Hart an der (russischen) Grenze: NATO-Parade in Narva, Estland

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Das Ereignis war bereits am (gestrigen) 24. Februar, in den (deutschen) Medien schlägt es sich erst heute nieder: Zum 97. Nationalfeiertag der Unabhängigkeit Estlands gab es eine Militärparade – nicht etwa in der Hauptstadt Tallinn, sondern in Narva, direkt an der russischen Grenze. Und an dieser Demonstration nahmen neben estnischen Einheiten auch etliche Soldaten anderer NATO-Staaten teil, unter anderem aus den Niederlanden und Spanien (und eben nicht nur aus den USA und Großbritannien, wie die bislang überwiegend britischen und amerikanischen Meldungen, siehe unten, suggerieren).

Das Hauptaugenmerk richtete sich natürlich darauf, dass diese Parade in diesen Zeiten nur wenige hundert Meter von der Grenze stattfand, die nicht nur die ehemalige Sowjetrepublik Estland von Russland trennt, sondern auch Russland von der NATO.

Aus Sicht des britischen Telegraph:

US and British army parade 300 yards from Russia border
US army vehicles and British soldiers paraded through the streets of an Estonian city just 300 yards from the Russian border yesterday, in a display of Western unity against the encroaching threat from Moscow.
Armoured vehicles from the US Army’s Second Cavalry Regiment and British troops were officially taking part in a military parade marking Estonia’s Independence Day, but the choice of location was deeply symbolic.
The city of Narva sits in the easternmost part of Estonia, where the country’s border juts out into Russia, and has been cited as a potential target for the Kremlin if it should turn its attention from Ukraine to the Baltic states.

Ähnlich von der Washington Post:

U.S. military vehicles paraded 300 yards from the Russian border
U.S. military combat vehicles paraded Wednesday through an Estonian city that juts into Russia, a symbolic act that highlighted the stakes for both sides amid the worst tensions between the West and Russia since the Cold War.
The armored personnel carriers and other U.S. Army vehicles that rolled through the streets of Narva, a border city separated by a narrow frontier from Russia, were a dramatic reminder of the new military confrontation in eastern Europe.

Die Niederlande waren übrigens mit Schützenpanzern dabei und zeigen davon auch Bilder und ein Video auf der Webseite ihres Verteidigungsministeriums. Damit wollten sie Solidarität mit Estland in der derzeitigen Sicherheitslage demonstrieren wollen – ein Zeichen dafür, dass nicht nur die USA und Großbritannien eine dramatische Verschlechterung sehen.

Und der Vollständigkeit halber dazu die Ansprache des Kommandeurs der estnischen Streitkräfte (zum Glück auf Englisch) hier.

(Ein Nachtrag aus journalistischer Sicht: Auffällig ist, dass die ganzen Meldungen zu dieser Parade erst mit einiger Verzögerung, also am Tag danach, kommen. Und dass offensichtlich alle Fotos von diesem Ereignis von den estnischen Streitkräften stammen. Das wirkt fast so, als hätte Estland das vorher nicht so publik machen wollen… Ich kann mich irren, Belege für Meldungen/Fotos gestern gerne in den Kommentaren.)

Und, um Verwirrung vorzubeugen, ist noch ein Hinweis nötig: Das Foto oben zeigt niederländische CV90-Schützenpanzer, hinten ist auch der Leopard-Bergepanzer erkennbar. Die US-Flaggen im Bild gehören zu den Stryker, die auf diesem Bild besser erkennbar sind:

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Zu der in den Kommentaren schon mehrfach gestellten Frage, warum keine Deutschen dabei sind: Vermutlich, weil derzeit keine deutschen Soldaten zu Übungen oder aus anderen Gründen wie dem Baltic Air Policing in Estland anwesend sind. Und, auch das taucht an verschiedenen Stellen auf: Wenn man diese Parade so hart an der russischen Grenze kritisch sehen will (was man durchaus kann), dann muss diese Kritik allen beteiligten NATO-Streitkräften gelten. Und nicht nur den USA, die ja auf Konfrontationskurs zu den Europäern gingen, was ich auch schon gelesen habe. Die verlinkte Webseite des niederländischen Verteidigungsministeriums spricht da eine deutliche Sprache.

