13 Jahre Bundeswehr in Afghanistan: Die offiziellen Rückblicke

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Nach 13 Jahren Bundeswehreinsatz am Hindukusch, nach dem am (gestrigen) Sonntag offiziell verkündeten Ende der ISAF-Mission gibt es jetzt auch die offiziellen deutschen Rückblicke. Unter anderem als Video der Bundeswehr (Screenshot oben) und als Offener Brief der an der Afghanistan-Mission beteiligten deutschen Ministerien – und das sind nicht nur Verteidigung und Auswärtiges.

Das Video gibt es hier http://youtu.be/lrPpaPSt3b4 (die Bundeswehr möchte nicht, dass es anderswo eingebettet wird, also kann ich es hier nicht direkt zeigen). Eine interessante Tour durch 13 Jahre Einsatz – obwohl ich mich frage, warum wesentliche Wegpunkte wie der Anschlag mit den ersten Gefallenen in Kabul, der Luftschlag vom Kundus im September 2009 oder das Karfreitagsgefecht 2010 nur am Rande erwähnt werden, wenn überhaupt.

und der gemeinsame Offene Brief der Verteidigungsministerin und der Minister für Auswärtiges, Inneres und wirtschaftliche Zusammenarbeit:

Der 11. September 2001 hat die Welt erschüttert. 3 000 Tote beim Anschlag auf das World Trade Center; Anschläge islamistischer Attentäter auf Bali, Djerba und in Casablanca. Überall dort wurden auch Deutsche zu Opfern. Auch Europa ist nicht verschont geblieben. Hunderte starben bei Anschlägen in London und Madrid. Die Blutspuren der Attentäter hatten ihren Ausgang in den Trainingscamps von Afghanistan. Die Weltgemeinschaft versammelte sich gegen die terroristische Bedrohung und der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verabschiedete ein Mandat mit dem Ziel, dass Afghanistan nicht ein Ort bleiben würde, an dem der internationale Terrorismus ungestört rekrutieren, ausbilden und Anschläge planen kann. Auf dieser Grundlage begann 2001 gemeinsam mit 40 anderen Nationen unser Engagement in Afghanistan.
Nun endet dieser Tage mit dem ISAF-Einsatz das umfänglichste Engagement deutschen Militärs in der Geschichte der Bundesrepublik; Anfang 2015 beginnt die Ausbildungs-, Beratungs- und Unterstützungsmission „Resolute Support“. An der Seite unserer Verbündeten waren unsere Soldatinnen und Soldaten über 13 Jahre in Afghanistan eingesetzt, weitab der eigenen Landesgrenzen. Ihr Auftrag das Land zu stabilisieren, auch wenn nötig zu kämpfen, wurde verantwortet von unterschiedlichen Bundesregierungen und immer breit mandatiert vom Deutschen Bundestag.
Das deutsche Engagement in und für Afghanistan war und bleibt vielfältig und nachhaltig: Neben unserer militärischen Präsenz sind unzählige deutsche Diplomatinnen und Diplomaten, Polizistinnen und Polizisten sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit seit Jahren bemüht, das tägliche Leben und die Zukunftsperspektiven der Afghaninnen und Afghanen zu verbessern und zur Versöhnung in diesem leidgeprüften Land beizutragen.
Die Bundesregierung handelt nach dem Verständnis, dass Sicherheit, Entwicklung und ein inner-afghanischer Versöhnungsprozess entscheidende Faktoren sind, die Afghanistan eine Zukunft in Stabilität und Prosperität ermöglichen können. Geleitet von dieser Überzeugung, wurden in den vergangenen Jahren beachtliche Fortschritte erzielt, die für die Menschen unmittelbar spürbar sind.
So hat sich das Bruttoinlandsprodukt Afghanistans seit 2001 mehr als versechsfacht. Mehr Menschen als jemals zuvor haben heute Zugang zu sauberem Wasser und Strom, zu ärztlicher Versorgung und zu Bildung. Ihre Lebenserwartung ist erheblich gestiegen. Mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft wurden Straßen, Schulen, Krankenhäuser oder Kraftwerke gebaut; andere Infrastruktur wurde wieder hergerichtet. Und es gibt erste Fortschritte beim Aufbau von Verwaltung und rechtsstaatlichen Strukturen.
Gewiss haben wir auch gelernt: Von anfänglich zu hohen Erwartungen, manchen zu ambitionierten Vorhaben, vielen noch unerledigten Projekten. Die Bekämpfung von Korruption und Drogenproduktion erfolgt bis heute nur schleppend. Die Sicherheitslage ist zwar deutlich besser als zu Beginn der ISAF-Mission, aber weiterhin fragil.
Vor allem aber können wir feststellen: Von Afghanistan wirkt kein Terror mehr in die Welt, wie es unter der Schreckensherrschaft der Taliban im Vorfeld der Anschläge des 11. September 2001 der Fall war.
Deutschlands Engagement in Afghanistan ist hoch geschätzt, respektiert und anerkannt – bei den Menschen in Afghanistan ebenso wie bei unseren internationalen Partnern und Verbündeten. Ohne die außergewöhnliche Einsatzbereitschaft unserer Diplomaten, Polizisten, Entwicklungsexperten und Soldaten, ohne das persönliche Engagement dieser Frauen und Männer vor Ort – oft unter schwierigen und teilweise sehr gefährlichen Bedingungen – wäre aus Ideen und Konzepten nie Wirklichkeit geworden, wären die Fortschritte bei Stabilität und Entwicklung und damit auch ein Sicherheitsgewinn für uns nicht möglich gewesen.
Zum Ende des ISAF-Einsatzes der NATO und dem Beginn der neuen Ausbildungs-, Beratungs- und Unterstützungsmission „Resolute Support“ ist es an der Zeit, Danke zu sagen. Gemeinsam und öffentlich bedanken wir uns bei all denen, die in unserem Auftrag, unter Inkaufnahme großer Härten für sich und ihre Familien, das Bestmögliche für unsere Sicherheit und für ein stabileres und zukunftsfesteres Afghanistan erreicht haben.
Unsere Gedanken gelten auch den Familien und Freunden derer, die in Afghanistan ihr Leben lassen mussten oder mit Verwundungen an Körper oder Seele zurückgekehrt sind. Wir werden sie nicht vergessen, ihnen gelten weiterhin unsere Gedanken und unsere Sorge.
Gezeichnet durch
Bundesminister des Auswärtigen Amts
Dr. Frank-Walter Steinmeier
Bundesminister des Innern
Dr. Thomas de Maizière
Bundesministerin der Verteidigung
Dr. Ursula von der Leyen
Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Dr. Gerd Müller

