Aus dem Einsatz lernen: Die Afghanistan-Verschwörer?

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Ab und an muss man sich auch mal gepflegten Verschwörungstheorien widmen. Was sehen Sie, geneigte(r) Leser(in), oben auf dem Foto? Klar, deutsche Soldaten in Afghanistan. Aber auch den Kern einer Verschwörung, die den Bendlerblock und damit die ganze deutsche Sicherheitspolitik bestimmt!

Zu dem Ergebnis kommen jedenfalls die MDR-Sendung Fakt und der Berliner Tagesspiegel in einer Koproduktion. Die Webseite dazu

Die Afghanistan-Connection

ist optisch wunderbar gemacht, alle Achtung. Für den Inhalt… würde ich da ein paar Fragezeichen dran machen. Um nur eines zu erwähnen: Wenn alle die Stabsoffiziere aus dem Einsatz am Hindukusch jetzt in einem Netzwerk Strippen ziehen, warum fehlt dann in der Aufzählung der Drei-Sterne-General Bruno Kasdorf, einst auch im ISAF-Hauptquartier und heute Inspekteur des Heeres? Auf der Connection-Startseite finde ich ihn jedenfalls nicht…

Aber die Leser hier haben bestimmt noch mehr dazu zu sagen. (Bereits aufgelaufene Kommentare verschiebe ich hierher.)

(Foto: Baghlan Province, Afghanistan, Aug. 13, 2011 – Incoming Observation Post North Commander Lt. Col. Peter Mirow poses with International Security Assistance Force Regional Command North Commander Maj. Gen. Markus Kneip and the outpost’s outgoing commander Lt. Col. Heico Hübner at the post’s change of command ceremony on Aug. 13 – RC North Mazar-e Sharif Public Affairs photo by Staff Sgt. Florian Krumbach via Flickr unter CC-BY-Lizenz)

113 Kommentare zu „Aus dem Einsatz lernen: Die Afghanistan-Verschwörer?“

  • Wilhelm Brendecke   |   09. Oktober 2014 - 17:22

    Nachdem ich nun die Sendung FAKT verfolgt und mir die Webseite Afghanistan-Connection angesehen habe, kann ich mich Thomas Wiegold nur anschließen und Fragezeichen setzen, über das nach Generalleutnant Kasdorf hinaus. Fragezeichen, die nach einem Jahr Recherchen von Tagesspiegel und mdr FAKT eigentlich nicht mehr bestehen dürften, z.B.:

    Woher kommt die Erkenntnis, dass Volker Wieker der erste deutsche Vier-Sterne-General im Afghanistaneinsatz war? Tatsächlich war er dort als Drei-Sterner, den vierten Stern erhielt er erst als Generalinspekteur nach Ende seines Einsatzes. Das Studium der Organigramme des Ministeriums, Anlegen von Ordnern mit den Biografien von hohen Militärs, Vergleiche ihrer Werdegänge usw. über ein Jahr hin kann bei solchen Fehlern nicht sehr tiefschürfend gewesen sein. Schon ein Blick in Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Generale_und_Admirale_der_Bundeswehr_im_Auslandseinsatz hätte zur Erhellung genügt. Darin findet man u.a. auch den Brigadegeneral Andreas Marlow, der jetzt das Büro des Generalinspekteurs leitet, Vorgesetzter des im Dreier- Bild dargestellten Oberst i.G. Mirow und damit noch näher am Generalinspekteur als dieser. Gehört Marlow nicht zu der engen Bruderschaft aus 25 bis 30 Offizieren oder ist sein Posten nicht so entscheidend?

