NATO-Mission in der Ägäis: Stellt die Türkei den Einsatz infrage?

20160420_SNMG2_Aegaeis_Klein

Noch gibt es nur eine einzige (jedenfalls englischsprachige) Quelle, aber als Merkposten sollte das schon mal notiert werden: Die NATO-Mission in der Ägäis, bei der die Standing NATO Maritime Group 2 (SNMG2) unter deutschem Kommando die Kommunikation zwischen Griechenland und der Türkei bei der Eindämmung von Menschenschmuggel sicherstellen soll, steht angeblich für die Türkei zur Disposition. Das berichtet jedenfalls die türkische Zeitung Hürriyet:

It seems that despite positive political rhetoric at governmental levels and deepening bilateral relations on all fronts, Greece and Turkey have not yet reached the level of maturity that can enable the two to overcome their differences over the Aegean and engage in maritime cooperation in the seaway that separates the two countries. (…)
As the number of illegal crossings has dropped significantly, Turkey has started voicing the view that there is no need for the mission and thus it should be terminated as far as the Aegean is concerned.

(…)
In addition to the argument that there is no need for additional patrolling support, the Turkish side is also telling NATO allies that the mission is creating additional tension between Ankara and Athens.

Es scheint, dass Hürriyet damit die Meinung bestimmter Kreise in der Türkei wiedergibt – darauf deutet auch die Formulierung hin, die die Entstehung dieser Mission auf deutsche Initiative beschreibt:

Eager to prove Turkey was genuine in its intentions to stop illegal crossings, the Turkish political leadership at the time, namely the government of former Prime Minister Ahmet Davutoğlu, accepted the offer, sending shivers down the spine of the Turkish military-diplomatic bureaucracy.

Mal sehen, ob es aus anderen Quellen noch was dazu gibt – oder ob es nur ein türkischer Versuchsballon ist. Der Premierminister Ahmet Davutoğlu, der die Mission mit Bundeskanzlerin Angela Merkel auf den Weg gebracht hatte, ist schließlich nicht mehr im Amt.

(Archivbild April 2016: Flotillenadmiral Jörg Klein, Kommandeuer der SNMG2, auf der Brücke des Einsatzgruppenversorgers Bonn)

23 Gedanken zu „NATO-Mission in der Ägäis: Stellt die Türkei den Einsatz infrage?

  1. In wenigen Minuten beginnt im BT die Abstimmung zur Armenienresolution, zu erwarten steht eine breite Zustimmung, was zu wünschen ist.
    Danach wird Erdogan nicht nur die Ägäismission torpedieren oder offen aufkündigen.

  2. Zustimmung, zudem ist aus Regierungskreisen zu vernehmen, die Offensive US-SOF + SDF (FSA) um Manbij in Syrien entspreche nicht türkischen Interessen. Zeitgleich kommen Pipeline Projekte (Azerbaijan – Türkei) gut voran.

  3. Man dachte ja lange die Türkei würde das Tor Europas zum nahen Osten werden. Tatsächlich ist die Türkei nun das Tor des nahen Ostens nach Europa und das wird Erdogan uns nach der Armenien-Resolution auch direkt zeigen.

    Die Resolution ist dennoch richtig und wichtig, denn ein islamischer Genozid an armenischen Christen (der übrigens aus PC-Gründen nie so bezeichnet wird) muss angemessen behandelt werden.

    Hier hat man nun einmal die Chance Rückgrat zu zeigen.

  4. So, jetzt ist es raus: BT nennt Massentötung von Armeniern der Jahre 1915/16 VÖLKERMORD.

  5. Die englische Ausgabe der Hurriyet ist seit mittag geblockt.
    Die tuerkische Ausgabe macht Cem Oezdemir als Drahtzieher des BT aus und stellt ihn als PKK Unterstuetzer dar.
    Erdogan wird morgen zum Beschluss Stellung nehmen, derweil irritiert sein PM Yildirm indem er nacheinander zu Besonnenheit ermahnt um dann zu wiederholen, dass es „politische, militaerische und wirtschaftliche Konsequenzen“ gaebe.
    Die Appelle des Praesidenten- durchaus wortgetreu von seinem PM nachgeplappert- an den gesunden Menschenverstand im BT kann ja nunmehr nur so gedeutet werden, dass der den deutschen Abgeordneten abhanden gekommen sein muss.
    Ach, der Beschluss sei zudem auch „laecherlich.“