Nachtrag: Einen Tag nach der Parade in Narva gibt es Meldungen über eine Übung russischer Fallschirmjäger in der Region (hier die erste Meldung von AFP, hier die darauf basierende SpOn-Meldung). Ob es tatsächlich eine Reaktion auf das Ereignis in Estland ist, ist Spekulation (und vermutlich eher unwahrscheinlich, weil auch solche aus russischer Sicht kleineren Übungen mit 2.000 Soldaten einen gewissen logistischen Vorlauf brauchen dürften). Andererseits: vielleicht auch nicht, und darin liegt ein Demonstrationscharakter? (Ich weiß es tatsächlich nicht.)
Letzter Nachtrag zu diesem Thema: Es empfiehlt sich, auch die Rede des estnischen Präsidenten zum Unabhängigkeitstag zu lesen:

Exactly a year ago, events started to unravel about a thousand kilometers south of us. Today the entire post-Cold War security structure of Europe has been destroyed. Is there any other possible interpretation of the occupation and annexation of Crimea?
If we examine these matters from the Estonian viewpoint, without using foreign policy terminology, we can say that the former inner sense of security has been disrupted. Questions are being asked in our newspapers and in our homes that we have not heard since the restoration of our independence.
A war is underway in Ukraine. People are being killed there every day. Even now. This is a new type of war, in which one clearly proven combatant is openly using the newest weapons while denying everything.
One the main characters in this war is Untruth. For almost an entire year, Europe also kept saying that, despite all the proof, „separatists“ were involved. In other words, recalling George Orwell’s timeless perception, peace is again war and a ceasefire actually murderous artillery fire.
To date, the democratic world has limited itself to sanctions and supported Ukraine morally, politically and economically. I hope that this moral backbone remains strong. We need to feel secure that Europe’s current consensus will continue. Because, Europe may not want war, but the war in Ukraine is a reality regardless of what we want.
If Europe can learn anything at all from the past, it is that concessions only cause the aggressor’s appetite for new demands to increase.
The Chamberlains of the world bring messages of peace, but not peace itself.
Who should be more familiar with these cold currents than Estonia? Among other things we know that Estonia and the other Baltic states are not the next „Ukraine“, although some people think it trendy to say so. Luckily, they are wrong, just as they were wrong only a few years ago, when we were admonished for our supposedly baseless phobias.
Estonia is protected. As we saw in today’s parade, the NATO allies are in Estonia. The security of Estonia and NATO is integrated – with its presence in Estonia, NATO is defending itself. Europe and the NATO allies have a greater consensus regarding security questions than ever before in the last quarter century. The deployment of allied forces to the border countries of the alliance is an answer to the new reality. Estonia has a battle-ready Defense Force and a militia with a strong will to defend – the Defense League.
A few days ago, I heard a Ukrainian parliamentarian say he thought that Estonia had just been lucky. That we became free and immediately got into NATO.
But our achievements to date have not simply fallen into our lap. We did not have a pre-determined road to Arcadia marked with blinking lights. In the garden of forking paths, we had the wisdom to choose the one that has brought us here.
Because we are painfully aware that Estonia is our last refuge.
Nothing is pre-determined. Getting into NATO and the European Union, like the withdrawal of the Russian military forces from Estonia, was the result of the single-minded efforts of many people. We are eating the fruits of these efforts today, and every day we are growing more – together.

 

(Fotos: Estonian Defense Forces)

62 Gedanken zu „Hart an der (russischen) Grenze: NATO-Parade in Narva, Estland

  1. @Closius
    Nunja, Chaimberlain … man sagt auch, daß das auf Zeitgewinn aus war, da GBR 1938 überhaupt nicht kriegsfähig war. Somit: Playing for time … History repeats itself – vielleicht.

  2. @b: Lieber Freund, warum reden Sie hier unter Freunden nicht offen und sagen ganz einfach:
    – Die russischen Faschisten („Förderalisten“) schießen nur in friedlicher Absicht auf Mariupol.
    – Die Ukrainer und andere nicht-russische Minderheiten der ehemaligen UdSSR wie die Balten lehnen sich in so aggressiv anti-russischer Absicht an den Westen an, dass den Russen gar nichts anderes übrig bleibt, als sich gegen die falschen Ansichten dieser Leute mit Gewalt zu verteidigen. Schließlich haben die Russen ein genauso legitimes Interesse an der Herrschaft über diesen Raum bis hin zur polnischen Grenze wie seinerzeit die Nazis am Lebensraum im Osten. Da müssen die Russen doch einfach ein paar Millionen Leute umlegen. Das ist russische Seele. Die muss man eben verstehen.
    Sagen Sie das doch einfach mal ganz offen.

  3. @ die im Zurückblick verharrenden Landser-Heftchen Strategen
    Es ist nur peinlich und fehlenden Realitätssinn attestierend, dass immer dann wenn hier geografische Gebiete zum Thema werden, in denen die Wehrmacht oder zugeordnete Einheiten tätig waren, von den damaligen Gegebenheiten auf heute nötige Handlungsweisen geschlossen wird, sowie museale Ausrüstung, Uniformen und Traditionen mit großer Ernsthaftigkeit aus der Klamottenkiste gezogen werden. Damit ist niemanden heute geholfen, und jeder der eine Antwort auf hybride und asymmetrische Kriegsführung sucht kann sich nur entsetzt abwenden.

