Lesestoff fürs Wochenende: „Closing NATO’s Baltic Gap“

Marines in Estonia

Ehe wir alle ins lange Pfingstwochenende gehen (und hoffentlich alle ein bisschen low ops machen können), hier noch ein Lesetipp:

Closing NATO’s Baltic Gap

vom estnischen International Centre for Defence and Security in Tallin. Das fiel mir nicht nur wegen der Thematik auf, sondern auch, weil neben anderen hochrangigen Generalen a.D. der frühere deutsche NATO-General Egon Ramms, zuletzt Befehlshaber Joint Forces Command in Brunssum, einer der Mitautoren ist.

(Ich werde es auch mal übers Wochenende lesen – und die Debatte darüber ist hier natürlich willkommen.)

Schöne Pfingsttage!

Nachtrag: Diesen Text hätte ich natürlich gleich dazu verlinken sollen – danke für die Leserhinweise:

Fixing NATO Deterrence in the East or: How I Learned to Stop Worrying and Love NATO’s Crushing Defeat by Russia

(Archivbild: Estonian soldiers wade ashore during a combined U.S. and Estonia amphibious assault training exercise during Baltic Operations 2010 – U.S. Marine Corps photo by Sgt. Rocco DeFilippis)

43 Gedanken zu „Lesestoff fürs Wochenende: „Closing NATO’s Baltic Gap“

  1. Ebenfalls schöne Pfingstage!

    Das Foto hat übrigens schöne Symbolkraft: Gemeinsam im Gänsemarsch ins Verderben…
    (Anders kann man diesen Versuch des Anlandens nicht beschreiben, es sei natürlich, es handelt sich hier um eine Erstausbildung im Wattwandern ;-) )

    /SCNR

  2. Interessant. Auf „War is Boring“ gabs gestern (also noch vor dem hier thematisierten Text) ein längliches (aber durchaus lesbares) Stück zu Sinn und Unsinn der derzeitigen Forderungen aus NATO-Kreisen.

    Insbesondere die Kernforderung nach drei Brigaden (jeweils eine pro baltischem Staat) wird da als ziemlich nutzlos angesehen, da der Autor angesichts der Kräfteverhältnisse ein „Dünkirchen 2.0“ befürchtet.

    http://warontherocks.com/2016/05/fixing-nato-deterrence-in-the-east-or-how-i-learned-to-stop-worrying-and-love-natos-crushing-defeat-by-russia/

    Eine Frage in dem Zusammenhang an die Experten hier: Auf welcher Grundlage wird in dem oben verlinkten ICDS-Papier den derzeit eingesetzten Bataillonen die „Tripwire“-Funktion abgesprochen, welche dann aber Brigaden erfüllen sollen?

  3. @ ADLAS-DOE

    Den Artikel habe ich just erst heute gelesen und fand die Argumentation ziemlich gut. Fakt ist aber, daß jedwede Stationierung in den baltischen Staaten de facto nicht mehr als Tripwires sein können – im Gegensatz zu Westdeutschland bis 89 hört das Land eben an der Ostseeküste auf (hinterm Rhein gehts ja noch sehr viel weiter nach Westen) und angesichts der geographischen und strategischen Lage halte auch ich ganze Brigaden in den Ländern für ein rein politisches Signal. Daß die Autoren dieser Studie nun multinationale Brigaden haben wollen ist auch rein politisch – denn, und so ehrlich müssen wir sein, Westeuropa hat direkt keine „russische Invasion“ zu befürchten. Also können solche Verbände nur als Tripwires fungieren und möglichst viele Nationalitäten betreffen, um diese Länder direkt mit in einen möglichen Konflikt zu ziehen. Rein militärisch machen sie IMO keinen Sinn (ebensowenig wie „deterrence by denial“ – soviele Kräfte kann man da gar nicht konzentrieren, um der russischen Fähigkeit Kräfte zu konzentrieren zu entgehen – und das mal abgesehen vom „Suwalki Gap“). Ob sich das politisch in so einigen Staaten (und nicht nur hierzulande) verkaufen läßt?

    Das wird auf jeden Fall ein reichlich „interessanter“ Gipfel in Warschau …

  4. @ADLAS-Doe

    Danke für den Link. Eine durchaus spannende Lektüre.

