Afghanische Regierungskräfte halten die Städte – die Taliban das Land

Ein afghanischer Polizist räumt eine von deutschen Soldaten entdeckte Mörsergranate (Foto © Timo Vogt/randbild)

Die Afghanen, das ist der Plan, sollen zunehmend mit ihren eigenen Sicherheitskräften – Armee und Polizei – die Gebiete des Landes gegen die Aufständischen sichern. Auf dieser Annahme fußen auch die Überlegungen der internationalen Schutztruppe ISAF und damit auch der Deutschen, ihre kämpfenden Truppen bis Ende 2014 aus Afghanistan abzuziehen.

Vor diesem Hintergrund ist eine Analyse interessant, die in der pakistanischen Zeitung Dawn erschienen ist. Kurz gesagt: Die afghanischen Sicherheitkräfte kontrollieren die Bevölkerungszentren, die Aufständischen die Fläche:

But in the country’s north at least, there is a sense that while the Taliban insurgency may never be militarily defeated, neither will the present dispensation collapse under Taliban pressure.
Syed Daud Agha, a former parliamentarian from Kabul, typified the dual thinking about the Taliban in his analysis of the insurgency.
“Government control is restricted to the provincial headquarters only. The majority of the districts are with the Taliban, particularly in the east, south and west,” Agha said.
He added: “In the north, the Taliban are everywhere, while Hizb-i-Islami is active in urban areas. The Taliban are operating even in Tajik-dominated areas.”
But Agha argued that the Taliban are in no position to overthrow the Afghan government. “The police and military are capable of defending the provincial centres everywhere,” Agha said.

Das klingt nach einer ungemütlichen, wenn auch halbwegs stabilen Situation. Dazu passt dann, was heute die Bundestagsabgeordneten in ihrer wöchentlichen Mitteilung aus dem Verteidigungsministerium zu lesen bekamen, nachdem in den vergangenen Tagen die ISAF-Eingreiftruppe (Forward Deployable Task Force) des RC North zur Unterstützung der Afghan National Security Forces (ANSF) in den Unruhebezirk Ghormach entsandt wurde (der formal längst in die Sicherheitsverantwortung der Afghanen übergeben wurde):

Die als Folge dieser großen ANSF-Operation registrierte Zunahme an sicherheitsrelevanten Zwischenfällen ist nicht mit einer Verschlechterung der Sicherheitslage gleichzusetzen, sondern als Resultat der vom afghanischen Staatpräsident Hamid Karzai beabsichtigten Stabilisierungsbemühungen zu verstehen.

Hm. Ja, ist klar: ohne Stabilisierungsbemühungen, das heißt ohne Einsatz von Truppen, gibt es auch keine sicherheitsrelevanten Zwischenfälle. Der Umkehrschluss im Extremen: am friedlichsten wäre es, wenn sich den Aufständischen gar keine Truppen entgegenstellen würden.

 

50 Gedanken zu „Afghanische Regierungskräfte halten die Städte – die Taliban das Land

  1. „Die afghanischen Regierungskräften halten die Städte – die Taliban das Land“, hört sich nach der gleichen Situation an wie 1989 beim Abzug der sowjetischen Truppen aus AFG.

  2. „In the north the taliban are everywhere “ versteh ich das richtig, dass im deutschen Bereich die Situation quasi am schlimmsten ist?

  3. Bei dem Bild macht sich selbst hinter dem Monitor der Fluchtinstinkt bemerkbar…

    Ob die Situation, wie sie im Artikel beschrieben wurde, auch in 5 Jahre noch so ist?

  4. Ganz ehrlich:

    Was bleibt nach dem Abzug? Eine korrupte Regierung und zum Teil korrupte und drogenverseuchte Armee und Polizei, zum Teil unterwandert von Aufständischen. Dort wird unser Geld versiegen und der Bürgerkrieg wird wieder stärker Auflammen. Letztendlich werden viele Kameraden „umsonst“ gefallen sein. Stabilität wird dieses Land niemals erfahren und eine Demokratie nach unserer Vorstellung wird es dort auch niemals geben. Wie will man ein Land, dass sich ja teilweise nicht einmal als ein einheitlicher Staat in den Gedanken der Bevölkerung (bes. der auf dem oben angesprochenen Land) wiederfindet, ohne ständige massive militärische bzw. polizeiliche Präsenz in der Fläche, befrieden?!

    Mag schwarzseherisch klingen, doch die meisten Anzeichen stehen m.M.n. eher auf Rückfall, denn auf Fortschritt. Und in ein paar Jahren wird es nur noch Randnotizen in der Presse hierzulande geben, so wie immer, bei unbequemen Themen.