    Wie soll in diesem Zusammenhang die Äusserung verstanden werden, „DEU hat z.B. einen reichen Erfahrungsschatz im Partisanenkampf“. Sollte damit das damalige Vorgehen gegen Partisanen (evtl. heutige Separatisten) gemeint sein, wäre das Resultat extrem kontraproduktiv. Sollte aber gemeint sein, die Denkweise und die Notwendigkeiten eines Partisanenkampfes verstanden zu haben, könnte uns das weiterbringen.

    @ all Wenn man schon einen Blick zurück wirft, um eine qualifizierende Einschätzung der Art der Auseinandersetzungen zu bekommen, müsste man einen niederschwelligen Konflikt aus der Zeit vor der Haager Landkriegsordnung mit der Existenz von KSZE-Beobachtern kombinieren – und das ist seht bizarr.

  4. @Zivi a.D.: Nicht zu vergessen die unglaublichen Wohltaten, die die russische Herrscher verschiedenster Coleur jahrhundertelang ihren osteuropäischen Untertanen haben zuteil werden lassen. Angesichts dessen ist deren Verhalten eine Frechheit, die nur mit Waffengewalt beantwortet werden kann!

  5. @ Closius

    „Denn der Vergleich mit der Politik von Chamberlain müssen die Kanzlerin und Außenminister Steinmeier fürchten.“

    Wohl kaum. Hierzulande käme eher die Gegenfrage „Wer? War der bei DSDS?“. Mit der Chamberlain-Titulierung zu wedeln mag für chickenhawks aus Washington ein gern genutztes Druckmittel sein, nur hier in Deutschland dürfte das kaum einen kratzen. Und somit dürfte es wahltaktisch und politisch die Eiche (Merkel) nicht stören, wenn sich die Sau (McCain & Co) an ihr scheuern.

  6. @es-will-merr-net-in-mei-Kopp-enei

    Das soll nur heißen, daß das Thema „Bandenbekämpfung“ für deutsche SK nicht neu ist, so wie auch die USA, FRA und GBR umfangreiche Erfahrungen damit haben.

    Im übrigen war das im kalten krieg ein „Dauerbrenner“.

  7. Closius | 25. Februar 2015 – 14:20,

    bei den auf dem Foto abgebildeten US-Kräften handelt es sich um Teile 2nd Cavalry Regiment. Heute umgerüstet zu einem „Stryker Brigade Combat Team“. Bei dem abgebildeten Fahrzeug handelt es sich um den M1126 Stryker ICV.

    Der seit 1836 ununterbrochen bestehende, traditionsreiche Verband erlangte 1991 während des Golfkrieges „Berühmtheit“, als er auf eine Panzerbrigade der irakischen Tawalkalna-Division stieß und sie in dem Gefecht von „73 Easting“ vernichtend schlug. Dabei tat sich auch einer der Offiziere des Regiments, der heutige Kommandeur des US-Ausbildungszentrums Fort Benning, GenLt McMaster hervor.

    Das Regiment verfügt also über Erfahrungen in der Bekämpfung von Panzern russischer Bauart. Ob man allerdings mit der heutigen Stryker-Ausrüstung genauso erfolgreich ist, wie damals bei „73 Easting“, dürfte zweifelhaft sein. Könnte mir vorstellen, dass man jetzt den „Abrams“ gerne zurück hätte.

  8. Das Bedrohungsgefühl der Menschen im Baltikum beruht übrigens nicht (nur) auf der Geschichte des letzten Jahrhunderts, sondern (auch) auf jüngeren Angriffen Russlands, z.B. der E-Attacke auf Estland oder der Entführung des estnischen Verfassungsschutzagenten Eston Kohver.

  9. to Klabautermann 11:46

    Na das ist doch FEIN, dann kann die „russische gehobenen Mittelschicht“ auf Zypern endlich mal zum „open ship“ gehen und sich ein bisschen was aus der Heimat mitbringen lassen.

  10. @T.Wiegold

    bzg ihres Emmerich Zitats. Das kannte ich nicht aber ich sehe auch nicht das es meinem Text widerspricht.

    Ich bezog mich, gar nicht „arg verkürzt“, auf die zwei folgenden Emmerich Tweets:
    https://twitter.com/DEmmerich/status/570170275859447808
    https://twitter.com/DEmmerich/status/570180351424749569

    /Zitat/
    50 km von #Donezk im Hinterland. Wir sehen Kolonne mit schweren Waffen, die Separatisten von Front abziehen
    /Zitatende/
    und
    /Zitat/
    Makeewka, nahe #Donezk… Wir sehen weitere Kolonne mit Haubitzen, die von der Front abgezogen werden #MinskSummit
    /Zitatende/

    Das waren doch ziemlich eindeutige Aussagen von ihm und nur die habe ich widergegeben.

    @Zivi a.D.

    Auf Dummbratzigkeiten antworte ich mit Pups.

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