Eagle V gegen AMPV: Die deutsche Rüstungsindustrie hat erneut das Nachsehen

Für den Minister hatten die Soldaten ihr neuestes Gerät bereitgestellt. Im Camp Marmal in Nordafghanistan wartete die modernste Version des gepanzerten Truppentransporters „Boxer“, Stolz der deutschen Panzerschmieden Krauss-Maffei Wegmann und Rheinmetall, auf Thomas de Maizière . Vor der „Boxer“-Probefahrt übers hügelige Testgelände im Feldlager nahm sich der Verteidigungsminister im vergangenen Juli aber noch die Zeit, ein anderes Panzer-Auto anzusehen: Ein Feldwebel der Militärpolizei führte stolz ihren mobilen Arbeitsplatz vor, den geschützten Kleintransporter „Eagle IV“. Mit dem Wagen, sagte die junge Frau, sei sie sehr zufrieden.

Der „Eagle“ ist so etwas wie der Stachel im Fleisch der deutschen Rüstungsindustrie, die vor allem auf ihre Panzerfahrzeuge stolz ist. Denn das Gefährt stammt nicht vom deutschen Reißbrett, sondern vom US-Konkurrenten General Dynamics und seiner Schweizer Tochterfirma MOWAG, die vor vier Jahren den Zuschlag für ein gepanzertes Auto der militärischen Kleinwagen-Klasse erhielten. Jetzt scheint sich das Debakel für die Deutschen zu wiederholen: Die Bundeswehr will neue Fahrzeuge beschaffen – und setzt dabei auf das US-Nachfolgemodell „Eagle V“.

Eagle IV im Camp Marmal

Schon der Einkauf des Vorgängers hatte in Berlin heftigen Ärger ausgelöst. Mit allen Tricks hatten die deutschen Hersteller, aber auch Bundestagsabgeordnete versucht, die Beschaffung des „Eagle IV“ zu verhindern – und den Beschluss über den Einkauf der Autos über Monate verzögert. Am Ende fiel die Entscheidung für das Produkt des US-Herstellers allein schon deshalb, weil die deutschen Unternehmen in der geforderten Größen- und Gewichtsklasse kein passendes Fahrzeug zu bieten hatten.

Vier Jahre später sieht das anders aus. Für Einsätze wie in Afghanistan braucht die Bundeswehr neue Autos, die besser als die vorhandenen gegen Schüsse, Sprengsätze und Minen geschützt sind, und wieder sind Fahrzeuge gefragt, die weniger als zehn Tonnen wiegen und mit der betagten Transall an die Einsatzorte geflogen werden können. Auf eine Ausschreibung im März vergangenen Jahres bewarben sich auch die deutschen Firmen, inzwischen hatten sie ein Produkt vorzuweisen: Das „Armoured Multi-Purpose Vehicle“, kurz AMPV, entwickelt von Kraus-Maffei Wegman und Rheinmetall MAN Military Vehicles. General Dynamics bot dagegen sein Nachfolgemodell des „Eagle IV“ an, den „Eagle V“.

Und wieder kommen die Deutschen nicht zum Zug. Zwar bestätigten die Experten des Ministeriums beiden Fahrzeugen, dass sie den Anforderungen entsprechen. Aber in der Beschaffungsvorlage für den Haushaltsausschuss des Bundestages erhielt das amerikanisch-schweizer Konkurrenzprodukt Pluspunkte. Das Vergabekriterium „Verhältnis Leistung/Kosten“ erfülle der „Eagle“ besser – kurz: er ist billiger. Trostpflaster der Ministerialen für die „Kauft deutsch“-Fraktion: „Der Anteil der Wertschöpfung in Deutschland liegt bei über 60 Prozent“. Mehrere deutsche Firmen sind an der Montage der Panzerwagen beteiligt.

Für 176 „Eagle V“, nebst Zubehör, will die Bundeswehr insgesamt 109,41 Millionen Euro ausgeben – wie viel die Truppe dabei gegenüber dem deutschen AMPV spart, teilt das Ministerium zwar offiziell nicht mit. Kenner gehen aber von knapp 50 Millionen weniger allein beim Einkauf aus.