Nachtrag: Und noch eine Art offizieller Rückblick – nämlich von Seiten der Taliban (Da man bei solchen Webseiten nie weiß, wie lange sie auffindbar sind, auch hier der Wortlaut):

Statement of Islamic Emirate regarding the end of the failed ISAF mission in Afghanistan
Some 13 years from today the United Nations under the order and pressure of America created an invading military force consisting of troops from 42 nations classifying it as ISAF or Peace Keepers!! then dispatched it to Afghanistan to terrorize, bomb and kill.
The savagery and crimes committed under the shadow of this force in Afghanistan and unfortunately the ‘Peace Keepers’ as labeled by the United Nations are not hidden from anyone.
Thousands of innocent Afghans, women, children were burnt in the fire of barbarism and cruelty of these so called Peace Keepers, their homes were destroyed, people were displaced, the country was drowned in a pool of blood and this process is incessant to this day because of these invaders and their stooges.
We consider the creation of the ISAF military force as beginning of an oppressive mission, manipulating the United Nations by carrying out vile duties for American interests in the twenty first century.
Today ISAF rolled up its flag in an atmosphere of failure and disappointment without having achieved anything substantial or tangible and transitioned to a new mission by hoisting the meaningless flag of Resolute Support. We consider this step a clear indication of their defeat and disappointment. Even though arrogant forces can never summon the courage to proclaim their own defeat however the world understands that a mission which failed to subdue and domesticate the valiant Afghan nation despite being equipped with arms, money and state of the art technology and is now announcing end of its combat mission demoralized and with lowered heads can never truly provide ‘Resolute Support’!!? to its lackeys while it has failed to capitalize on all chances, America is exhausted, the western military machine has malfunctioned and has been drawn into many theaters worldwide.
America, its invading allies, ISAF, NATO along with all international arrogant organizations have been handed a clear cut defeat in this lopsided war. Tens of thousands of soldiers were killed and wounded, billions of dollars wasted, their nations were exhausted, their countries faced economic turmoil and even recession, their Generals failed one after the other and they lost their stature and prestige internationally.
Evolving missions and changing titles is neither success nor some achievement for ISAF, NATO and America. They have nothing left except empty talk on stages, lies and deceits to try and mislead their nations.
Hollow rhetoric and meaningless talk will never permanently fool nations. Perhaps their own people have now realized that invading Afghanistan and commencing combat missions was butting heads with mountains and the most idiotic decision in modern history.
We are of the belief that our nation will continue strengthening the trenches of Jihad, the demoralized American built forces will constantly be dealt defeats just like their masters and independence shall be achieved and a way paved for the establishment of a pure Islamic system by expelling the remaining invading forces unconditionally.
We cannot be fooled by transition of ISAF missions or by changing the name of NATO missions. Our courageous nation shall continue its Jihad and struggle so long as a single foreigner remains in Afghanistan in a military uniform and the remaining enemy plots like the former will be also pushed to the edge of defeat and disappointment, Allah willing.
Islamic Emirate of Afghanistan
06/03/1436 Hijri Lunar
07/10/1393 Hijri Solar
28/12/2014 Gregorian