    Wer verklagt nun diese beiden „hochrangigen Politiker“ eines verbuendeten Staates wegen Beleidigung und Veraechtlichmachung der souveraenen, in freier Wahl bestimmten Repraesentaten des deutschen Volkes?
    Nun erwarte ich keineswegs eine solche Reaktion aus Berlin, aber im Moment irrlichtert die Tuerkei in ihrer Aussenpolitik und provoziert in einem Masse friend and foe, wie man es von gestandenen Diktatoren nicht einmal kennt.

    RUS, USA, DEU und Nato haben es in den letzten Tagen gesehen und erlebt.

    Wie muss es um die Selbstwahrnehmung eines Mannes bestellt sein, der so etwas kann?
    Und damit ca. 30- 40 Mio. wahlberechtigter Tuerken zu grossem Stolz und noch mehr Nationalismus verhilft?

  6. @Eric Hagen,
    Zur Selbstwahrnehmung eines Mannes: Affektive Psychose als psychiatrisches Symptom, äußert sich in Stimmungsschwankungen und resultierendem Machogehabe, vorzugsweise bei sich selbst überschätzenden Despoten.
    Beispiele dieser Spezies finden sich beispielsweise in deutscher und sowjetischer Geschichte des 20. Jahrhunderts.

  7. @AoR: meine IP ist nicht in DEU. Offensichtlich erlebe ich gerade kanalisiertes Recht auf Informationszugang wie es hier oefters angewendet wird. Kann auch Ihren link nicht oeffnen.

    Spreche kein Tuerkisch. Daher bin ich auf Uebersetzungen angewiesen.
    Die o.a. verlinkte Quelle ist aber normalerweise ausgewogen und noch nicht „gleichgeschaltet.“
    Mit diesem letzten Wort umschreibe ich am treffendsten, in welcher innenpolitischen Phase sich tuerkischer Staat und dessen Volk derzeit befinden.
    Wer unsere eigene Geschichte kennt, weiss, was ich damit beabsichtige in das breitere Bewusstsein zu rufen.

  8. @Eric Hagen: Zustimmung, es geht um Ermächtigung. Immer gern: What is the Tor Browser?

    @KPK: Vorsicht mit Hobbypsychologie. Sonst würde man Erdogan noch eine Borderlinestörung unterstellen, was sich zudem in seinem gefährlich narzistischen wie auch – wenn nicht beabsichtigte Propaganda zu Aufbau eines homogenen informellen Kollektives „Großmacht Türkei“ – histerionisches Verhalten zeigte. Eine derartige Unterstellung wäre selbstverständlich grotesk! Wir überhöhten uns hierdurch zu Unrecht in Ermangelung medizinisch-psychologischer Expertise. Und das wäre dann Manie…

    Zudem müssen wir die einschlägigen Unterschiede in Kultur und darauf folgenden Wahrnehmung durch die Zivilbevölkerung miteinbeziehen (Rhetorik/Schauspiel). Nach unseren Maßstäben wäre ja jeder Mann aus dem Orient ich-disynchron und jede Frau ich-synchron. Es gibt da eine sehr interesannte Debatte zu „Religiösem Wahn“ in Fachkreisen der Psychologen.

    Und wir wissen, dass die Region vor lauter selbst auferlegten Rollenbildern politökonomisch kaum noch laufen kann. Daher immer gern: Erdoğan’s Not Mad, He’s Ruthless

    Achtung wir gehen sowas von OT!

  9. Ich würde es positiv sehen: Wenn die Mission von türkischer Seite beendet wird und auch sonst die Kooperation in dieser Frage auf dem Prüfstand steht, sollte es uns Europäer ermutigen, die Sicherung unserer Grenzen selbst in die Hand zu nehmen.