    Wer sich die Mühe macht, den schlecht lesbaren Organisationsplan des BMVg auf der Webseite zu entziffern, stellt fest, dass neben Mirow 2 Kapitäne zur See der vernachlässigten Marine vergleichbare Posten im Büro des Generalinspekteurs besetzen. Ebenso, dass der Stellvertretende Generalinspekteur der Luftwaffe angehört und drei der fünf abgebildeten Abteilungen einen Admiral als Abteilungsleiter oder Stellvertretenden Abteilungsleiter, die anderen einen zivilen Abteilungsleiter haben. Gibt es vielleicht auch eine Marine-Connection oder eine Connection der zivilen Beschäftigten, die noch effizienter als die Afghanistan-Connection die Personalbesetzung im Ministerium gestalten? Auch der neue Abteilungsleiter Personal, Vorgesetzter des Oberst i.G. von Butler, kommt ja aus der Marine. Schon nach diesem Blick in den Organisationsplan stellt sich die Frage nach dem Ernst der heraufbeschworenen Gefahr, dass nicht Menschen aus allen Teilstreitkräften Zugang zum Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt hätten und „nur bestimmte Barettfarben des deutschen Heeres in der Minister-Entourage zu finden sind“ wie General a.D. Schneiderhan im Interview mit den Autoren formuliert. Wie sehr sich der Ex-Generalinspekteur mit seinen stets allgemein gehaltenen Interview-Antworten als Kronzeuge der Autoren eignet, möge jeder selbst bewerten. (z.B. Frage: Kommandeure sprechen von einer Afghanisierung der Ausbildung…
    Antwort: Da würde ich zur Vorsicht raten. Die Kunst wird sein, zu erkennen, was allen Einsätzen der Bundeswehr gemein ist und nicht afghanistanspezifisch.)

    Eine weitere Frage ergibt sich aus der Bemerkung, dass die Teilstreitkräfte im Rahmen der laufenden Reform Macht verloren hätte, die oberste Ministeriumsspitze immer mächtiger und der Einfluss des Heeres immer stärker geworden sei. Wie unter dem Abschnitt „Bundeswehr und Politik“ der Webseite richtig dargestellt, traf Minister de Maiziére Mitte des Jahres 2011 im Zuge der Neuausrichtung der Bundeswehr die Entscheidung zur Ausgliederung der Teilstreitkräfte aus dem Ministerium, um das Ministerium zu verkleinern und Führungsebenen zu reduzieren. Zu der Zeit waren die Mitglieder der Afghanistan-Connection noch nicht im Ministerium. Wie können sie da die Ausrichtung des Ministeriums in ihrem Sinne beinflusst haben? Warum geht die Auskunft des BMVg über die zwischen militärischen und zivilen sowie innerhalb der Teilstreitkräfte ausgewogene Besetzung der Posten im BMVg nicht stärker in die Bewertung ein? Ist die Feststellung, der Einfluss dieser Connection lasse sich nur schwer vermessen, in Zahlen und Daten ausdrücken – aber sei kaum zu überschätzen, nicht etwas dünn?

    Schließlich (obwohl ich weitere Fragezeichen setzen möchte) fehlt eine schlüssige Antwort auf die Frage, wie eine Bruderschaft aus 25 bis 30 Offizieren, von denen nur ein Teil Posten im BMVg innehat, „die Außen- und Sicherheitspolitik lenken“ kann, die primär durch das Auswärtige Amt bestimmt wird. Wie sie zudem im BMVg und der gesamten Bundeswehr eine einseitigen Sicht herbeiführen kann, die den Einsatz am Hindukusch zum Maß aller Dinge für die Ausrichtung, Ausrüstung und das Selbstverständnis der Truppe macht, wenn wichtige Funktionsträger im BMVg nicht zu der Afghanistan-Connection gehören, wie z.B. die Leiter der Abteilung Führung Streitkräfte, der Abteilung Planung (schafft Voraussetzungen für Beschaffung) und der Abteilung Personal.