    Insbesondere der Anfang hat mich nachdenklich gemacht, als der Autor die Russland unterstellten Zielsetzungen/Interessen hinterfragt. Dass es Russland nicht um die Besetzung/Einverleibung eines baltischen Staates (zu welchem Zweck denn auch?) geht, sondern darum, die Glaubwürdigkeit und damit den inneren Zusammenhalt der NATO zu testen in der Hoffnung, dass diese daran zerbricht, fand ich recht überzeugend dargelegt.

    Die daraus abgeleiteten möglichen Szenarien wie begrenzte „Grenzverschiebungen“ etc, um die NATO in eine Position zu manövrieren, den ersten Schuss abzufeuern, sind gut nachvollziehbar und kommen m.E. regelmäßig in der Diskussion zu kurz.

  5. @csThor: Das mit den Tripwires sehe ich auch so. Da reichen theoretisch aber eben auch kleine bis kleinste multinationale Einheiten.
    Ramms, Clark et.al behaupten aber in ihrem Paper (und darauf bezog sich meine Frage), dass die derzeit eingesetzten Bataillone diese Funktion nicht erfüllen könnten, da man sie einfach umgehen könne und man deswegen besser Brigaden bräuchte.
    Ich lese das nun so, dass man das Baltikum also mindestens so voll mit möglichst multinationalen NATO-Soldaten stellen möchte, damit die Russen im Ernstfall mindestens einen oder mehrere erwischen und so den Bündnisfall sicher auslösen würden. Offenbar glauben die Herren (Ex) Generale nicht, dass ein Angriff auf NATO-Gebiet dafür allein ausreicht?

    Ziemlich bittere Perspektive für die eingesetzten Kräfte…

  6. Diese Brigaden dienen doch Hauptsächlich der Abschreckung gegen „Grüne Männchen“ oder irgendwelche von Russland unterstützen „irregulären Kräfte „und sind von vornherein wohl kaum gedacht einen Großangriff abzuwehren.

  7. Bloomberg’s Leonid Bershidsky zu diesem heftigen (Ash Carter) Anfall von militaristischem Keynesianismus

    U.S. Build-Up in Europe Serves No Purpose

    ..
    Increased budgets, more toys, more opportunities to hold exercises in various geographies are always attractive to generals. Strategically, however, in won’t help to resolve any real-world problem. Russia has no reason to mount a massive invasion of the Baltics and Putin knows how much of the country’s new might is window-dressing.

  8. Wie sollte man bei uns politisch argumentieren, daß wir gegen „grüne Männchen“ – ggf. sogar gegen Zivilisten – vorgehen wenn wir selbst – oder DEU Kr – gar nicht angegriffen werden?

    Containment von hybriden Lagen ist zu allererst Aufgabe des betroffenen Staates, und das werden selbst die baltischen Staaten – Polen sowieso – ganz gut hinbekommen.

    Wichtig ist ein gutes Frühwarnsystem.

  9. Wenn man der Analyse folgt, die dem Artikel zugrunde liegt (Russland könnte Baltics offen angreifen, all-out-attack), dann sind die Folrgerungen der Generäle sicher naheliegend. Ich störe mich aber an der Analyse. Mir scheint, da wird gerade eine Bedrohungskulisse künstlich größer gemacht. Ich will sie auch nicht kleiner machen als sie ist, wir haben ja gesehen, was in UKR oder Georgien passiert ist. Aber das ist denn doch meilenweit von einem Angriff auf ein Nato-Land entfernt. Besonders Wesley Clark entwickelt sich derzeit zum Hawk erster Güte, und ich frage mich warum eigentlich? Hat der neue Auftraggeber?
    Lesenswert zur Rolle der Army in der ganzen Diskussion um Russland:
    http://www.politico.com/magazine/story/2016/05/army-internal-fight-russia-defense-budget-213885#ixzz48Sg611NL