Es geht nicht nur ums Geld. Weit schwerer wiegt für die deutschen Unternehmen der so genannten Landsystem-Industrie das Image. Bei gepanzerten Fahrzeugen, so der Anspruch, lässt sich die deutsche Rüstungsindustrie von niemandem etwas vormachen. Entsprechend schmallippig gibt sich das größte deutsche Rüstungsunternehmen Rheinmetall: „Wir sind überzeugt davon, dass der AMPV in Bezug auf Preis und Leistung ein hervorragendes Angebot darstellt und auch im internationalen Wettbewerb jedem Vergleich standhält.“ Wenn die Bundeswehr kauft, so die Erfahrung, kaufen auch andere Nationen.

AMPV in der Erprobung

Wenig erstaunlich, dass die Entscheidung im Parlament seit Wochen immer wieder aufgeschoben wurde. Die 176 Fahrzeuge stehen zwar auf der Liste der so genannten Beschaffungsvorlagen. Beraten wurde darüber noch nicht. Hinter den Kulissen werden wieder deutsche Ingenieurleistung und der Rüstungsstandort Deutschland bemüht. „Die Argumente gegen den Eagle IV stimmen immer noch“, heißt es aus einer Koalitionsfraktion: Sollte es am Ende nur darum gehen, die deutschen Rüstungsfirmen dazu zu bringen, ihre Entwicklung auf diesem Gebiet einzustellen – und das Feld der US-Konkurrenz und ihrer Schweizer Tochter zu überlassen?

Doch mit dem Grundsatzstreit, ob nun ein deutsches Auto oder ein Wagen aus einer amerikanischen Waffenschmiede bestellt werden solle, habe die Verschiebung nichts zu tun, sagt Jürgen Koppelin, für die FDP im Haushaltsausschuss und einer der wichtigsten Abgeordneten bei den Entscheidungen über den Kauf von Wehrtechnik. „Es gibt keine Parallele zum ‚Eagle IV’“, der Beschaffungsentscheidung vor vier Jahren, betont der norddeutsche Parlamentarier. Ihn treibe um, ob die Konkurrenz aus Amerika und der Schweiz mit „Dumpingpreisen“ den Markt aufrollen wolle. Außerdem gebe es doch etliche Detailfragen.

Auf die reagierte das Ministerium vergangene Woche mit einem zweiseitigen Antwortpapier. „Das Fahrzeug wird von der Truppe sehr positiv aufgenommen“, heißt es darin zum vorhandenen „Eagle IV“, von dem 450 Stück gekauft wurden. Vor allem aber: Allein drei Millionen Euro, rechneten die Beschaffer vor, spart die Truppe, weil 80 Prozent der Ersatzteile des „Eagle IV“ auch für das Nachfolgemodell passen, ebenso das Reparaturwerkzeug. Für die General-Dynamics-Fahrzeuge gibt es zudem schon Ausbildungsunterlagen, die nur angepasst werden müssten.

Für die Opposition eine klare Sache. Auch im Verteidigungshaushalt müsse gespart werden, und da wäre „nicht zu vertreten, sich aus industriepolitischen Gründen für eine teurere Variante zu entscheiden“, kritisiert der Grünen-Haushälter Tobias Lindner. Sein SPD-Kollege Bernhard Brinkmann pocht ebenfalls auf die wirtschaftlichen Gründe: „Im Ausschreibungsverfahren gab es für den ‚Eagle‘ das wirtschaftlichste Angebot. Ich gehe fest davon aus, dass diese Lösung durch den Haushaltsausschuss beschlossen wird.“

Das soll, allen Verschiebe-Versuchen zum Trotz, in dieser Woche passieren. Am Mittwoch wollen sich die so genannten Berichterstatter für den Verteidigungsetat im Haushaltsausschuss zusammensetzen. Einziges Thema des Gesprächs: Beschaffung „Eagle V“.

(Fotos Eagle IV: Thomas Wiegold/augengeradeaus.net; Foto AMPV: Rheinmetall Defence)

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