analyse-Tools werden in Suchmaschinen intensiv beworben.
    Die fundierte Analyse von Konten kann Wunder bewirken, durch den Überblick zu eigenem Verhalten und dem über zu bewertende Sachverhalte.
    Dienste/Polizeien sind nicht umsonst intensiv dabei. Analyse hat es in der Auswertung oftmals leicht, da immer noch deutlich unbedarft hinsichtlich Datensicherheit/Quellen/Absichten/Vorhaben getweetet wird.

  6. Wie rekrutieren die Taliban ihren Ersatz an Kämpfern?

    Die nachfolgende Geburtenrate interessiert ja erst so ca 15 Jahre später und wenn Taliban bis dahin ausgeblutet sind, spielt das für die auch keine Rolle mehr.

  7. @Les Grossmann: Mit Verlaub, lieber Twitter ( syria.liveuamap.com ) und nach eigenem Gusto Info bewerten, als viele Leitmedien unvoreingenommen zu Konsumieren. Gilt gerade bei Konflikten mit dtarker Public Diplomacy and Psychological Operation bzw. Hybrider Kriegsführung.

  8. @ThoDan
    Aussage eines Fallschirmjäger Oberst mit 2 Einsatzperioden: „Rekrutierung mit Geld“

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