G36: Ein Fall für den Rechnungshof

Als ich Anfang April im Spiegel und hier im Blog über Probleme mit dem Standardgewehr der Bundeswehr, dem G36, berichtete, bekam ich einiges zu hören – Aprilscherz war noch das Harmloseste. Die Geschichte scheint allerdings weiter zu gehen – der Bundesrechnungshof, so der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe, habe die Beschaffung dieser Waffe moniert:

Als Beispiel nennt der Bericht das Gewehr G36, von dem mittlerweile rund 170.000 Stück bei der Truppe sind, für das es aber keine angemessene Einsatzprüfung gegeben habe. Mittlerweile lägen aus der Afghanistan-Mission Berichte vor, dass die Waffe mit ihrem im Vergleich zum Vorgänger kleineren Kaliber bei Treffern aus einer Distanz von mehr als 200 Metern den Gegner nicht sofort kampfunfähig mache, zudem würden die Kugeln schon bei leichtem Wind abgelenkt. „Selbst heftiges Feuer“, so ein Erfahrungsbericht, „beeindruckt den Gegner nicht mehr.“

(Disclaimer: die aktuelle Spiegel-Meldung ist nicht von mir.)

Das Thema bleibt also auf der Tagesordnung.

Patrouille in Fayzabad mit G36 und MG4. (Foto: Bundeswehr/Kazda via flickr unter CC-Lizenz BY-ND)

63 Gedanken zu „G36: Ein Fall für den Rechnungshof

  1. @ Otto von B. | 10. September 2012 – 11:32

    Die Kampfentfernung ist auch ganz schnell bzw. gar nicht so selten bei 50m und weniger.
    Der Mix macht es halt…

  2. Im Bundeswehr.de Artikel lese ich von „dem Präzisionsgewähr G82“.
    Die Lottozahlen wie immer ohne Gewehr

  3. Ich empfehle jedem in diesem Zusammenhang mal folgende Studie zu lesen:

    „Taking Back the Infantry Half-Kilometer. A Monograph. By. Major Thomas P. Ehrhart. United States Army“

    Via Google als PDF-Datei

    Hierin wird auch sehr gut auf die Zusammenhänge zwischen Ausbildung des Einzelschützen, Kaliber, Munition und Optik eingegangen.

  4. Bleiben noch das bereits genannte LWRC SABR (Bei Youtube gibts dazu einen ausführlichen Test) und das ACW-R.
    Beide noch relativ leicht und mit 7,62x51mm bzw. 6,5mm Grendel eine Alternative.

    Aber Vollmantelgeschosse sind halt nicht die richtige Munition um jemanden der NICHT gepanzert ist zu stoppen…

    Und natürlich sollte man auf das G28 nicht gerade nen ZF mit 24 facher Vergrößerung schrauben, maximal 8 fach (Aber auch runterdrehbar zu kleinerer Vergrößerung) wäre meine Einschätzung.

  5. @ Otto

    Die Optik-Diskussion ist imho genauso abendfüllend wie die Kaliber-Diskussion…. Es gibt für ein infantristisches Sturmgewehr mE nicht „DIE“ Optik…es müssen immer Kompromisse gemacht werden… Aber mE ist bei künftigen Handwaffen eine größtmögliche modularität im Bereich der Optiken und Anbauteilen anzustreben… Inkl. dem vorhalten eben dieser verschiedenen Möglichkeiten, um dem taktischen Führer die Chance zu geben Auftragsangepasst die Ausrüstung seiner Gruppe/seines Zuges zu befehlen….

  6. @ T. Wiegold:

    Wenn Sie das nächste mal in Ulm sind, sage Ich Ihnen den einen oder anderen Namen, auf den es sich zu schießen lohnen würde ;)

  7. @ Interessierter

    Nun, bezüglich der Kaliberdiskussion gebe ich Recht, da wird viel vermengt oder schlicht geleugnet. Bezüglich der Optik wäre ich bei einem Standard-Infateriegewehr aber nicht so schnell befriedigt. Es ist doch allerseits bekannt, dass eine flache Visierlinie (das Visier ist relativ nah am Rohr) einige Vorteile hinsichtlich der Benutzerfreundlichkeit auf nahe Distanz hat. Von daher birgt das G36 (man verzeihe mir Fehler bei den Teilen, meine Ausbildung ist etwas her) einen systemischen Makel. Da der Verschlussträger
    oben aus dem Gehäuse kommt, wegen der beidseitigen Bedienung, kann man die Visiere nie halbwegs nah an das Rohr bringen. Der Tragegriff und eben die Visieraufbauten verhindern auch eine optimale, persönliche Ausrichtung der Optiken, da das System im Grunde für hunderttausende Schützen gedacht war, welche eben keinen Kleinkrieg in Zentralasien führen sollten.