  5. Die Lagefeststellung in der Überschrift war auch 1984 richtig (streiche lediglich „Taliban“ und setze „Muschaheddin“.

  6. Klingt auch verdammt bekannt. So war es letztlich schon bei Mao Tsedung damals. Die Nationalisten kontrollierten die Staedte, die Kommunisten das Land – Bloed nur dass die Staedte das Land brauchen um sich zu ernaehren.

  7. Die Opiumfelder liegen auch nicht in der Stadt und stellen anscheinend einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar… Nebenbei scheint man diesem Problem ja immer noch nicht Herr geworden zu sein, was ja auch für oben angesprochene pakistanische Analyse spricht.

  8. Was-bitte schön, denn das hat uns bisher immer noch niemand erklären können-war denn nun die Erwartung der Bundesregierung?
    Was genau sollten wir dort erreichen?
    Was haben wir erreicht? Und was ist der Grund für die Diskrepanzen?

    Worauf ich hinaus will:

    Man ist blauäugig davon ausgegangen, das man nach ein paar Jahren ein westlich orientiertes Afghanistan verlässt, in dem Demokratie, freie Wahlen und Glaichberechtigung nach deutschem Vorbild (=Frauen müssen gesetzlich bestimmt bevorzugt werden) vorherrschen….

    In Deutschland hat es 2 Weltkriege und gut 90 Jahre gedauert, bis man vom Denken und Handeln vom Kaiserreich zur Demokratie umgeschwenkt ist.

    Wer glaubte, das man dies mit ein paar Jahren Militäreinsatz in Afghanistan beschleunigen könne, der lag falsch…

  9. @zog:

    Das Problem, dass die Zahl der Opiumfelder immer noch hoch ist, dass sich die Taliban (und andere) immer noch aus dem Export davon zum Teil finanzieren können. Das spricht ja auch für die pakistanische Analyse, da in der Stadt ja keine Felder sind.

  10. @ChrisB: Der Opiumanbau ist für die Finanzierung der INS vernachlässigbar. Da verdienen ganz andere dran … aber die haben halt GoIRA-Posten und sind die Freunde der ISAF.
    Unter anderem deshalb wird gegen den Anbau von Drogen nur sehr nachlässig, wenn überhaupt, vorgegangen.

  11. @zog

    Und wodurch finanzieren sich die Indianer dann?
    Das hieße ja auch, dass Teile des Landes unter der Kontrolle der Regierung stehen würde, also diese Felder. Wieso tolleriert ISAF das?

  12. Spenden, Ushr, Beute, Schutzgeld… der Quellen sind da viele. Diese Mär der Narco-Taliban ist doch schon vor Jahren selbst von den USA als eben solche identifiziert worden.

    Warum ISAF das toleriert ist unterschiedlich. Teilweise sind die Drogenbarone Verbündete, teilweise will man sie sich nicht zum Feind machen. Dass die lokale Bevölkerung darauf zum Überleben angewiesen ist, ist auch ein wichtiger Grund.
    Dass die Regierung Teile des Landes kontrolliert folgert daraus auch nicht zwangsweise. Wenn Distriktgoverneur X nur die Distriktstadt unter Kontrolle hat, heißt das nicht, dass seine Kontrolle, die er auf tribaler Ebene hat, identisch ist. Oder dass er in seiner Funktion as Distriktgoverneur genauso viel Einfluss hat wie nach Feierabend, wenn er sich um das Geschäft kümmert.
    Der Bruder von Karzai, der ja vor noch gar nicht so langer Zeit aus dem Leben geschieden wurde, hatte ja im umkämpften Süden sein Einfluss- und Geschäftsgebiet. Das unterlag allenfalls formell der Kontrolle der Regierung.

  13. Hm macht sich ISAF dann nicht mitschuldig am Opiumhandel?! Ist wahrscheinlich nach der Theorie: „Verbünde dich mit dem einen Teufel um den anderen zu schlagen“.

  14. ja macht sie. im krieg kann man sich seine freunde halt nicht immer aussuchen. mit dem einsatz dort stützt man ja auch so manches voll- oder teilautokratische regime in Zentralasien.