 

17 Gedanken zu „13 Jahre Bundeswehr in Afghanistan: Die offiziellen Rückblicke

  1. Das Video ist ein einprägsames Beispiel für politischen Realitätsverlust.
    Natürlich muss man die Dinge als politisch Verantwortlicher nicht negativ beschreiben, aber die Vorstellung der Ministerin wir seien durch den ISAF-Einsatz ein weithin geachteter Verbündeter ist etwas viel rosarote Brille – ich gehe sogar davon aus, dass sie das wirklich glaubt (siehe die bisherige Diskussion hierzu: http://augengeradeaus.net/2014/12/nach-13-jahren-ende-der-isaf-mission-in-afghanistan/#comment-170001).

    Ebenso interessnat finde ich den Hinweis in einem anderen Thread auf den Umgang der militärischen Führung mit dem Busanschlag in Kabul:
    http://augengeradeaus.net/2014/12/kleine-blog-statistik-prioritaeten/comment-page-1/#comment-170018

    Ich kann aber keinerlei Bereitschaft erkennen die großen Wegmarken des Einsatzes (Busanschlag, Übernahme PRT KDZ u. FEY, Übernahme RC-N, Tod von HptFw M. Maier, Tod von Sergey Motz (29. April 2009), Tanklaster, Karfreitag 2010, etc) auch nur ansatzweise auszuwerten.

    Über all die Probleme wird die große „Reifeprüfung erfolgreich absolviert“-Soße drüber gelehrt (siege FAZ.net, „Am Ende einer Reifeprüfung“).

    Wen interessiert schon noch was schief lief?
    Der Teppich unter den das alles intern (!) gekehrt wurde ist sehr, sehr groß.

    Diese fehlende Lernbereitschaft wird uns sehr bald einholen.

  2. Es geht ja im Video schon gut los:
    „.. Für die Bundeswehr beginnt damit ihr bislang größter und längster Einsatz …“

    Da scheint es unterschiedliche Vorstellungen von Dauer und Größe zu geben.

    @Memoria:
    Ja, den großen Teppich hatte doch damals extra ein Minister aus AFG mitgebracht.

  3. @Memoria: Erwarten Sie etwa Realitätsbewußtsein? Sicherlich nicht. Da hätte man in der Vergangenheit öfters den unliebsamen T.W. nach AFG mitnehmen müssen, statt irgendwelche „schrägen Postillen“, welche besser zur oberflächlichen Corporate Identity passen!

  4. @O. Punkt:
    Danke. Jetzt verstehe ich das mit dem Teppich…

    Aus meiner Sicht ist KFOR in Sachen Größe und Dauer „vorne“ (6.440 Mann bei Obergrenze von 8.500 Mann (1999), 15 Jahre Einsatz).

    Aber bitte wer interessiert sich bei solchen Dingen denn für Fakten.

    Declare victory, go home – and forget.

  5. Einige Dinge die werden im BW Film ja angedeutet, für deutsche amtliche Verhältnisse schon recht deutlich.
    Mir fällt da zB noch die Äußerung aus dem Bundeswehrverband über die „gestelzten Wendungen“ ein. Einen schrillen Aufschrei löste auch die die Aussage aus: „Wir befinden uns in einem Krieg gegen einen zu allem entschlossenen, fanatischen Gegner“, und das 2008, als die Verlustliste schon ziemlich lange war! Dann noch die öffentliche Diskussion um die Gefechtsmedaille und das Ehrenmal. Dann die grotesken „Rules of Enagement“.

    Moment mal: Im offenen Brief der Verteidigungsministerin ua Minister steht leicht pathetisch etwas über den Ausgang der Blutspuren der Attentäter in den Trainingscamps von Afghanistan?
    War da nicht auch mal was im deutschen Hamburg? Hatte nicht Deutschlands Politik bereits dabei versagt, den Übergebliebenen der Hamburger Zelle die Sozialhilfe zu entziehen? Irgendwie kann ich der Politik ihre Legende zum Kriegseintritt nicht so richtig abnehmen.
    Ob es nicht eher um Aktionismus ging, das ist aber meine private Spekulation.
    Etwa um lukrative Aufträge für den Wiederaufbau (im ersten Golfkrieg gabs da ja die sehr verstimmten Amis), oder darum, von den offenen Baustellen hierzulande abzulenken?
    (Seelischer Stuhlgang Ende: merke gerade, wie ich mich in Rage schreibe, Stoff wäre ja noch genu da …)

  6. @Memoria

    So weit ich weiß… nein. (Aber das erinnert mich daran, dass ich noch eine Mine Wolf Geschichte machen wollte… )

  7. @all

    Den quasi offiziellen Rückblick der Taliban habe ich als Nachtrag oben angehängt.

