Die überlastete Truppe


Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus (Archivbild 2011: Thomas Trutschel/photothek.net – mein Foto von heute fand ich technisch dann doch zu grauenhaft.
)

Wenn der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, bei der Vorstellung seines Jahresberichts lakonisch feststelle Insbesondere die Dienst- und Einsatzbelastung hat vielfach die Grenzen der Belastbarkeit erreicht, überrascht das die meisten Leser hier vermutlich wenig. Auch die Gründe, die Königshaus am (heutigen) Dienstag vor der Bundespressekonferenz nannte, sind weder neu noch überraschend: Mehr Einsätze in dichterer Folge für bestimmte Einheiten, für viele Soldaten zunehmend Pendlerfahrten nach Standortschließungen und Stationierungsentscheidungen, Ungewissheit über die eigene berufliche Perspektive, unverändert oder sogar zunehmend die fehlende Vereinbarkeit von Familie und Dienst.

Erwartungen, dass die Bundeswehr durch die Neuausrichtung leistungsstärker und effizienter wird, bestätigten sich im Berichtsjahr nicht, im Gegenteil, hielt Königshaus Minister wie Ministerium und Bundeswehrführung vor. Und auch bei der Ausrüstung von der Nachtsichtbrille bis zum Hubschrauber, ein Dauerbrenner in der Kritik des Wehrbeauftragten, sieht er nach wie vor gravierende Defizite: Auch bei der Ausrüstung, insbesondere mit Großgerät, gibt es trotz aller Verbesserungen, die anzuerkennen sind, immer noch erhebliche Lücken. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass der Dienstherr mit einer Struktur und Ausrüstung plant, die er sich unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht leisten kann.

Das ist eine ätzende Kritik an Verteidigungsminister Thomas de Maizière und seiner Bundeswehrreform. Dass daran der Bundestag mit seiner Haushaltsplanung Schuld sei, der der Truppe zu wenig Geld zubillige, will der frühere FDP-Abgeordnete Königshaus nicht gelten lassen: Die Parlamentarier könnten nur das auch beschließen, was Ministerium und Bundeswehr verlangten – was nicht nachgefragt werde, werde auch nicht genehmigt.

In dem Bericht lassen sich viele einzelne Kritikpunkte und Beispiele finden; hier liste ich sie mal nicht auf und empfehle den Jahresbericht zur Lektüre – über Details wird sicherlich noch ausführlicher zu reden sein.

Die gesamte Pressekonferenz des Wehrbeauftragten zum Nachhören:

Wehrbeauftragter_PK_20130129     

56 Kommentare zu „Die überlastete Truppe“

  • Georg   |   30. Januar 2013 - 21:25

    @ Seth Ryan

    Fakt ist, dass der Dienstbetrieb der Bw extrem familienfeindlich ist. Keine länger voarab planbare Aufenthalte an einem Ort, also häufige Abwesenheiten, die Familie ist eigentlich nur zum Auftanken für die Zeit der nächsten Abwesenheit von zu hause da. Dies ist nicht nur in den letzten 20 Jahre so, dass war auch vorher bei der Bw so.
    Die Kinder von Soldaten sind auch während des Kalten Krieges in der Regel und überwiegend von den Ehefrauen aufgezogen worden. Allerdings stieg die Versetzungshäufigkeit durch die Standortauflösungen und Reformen drastisch an.

    Bei Offizieren, speziell bei Stabsoffizieren die häufiger versetzt werden als Fachoffiziere, werfen die Frauen in der Regel so mit 35 Jahren, d.h. wenn die Kinder auf weiterführende Schulen kommen, den „Anker“, d.h. der Familienwohnort ist für die nächsten Jahre, eher Jahrzehnte festgelegt und der Soldat pendelt die nächsten 20 – 25 Jahre seines restlichen Berufsleben. Dies muss nicht in jedem Fall so sein, ist aber sehr häufig der Fall.

    Dabei haben die Soldaten, die trotz dieser ständigen Fernbeziehungen, nicht geschieden werden Glück gehabt. Für einen Soldaten gibt es nur ein wirkliches Armutsrisiko und dass ist eine Scheidung nach langen Ehejahren. Durch den Versorgungsausgleich ist der Soldat bei der Pensionierung nicht weit von den Sozialhilfesätzen entfernt.

    Zu meiner Person, ja ich war Offizier und bin vor kurzer Zeit nach 35 Dienstjahren pensioniert worden. Ich hatte Glück und bin noch mit der ersten Frau verheiratet.
    In meiner Ausbildungszeit zum Feldwebel, in meinen ersten 5 Dienstjahren habe ich 10 Lehrgänge der verschiedensten Art besucht, dazwischen Aufenthalt am Heimatstandort, insgesamt 14 Versetzungen/Kommandierungen in knapp 5 Jahren.

    Dies mag alles nicht repräsentativ für die Masse sein, aber so etwas kann auf Sie zukommen, wenn Sie sich entschließen Soldat zu werden.