    über albanien/ kosovo verläuft eine der hauptrouten für den schmuggel, dort schüttelt man auch artig händchen mit den lokalen „Import/Export-Fachleuten“

  15. @ChrisB „Wieso tolleriert ISAF das?“

    Die Masse der Bauern in Afghanistan haben nur kleine Anbauflächen. Außer entlang der Flüsse, wo dank Bewässerung und Überschwemmungen gute Anbaumöglichkeiten sind, wächst dort recht wenig. Leider sind die Erträge mit Opiaten höher, als mit den wenigen alternativen Anbauoptionen. Würde man dort ein Feld zerstören, verurteilt man eine Großfamilie zum Verhungern bzw. zwingt alle Männer als Söldner zu den Insurgents. Deshalb ist es nicht Aufgabe ISAF gegen Mohnanbau vorzugehen, so lange man keine alternative Lebensgrundlage bieten kann. Die Menschen wollen überleben und ihr Auskommen haben.

    Es gibt zwei Möglichkeiten:
    1. Alternative Anbaufrüchte. Ganz schwieriges Thema, weil der Ertrag passen muss, die Technik unkompliziert und erlernbar sein sollte und Fehlschläge einkalkuliert werden müssen. So hat das BMZ/GIZ z.B. bei FEY Bauern zum Anbau von Erdbeeren ermuntert. Leider sehen die nach Eselstransport und ein paar Tagen unter afghanischer Sonne nicht mehr lecker auf dem Markt aus. Zum Teil wurden die Erdbeeren dann Bundeswehrsoldaten mit den Worten offeriert, dass die Deutschen doch gesagt hätten man solle Erdbeeren anbauen. Opiate sind halt auch leichter zu transportieren und haltbar zu machen – eine ganze Ernte passt nach den ersten Verarbeitungsschritten auf einen Eselsrücken. In letzter Zeit experimentiert man mit Rosenzucht und Rosenwasserproduktion beim BMZ. Dürfte aber nur lokal eine Alternative sein, wegen Wasserbedarf und Nachfrage – hoffentlich klappt es diesmal besser.
    2. Die Opiate seitens des Westens aufkaufen.
    Letzteres wäre meiner Ansicht nach die bessere Idee. Leider ist der Bedarf an medizinischen Opiaten in der westlichen Welt begrenzt und der lukrative Markt fest aufgeteilt. Wussten Sie z.B. das z.B. auch in Italien kontrolliert Opiate für die Pharmaindustrie erzeugt werden?

    Der Ruf nach ISAF zur Bekämpfung des Drogenanbaus ist m.E. nach komplett falsch. Wenn ich Bauern die Ernte als Lebensgrundlage nehme, lässt sich das mit dem Stabilisierungsmandat nicht verheiraten. Übrigens gab es die Produktion schon weit vor den Taliban. Nicht umsonst galt Afghanistan als Hippiparadies…

  16. Dass die Tradition des Mohnanbaus dort wesentlich älter ist, als die Taliban ist mir klar, auch dass es in Europa zu medizinischen Zwecken angebaut wird.

    Zerstört man also die Lebensgrundlage der Bauern auf dem Land, destabilisiert man folglich das Land noch mehr und spielt den INS sogar noch in die Hände.

    Aufkaufen dieser Produkte kann auch nicht die Lösung sein, wenn man sie dann infolge mangelnder medizinischer Nachfrage vernichten müsste.

    Woran liegt es dann, dass das Land schwer zu kontrollieren ist? Ist es mangelnde militärische Präsenz in der Fläche?

  17. mangelnde kontrolle… ?

    geographie, fehlende erfahrungen von staatlichkeit, allgemeines entwicklungsniveau, autonomiebestrebungen regionaler oder ethnischer gruppen, kulturelle faktoren, …

    zu kleine besatzungstruppen sind nur einer von vielen Faktoren.

  18. Kann man dann überhaupt darauf hoffen, dieses Land jemals zu befrieden und zu stabilisieren?

  19. @ChrisB
    Das Land war stabil, bis europ. Staaten versuchten einen Nationalstaat daraus zu machen! Uns geht es doch nicht um Sabilität (siehe Lybien, Irak, Syrien uvm) sondern darum, dass es annähernd nach unserem Muster (Recht, Wirtschaft, Politik) funktioniert! Wer Wachstum will muss Märkte erschließen und Rohstoffe entwenden, ob es der ortsansässigen Bevölkerung passt oder nicht! Wir verstehen unter Wohlstand eben etwas anderes als viele andere Menschen auf diesem Planeten! Dem Bauern in AFG würde es evtl schon reichen wenn er seine Grundbedürfnisse (Nahrung, Sicherheit) bekommen könnte.

  20. In der Tat, Afghanistan war, bis auf das umkämpfte Gebiet im Norden, was aber nur einen sehr kleinen Teil ausgemacht hat, beim Beginn von OEF sowohl stabil als auch nahezu drogenfrei.

  21. chrisB: Woran liegt es dann, dass das Land schwer zu kontrollieren ist? Ist es mangelnde militärische Präsenz in der Fläche?