  8. Beide – unsere Minister und die Taliban – haben zugleich recht und auch nicht recht. Beide Schreiben zeigen auch den Realitätsverlust ihrer Autoren oder vielmehr ihre Realitätsverweigerung.
    Man hätte viel mehr Fragen stellen müssen:
    1.) ist es richtig, die Afghanen zu einem System zu zwingen, dass sie nicht kennen?
    2.) ist es richtig, die afghanischen Völker, die sich feindlich gesonnen sind, weiterhin zu zwingen, in einem Staat zusammen zu leben, der weiterhin eine failing nation ist?
    3.) wäre es wirklich so falsch, auf afghanischem Boden mehrere Staaten gemäß der ethnischen Siedlungsgebiete zu schaffen?

    Das traurige ist, dass diese Fragen nie diskutiert, nicht einmal verworfen wurden!

    Und – die m.E. wichtigste Frage:
    4.) Da die Taliban ein offenkundiger Machtfaktor sind und zumindest in Teilen Afghanistans mehrheitsfähig sind – warum hat man nie mit ihnen verhandelt? Glaubt man denn wirklich, eine Friedensordnung, in die die Taliban nicht eingebunden sind, sondern in der sie nach wie vor nicht geschlagene Feinde sind, könnte den endgültigen Abzug der NATO (nach RSM) ernsthaft überstehen?

    Da ist es doch ganz klar, was 2016 oder 2017, wenn sich das Schauspiel des Abzugs von ISAF in klein mit RSM wiederholt, passieren wird. Wir haben die Uhren, sie haben die Zeit – und einen Termin haben wir wie auch sie.

  9. @PhH:

    Mit den Taliban wurde über die gesamte Periode verhandelt. Man wollte es nie zugeben, aber es ist dann doch öfter mal aufgeflogen.

  10. @Memoria
    zu: „Ich kann aber keinerlei Bereitschaft erkennen die großen Wegmarken des Einsatzes (Busanschlag, Übernahme PRT KDZ u. FEY, Übernahme RC-N, Tod von HptFw M. Maier, Tod von Sergey Motz (29. April 2009), Tanklaster, Karfreitag 2010, etc) auch nur ansatzweise auszuwerten.“

    Hierzu kann man noch den Verlust der CH-53 samt Besatzung zu Beginn des Einsatzes ergänzen. Auch dieses Ereignis hat viel ausgelöst und Nachwirkungen bis zum heutigen Tag.

    @all: Ich wünsche allen einen guten Rutsch ins Jahr 2015.

  11. „Den quasi offiziellen Rückblick der Taliban habe ich als Nachtrag oben angehängt.“

    Dieser Rückblick ist eine offene Kriegserklärung. RSM werden wir bald brauchen, resolut, aber nicht für die Afghanen, sondern um unsere Leute da rauszuholen.

  12. @Memoria
    TPz KAI kann sich mittelfristig nicht im Einsatz befinden. Das Projet befindet sich aber im (angepassten) Zeitplan. Die KpfmAbwKr sind derzeit „geschrumpft“, da auch Route Clearance derzeit kein Auftrag ist für DEU Kr.

    @Wiegold
    Warum Planung für nur Thema MineWulf? German Route Clearance Package ist doch viel interssanter, denn da bündeln sich die Einzelfähigkeiten zu einem Wirkverbund. (Struktur und Personal würden das Thema vertiefen)

  13. @Deacon:
    Vielen Dank für die Rückmeldung – so (Einsatz Q4/2014) war es halt vor einem Jahr noch geplant. Seither hat man wohl die Ktgt-Planung angepasst. Aber auch im Grundbetrieb ist es überraschend ruhig um das Thema geworden (auch von der Industrie).
    Der angepasste Zeitplan läßt ja erahnen, dass man wohl noch etwas Zeit braucht. Technisch ja auch durchaus anspruchsvoll.

    Ich teile die Ansicht, dass ein Gesamtüberblick zum Stand GRCP (und ggf. TPz KAI) interessant wäre. Denn die Struktur wird ja auch hier nicht ausreichend materiell befüllt werden können. Beim Personal wird es auch da nicht einfacher, oder?

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