  • DT   |   10. Oktober 2014 - 13:28

    Herrn Brendecke ist für seine Analysekritik zu danken.
    Die Investigativ-Journalisten des FAKT-Berichts haben aus ihrer Arbeitshypothese heraus, dass es eine entscheidungsbestimmende Afghanistan-Connection gibt, leider nur schwache Beweise geliefert. Sie müßten sich eigentlich geschämt haben, ihr Endergebnis dann so plakativ nach außen zu tragen.
    Aber m.E. nicht zufällig enthält dann die besagte Web-Page eine Vielzahl an Themen und Kritikfeldern, die auch nicht mit viel gutem Willen mit der namentlich benannten Connection in direkte Verbindung gebracht werden kann. Ist das ein Beweis ihres unterschwelligen und geheimen Wirkens? Oder das Zugeständnis, dass es nicht gelungen ist, die eigene Aussage ausreichend untermauern zu können.

    Ich bin gespannt, ob und wann die gerade heute durch die Medien laufende Nicht-Einsatzbereitschaft der SAR-See Bereitschaft der Bundesmarine auch der Afghanistan-Connection zugewiesen wird. Dabei ist sie Ausfluß einer gescheiterten Hubschrauberplanung und -beschaffung des letzten Jahrzehnts, die boshaft eher einer Atalanta-Connection zugewiesen werden müsste. Aber auch diese existiert nicht wirklich.

    Es ist schmerzhaft zu beobachten, wie in den früheren und gegenwärtigen Rahmenbedingungen der Fähigkeitsentwicklung und Rüstungsbeschaffung selbst Milliarden genehmigter Haushaltsmittel nicht ausgegeben werden können. Das kann sich die Bundeswehr nicht leisten. Aber auch Haushalts- und Verteidigungsausschuss sollten sich bekümmern. Es ist nicht zielführend, wenn deren Mitglieder eigene Verantwortung besagten Connections zuschieben.
    Aber sind sie sich ihrer konstruktiven Verantwortung bewusst, wenn man z.B. von Herrn Neu Aussagen lesen muss wie:
    „Wieviel Geld soll noch verschwendet werden, bevor die Führung des Verteidigungsministeriums endlich versteht, dass all diese teuren Rüstungsprojekte nicht nötig sind, um zu gewährleisten, dass die Bundeswehr ihren ursprünglichen und einzigen Auftrag, die Landesverteidigung, wahrnehmen kann?“
    Ja, wenn das seine Überzeugung zur Aufgabe der Bundeswehr ist, dann lebt er weiterhin in seiner politischen Illusion und kommt ihm eine behauptete „Connection“ unter Militärs nur Recht, um sich politisch zu positionieren.

  • Zustimmender   |   10. Oktober 2014 - 14:20

    Empfehle, den Thread mit den gelungenen Ausführungen von Herrn Brendecke zu schließen. :-)

  • H.K.L.   |   12. Oktober 2014 - 0:20

    Herrn Brendecke ist in der Tat voll zuzustimmen. Daher nur eine kurze Ergänzung:
    Dass der ehem. GI mit seinem unerbetenen Rat an seinen Nachfolger, gefälligst dafür Sorge zu tragen, dass nicht nur „nur bestimmte Barettfarben des deutschen Heeres in der Minister-Entourage zu finden“ seien, den unhaltbaren Connection-Vorwürfen zumindest implizit das Wort redet, ist nicht nur in der Sache verfehlt, sondern den namentlich genannten Offizieren gegenüber in hohem Maß unkameradschaftlich.
    Diese Einlassungen sollen wohl von seinen gravierenden Fehleinschätzungen im Zuge des Afghanistan-Einsatzes und auch davon ablenken, dass die Grundlagen für die gegenwärtig diskutierte katastrophale materielle Einsatzbereitschaft der Bw im Wesentlichen in seiner Amtszeit gelegt wurden.
    Sorry für den reichlich späten Zeitpunkt meines Beitrags; ich hatte diesen Thread leider übersehen.