    Das Land ist fast doppelt so groß wie Deutschland, hat die Aufklärung und Nationalstaatsbildung nicht aus eigenem Antrieb entwickelt. Dazu kommen Jahrzehnte des Krieges, schlechter Bildungsstand und Lebensbedingungen, aber eine Menge Waffen. Überspitzt: Mittelalter mit modernen Waffen.

    Nur um einen Präsenzvergleich zu bringen. In Deutschland gibt es ca. 250.000 Polizisten, bei einer minimalen Terror und Aufstandsneigung. Trotzdem kriegt man den 1. Mai in Berlin oder einen Castortransport einfach nicht in den Griff, obwohl Ort und Zeitpunkt des Problems bekannt und viele Kräfte zusammen gezogen werden. Die deutsche Polizei spricht aber die Sprache der Demonstranten und muss sich nicht mit dem Wirkungsgrad eines „Stille Post Spieles“ über lokale Sprachmittler behelfen. Deutsch gedacht – englisch gesprochen – englisch gehört (ca. Sprachleitungsprofil 222x) – Dari gedacht – Dari oder Paschtu gesprochen – Dari oder Paschtu gehört und jetzt wieder in die Gegenrichtung. Komplexe Erklärungen sind ein Problem und der Wirkungsgrad ist suboptimal. Dabei habe ih kulturelle Differenzen noch gar nicht genannt.

    Pointiert: ISAF würde das auch in 100 Jahren nicht „in den Griff“ Kriegen. Im Prinzip ist der Aufbau eines afghanischen Sicherheitsapparats sicher eine mögliche Exit-Strategie und weit gediehen. Funktionieren wird es m.E. trotzdem nicht, das liegt aber nicht an ISAF. Es fehlt Jenseits des Sicherheitsapparats der restliche Staat. Polizei ohne Justiz, Ausgaben aber keine Einnahmen bzw. keine Finanz- oder sonstige Verwaltung. Wird wohl eher nichts werden. Wer aber jetzt – im politischen Raum und ressortübergreifend – auf die Bundeswehr zeigt, sollte mal über die 4 Finger – die auf ihn selbst zeigen – nachdenken.
    Es wird Zeit dort zu gehen – meine Meinung.

  22. Sehr einleuchtend, vielen Dank dafür.

    Gut wenn der Staat fehlt, dann sollte man ihn unterstützen, was aber wenn viele Beamte des Staates korrupt sind? Was will man dagegen tun? Ich vermute jetzt schon, dass vieles an der weiter geplanten finanziellen Aufbauhilfe (d.h. unsere Steuergelder) in den Taschen von korrupten Beamten in AFG verschwinden werden, besonders nach ISAF.

  23. @Stefan H.

    Zustimmung!

    Wen meinen sie mit die Bundesweh, die Truppe oder das BMVg? Nicht die Truppe hat Fehler gemacht, sonern das BMVg hat der Politik versprochen Sachen zu regeln, Aufträge anzunehmen welche die Truppe abarbeiten kann aber eben ohne das, durch die Regierungen erhoffte Ergebnis.

  24. @Elahan
    Ich kann nicht beantworten wie historisch die Politikberatung abgelaufen ist. Ich fürchte aber Sie überschätzen die Durchsetzungsfähigkeiten der militärstrategischen Ebene.
    Wie ist die Bundeswehr nach Afghanistan gekommen? Uneingeschränkte Solidarität nach 9/11. Ich weis nicht ob dies durch Beratung des GenInsp gekommen ist bzw. bezweifle, dass Kanzler Schröder irgend was versprochen wurde.
    Wie ist die Bundeswehr damals in die Fläche in Afghanistan gekommen? Glauben Sie das im BMVg der Plan gefasst wurde plakativ, in der Öffentlichkeit den USA die Unterstützung im Bezug auf den Irak zu versagen und dafür in die Fläche Nordafghanistans zu gehen. Und sind wir ehrlich: Hätte Steuber 100.000 Stimmen mehr bekommen, hätten wir uns statt im RC North im Irak wider gefunden. Das BMVg für alles verantwortlich zu machen, erscheint mir da zu einfach.
    Seit ich Afghanistan verfolge, hat die Bundeswehr der Politik immer aufgezeigt, dass sie nur Zeit erkaufen, aber das Problem nicht lösen kann…

  25. Wie wäre es mit einer Kulturgerechteren Staatsform, die sich über Generationen bilden kann? Auch die Deutschen leben nicht in nur einem Saat (und das ist gut so :-)) und wir haben in Mitteleuropa unterschiedlichste staatliche Organistationsformen! Den Slawen geht es da ähnlich (siehe Jugo.) Selbst das friedliche Nebeneinander der Religionen war in AFG vor der Unterstützung der Rebellen durch die USA gefestigter als in einigen Gebieten der heutigen BRD.

