US-Verteidigungsminister in Europa: Mehr Erwartungen an die Deutschen

Members of Team Southcom gather around Secretary of Defense Ash Carter  during a reception held after the opening ceremony of the 2015 Defense Department Warrior Games at the National Museum of the Marine Corps in Quantico, Va., June 19, 2015. DoD Photo by Glenn Fawcett (Released)

 

US-Verteidigungsminister Ashton Carter (Foto oben Mitte) geht in der kommenden Woche auf Europabesuch, und seine erste Station ist Berlin. Da ist doch interessant, was seine Mitarbeiter im Pentagon vorher den Journalisten in Washington erzählt haben:

Carter heads first to Berlin, where he is expected to call for a more muscular global security role from Germany, Europe’s largest economy. Germany remains hesitant to deploy troops abroad, seven decades after the end of World War Two.
„He will encourage Germany, under the firm leadership of the minister of defense, to increase their security role in the world, commensurate with their political and economic weight,“ a senior U.S. defense official said, speaking on condition of anonymity.

berichtet Reuters aus der US-Hauptstadt.

Carter will auch, so brieften seine Mitarbeiter die Journalisten, von den europäischen Verbündeten ein anderes Denken verlangen – eben nicht eine Rückkehr zum Kalten Krieg, sondern die Einstellung auf andere Formen der Auseinandersetzung, eben die inzwischen in jeder Rede erwähnte hybride Kriegführung. Und er will Näheres mitteilen zu der geplanten Vorausstationierung von US-Gerät im NATO-Osten (ein Thema übrigens, das nicht erst seit der Veröffentlichung in der New York Times vor einer Woche akut ist. Die Bundesregierung weiß von diesen Plänen seit Januar – vielleicht muss ich die Fakten noch mal aufschreiben).

Nachtrag: Associated Press setzt – vermutlich nach dem selben Briefing wie Reuters – einen etwas anderen Schwerpunkt.

(Foto: Members of Team Southcom gather around Secretary of Defense Ash Carter during a reception held after the opening ceremony of the 2015 Defense Department Warrior Games at the National Museum of the Marine Corps in Quantico, Va., June 19, 2015 – DoD Photo by Glenn Fawcett)

65 Gedanken zu „US-Verteidigungsminister in Europa: Mehr Erwartungen an die Deutschen

  1. @csThor/Polen: Genau das war mein Punkt. Danke für die Klärung.
    Soweit ich die Bedingungen unserer US-Freunde mitbekommen habe (Bitburg/Spangdahlem), ist es für die amerikanischen Familien auch nicht wirklich lustig dort „in the middle of no-where“ zu landen. Offenbar galt die Eifel zumindest in früheren Jahren als „das“ assignment fürs Kinderkriegen und die dortigen US-Krankenhäuser als „die“ Spezialisten in Geburtshilfe unter den US-Militärkrankenhäusern. Im Übrigen waren die Streitkräfte mKn auch ziemlich rigide im Umgang mit ihren Leuten, wenn es um die globale Verschickung nach Bedarf ging. Kurzum: Dass die US-Forces mit ihren Leuten anders umgehen, trifft wohl zu. Aber wirklich besser als die BW? Das scheint mir doch ein bißchen zweifelhaft.

  2. Es ist ja gut möglich, dass die Putinsche Aufrüstung (Stichwort Nuklearwaffen) vor allem auch einen innenpolitischen Zweck verfolgt (ehemals: „Kommunismus im Schützengraben“ hieß das mal ursprünglich). Dann sind die amerikanischen Vorrausdepots eine objektiv angemessene und defensive politische Maßnahme. Das Problem ist, dass der staatlich gesteuerte russische Propagandaapparat daraus subjektiv eine massive Bedrohung durch die Amerikaner konstruiert. Da kann man nicht viel machen, die USA sind (tlw. selbst verschuldet) eine ideale Bedrohung für Putins Innenpolitik.

    Wieder ein Argument mehr für ein vermehrtes Engagement der europäischen NATO-Länder. Die Amerikaner haben damals für ihre POMCUS gleich einen Divisionssatz Material zusätzlich beschafft. Wieso sollte die Bundeswehr nicht dasselbe in Brigadestärke tun, wenn das Material sowieso auf 100% gebracht werden soll? Zumal unsere Wirtschaftskraft seit 1980 ungefähr 1,5 mal so hoch ist, wie damals und damals hat man sich 2000 Leo2 plus alles drumherum geleistet. Auch wäre es kein Problem ein paar hundert Marder in Betrieb zu halten. Ein Marder ist immer noch besser als kein SPZ.