  10. Den Beitragen von @ADLAS-Doe sowie @csThor ist mit Bezug zur Gegenwart nichts hinzuzufügen, alles sehr stimmig. Zweck solcher Tr liegt allein in Bündnissolidarität und einer „trip-wire“-Funktion, dann jedoch nur als Großverband.
    In Anbetracht des möglichen „theatre of operation“ liegen allerdings historische Erfahrungen zu Duchhaltefähigkeit und operativem Zweck der Verwendung von Tr in der Gegnerbindung vor. (Ausdrücklich: nicht strategischerZweck!)
    Die https://de.m.wikipedia.org/wiki/Heeresgruppe_Kurland am 25. Januar 1945 aus der Heeresgruppe Nord hervorgegangen, kämpfte ab 10. Oktober 1944 im https://de.m.wikipedia.org/wiki/Kurland-Kessel bis zur Kapitulation der Wehrmacht an Elbe und Ruhr. (Unter der Bezeichnung HGrp KURLAND erst ab 25.01.45).
    Die Tr Band über sechs Monate Teile der 2. Weißrussischen Front (Marschall K. K. Rokossowski), schützte zeitlich begrenzt KÖNIGSBERG, HELA und DANZIG. Letztlicher operativer Zweck war, ostpreußischer Bevölkerung die Flucht aussichtsreich erscheinen zu lassen.
    Ohne mich in schwierig abzuleitende Vergleiche hinsichtlich Kampfkraft und Gefechstwert damals und heute zu ergehen, NATO-Tr im BALTIKUM rotierend eingesetzt, erfordert operative Überlegungen und ggf Maßnahmen sowie logistische Vorbereitungen auf RUS-Seite, die in der Folge RESSOURCEN binden (würden).
    Und das ist EIN Zweck von Dislozierungsentscheidungen im Frieden. – Überlegungen, die in – deutschen – politischen Zirkeln sicher keine Rolle spielen, die Balten und Polen sehen das erwartbar unvoreingenommen, mit dem russischen Atem im Nacken.
    Übrigens kämpfte die 2. lettische Div als 19. Waffen-Grenadier-Division der SS als Freiwilligen-Großverband in den Reihen von KURLAND.

  11. @KPK
    Wenn in den Stationierungsländern eine Lage wie in der UKR aufwächst: denken Sie, daß diese Kräfte dann etwas ändern würden?

    Wie sollten sie eingreifen bzw. eingesetzt werden?

    Zudem: warum NATO-Truppen und keine einer EU-Mission? Schließlich sehen auch die EU-Verträge eine Beistandspflicht vor.

  12. @ KPK

    Also die HG Kurland als Vergleichswert heranziehen zu wollen halte ich ehrlichgesagt für abenteuerlich. Die russischen „Access Denial“ Fähigkeiten von heute sind mit den sowjetischen von damals nicht annähernd vergleichbar:

    – 1944/45 hatte die Kriegsmarine klar die Vorherrschaft in der Ostsee und die sowjetische Rotbanner-Ostseeflotte konnte dem fast nichts (außer ihren U-Booten) entgegensetzen. Angesichts moderner Lenkflugkörper im russischen Arsenal sind die Fähigkeiten zur Bekämpfung von Schiffszielen ungemein höher.
    – Die russischen S300/400 und bald auch 500 Luftabwehrkomplexe mit ihren enormen Reichweiten stellen ein gewaltiges Problem für jedwede NATO-Luftoperation in diesem Gebiet dar und müssen dafür nicht mal in unmittelbare Frontnähe gebracht werden.

    Und das sind nur zwei Punkte. Ich glaube man sollte solche Vergleiche nicht heranziehen, da die Umstände sich vielleicht auf den ersten Blick ähneln, im Detail aber deutliche Abweichungen beinhalten.

  13. @KPK
    Und was soll die Aufgabe „in Innern“ im Land sein? Die meisten Aufgaben darf die Bw doch gar nicht durchführen, da meist Polizeiarbeit.

    Oder man ändert jetzt schon die ROE.

    So gilt ja vor Ort noch nicht einmal das UZwGBw bei der Bewachung der Feldlager.