  26. @Stefan H.

    Ja, auch das BMVg besteht aus vielen Menschen, doch mir ist nicht bekannt, das die Minister gegen ihre Kanzler sprachen (was nicht bedeutet, dass sie es nichht taten). Nun führt der Minister das Ministerium und dessen Aufgabe ist es der Politik die Meinung zu sagen! Wenn man mit Parlamentsmitglieder sprich sagen die einem, die Bw (womit sie das BMVg meinen)sagt sie kann. Wer beantwortet den die Anfragen an die Regierung?

  27. Die Beratungen und Abstimmungen zum ISAF Antrag der damaligen Bundesregierung standen im Dezember 2001 im Kontext der damit im Zusammenhang stehenden Vertrauenfrage für Kanzler Schröder.

    Vielleicht hat dies alles andere dominiert?

  28. Es hat Jahre gedauert, bis endlich auch Generale der Bw mit der „Alles wird gut in AFG“ Parole aufhörten! Evtl werden nun dadurch, dass die Insp. nicht mehr zum Ministerium gehören und verantwortlich sind, diese wahrhafter! Muss ja nicht alles schlecht sein an der Reform! Man sollte nun die Inspekteure öfter zu Wort kommen lassen! Man sollte sie dann aber auch immer ofter beim Wort nehmen!

  29. @Elahan

    Meiner Einschätzung nach sagt die Bundeswehr regelmäßig, das sie Ihren Beitrag zur Lösung leisten wird – da ist ein Unterschied zur Lösung. Wie gesagt: Der Sicherheitsapparat der Afghanen im RC N wird stehen. Im Prinzip ist aber die „Vernetzte Sicherheit“ in Deutschland seit 2006 am Ressortprinzip gescheitert. Der Bundestag geht zwar im Rahmen den Mandatierung bis in taktische Deatailfragen, gibt aber keine Gesamtlinie, Gesamtzielsetzung und Gesamtstrategie für alle Ressorts vor. Ich empfinde es als tiefschwarzen Humor, dass das einzige Ressort das tatsächlich etwas bewegt hat, für das Scheitern verantwortlich ist. Wo sind den die Kräfte des BMJ, AA, BMI (die 100 Freiwilligen pro Kontingent ausgenommen) und der Aufbauschwerpunkt BMZ. Vom Wirtschaftsministerium habe ich noch gar nichts gehört. Die „Good Governance“ wäre mindestens genau so wichtig wie ein Sicherheitsapparat, hätte sich aber ohne Unterstützung oder gar Mentoring entwickeln müssen. Ich kann nicht beurteilen, ob wenn alle Kräfte gebündelt worden wären das Ergebnis besser geworden wäre. Bei aller legitimer Fehlersuche muss man den Focus schon etwas aufziehen, bevor man den „Verteidiger“ als Sündenbock brandmarkt. Im Prinzip ist das schon seid Jahren bekannt – die Bundeswehr erkauft nur Zeit. Sie kann auch nicht den Einsatz beenden – das ist eine politische Entscheidung. Ich bin mir aber sicher, dass die Bundeswehr, bei entsprechender Weisung der Politik, den Exit umsetzen wird. Bisher haben wir m.E. unsere Aufträge noch immer erfüllt, wenn es erfüllbar war…

  30. @ Stefan H.

    „Ich bin mir aber sicher, dass die Bundeswehr, bei entsprechender Weisung der Politik, den Exit umsetzen wird.“

    Mit Verlaub, das darf doch schlichtweg erwartet werden.
    Es gilt der Primat der Politik.
    Das ist Verfassungsprinzip in Deutschland.