    Sobald uns das gelungen ist, kann in Ankara einen Tanz aufführen, wer auch immer sich gerade berufen fühlt. Wir sind dann unabhängig und können gelassen beobachten,wie sich der Tourismus als signifikante Einnahmequelle am Bosporus in Luft auflöst ;-)

    Wenn man der englischen Wikipedia-Seite Glauben schenken darf, ist der Tourismus in der Türkei mit rund 10% ähnlich wichtig für das Bruttoinlandsprodukt, wie die gesamte Fertigungsindustrie bei uns. Ich könnte mir vorstellen, dass die türkische Regierung beim Wegfallen vieler Jobs in diesem Bereich künftig ganz gut intern beschäftigt ist.

  10. @ Zyme
    Generell haben Sie natürlich m.E. recht.
    Ich bin auch der Meinung, dass wir der Türkischen Regierung Ihre Grenzen aufzeigen sollten und das nicht nur Deutschland, sondern ebenso die gesamte EU!

    Ein wirkliches Problem ist deren NATO-Mitgliedschaft!
    Die Südflanke der NATO wird zum größten Teil durch die Türkei gesichert und das wird die NATO, einschließlich USA nie aufgeben!
    Das weiß natürlich der „gewählte“ Präsident der Türkei auch.

  11. Allerdings führen sich die TUR Kameraden auf wie die Axt im Walde – schon AFTUR – insbesondere die Sticheleien in Trabzon – vergessen?

  12. Ich würde in Incirlik zunächst alles „on hold“ setzen und dort nichts ‚reininvestieren.

  13. Was ist dann inzwischen über den Ägäis Einsatz bekannt, z.B. in Hinblick auf dessen tatsächliche Effizienz – als Kommunikator und Aufsicht – sowie die gewünschte Ausweitung des Gebietes in den Süden (rund um 2 griechische Inseln, wenn ich mich richtig erinnere)?

    Weniger Einsatzbelastung täte der Marine ja gut. Nebenbei: Hat die Karlsruhe (vor Lybien druch Datteln (!) ersetzt) den EGV Bonn bereits abgelöst?

  14. @KPK: Auch hier ein Paradebeispiel Psychiatrie vs. Propaganda ( A group in Germany conspiring against Turkey, says Erdogan by Verda Özer / Vahap Munyar – NAIROBI / Hurriyet Daily News ) seitens der erdoganschen Erklärungsversuche. Ist das nun paranoid oder seine auch kulturell bedingte Art und Weise, handfeste türkische Interessen an Deutschland gesichtswahrend zu retten?

    Erinnern wir uns an den Ergenekon Skandal aber auch Gezi. Da dachte man auch zuerst, jetzt spinnt er/ ist paranoid. Tatsächlich hat er sinngemäß gesagt nicht das Militär sei der Feind, sondern eine unsichtbare Unterwanderung der selbigen. Dann hat er den Laden gleichgeschaltet. Selbiges in der Justiz, den Medien und unter den Kurden.

    Jetzt schickt er bestimmt den MIT und die vom Verfassungsschutz überwachte Boshkurt/Graue Wölfe gegen Ziele in Deutschland. Er droht offen, die Deutschen türkischer Abstammung gegen unsere – und damit deren eigene -Interessen auszuspielen. Die Resolution des Bundestages hierzu war ein Latmustest, hoffe der VVS/Staatsschutz hat schon „gerastert“…

    Das ist nicht „krank“, das ist „machiavellisch brutal“. Interessant ist, er kennt die Geschichte des Dritten Reichs wohl ganz gut!?

  15. Im schlimmsten Fall, aber privat weiß ich, dass die Kurden hier das wissen. Apopros, er überschätzt auch seine Unterstützer hier eben wie er die Reichweite der PKK überschätzt hat. Das kann man nutzen, auch im Sinne Vertrauensbildung Deutsche kurdischer Abstammung.

    „Soll Erdogan doch machen und zeigen, wo die wahren Terroristen sind!“ / SCNR

    Ansage @ kurdish Germans: FÜßE STILL HALTEN!

  16. Tun sie schon indem sie seit Monaten Wände beschmieren und ihre Slogans rufen. Wie gesagt, Vertrauensbildung und Resilenz jetzt, Friede Freude Eierkuchen dann.

    Die HDP hat demonstrativ den Protest gegen die Armenienresolution des BT nicht geteilt. Kurden und Armenier sind hüben wie drüben dicke. Kurden haben sich übrigens für die Rolle im Genozid entschuldigt!

Kommentare sind geschlossen.