  14. @csThor
    M.E. habe ich hinreichend verdeutlicht, dass ich Beides NiCHT vergleiche.
    Und zur Marine, damals und heute, äußere ich mich mangels Hintergrund natürlich auch nicht.
    Klar dürfte in Bezug auf Bodenoperationen abseits dessen dann doch die Fähigkeit zur Bindung gegnerischer Kräfte sein, sowie zur Beanspruchung entsprechender Ressourcen, somit der Verwendungszweck dominant hervortretend.
    Zur Ressourcenbindung: Die Verfasser des obigen NATO-Policypapers, als solches verstehe ich es, bringen auf Seite 7 in Analogie zu REFORGER dessen Wiederbelebung als REFOREUR (Return of Forces to Europe) ins Spiel. In erster Linie erhöhte das Bündnis damit seine Optionen, in zweiter beruhigt es die öffentliche Meinung im Baltikum/in Polen und drittens beansprucht (fordert) ein solches strategisches Konzept gegnerische Überlegungen und Maßnahmen.
    Ein neues REFORGER, jetzt offensichtlich REFOREUR, wurde hier bei AG im übrigen bereits mehrfach andiskutiert, durch @Hans Schommer und auch mich, bei ähnlich gelagerten Fäden. Diese alte, erneuerte Idee des Gefechts kann in den Streitkräften erforderliche Möglichkeiten und Fähigkeiten wiederbeleben: In abgestimmter Vorgehensweise mit z.B. zweijährlichen REFOREUR-Übungszyklen bieten sich Erprobungen eines KAPL bis hin zu Alarmierungsübungen in die Verbandsebene hinein an, die im Beziehen von Bereitstellungsräumen der Btl ihren nationalen Höhepunkt (Heer) finden.
    Zum „Heranziehen von Vergleichen“ nochmals: ich vergleiche nicht (!). Ich versuche Lehren zu ziehen und Ableitungen herzustellen, die damalige Operationsführung gilt es zu beurteilen. (Wer die Geschichte ignoriert, ist gezwungen sie zu wiederholen). Generell habe ich den Eindruck, die Besorgnisse der Balten und Polen werden belächelt, ignoriert oder ins Reich der Fantasie transportiert, von uns Deutschen, warum?
    @Thomas Melber
    Zu Aufgaben „im Innern“, keine Ahnung. Dieser Gedanke erstaunt mich, aber Sie haben Recht. Es gilt zu betrachten, was Tr dort ggf macht, im Frieden, außer „gefühlte“ Sicherheit abzubilden. Andererseits kreisen meine Gedanken schlicht und ergreifend um Krise und Krieg hinsichtlich der Verwendung dieser Kräfte, insofern ist für mich persönlich Ihre Frage zweitrangig, was bitte nicht abwertend verstanden werden soll.

  15. @KPK
    Stellen wir uns vor, die UKR wäre NATO- / EU-Miglied seit 2010 und in SEWASTOPOL wäre als „NATO reassurance measure“ eine DEU SichKp (ein kleiner GefVbd) stationiert gewesen.

    Was hätten die tun sollen? Gut, die UKR hat ja auch keinen Widerstand geleistet. Aber selbst wenn? Zuerst schießen?

    Auf wen – auf (gut ausgerüstete) „Zivilisten“ mit einer Armbinde „Volkswehr SEWASTOPOL“ (o.ä.)?

  16. Die europäischen Staaten haben jahrelang abgerüstet, die vorhandenen Kräfte der Europäer zur Abschreckung reichen nicht aus.Die USA würden Europa verteidigen, aber auch noch unter einem irrationalem Präsident Trump ? Auch wenn US- Kräfte bei einem Konflikt in Ostasien gebunden wären ? Deshalb muss die Selbstverteidigungsfähigkeit Europas b.z.w. der EU gestärkt werden. Angst vor einem “ Rüstungswettlauf“ ? Nein, Russland hat 143 Mio. Einwohner, die EU über 500 Mio. Das BIP Russlands ist kleiner als das von Frankreich.