  31. der Bundeswehr hier den sw. Peter zuzuschieben ist ohenhin verkehrt, darüber könnte man nachdenken, wenn nur Op-North ein trümmerhaufen wäre. das macht meines wissens aber auch niemand, da fühlen einige hier wohl phantomschmerzen. die kritik richtet sich da eher an milit. Interventionen im allgemeinen oder milit. demokratieförderung im speziellen.
    .
    Das problem mit afghanistan ist aber das gleiche mit diversen anderen Zielen westlicher externer Einflussnahme (milit. oder zivil). die formalen Institutionen (Inst. = Regeln)wie regierungsform, Wahlrecht usw. können recht schnell geändert werden. problematisch wird es jedoch bei informellen strukturen, die zu ändern ist auch in hochzivilisierten Ländern extrem schwierig und der Prozess nur schwer steuerbar.
    .
    je geringer der Entwicklungsgrad eines Landes, um so größer ist die Rolle die informelle Inst. spielen und damit auch die schwierigkeiten dort veränderungen herbeizuführen.
    .
    erfolgreiche beispiele für demokratisierungsprozesse, die bis in alle lebensbereiche vorgedrungen sind wären D nach ’45 und einige osteuropäische Länder nach 1989. in beiden Fällen hat der Prozess aber mindestens 10-20 jahre benötigt. Das waren aber alles sehr dankabre Fälle, in denen massiv druck aufgebaut werden konnte (D milit., OE wirtschaftlich) und ohnehin eine sehr weitreichende kulturelle konvergenz zwischen Förderern und Geförderten bestand (trotz totalitärer Herrschaft)
    .
    In Ländern mit wechselseitig so fremden Institutionen könnte man durchaus einen Wandel herbeiführen, die Kosten daür wäre aber ein de-facto Kolonialregime, dass bisherige Institutionen gewaltsam aufbricht. Damit meine ich nicht die paar Hansel der aktuellen Besatzungsarmeen im irak oder Afgh. Da geht es eher um eine vollständige besetzung aller zivilen und milit. Schnittstellen eines Landes durch den jeweiligen Kolonisator und das alles mir einer zeitlichen Perspektive von 50 oder 100 Jahren. Alles MAßnahmen die heute politisch ( gott sei dank) nicht mehr durchsetzbar wären.

  32. Natürlich gilt das Primat der Politik, jedoch sollte die Regierung keine Alibipolitik in AFG auf Kosten der Soldaten der Bw machen.
    Man muss sich allerdings anschauen, wie das ISAF-Mandat entstanden ist und wie es sich im Laufe von 10 Jahren änderte.

    Die uneingeschränkte Solidarität mit den Amerikanern unter Kanzler Schröder, verbunden mit der Vertrauensfrage. Der Wiederaufbau Kabul ab 2003, die Ausbreitung der ISAF-Mission auf das ganze Land ab 2005, der Wiederaufstieg der Taliban im Norden ab 2007, das zulange Festhalten am alten Konzept, bevor die Taliban ernsthaft bekämpft wurden, usw.

    Insgesamt hat die Politik und die oberste militärische Führung Fehler gemacht.

    Dabei waren die Ziele von Anfang an eine „Mission Impossible“. Das liegt zu allererst an den Verhältnissen in AFG selbst. Diese Umstände sind von Aussen nicht zu verändern und deshalb ist unser Ansatz, aufgrund einer falschen Lageanalyse durch die Politik, wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt.

  33. @J.König
    Es gilt der Primat der Politik.
    Das ist Verfassungsprinzip in Deutschland.

    Ganz – genau! Damit ist auch die Verantwortung unteilbar benannt!

  34. @Stefan H.
    Es mangelt nach meiner Erfahrung weniger an den“Durchsetzungsfähigkeiten der militärstrategischen Ebene“, sondern der fehlenden Durchsetzungswilligkeit genau dieser Ebene. Paradebeispiel: Rules of Engagement bei ISAF.
    Denn Streitkräfte kaufen nicht nur Zeit, sondern müssen in diesem Zeitrahmen auch die Situation beeinflussen (kinetisch und nichtkinetisch). Die Operationsführung und die sich daraus ergebende Lageentwicklung im RC-N war daran eigentlich nie wirklich ausgerichtet.
    Gleichwohl gebe ich Ihnen Recht, dass ein Aufbau von Sicherheitsorganen ohne gesamtstaatliche Legitimität nicht erfolgreich sein kann. Dies wiederum zeigt, dass COIN unsere Fähigkeiten weit überansprucht. Die Bundesregierung verfolgt jedoch weiterhin diesen Ansatz (siehe ressortübergreifendes Papier zu fragiler Staatlichkeit).

  35. @Stefan H.

    Ich bin da ganz bei Ihnen und bezog mich lediglich auf die Verantwortung der Regierung und des BMVg in Person die verantwortlichen Minister bezüglich der Klarstellung der Situation in AFG. Auch bin ich mir sicher, dass viele Beschäftigte und Kameraden nach bestem Wissen ihren Dienst leisten. Doch sie haben völlig recht, dass zur umfassenden Verantwortung /Versagen der Politik im Fall AFG es das Fehlen des versprochenen Ansatzes der vernetzten SiPo ist.

    Letztlich hat die Regierung die Soldaten stehen lassen!