    Ich will das G36 nicht madig reden und der Bundesrechnungshof ist nicht mit Waffenspezialisten bestückt. Außerdem ist das G36 (mal von der Visiergeschichte und eventuellen, ja auch umstrittenen, Rohrtemperaturproblemen abgesehen) an sich äußerst benutzerfreundlich. Ein Gewehr an dem kein unnützer Hebel sitzt, sehr einfach zu bedienen, sehr einfach zu reinigen. Dazu ein gutes Gasabnahmesystem und grundsätzlich zuverlässige Teile.

    Nichtsdestotrotz bin auch ich dafür, zumindest mental ein richtiges Infanteriekonzept hinsichtlich der Bewaffnung zu entwickeln. Von mir aus kann die Nato dabei auch übers Kaliber sprechen, auch wenn ich das zum Teil etwas überzogen finde. Klar, es gibt mittlerweile bestimmt bessere Patronen, aber von 5,56 fallen die Gegner auch um… Übrigens gibt es viele veschiedene Varianten der 5,56, die teils erstaunliches vollbringen sollen. Nach wie vor zählen die Grundsätze: Die Waffe muss vorhanden und zuverlässig sein und einigermaßen dem Zweck entsprechen.

    Dazu lohnt es sich, einfach mal die modernen Entwicklungen und deren Hauptaugenmerke zu beobachten und in Zukunft auf ein bodenständiges, funktionales, aber variierbares System zu setzen, was auch die o.g. Basisanforderungen erfüllt. Vielleicht auch mal weniger Plaste, mehr Metall ;)

  8. @ Niklas

    Wenn ich den Bericht richtig verstanden habe, dann hat der Bundesrechnungshof nicht die Qualitiät der Gewehre bemängelt, sich also nicht auf die fachliche Diskussion eingelassen. Sondern er hat die Auswahl- und Finanzierungsverfahren massiv angekreidet. Also das gekaufte Waffen, deren momentane Einsatzerfahrung eine größere Nichteignung vorweisen, weiterhin beschafft werden, ohne etwas an der Waffe zu ändern. Zudem liegt kein Waffenkonzept für die Infanterie vor, zumindest nicht eines für die diversen Aufgaben, die die Bundeswehr sich so stellt. Zudem wird der teure Waffenversuch in praktischer Umgebung durch das KSK angeprangert. Ich weiss ja nicht, was an den Waffen nicht gut sein soll. Jedenfalls liegen die nun irgendwo rum, anstatt weiterverkauft ode an andere Einheiten ausgegeben zu werden. Bspw. an die Marine, Sicherungsstaffeln oder was weiß ich wen.

  9. @ Roman

    Ok, da war ich schludrig. Ich wollte nur kurz auf die Optikgeschichte eingehen.
    Ich hätte auch mal Seite 1 lesen sollen ;) Naja. Bleibt zu hoffen, dass es nun einen Anlass gibt, sich mit der Zukunft der Infanteriebewaffnung zu befassen.

  10. @Niklas

    Grundsätzlich hast Du recht. Das sog. „Offset“ (die Höhendifferenz zw. Seelenachse Rohr zu Seelenachse Visiertubus) ist beim G36 recht groß. Trotzdem ist mE in erster Linie die Art der Justierung das Problem. Das Visierbild bzw. die Strichplatte ist weder stressstabil noch „Landsersicher“…

    Grundsätzlich ist aber das Offset auf nahe und nächste Distanzen zu vernachlässigen.
    Aber wie H&K beim G36C bewiesen hat, kann man die Bauhöhe der oberen Baugruppen
    auch verringern. Letztlich müsste nur der Tragebügel mit integriertem Zielfernrohr gegen einen niedrigeren Tragebügel ohne, aber mit Pica-Mail ausgetauscht werden.

    Nochmal zur Munition:
    In dem von mir erwähnten Bericht, kommt der Autor in seiner Studie zu dem Schluss, das die Leistungsgrenzen von 5,56 erreicht sind. Grösse Geschwindigkeit des Projektils würde hierbei eher kontraproduktiv wirken, da dann noch weniger Energie im Zielmedium abgegeben wird.

    Ich bleibe trotzdem dabei, das der Hauptgrund für die schlechten Erfahrungen in den Einsätzen in erster Linie aus der mangelnden Ausbildung der Schützen, bzw. dem Fehlen eines Ausbildungskonzeptes für 200m+ geschuldet ist.

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