  17. Zur Frage der Motivation auf der russischen Seite (@b, Realpolitik, ADLAS-Doe, . . ): Der aus westlicher Sicht zentrale Faktor liegt (m.E.) bei den inneren Verfassung Russlands und der Frage wie stabil und sicher sich die Putin-Gang fühlt. Die heutige Regierung ist darauf angewiesen, gegenüber dem Westen ein gewisses Reizklima aufrecht zu erhalten um zum einen die Revanchebedürfnisse nach der Niederlage im Kalten Krieg (ob nun gefühlt oder real) zu bedienen und sich zugleich als Retter, Macher, etc zu profilieren, der „endlich wieder“ für Russlands Ansehen sorgt. Und aus dieser Nummer kommt das Regime auch auf absehbare Zeit kaum raus, weil das Strukturproblem „middle-income-trap“ bewältigt werden muss: Wenn Russland wirtschaftlich weiter mithalten und aus dem Status eines Rohstoff-Lieferanten herauskommen will, muss die Neuausrichtung auf Produktivitätsfortschritte, schnellere Ausbreitung der Innovationen etc. und eine stärkere Binnenkaufkraft durch mehr privaten Konsum angegangen werden. Die trivialerweise zutreffenden Lehrbuchsprüche dazu sind bei den üblichen Verdächtigen nachzulesen.
    Der springende und von den Ökonomen an dieser Stelle gerne vernachlässigte Punkt ist der (u.a.) für Putin entscheidende: Die Umsetzung läuft auf eine gezielte Förderung der Mittelschichten durch Bildungsaufstieg hinaus, also verbreiterten Zugang zu höherer Bildung etc und eine stärkere Förderung von Unternehmensgründungen etc. also eine Kultur der Selbständigkeit. Das bringt in aller Regel die etablierten Eliten unter Druck, die damit neue Konkurrenz bekommen und ihre Privilegien verteidigen müssen. Kurz: Diese Wirtschaftspolitik verschiebt die sozialen Kräfteverhältnisse. Anschauungsunterricht liefern aktuell Brasiliens Chaos oder Thailands Militärputsch.
    Russland hat nicht nur den ökonomischen Parametern zufolge exakt das gleiche Problem. Ein wichtiges Indiz ist die laufende Kapitalflucht, die eben zeigt, dass gerade die unternehmerisch erfolgreichen Schichten dem Regime nicht trauen und daher nicht in die Zukunft des eigenen Landes investieren, solange Putins Regierung dem Wunsch nach autonomer (nicht regime-konformer) politischer Teilhabe mit Repression und offener Staatskriminalität begegnet. (sorry, dass es wieder so ein Riemen wurde).

  18. Interessant am Artikel ist die Förderung die Bataillone für das Baltikum sollten organisch über umfangreiche Einsatz- und Kampfunterstützungselemente verfügen (battle group +).

    Offenbar gibt es vor Warschau noch verschiedene Vorstellungen was man tun muss, soll und kann.

    Dazu noch VJTF 2019.

    Wie das wirklich gehen soll?

  19. @Zivi a.D.
    Sie kriegen mein Vote für den Post der Woche. Der hat mir wirklich gefallen. Nicht nur, weil ich Ihnen inhaltlich zustimme, sondern weil ich es wichtig finde, Sicherheits- und Verteidigungspolitik nicht nur als Addition von Rohren und Stiefeln zu begreifen. Danke für den Beitrag!

  20. Über welche Bedrohung sprechen wir hier eigentlich. Wenn ich mal grob die Anzahl der Soldaten auf russischer Seite zusammenzähle welche in der Grafik des Artikels dargestellt sind (Teile des westlichen Militärbezirkes), dann komme ich auf ca. 60.000?

    Auch wenn dies nur der westliche Bezirk ist und wohl nur das Heer, ist diese Zahl doch ein Witz gegen die Heerestruppen der EU.

    Oder was übersehe ich hier?

  21. Der Beitrag von @Zivi.a.D. gefällt mir auch, denn er zeigt imho, dass sich das Rußland von 2015+ doch von der SU 1980+ in einigen „sytemrelevanten“ Parametern unterscheidet – ganz abgesehen von der völlig anderen geopolitischen und geoökonomischen Geographie in Europa. Damit stellt sich mir die Frage, ob die USA/NATO mit dem Rückfall auf geopolitische/strategische „Reflexe“ der 80er des letzten Jahrhunderts (Reassurrance und Deterrence aka REFORGER 2.0) wirklich „richtig“ liegen. Ist die SU wirklich aufgrund des „Wettrüstens“ zerbrochen ? Oder hat Gorbi erkannt, dass er Rußland von geopolitisch/geopökonomischen Ballast befreien muß, damit Rußland strategisch überlebt ? Ballast, den btw. wir nun an der Backe haben ? Who knows.Ist Putin wirklich ideologisch so verblendet, dass er diesen Ballast wieder „heim ins Reich“ holen will ?