  • ME   |   30. Januar 2013 - 21:45

    Seth Ryan:

    Als Offizier nach altem Ausbildungsgang (Ausbildung bis zum Leutnant vor dem Studium, Heer, PzTr):
    Die ersten 3 Jahre waren aufgrund häufig wechselnder Standorte zur Absolvierung der verschiedenen Lehrgänge und den Führungspraktika nunmal mit pendeln verbunden. Hier fand Familie/Freunde wirklich nur am Wochenende statt – keiner der Standorte lag in einer Entfernung, die tägliches Pendeln ermöglichte und ein Umzug an einen Standort machte aufgrund der jeweils recht kurzen Zeit vor Ort keinen Sinn Danach die 3,5 Jahre Studium, während der sich viele am Studienort niederlassen. Und schließlich die erste richtige Truppenverwendung, in der Regel in einem Bataillon der Truppengattung. Was für die jeweilige Truppengattung da derzeit als Standort in Frage kommt, lässt sich einfach über das Internet herausfinden. In dieser ersten Truppenverwendung entscheidet sich dann meist auch die Frage BS ja/nein. Wer für sich entschieden hat, BS zu werden, kam dann in der Regel direkt im Anschluss in eine Chefverwendung – zumeist verbunden mit einem Standortwechsel. Als SaZ hingegen eröffnen sich im Anschluss dann eher andere Verwendungen und meiner Erfahrung nach lassen sich hier Standortwünsche oftmals erfüllen.

    Zur Entscheidung Berufssoldat ja/nein: Einfach mal auf sich zu kommen lassen – ich kenne genug, die es nie werden wollten und dann doch geworden sind; jedoch auch einige, die es immer werden wollten und sich dann doch umentschieden haben…

    Zur Familienplanung: Man sollte sich hier gründlich Gedanken machen. Bleibt die Frau mit Kind am Wohnort ihrer Familie, weil Eltern/Schwiegereltern unterstützen und die Frau so einfach wieder ins eigene Berufsleben einsteigen kann? Zieht immer die gesamte Familie mit an den neuen Dienstort (Probleme mit Kindergartenplatz, Schule…)? Diese „Probleme“ sind nunmal aber auch nicht auf Soldaten beschränkt – in vielen Berufszweigen und insbesondere für Führungskräfte gehören Abwesenheiten unter der Woche und Standortwechsel auch dazu.

    Ich bereue die Entscheidung, zur Bundeswehr gegangen zu sein, jedenfalls nicht.

  • Insider   |   30. Januar 2013 - 22:24

    @Seth Ryan
    Als Berufsunteroffizier im 25 Dienstjahr kann ich Ihnen, nur und ausschliesslich, eine Verwendung als Offizier mit Studium mit der minimalst notwendigen Verpflichtungsdauer empfehlen. Getreu dem Motto „Augen zu und durch“ .
    Alles weitere ist völlig unattraktiv, familienfeindlich und in keinster Weise mehr erstrebenswert. Wie aktuell mit den Menschen umgegangen wird spottet jeder Beschreibung.
    Grundsätze der Inneren Führung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf = absolute Fehlanzeige.
    Wenn selbst die personalführende Dienststelle Berufsoldaten versetzen möchte ohne ihnen eine neue Stelle aufzeigen zu können und gleichzeitig erklärt das diese Soldaten nicht vorzeitig gehen dürfen weil sie unabkömmlich seien und ebenfalls im Zuge dieser Massnahme diesen Soldaten noch die geplanten Auslandseinsätze wegnimmt weil sie aus einem aufzulösenden Verband kommen, was soll man dazu noch sagen????

  • Stefan H.   |   30. Januar 2013 - 23:22

    @Seth Ryan
    Auch wenn das Leben manchmal keine Ponyhof und der Dienst gelegentlich kein Zuckerschlecken ist, kann ich mir auch nach 20 Dienstjahren keinen schöneren Beruf vorstellen.

    Muss aber jeder selbst heraus finden. Es gibt aber genügend Ausstiegsmöglichkeiten auf der Zeitachse, wenn man das Gefühl hat, dass die Waage der Vor- und Nachteile sich in die falsche Richtung senkt.

    StOffz – Heer – zunächst PzTrp inzwischen Litzenfarbe farblich etwas dunkler

  • Someone   |   30. Januar 2013 - 23:51

    @ Seth Ryan

    Ich empfehle Ihnen ein Praktikum zu machen, bzw. FWDL, um es sich anzusehen und sich ein eigenes Bild zu machen. So habe ich es damals auch gemacht.
    Das Versetztwerden und Herumreisen zu Lehrgängen in der ganzen Republik habe ich immer positiv gesehen, schließlich kann man nicht günstiger so viele Ecken in Deutschland sehen. Der Beruf ist aber nichts für Leute, die sich nicht weiter als 10m von ihrem Elternhaus entfernen möchten.
    Was mir heutzutage nicht mehr gefallen würde, ist die Offizierausbildung bei der Bw, bei der man erst als Oberleutnant den ersten richtigen Truppenkontakt hat.

    Meine Gründe nicht dabeigeblieben zu sein:
    – Die Vorgesetzten haben eine zu kurze Stehzeit, daher meist keine Fachkenntnisse in dem Bereich und behindern den unterstellten Bereich massiv
    – Man hat meine meisten Wünsche auf Teilnahme an Auslandseinsätzen wegen Personalmangel im Inland abgelehnt (ja, es gibt auch Soldaten, die das gerne machen)
    – Und vor allem gehen mir die Reformen aufn Sack, die das oben genannte verursacht haben

    Heer

  • Seth Ryan   |   01. Februar 2013 - 14:23

    Vielen Dank für die Antworten!