  36. @Elahan:
    Widerspruch. Das Ganze ist nicht nur ein Versagen der Politik, sondern auch ein Versagen – im jeweiligen Verantwortungsbereich – der militärischen Führung auch unterhalb der ministeriellen Ebene.
    Die Tendenz durch Dolchstoßlegende (Wir, die Bundeswehr, haben alles richtig gemacht, aber die Politik, die anderen Ressorts und NGOs haben versagt) scheint immer stärker zu werden.
    Es sollte vielleicht jeder erstmal seinen Hof kehren.

    @all:
    Etwas zugespitzt, aber keineswegs abwegig ein Vergleich mit der sowjetischen Besatzung:
    http://www.youtube.com/watch?v=NT1qravP56E

  37. @Memoria
    Glauben Sie, dass eine massiv, kinetische Operationsführung politisch akzeptiert worden wäre? Sie haben doch die damaligen politischen Diskussionen um QRF und Tornados erlebt. CAS war ein politisches no go und die Recce-Tornados hatten meines Wissens Holzgewichte zur Trimmung an Bord, da sie keine Munition in der Bordkanone mitführen durften und man Nothilfe auch durch ROEs nicht ausschließen konnte.
    In 2010 und nur da kann ich es aus eigenem Erleben bewerten, war die Operationsführung m.E. Zielgerichtet, neue Gebiete (beispielsweise Baglan) zu nehmen, zu halten und an die Afghanen zu übergeben. Immer ein neuer Safe Haven der Insurgents wurde im Rahmen einer kombinierten Operation aus Bundeswehr, ANA, ANP, NDS und ODA/ODB genommen. Die Straßen wurden von IEDs gesäubert, Straßen und Brücken ausgebessert, um die Bewegungsfreiheit zu ermöglichen. An noralgischen Punkten wurden Combat Outposts von ISAF für die Afghanen mit Schützmauern, Unterbringung und Wasserversorgung gebaut, um die Kontrolle zu behalten. Zunächst besetzt gemischt ISAF-ANA/ANP, dann auf der Zeitachse nur noch Afghanisch. Was man da hätte anderes machen sollen, müssten Sie mir erklären, bzw. Ihre Kritik spezifizieren.

  38. @Stefan H.:
    „Glauben Sie, dass eine massiv, kinetische Operationsführung politisch akzeptiert worden wäre?“ Nein – das ist aus meiner Sicht auch nicht entscheidend, sondern das weiterhin defizitäre Verständnis für die entscheidenden Faktoren in diesem Konflikt. GenLt Glatz deutet diese Woche ja an wie erheblich weiterhin unsere Defizite im FGG 2 sind.

    2010 waren die Dinge sicher in einem relativen Idealzustand, aber war DEU hier der Treiber oder der Getriebene? Ich glaube Zweiteres.
    Und sogar in diesem Zeitraum:
    Wie umfassend war und ist unser Verständnis der Gesamtlage?
    Aus den Khel-Dörfern heraus haben die INS weiterhin großen Einfluss auf Baghlan.

    We have won every battle, but lost the war…

    Alles weitere vielleicht besser bei dem bereits avisierten Kaffee in Bonn – nehme hierzu mit Ihnen Vbdg auf.

  39. Nachtrag:
    Die extrem enge Auslegung der ROE bei Nothilfe der Tornados war ein typisches Beispiel für Jasagertum in der Luftwaffenführung.
    Soviel zur Rollenverteilung zwischen Politik und militärischer Führung.

  40. @Stefan H.

    Die Geschichte mit den Holzgewichten gehört aber eher in den Bereich der Mythen und Legenden. Ein Tornado kann generell immer ohne Kanonenmunition fliegen und braucht keine, wie auch immer gearteten, Ausgleichsgewichte (eventuell eine Verwechslung mit der F-4). Ich kann nicht Bestätigen, dass die Tornados von Anfang an mit beladener Kanone geflogen sind, bei den meisten Flügen dürfte es jedoch der Fall gewesen sein.

  41. Ein interessantes Stück über Karzai aus amerikanischer Sicht. Karzai wird jetzt als der böse Junge dargestellt der für das Scheitern des Einsatzes verantwortlich ist. Das dient natürlich dazu den vollständigen Abzug zu rechtfertigen. Karzai oder sein Nachfolger werden kein Status of Force Agreement unterschreiben und ohne SOFA wird kein fremder Soldat dortbleiben.

    Our Man in Kabul?
    For the U.S. and its allies, Afghanistan is now a two-front war: a military struggle against the Taliban and a bitter political rift with the Afghan president.