  • Gustav Struve   |   12. Oktober 2014 - 2:31

    Ist erst einmal eine griffige Legende wie „Afghanistan-Connection“ kreiert und unters Volk gebracht, kann sie lange in den Medien geritten werden. Der Tagesspiegel hat gerade (11.10) einen neuen, mMn wirren Artikel ausgespuckt („Militärs führen immer die Kriege von gestern“), in dem der Kapitän zur See a.D. Heinz Dieter Jopp vom „Institut für strategische Zukunftsanalyse“ eine Überbetonung des AFG-Engagements bestätigt und auf zukünftige Krisenzenarien wie Wasserknappheit in Afrika und Bedrohung der Nordseeküste aufgrund des Klimawandels hinweist.
    Wahrscheinlich soll die Bw sich stärker für den Klimaschutz einsetzen – oder so.

  • Closius   |   12. Oktober 2014 - 14:41

    Spon berichtet, daß der BW-Einsatz in AFG länger dauern kann als nur bis Ende 2016. Die Bundeskanzlerin soll vor dem Auswärtigen Ausschuß erklärt haben, daß sie noch mal mit den USA reden will über eine Verlängerung des Einsatzes in AFG, um nicht zu früh abzuziehen, wie im Irak, also soll hier eine Einsatzlehre aus dem Irak gezogen werden und dem Zusammenbruch der Irakischen Armee nach dem Abzug der USA.

  • Thomas Melber   |   12. Oktober 2014 - 15:01

    @Closius
    Allzuviel zusammenbrechen kann in AFG ja nicht, ‚mal zynisch gesagt.

  • Schnellmerker   |   12. Oktober 2014 - 16:35

    @Closius:

    Als wenn wir nicht schon genug Probleme hätten … wir bekommen ja noch nicht mal unsere Tralls heile nach Afrika …

    … und egal ob wir jetzt, 2016 oder später abziehen … das Ergebnis wird das gleiche sein … mit dem einzigen Unterschied, daß es für uns umso teurer wird je länger der Einsatz dauert.

  • Closius   |   12. Oktober 2014 - 17:08

    @Schnellmerker: Wenn wir 2016 abziehen dann könnte die Taliban 2017 in AFG wieder an die Macht kommen. Zufällig ist 2017 aber Bundestagswahl, da käme doch eine Niederlage in AFG, so ein Art Saigon, doch sehr schlecht beim Wähler an!

    Ziehen wir also erst 2018 ab, dann ist die Wahl vorbei und bis 2021 hat der Wähler es wieder vergessen, wenn 2019 die Taliban an die Macht kommt und 2021 dann heißt die Kanzlerin auch nicht mehr Merkel.

    Da sich Frau Merkel nicht für Sicherheitspolitik interessiert, aber für Meinungsumfragen, dürfte es hier nur um den Wahlkampf 2017 gehen. Kosten für den Wähler spielen doch bei parteitaktischen Gründen keine Rolle.

  • Alarich   |   12. Oktober 2014 - 17:10

    Keine Sorge BW Zusammenbruch ist nahe schon wie den anderen Bericht den in block hier schon Verlinkt hatte .
    2015 wird bei der BW noch sehr Spannend , weil wenn man nur vom MG 3 noch 2 Stück hat ist das eine noch kurze zeit bis die auch den Geist aufgeben

  • Thomas Melber   |   12. Oktober 2014 - 17:13

    @Closius
    Alternativ kann man auch schon heute den Schlüssel unter die Fußmatte legen, so wie es die Franzosen ja schon gemacht haben. Im Grundsatz ändert das nichts.

    Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende (so schlimm wird es für die Bw hoffentlich nicht kommen).

    In jedem Fall stehen die Kameraden von RSM ziemlich „im Hemd“ da.

  • Schnellmerker   |   12. Oktober 2014 - 17:15

    … und mal wieder Wiederwahl zu Lasten der Soldaten und der Bundeswehr :(

  • servant   |   19. Oktober 2014 - 17:11

    Schlimm ist das Nouripor immer wieder als „Fachmann für die Verteidigungpolitik“ dargestellt wird ohne den Nachweis zu führen, woher diese Ahnung kommen soll.
    Aber es sollte auch mal darüber nachgedacht werden, den ein oder anderen Spitzendienstposten von militärisch auf zivil umzugestalten. Der Adjutant der VM z.B. muss nicht zwangsläufig ein Soldat sein