    Fernerhin macht @Realpolitik den imho völlig richtigen Punkt, dass simplistische Röhren-und Stiefel-Kampfkraftvergleiche wohl etwas zu kurz greifen – imho nicht zuletzt auch wegen der völlig veränderten Waffensystemtechnologien. „Star Wars“ war in den 80ern eine Vision, heute ist es Realität….könnte man glauben, aber stimmt das wirklich, oder ist StaWa nur von der Vision zu einer Illusion geworden. Kompensieren 2 AEGIS Ashore Systeme in Ost-Europa z.Bsp. wirklich 2 Brigade-Size Battlegroups ? Ich habe da Zweifel, denn die AEGIS-ASH machen auf mich einen wenig „mobilen“ Eindruck – sie sind allerdings flexibel konfigurierbar, denn aus den vertical launchern kann man auch andere Flugkörper als SM-3 verschiessen. Darüber hinaus stellt sich in diesem Kontext die Frage, ob diese Systeme nicht in der Tat eine „substanzielle Stationierung“ der NATO in Osteuropa darstellen – kein Wunder, dass die Polen darauf dringen, die NATO-Rußland-Akte nun endlich zur Makulatur zu erklären.
    Die geopolitischen und strategischen Beurteilungs- und Bewertungskriterien haben sich also rein aufgrund der Veränderungen von Geographie und Technoligie sehr stark verändert und diesem Umstand wird aus Sicht der NATO imho zu wenig Rechnung getragen. Back into the Future ? Wir sollten einmal unsere Reflexe reflektieren.

  22. Na, die Polen träumen eben immer noch von einem Groß-Polen – Gespräche mit manchem polnischen Offizier sorgen da für „Aha-Effekte“.

    Zudem, ich sage es nicht gerne, liegen die Sympathien in Deutschland eher auf seiten der Balten.

  23. Ob wohl wenige Gespräche mit einigen polnischen Offizuieren wirklich repräsentativ sein können für Träume einer bedeutenden Menge Polen?

  24. @Edgar Lefgrün
    Was sind denn diese Träume? Vielleicht (sicher) gibt es ja repräsentative Umfragen.

    Das Verhältnis zu Polen (bzw. das deutsch-polnische Verhältnis) war jedenfalls schon einmal deutlich besser.

  25. @Edgar Lefgrün
    Nach strengen Statistikregeln sind wenige Gespräche selbstverständlich nicht repräsentativ, was für eine Frage!
    Allerdings ermöglichen auch die wenigen Indizien Ableitungen, zumal unter Berücksichtigung jüngster polnischer Wahlergebnisse. Die bedingungslos nationalistische Regierung der PiS wurde mit absoluter Mehrheit in den Sejm gehievt.
    Erste Maßnahmen waren Entmachtung des Verfassungsgerichts und Gleichschaltung (!) der öffentlich-rechtlichen Medien. In der Debatte zur Flüchtlings-Aufnahme aus 2015 beschloss die Vorgängerregierung sage und schreibe 2.000 (Christen) aufzunehmen. „Nach dieser Ankündigung, Polen werde – zur Entlastung Italiens und Griechenlands 2000 Flüchtlinge aufnehmen- , gab es mehrere Protestkundgebungen nationalistischer Gruppen. Doch nicht nur extreme Gruppen haben Vorbehalte: In einer im Juli veröffentlichten Meinungsumfrage gaben 70 Prozent der Befragten an, sie wollten keine Flüchtlinge aus muslimischen oder afrikanischen Ländern in Polen [Handelsblatt vom 15.05.16(!)]“
    In der Folge zogen MinPräs Beata Szydło sowie ihr Mentor, Staatspräsident Andrzej Duda sowie der (un)heimliche Präsident im Hintergrund, Lech Kaczyński, die Zusage flugs zurück. Mittlerweile nimmt Polen nur noch Ukrainer und Tschetschenen sowie Krimtataren auf.
    Polen hat sich – somit nachweislich per Wahlergebnis – zu einem stringent national ausgerichteten, tendenziell autokratischen Regierungsstil entwickelt. Vor dem Hintergrund von vier polnischen Teilungen mit tatkräftiger deutsch-russisch/sowjetischer Hilfe zumindest zu erklären.
    Dass POL Offizierskorps, von jeher die Speerspitze der Nationalstaatlichkeit, verkörpert das Gedankengut der Bevölkerungsmehrheit der heutigen Polen. Wenn also „wenige“ Offz in – wahrscheinlich – Casinogesprächen aus ihrer Präferenz zu einem Groß-Polen (dass dann bis Lemberg/Lwiv, also West-Ukraine ginge) keinen Hehl machen, bedarf es dazu keiner statistisch einwandfreien Größenordnung.
    Der von @Thomas Melber wiedergegebene Gesprächsinhalt überrascht nur bei Ausblendung polnischer Geschichte von 1772 bis 1939 und vor dem Hintergrund deutscher Geschichtsvergessenheit soweit es um den Begriff „Nation“ geht.