  3. @ Sachlicher

    Ende letzten Jahres hat – im Zuge des NATO Gipfels und der dort beschlossenen (und nicht beschlossenen) Dinge – die PIS in Form des (noch lebenden – ich konnte die beiden Zwillinge nie auseinanderhalten) Kaczynski klargestellt, daß sie eine Stationierung deutscher Verbände in Polen kategorisch ablehnt, und zwar mit der Formulierung daß „… erst sieben Generationen vergangen sein müßten, bevor wir darüber auch nur nachzudenken bereit sind …“ Ja, es gibt diese Bedenken/Ressentiments (wie auch immer Sie das nennen wollen) und sie finden zumindest teilweise in der PIS ihren Widerhall. Daß Duda Komorowski als Staatspräsident ablöst hat zwar andere Gründe, doch dieser hat bereits „markige Worte“ in Richtung Berlin gesprochen, die zumindest ein Fingerzeig für die Richtung geben, in die die PIS (wieder) zu gehen gedenkt.

  4. Ob die Polen eine dauerhafte Stationierung deutscher Verbände in Polen wollen oder nicht, können wir hier getrost dahingestellt sein lassen, weil die Deutschen keine dauerhafte Stationierung dort anstreben. Können wir diesen OT damit endgültig beerdigen?

  5. Wehrbeauftragter spricht im Zusammenhang mit Carter-Vortrag und Besuch beim I. DEU/NLD -Corps von „Mangelverwaltung“ und „zusammengekratztem Gerät“ bei VJTF-Übung. Konkret fordert er mehr KPz und explizit mehr als die 350 geplanten SPz Puma. “ … Bundeswehr ist ihren NATO-Aufgaben nicht gewachsen.“
    Alles gem ZDF-heute.
    Recht hat er. Wär aber vorteilhaft gewesen, Gleiches in seiner Funktion im VgAussch zu fordern!

  6. @KPK

    Dass US-Bürger das Problem anders sehen, ist nichts neues, nur ändert das nichts an der Tatsache, dass einsatzfähiges Militär dort nur zu unsinniger Außenpolitik geführt hat. Solange dieser Unsinn unreflektiert weiter gemacht wird (Syrien, Irak), kann ich mit der amerikanischen Meinung leben.

    Und wenn die Niederländer mit unserer Haltung nicht leben können/wollen, warum reduzieren sie ihre Bodentruppen in einigen Bereichen gegen null und lassen sich von wem verteidigen?

    Ich persönlich bin gegen größere Auslandeinsätze deutscher Streikräfte und würde die EU Rüstung auf einem Level lassen, der für Russland ungefährlich ist, aber auch nicht zu Unsinn einlädt, mehr nicht.

    Wer mehr möchte, sollte dieses mit konkreten politischen Vorteilen begründen, ich erwarte da etwas mehr als die Meinung der USA.

  7. @Ulenspiegel
    Auch in den USA entscheidet meiner Beurteilung zufolge erst die Politik/Außenpolitik und ihr folgt das Militärische. Obwohl ich gern konzidiere, das Verhältnis ist dort entspannt bis innig. Dort wird eben Militär als Teil der Politik gelebt, bei der weltweiten Verantwortung der USA geradezu zwangsläufig und m.E. absolut richtig.
    Zu den NLD, ich muss das jetzt mal rauslassen, da meine gewisse Affinität augenscheinlich ist, war dort fünf Jahre als HVO, verhält es sich mit den SK absolut marktwirtschaftlich. Der NLD Staat und der „Holländer“ steht zu seinen ‚militairen‘ . Man leistet sich aber nur, was der Haushalt hergibt. Wenn’s im Budget nicht hinkommt, wird abgebaut, aber rigoros.
    Beispiele:
    – 2002 – 03, Auflösung PzJgTr und PzMrs; ab 2004 wieder Geld da, Neuaufstellung mit anderen Waffen und Fz, da altes Gerät verkauft war. (Tauchte beim ‚arabischen Frühling‘ in Kairo wieder auf)
    – 2005 kam’s finanziell richtig dick; Auflösung mechBrig 41, Standort Seedorf (jetzt x31)
    Gibt mehr Beispiele in Lw und Marine.
    Das Pers der Brig 41 hatte EIN Jahr Zeit, sich innerhalb der SK auf andere DP zu bewerben, danach „tschüss“ mit 50% für zwei Jahre.
    – das außerordentliche Engagement der NLD beim Korps in Münster ist AUCH (!) finanziell hinterlegt. Ohne das deutsche Heer hätten die NLD kein 3-Sterne-Kdo. Es gibt – im NLD Heer – drei Brig, keine Div und sonst nur NATO.
    Um ihre Frage zur NLD-Haltung zu beantworten, hoffe das zuvor gesagte gibt Hinweise, die NLD lehnen sich an die deutsche Rahmennation an, dann kann getrost reduziert werden. Auch die Ustlg „11 luchtmobiele brigade“ unter DSK rechnet sich, zuvorderst für die „landmacht“, wie das Heer dort heißt.
    Nichts, gar nichts gegen NLD, aber es sind smarte Kaufleute.