    At his meeting with NATO Secretary General Anders Fogh Rasmussen in Kabul last month, Mr. Karzai openly raised the prospect of ending his country’s alliance with Washington.

    „Afghans are poor and destitute, but very proud when it comes to the issue of respect to their sovereignty and security,“ he said, according to a palace statement. „They would even consider discontinuing the strategic partnership [with the U.S.], as any such partnership would have no practical benefit if it does not translate into peace and stability.“

    In a vicious cycle, such statements fuel the temptation, steadily growing in Washington and other NATO capitals, simply to walk away from Afghanistan. Mr. Karzai’s remarks calling for a diminished American role here, a senior U.S. official warned, „fall into the category of ‚Be careful of what you wish for.‘ “

  42. Zwar OT – @T.W.- Sorry – ich gebe mir die gelbe Karte

    @Memoria
    Alles weitere vielleicht besser bei dem bereits avisierten Kaffee in Bonn – nehme hierzu mit Ihnen Vbdg auf.

    Sehr gerne – bitte vorwarnen, „Fremdsteuerung“ ist halt auch ein Thema ;-)
    Nehmen Sie bitte auch alle Ideen zum Mentoring und seiner Weiterentwicklung mit. Impulse und Initiativen im neuen Integrierten Planungsprozess (IPP) ist da das Stichwort.

  43. @Memoria

    “ Das Ganze ist nicht nur ein Versagen der Politik, sondern auch ein Versagen – im jeweiligen Verantwortungsbereich – der militärischen Führung auch unterhalb der ministeriellen Ebene.“

    Ist kein Widerspruch, wollte dem Militär keinen Persilschein ausstellen!
    Es gab und gibt genügend Generale und Offiziere in Verantwortung die, wie auch unter TdM in falsch verstandener Loyalität, die Prinzipien des Staatsbürgers in Uniform nicht für sich in Anspruch nehmen.

    O-Ton TdM „Sie können nicht als aktiver Soldat in der öffentlichen Debatte stets und ständig an dem Kurs der politischen Führung – ich rede jetzt von Demokratie- Kritik üben.
    Die Grenze lässt sich nicht vorher abstrakt ziehen. aber gute Soldaten kennen sie.“

    In dieser Folge fehlt der Regierung die kritische Debatte und wenn es sie dann gibt, enthält sich ein großer Teil von Fachleuten für den Bereich der Außen-SiPo.

    Früher wurden die Jugendoffze gerade zu aufgefordert ihre persönliche Meinung zu verkünden.

    Dachte immer, dass wir dem deutschen Volke die Treue geschworen haben und wir als Staatsbürger natürlich aktiv an der politischen Debatte teilnehmen sollten/müssen.

    Ob der Kommentar nun in meine MAD-Akte kommt? Da ich kein General bin, kann ich auch nicht so einfach beurlaubt werden! Gegauckt kann ich auch nicht werden! Wie nennt es sich dann unter TdM? Hochverrat?

  44. @ Elahan

    Man hat zumindestens den Eindruck, dass sich die Prinzipien der Inneren Führung wandeln. War das kritische Mitdenken und auch die Mitteilung einer eigenen, eventuell konträren Meinung in früheren Bw-Zeiten akzeptiert, ja sogar gefordert, so hat man heute den Eindruck, das es nur noch um preußisches Dienen geht. Dabei wird der Spruch, ich meine er war vom „Alten Fritz“, wie er die Rolle des Stabsoffiziers sah, weitgehend ignoriert.
    Wer heute Kritik übt, ist weg vom Karrierefenster. Dies ist umso bedauerlicher, da durch die ständigen Reformen und Umstrukturierungen der Bw sowieso ein latentes Frustpotential bei den Soldaten vorhanden ist. Anscheinend bekommen die höheren Vorgesetzten es überhaupt nicht mehr auf die Reihe, wenn sie Kritik zulassen würden. Dies zeugt auch von menschlich schwächeren Vorgesetzten als zu früheren Zeiten, denn starke Persönlichkeiten können Kritik ertragen und sie mit Argumenten widerlegen.

  45. Georg | 25. November 2012 – 21:27
    „Dies zeugt auch von menschlich schwächeren Vorgesetzten als zu früheren Zeiten, denn starke Persönlichkeiten können Kritik ertragen und sie mit Argumenten widerlegen.“

    Ich denke, diese „schwächeren Vorgesetzten“ gab es schon immer in der Bundeswehr … nur, seit dem die Bundeswehr so sehr schrumpft, werden sie sichtbarer, weil die starken Vorgesetzten die Bundeswehr verlassen und die Schwachen bleiben … denn die werden in der „Wirtschaft“ auch nicht benötigt.

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