  26. Back into the Future hat Saison in Europa….fragt sich bloß wie weit „back“. Ich denke einmal, mehr als 50 Jahre zurück ist nicht „drin“/SCNR
    However, der große Bruder jenseits des Atlantik tut zur Zeit viel, um das Rad der Zeit in Europa zumindest um 25 Jahre zurück zu drehen…und kümmert sich liebevoll auch und gerade um das „neue Europa“, selbst wenn dort einige noch weiter in der Zeit zurück gehen wollen. Warum wohl ? Weil ein Superstaat Europa, der nur in friedvoller, gleichwohl wettbewerblicher Kohabitation mit Rußland und zentraler Lage/Rolle Deutschlands existieren könnte, der Alptraum der anglo-amerikanischen Grand Strategists wäre. Die Marginalisierung des Welt-Hegemon wäre die Folge. Obama mag zwar das Lied von Europa singen, man sollte aber genau hinhören, wie der Text dieses Liedes zwischen den Zeilen klingt….TTIP, CETA……derweil seine „Operateure“ alles tun, das alte und das neue Europa unter geopolitisch, strategischer Kontrolle und Abhängigkeit zu halten – aka Divide et Impera.

  27. @K-PK
    wenn es gegen Russland geht, hört die Angst in Osteuropa vor den Muslimen auf, konnte man auch gestern Abend sehen.

    Das Ziel eines osteuropäischen Bündnis von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, unter polnischer Führung, ist gerade unter der aktuellen Regierung klar zu erkennen.

    Dafür werden auch Kompromisse gemacht, so wird beispielsweise die offizielle Würdigung der UPA, seitens der ukr. Regierung, von Polen zu keinem großen Thema gemacht.

  28. Und mit diesem Artikel (http://atimes.com/2016/03/beheading-kim-preemptive-strikes-are-back-and-headed-for-china/ ) – wenn man statt China, Rußland und Iran setzt – wird auch deutlich, warum die USA darauf bestehen, dass das AEGIS ASORE in RUMÄNIEN nicht gegen Rußland „gerichtet“ ist. Stimmt, es geht um den Iran und das Israel Gap. Das System in Polen wird allerdings das Baltic Gap schließen……in Sachen „preempive, surgical nuclear strike“ (?). Zumindest könnte man analytisch zu diesem Schluß kommen, wenn man das weltweite Thaad (Theater High Altitude Air Defense) Programm mit dem nuklearen Modernisierungsprogramm insbesondere in Sachen Sea/Air-Launcheed Cruize Missiles in einen strategischen Kontext stellt.

  29. Mit UPA ist sicherlich die ‚Ukrainische Aufständische Armee‚ gemeint. Aktiv von 1942 bis 1956. Hat also so ziemlich gegen jeden dort aktive militärische Macht in der Region das Schwert geführt.
    Bezug zu Polen (lt. Wikipedia): wohl bis zu 300.000 Opfer, davon bis zu 100.000 Todesopfer.

  30. Der „Report Closing NATO’s Baltic Gap“ ist mal wieder ein wunderbares Beispiel von Nudging tehe Strategic Perception in a desired Direction“ ;-)