  8. @Klaus-Peter Kaikowsky

    “ Dort wird eben Militär als Teil der Politik gelebt, bei der weltweiten Verantwortung der USA geradezu zwangsläufig und m.E. absolut richtig.“

    Und genau das sehen in Europa, Deutschland und in Teilen nun auch viele in den USA anders. Verantwortung, weltweit für was, für wen?
    Es ist nicht alles schlecht, doch würde Europa oder China militärisch auftreten wie die USA, dann hätten wir längst noch mehrere Irak, Libyen, AFG und vieles mehr.
    Europa hat den schwierigeren Weg, Geschichte und Geographie.
    Deshalb sind wir anders und handeln anders.
    Auch wir in Europa müssen lernen und uns auf neue Herausforderungen einstellen, doch wir müssen eben mehr Rücksicht nehmen und Kompromisse eingehen und das ist gut so.

  9. Der CDU-Außenpolitiker Karl Lamers sagte, die Europäische Union müsse einen Militärschlag der USA gegen Irak verhindern. Es sei unwahrscheinlich, dass Staatschef Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen an Terroristen weitergebe. Nur wenn Europa mit einer Stimme rede, könne dies verhindert werden, sagte er. Kanzler Schröder und der französische Präsident Jacques Chirac hatten gemeinsam auf dem deutsch-französischen Gipfel am Dienstag in Schwerin versichert, dass US-Präsident George W. Bush den Verbündeten Konsultationen für den Fall zugesichert habe, dass sein Land Pläne über einen Angriff auf den Irak hege. (01.08.2002 Spiegel)

    Was Europa fehlt ist Abstimmung und ein Bewußtsein der nichtmilitärischen Einflussmöglichkeiten, doch selbst Putin war überrascht wie (relativ) geschlossen Europa ist.

  10. Europa brennt, in Athen und in Brüssel, im Mittelmeerraum und ein wenig kokelt es schon in Osten, es riecht aber noch niemand.
    (Fehlende) Abstimmung und Bewusstsein zivilgesellschaftlich-politischer Einflussmöglichkeiten stoßen an ihre Grenzen und Gesellschaft sowie die Gewählten erkennen, wie gering die tatsächliche Machtfülle ist.
    Herr Putin, Herr Poroschenko und Konsorten rücken gefühlt ins dritte Glied der Prio-Liste. Wen außerhalb dieses Blogs, der Leitartikler und hoffentlich der SK interessiert das, was hier als Rahmennation, VJTF usw mit Verve diskutiert wird. Und dabei hängt alles mit allem zusammen Grexit, Mittelmeer und Putin, weil alles Europa umfasst.
    ICH bin froh, dass hinter uns die US-Army steht,

  11. @ Zimdarsen

    Und genau das sehen in Europa, Deutschland und in Teilen nun auch viele in den USA anders. Verantwortung, weltweit für was, für wen?

    Bravo Zulu. Diese Frage möchte ich auch gern mal beantwortet haben. Deren Protagonisten verweisen in ihren Aussagen und Schriften immer auf so eine „Logik“, die sich für mich weder erschließt noch irgendeinen Sinn macht. Argumente, und zwar echte Argumente, vermisse ich in solchen Traktaten.

Kommentare sind geschlossen.