    Da wird viel über russischen „Intentions“ spekuliert und das alte Lied von „Talk softly, but carry a big stick“ – natürlich in 2%BIP-Sound – mit militärstrategischer Blasmusik abgespielt, aber die eigentliche Strategische Dimension wird wieder mal völlig ausgeklammert. Putin soll sich gefälligst an die europäische Friedensordnung von Anno Tobak halten und die (europäische) NATO kann die US-amerikanischen Sicherheitsgarantien nur durch eine nachhaltige konventionelle Unterstützung der US-amerikanischen Grand Strategy sicher stellen. Also klammert man 2 wesentliche Aspekte dieser europäischen Friedensordnung komplett aus : die konventionelle und die nukleare Abrüstung und insbesondere das Junktim zwischen diesen beiden in Europa.
    Wer Putins Rede von 2007 wirklich verstehen will (hier kann man sie noch einmal nachlesen: http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Sicherheitskonferenz/2007-putin-dt.html ) , der sollte diesen FA-Artikel aus 2006 eingehend studieren:
    https://www.foreignaffairs.com/articles/united-states/2006-03-01/rise-us-nuclear-primacy – ich bin mir sicher, dass die Russen und Chinesen diesen Artikel auswendig herbeten können. Der entscheidende Absatz steht ganz am Ende:
    „Ultimately, the wisdom of pursuing nuclear primacy must be evaluated in the context of the United States‘ foreign policy goals. The United States is now seeking to maintain its global preeminence, which the Bush administration defines as the ability to stave off the emergence of a peer competitor and prevent weaker countries from being able to challenge the United States in critical regions such as the Persian Gulf. If Washington continues to believe such preeminence is necessary for its security, then the benefits of nuclear primacy might exceed the risks. But if the United States adopts a more restrained foreign policy — for example, one premised on greater skepticism of the wisdom of forcibly exporting democracy, launching military strikes to prevent the proliferation of weapons of mass destruction, and aggressively checking rising challengers — then the benefits of nuclear primacy will be trumped by the dangers.“
    Nun, was für eine Foreign Policy hat denn die USA seit 2006 unter Bush und ab 2009 unter Obama verfolgt ? „Fuck the EU“ ?
    Berlin hat natürlich einen Ekel vor den sicherheitspolitisch-strategischen Implikationen der „nuclear deterrence“, MAD etc, pp.- darüber „spricht und schreibt man nicht“;.
    Man muß aber darüber sprechen und auch öffentlich, denn die strategische ground-truth wird durch die Übernahme des AEGIS ASHORE in Rumänien durch die NATO faktisch verändert und zwar für ganz Europa.
    In der Diplomatie benutzt man oftmals den Begriff „Constructive Ambiguity“ unsere Diplomaten in Berlin sollten einmal über die Risiken von „Destructive Ambiguity“ nachdenken.

  31. kleiner, zynischer Nachbrenner:
    Warum wollen die Polen und die Balten unbedingt US-amerikanische Truppen bei sich stationieren ?
    Weil sie hoffen, dass die USA nicht auf die eigenen Soldaten schießen wird !

    SCNR

  32. Lesenswerter Artikel bei suedeutsche.de („Sehnsucht nach der Abschreckung“) zur Stimmungslage im Baltikum und in Polen. Man erwartet weiterhin in Warschau ein klares Bekenntnis zur Aufstellung „kampfstarker“ Bataillone.

    Wohl erwartet man wie im obigen Text Verbände mit einer Vielzahl von Enablern. Da wird man in Bonn, Berlin, Strausberg und Köln wohl bald einige Hausaufgaben machen müssen und erneut in weiten Teilen einen Offenbarungseid leisten müssen.

  33. Die Zusage der Bundesregierung zu den Stationierungen in Osteuropa werden sich einfach an den Zusagen der USA orientieren. Bei 4 Bataillone müssten die USA mindesten davon 2 alleine stellen. Wenn man sich Obamas Zugeständnisse bei TTIP ansieht, dürften die USA vielleicht 2 Kompanien anbieten. Der Bund dürfte dann auch nicht mehr als eine zweistellige Anzahl anbieten. Das ganze wird wieder eine Luftnummer.

  34. @Benedikt
    Die Frage ist auch, wie man einen solchen Dienst dem Soldaten schmackhaft machen will (gut, er wird befohlen).

    AVZ gibt es nicht, und viele Stunden werden auch nicht aufgebaut. Und wenn: dann kann die Einheit nach Rückverlegung und TD gleich ein paar Wochen zu machen.

    Ansonsten ist drei Monate Garnisonsdienst mit einzelnen Übungen in einem überfüllten Camp im Baltikum (teilweise Zelte) nicht gerade das wonach man sich sehnt. Da muß vor Ort die Infrastruktur schon deutlich besser werden.

    Aktuell ist 291 dort, gefolgt von 295 (ArtAusb für LTU), dann glaube ich die Jager von 233 – alles noch in diesem Jahr. Ach ja, 230 ist auch gerade dort. Sicher habe ich noch einen Verband vergessen.

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